Falerte, Teil 11: Tagebuch des Falerte Khantoë

X: Tagebuch des Falerte Khantoë

 

01. 06. 3979, Irgendwo auf Hoher See unfern von Nardújarnán.

Es ist etwas Schreckliches geschehen. Lass mich dir erzählen. Zwei Wochen sind vergangen seit unserem letzten Landaufenthalt. Welches der nächste Anlauf ist, wissen wir nicht, doch wird es irgendwas in Nardújarnán sein. Es ist jedem spürbar, dass viele nicht mit diesem langen Aufenthalt auf See auskommen. Auch der immer gleiche Ablauf von Aufstehen, Essen, Kampfübungen, Essen, Schlafen, Aufstehen, … tut seinen Teil, uns alle zu zermürben. Darum kann ich auch mir selber nicht ganz trauen, was die Geschehnisse von gestern Nacht betrifft, doch will ich meine Erinnerung hier trotzdem festhalten.

Es war mitten in der Nacht, als mich ein Druck auf der Blase erwachen ließ. Nachdem ich diesem Bedürfnis nachgekommen war, gelangte ich auf meinem Rückweg an einem der hinteren Laderäume vorbei. Seltsame Geräusche ließen mich da neugierig aufhorchen. Ich lauschte an der Tür und vernahm seltsames Summen und unverständliche Worte. Schon da hatte ich ein ungutes Gefühl und Besorgnis beschlich mich. Ich überlegte kurz, einen Seewächter zu benachrichtigen, doch unterließ es dann. Wenn die Ursache des Geräusches sich als harmlos herausstellen sollte, würde man mich sonst wohl auslachen oder ob der Störung bestrafen. Also öffnete ich vorsichtig die Türe, um meine drängende Neugier endlich befriedigt zu sehen. Glücklicherweise öffnete sie sich fast lautlos. Im Raum stapelten sich die Kisten, so dass man zunächst überhaupt nichts sah. Doch hörte ich die Worte nun lauter, aber weiter nicht wirklich verständlich.

Ich schloss die Tür hinter mir möglichst leise, bevor ich mich vor wagte. Der Raum war erwartungsgemäß stockfinster, doch tastete ich mich an den Kisten entlang, um Ecken und Biegungen und durch enge Gassen. Recht schnell bemerkte ich, dass ich allmählich die Umrisse der Kisten erkennen konnte. Das lag aber nicht an meiner Gewöhnung ans Dunkle, sondern an dem Umstand, dass es heller wurde. Das unverkennbare Flackern von Feuer drang zu mir vor. Und nach der nächsten Biegung sah ich es.

Ich hatte mich etwas zu weit vorgewagt und ging wieder in Deckung, doch lukte um die Ecke. Ein Mann war dort. Erkennen konnte ich ihn nicht so richtig. Er kniete mit nacktem Oberkörper neben einer großen Kiste, nur ein Bart fiel auf seine Brust. Auf der Kiste lag der Körper eines anderen Mannes. Der Kniende hatte sich und den Liegenden mit Zeichen bemalt, die ich nicht erkennen konnte, und hielt einen Dolch in der Hand. Kerzen flackerten, aufgestellt um die Kiste. Scheinbar war ich gerade zum Höhepunkt erschienen. Ich verstand nur Fetzen von dem, was er murmelte.

„…auf diesem Schiff seien verdammt! In Nardújarnán finden sie ihren Tod durch die Hände meiner Herrn! Für Šamrek! Für Ašckhir! Für Axabula!“

So oder so ähnlich sprach er und summte und wiederholte einige andere, mir unbekannte Wörter und dass wir alle sterben würden, dass er den Liegenden opfern und dadurch Macht von jemanden oder etwas aus Nardújarnán erhalten würde – kurz gesagt: Es war als befände ich mich mitten in einer der schlechten Abenteuergeschichten von Nuosan Deleau. Als er mit seiner Rede und seinem Gesang fertig war, hob er den Dolch sowie seine andere Hand über den sich nicht rührenden Mann, umklammerte mit beiden Händen den Dolch und stieß ihn herab. Wenn der Mann nicht bereits tot gewesen war, dann wäre er es ab diesem Stoß. Bemerkenswerterweise hielt der Mörder an dieser Stelle aber nicht an sondern zog sogleich den Dolch wieder heraus. Langsam drückte er die Schneide quer über seinen eigenen Brustkorb, bis das Blut floss. Doch sich selber brachte er nicht um.

