Falerte, Teil 03: Brief an die Schwester

II: Brief an die Schwester

Frühjahr 3979, Ayumäeh.

Geliebte Schwester,

seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, ist einiges geschehen. Und kaum etwas davon zum Guten. Soweit ich mich entsinne, war unser letztes Treffen im Sommer, kurz nach meiner Heimkehr aus Rardisonán, wo es das Unglück mit Onkel Nuref gab. Damals hattest du nur die oberflächlichen Geschehnisse mitbekommen. Lass mir dir erzählen, was hinter den Kulissen hier noch geschah…

Du warst dabei und wirst dich sicher noch daran erinnern, wie glücklich mein Vater zu sein schien, mich lebend wiederzusehen. Doch das war es auch bereits. Er erwähnte keinen Brief, der ihn erreicht hätte, im Gegenteil: er schalt mich, weil ich ihm nicht geschrieben hätte. Ich hatte dir ja aber erzählt, dass ich dem Einsiedler namens Puidor den Auftrag gegeben hatte. Warum hatte er es nicht getan?

Wie auch immer, bereits einen Tag später, nach deiner Abreise, fing mein Vater wieder damit an, wie froh er doch über mein Wohlbefinden sei, dass das Geschäft durch diesen Umstand weiter fortbestehen könnte. – Ja, das Geschäft! Wie immer galt sein erster Gedanke nur dem Geschäft! Dass ohne mich das Familienunternehmen untergehen würde. Nuref und das Unglück der Sümpfe schien ihm längst vergessen. Ebenso, dass ich nicht den geringsten Hang zum Unternehmertun habe. Aber auf ihn einzureden brachte da nichts, selbst wenn ich sagte, dass ich nicht fähig genug sein würde, das Geschäft erfolgreich fortzuführen. Das schien er nie zu hören. Du weißt ja, wie er ist.

Du weißt auch, dass ich mich schon immer mit anderen Dingen beschäftige und das Einzige, was mich bisher an den Tätigkeiten meines Vaters teilhaben ließ war die Möglichkeit meiner Reisen. Und nun wollte er mir auch genau das noch verbieten: Er sprach tatsächlich davon, dass ich als sein einziger Sohn und Nachfolger auf mich aufpassen müsse, dass er mich fast verloren hätte, dass ich mich – oder vielmehr die Nachfolge und das Geschäft – nicht gefährden dürfe. Er wollte mir schlicht alle Reisen verbieten und mich bald in ein dunkles Kämmerlein irgendwo im Handelshaus einsperren, wo man mich dazu ausbilden solle, das Geschäft später einmal zu führen. Stell dir das vor! Ich, eingesperrt, statt frei in der Welt!

Du kennst mich; du weißt, dass ich mir das nicht gefallen lasse und schon oft wegen Ähnlichem und vielen anderem Zwist mit ihm hatte. Doch das nun ging zu weit. Er sah mich ein paar Tage lang nicht mehr daheim, denn ich trieb mich fortan bei meinen Freunden in der Stadt herum. Ich muss dir kaum erzählen, welch gewaltigen Streit es zwischem meinem Vater und mir gegeben hatte, als ich wiederkam. Er drohte mir mit allem möglichen, vor allem aber damit, mich ein- und wegzusperren. Und anfangs unterwarf ich mich dem, brach jedoch auch schnell damit.

Manchmal glaube ich, du hast das bessere Schicksal von uns erwischt, als du unserer Mutter mitgegeben wurdest und ich das schlechtere, dass ich bei meinem Vater blieb. Wie auch immer, ich halte es nun hier nicht mehr aus! Du weißt, es gibt noch viel mehr Ärger zwischen ihm und mir und ich werde dich nicht mit dem langweilen, was du schon längst weißt. Deshalb will ich dir nun nur noch von meiner endgültigen Entscheidung berichten:

Ich gehe von hier fort. Diesen Brief schreibe ich gerade hier am Abend. Ja, es gab vorhin einen erneuten Streit; und das bloß wegen der zukünftigen Farbe des Zaunes! Vielleicht mag meine Handlung übereilt sein, doch das glaube ich dies nicht; ich habe den letzten Monat viel darüber nachgedacht. Morgen früh bei Sonnenaufgang gehe ich mit meinem spärlichen Gepäck zum Hafen. Diesen Brief sende ich dir zu, damit du weißt, was geschehen ist und handeln kannst, sollte ich dir nicht in einigen Wochen erneut schreiben. Ich selber werde ein Schiff nach Belané nehmen. In den Sümpfen werde ich Puidor suchen und zunächst bei ihm bleiben. Auch will ich von ihm wissen, was mit dem Brief damals geschah.

Was ich danach mache, weiß ich noch nicht, doch ich werde dir davon erzählen. Vielleicht komme ich euch auch mal besuchen. Wir werden sehen. Zunächst möchte ich etwas von der Welt sehen, etwas erleben!

 

Pass auf dich auf,

dein Falerte

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