An dieser Stelle dann bevorzugte ich es, schnell den Rückweg anzutreten. Um dabei leise bleiben zu können, war ich aber doch alles andere als schnell. Danach stahl ich mich in den Schlafsaal – doch schlafen konnte ich kaum noch.

Wer war das? Was hatte er da gemacht? Wen hatte er da umgebracht? Ich wagte es nicht, zu einem Seewächter zu gehen, erwartete ich doch, dass es im Laderaum bereits aufgeräumt gewesen wäre und man mir dann nicht glauben würde. Und zugegebenermaßen war ich vor allem viel zu verängstigt und verstört, nun noch einmal aufzustehen. Ich spüre es ja jetzt noch in meinen Knochen. Welch Gräuel!

Erst am nächsten Tag verspürte ich den Drang, mich mitzuteilen und dem Ganzen auf den Grund zu gehen. Nach dem Mittag nahm ich zu diesem Zweck Miruil zur Seite und schilderte ihm, was ich meinte beobachtet zu haben. In seiner Abenteuerlust war Miruil stets etwas leichtgläubig in seiner Bestrebung oder Hoffnung glauben zu dürfen und etwas Aufregendes zu finden und wollte deshalb sogleich mit mir das Ganze überprüfen gehen. Ich selber war zu aufgeregt, doch auch überrascht, dass meine vermutlich sehr abgehackt klingenden Worte ihn überzeugen konnten. Da wir nach dem Essen nur knapp eine halbe Stunde Zeit für uns selber hatten, nutzten wir diese, um zu dem betreffenden Laderaum hinabzusteigen. Niemand begegnete uns und den Laderaum fanden wir unverschlossen vor. Ich scheute mich hineinzugehen und ließ Miruil den Vortritt, bevor ich schließlich folgte. Dort unten war es immer noch mehr als dunkel, doch durch die zahlreichen Ritzen in Wänden und Decke immerhin schwach erleuchtet. Das, was wir fanden, war wenig aufregend – wir fanden nämlich nichts.

Miruil war offensichtlich kurz davor mich für verrückt zu erklären in seiner Enttäuschung – zumindest waren das im ersten Moment meine Gedanken. In Wirklichkeit sagte er aber, dass der Mörder die Leiche wohl bereits über Bord geschmissen und alle Spuren beseitigt hätte. Ich dankte ihm innerlich für sein Wohlwollen. Vielleicht könnte ich mich ja doch noch auf ihn verlassen.

Als wir uns wieder auf den Weg gen Deck machten, um den Übungen beizuwohnen, kam uns Couccinne aufgeregt entgegen: Man hatte Zalím, der ja seit Halkus vermisst wurde, aufgefunden. Er lag tot in einer Vorratskiste, deren Inhalt dem Abendessen hätte dienen sollen. Zalím schien noch nicht lange tot zu sein, ermordet durch einen Stich ins Herz. Aufgeregt platzte Miruil mit dem hervor, was ich ihm erzählt hatte und schilderte, was wir gerade getan hatten. Couccinne blieb ruhig, sagte uns, dass Amertos Seewächter nach Spuren und Hinweisen suchen würden, während Miruil auf mich einredete, dass ich mit Amerto sprechen müsse. Letztlich ließ ich mich zu diesem zerren.

Amerto war ungehalten darüber, dass ich des Nächtens durch das Schiff gewandert war, doch vergaß dies über meine Geschichte recht schnell wieder. Ich war mir nicht sicher ob er mir glaubte oder mich für den Mörder hielt, doch gab er meine Beschreibung des Täters an seine Seewächter weiter. Leider hatte ich jedoch kaum mehr zu beschreiben, als dass er nun wohl eine Wunde quer über der Brust hätte und einen Bart trug. Amerto tat das Naheliegendste und ließ alle an Bord daraufhin untersuchen – doch nichts ließ sich finden. Amerto sprach zwar davon, dass der Mörder von Bord gesprungen sei, doch ich dachte daran, dass er mir nun wohl nicht mehr glauben und mich bald beschuldigen würde. Doch zunächst ließ er noch einmal überprüfen, ob jemand fehlen würde – Doch natürlich war dem nicht so.

Das war also vor zwei Tagen. Bis gestern wurde die Stimmung an Bord mehr als sehr gespannt. Einige sagten mir offen, dass sie mir nicht glauben würden, andere fingen an, alle möglichen anderen Verdächtigungen heranzuziehen und wieder andere vermuteten, dass Zalím sich selbst umgebracht hätte und dass ich spinnen würde. – Warum auch immer er sich dann in die Kiste hätte legen sollen oder wie auch immer er bereits tot den Dolch hätte verschwinden lassen können. Zumindest war das Vertrauen an Bord nun nicht mehr das stärkste.

Gestern Abend dann sah ich den Mann wieder. Ich war von allen Pflichten zeitig befreit worden und machte einen einsamen Spaziergang über das Vorderdeck, wo sich zu diesem Zeitpunkt niemand außer mir aufhielt. Jedenfalls dachte ich das. Denn sogleich sah ich eine Gestalt am Bug stehen. Wie in der düsteren Nacht zuvor stand der Mann da, mit entblößtem Oberkörper. Das Mondlicht umriss die frische Wunde. Er stand ruhig da und blickte auf das Meer. Ich selber wusste nicht, was ich tun solle. So stand ich nur starr und erschrocken. Und dann wandte der Mann seinen Kopf und zum ersten Mal erblickte ich sein Gesicht, das bärtige Gesicht. Und immer noch bin ich mir sicher, dass ich mich geirrt haben muss. Das konnte nicht sein. Nein! Warum sollte es Puidor sein? Ich muss einem bösen Traum aufgesessen sein. Vielleicht träume ich ja immer noch?

Der Mann sprach nicht. Stumm sah er mich an. Ich erkannte immer noch das Gesicht Puidors doch eine Stimme tief in mir drinnen sagte mir, dass er es nicht sein könne, nicht sein dürfe. Der Mann mit Puidors Gesicht aber ohne dessen Gefühl, ohne ein Erkennen in den Augen sah mich nur finster und wie tot an.

„Ihr seid alle verdammt in Nardújarnán zu sterben!“ sprach er schließlich mit unmenschlich wirkender Stimme.

Dann ließ er sich rücklings die Reling herabstürzen. Kein Geräusch kam auf, weder vor noch nach dem Sturz. Erschrocken riss ich mich aus meiner Starre und lief zur Reling, doch in den dunklen Fluten erkannte ich nichts. Erst später kehrte ich völlig verstört in den Schlafsaal zurück, als alle bereits in ihren eigenen Träumen waren. Niemandem habe ich seitdem davon erzählt, glaube ich doch mir selber nicht. Denn als er stürzte, sah der Mann nicht mehr aus wie Puidor. Oder bildete ich mir nun das nur ein?

Das war also gestern. Die anderen suchen immer noch nach einem Mörder. Sollen sie ruhig, ich werde sie nicht davon abhalten. Vielleicht irrte ich mich ja doch. Ich hoffe sehr, dass dem so ist. Was uns wohl in Nardújarnán erwarten wird? Ängstlich blicke ich in die Zukunft…

 

 

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