Falerte, Teil 16: Tagebuch des Falerte Khantoë

XV: Tagebuch des Falerte Khantoë

 

24. 06. 3979, Guijúlon

Die Gerüchte haben sich bestätigt. Nur etwas mehr als eine Woche waren wir in Almez, als der Versetzungsbefehl kam. Nun sind wir auf dem Weg nach Atáces. Jegliche Leichtigkeit, mit der wir bisher befördert wurden, ist vergessen. Ab sofort marschieren wir zu Fuß in Reih und Glied, die ganze lange Straße von Almez bis Atáces. Unterwegs, so hatte ich bereits gewusst, gibt es nur wenige Dörfer, ein paar Herbergen und lediglich einen einzigen Außenposten der Armee: Guijúlon, benannt nach dem kleinen Bach an dem er liegt, mit dem roten Sand an seinem Grunde. Dort befinden wir uns nun. Die eine Hälfte des Weges liegt hinter, die andere noch vor uns. Bisher schliefen wir immer auf dem nackten Boden, mit unseren Rucksäcken als Kopfkissen. Hier in Guijúlon bekommen wir für eine Nacht zumindest Platz auf Strohlagern. Ich muss schon sagen, ich kenne Besseres. Selbst auf den Handelsreisen mit Nuref hatten wir Feldbetten und Zelte dabei. Zumindest aber hat es hier bisher noch nicht einmal geregnet. Es ist aber unwahrscheinlich, dass es bis Atáces so bleiben wird, und was dann wohl geschehen mag? Es ist warm in diesen Landen, teilweise schon zu warm.

Guijúlon ist ein kleiner Außenposten, nur Zwanzig sorgen hier für den Schutz der gesamten weiten Umgebung. Doch scheint es auch nur wenig Schützenwertes zu geben. Eine feindliche Armee kann man hierzulande nicht erwarten und mit kleineren Räuberbanden kommt der Außenposten schon zurecht, bei größeren würde er Hilfe kommen lassen. Zwanzig Kämpfer – damit sind die Dreißig von uns, die hier heute angekommen sind, also in der Überzahl. Doch auf genau sowas ist der Außenposten auch ausgerichtet: Reisende zwischen Atáces und Almez aufnehmen und beschützen. Es ist uns also mehr als genug Platz geboten, doch davon nur wenig zum Schlafen. Andere Außenposten in Nardújarnán haben andere Größen und Zwecke, stets aber den Schutz von Nardújarnán zum Ziel.

Einige von uns kommen wesentlich schlechter mit den Umständen zurecht als ich. Miruil zum Beispiel. Er beklagte sich bereits bei den Hängematten auf der Sturmwind, dies nun scheint ihm zuviel zu werden. Beschweren würde er sich seit Amerto und seiner Einzelzelle aber wohl nicht mehr. Andere haben sich bei dem langen Marsch schnell Blasen an den Füßen geholt, obwohl uns vorher gezeigt wurde, wie wir unser Schuhwerk zu behandeln hatten – doch wir haben uns noch nie wirklich großartig über weitere Entfernungen bewegt. Dies ist nun also unsere Bewährungsprobe. Der Caris Duimé ist immer noch unser Leiter, benimmt sich aber weiter wie unser Ausbilder. Vielleicht ist das auch so geplant? Dass er uns nun alles beibringt, indem wir es ausüben? Nun stehen jedenfalls Übungen im Wildnisleben und der Heilkunst an.

 

25. 06. 3979, Guijúlon

Die Nacht liegt nun hinter uns. Duimé hat uns alle überrascht. Bisher hatte er sich immer abseits von uns gehalten, doch gestern Abend setzte er sich zu unserer Gruppe ans Feuer. Drei größere Feuerstellen gab es im Lager für uns sowie die Besatzung des Außenpostens, welche verstreut bei uns saß um Neuigkeiten und Klatsch auszutauschen. An unserem Feuer waren etwa zwölf Mann, darunter Miruil, Couccinne, Scaric, Jimmo und natürlich ich. Scaric, Miruil und der Lece Commosha Dacealus unterhielten gerade die gesamte Gruppe mit einem Streitgespräch über die Frage des besten Weines. Plötzlich stand Duimé neben uns, seiner Rüstung entledigt doch noch in Tracht wie wir alle, einen Schlauch Flüssigkeit in der Hand – da verstummten alle. Als er auch noch fragte, ob noch Platz für ihn an diesem Feuer sei, erwartete ihn Schweigen, das schnell peinlich wurde. Commosha war der Erste, der sein Erstaunen beseitigen und Duimé auffordern konnte, sich zu setzen. Er wählte den Platz zwischen mir und Scaric, da er bereits zwischen und hinter uns stand. Nach der Starrheit des ersten Erschreckens eilten wir uns, ihm Raum zum Sitzen zu geben. Sobald Duimé saß, begann Commosha ihm zu erzählen, worüber sie sich soeben gestritten hatten. Duimé überraschte jeden, indem er sofort etwas Passendes dazu beitragen konnte, das alle Beteiligten genug in Erstaunen zu versetzen vermochte, dass sie ihren Streit darüber vergaßen. Duimé wandte sich augenblicklich an mich um ein Gespräch mit mir zu beginnen und die Anderen vergaßen seine Anwesenheit bald.

Ich war erschrocken darüber, dass er mich ansprach – und ich wundere mich noch immer über das, was er fragte. Was weiß er, was will er? Er fragte mich aus über die Geschehnisse an Bord der Sturmwind, über die seltsame Nacht bis hin zur Flucht der Puidor-Gestalt. Als uns allen Vorgesetzter hatte er an Bord das Recht auf eine eigene Kabine gehabt und war nur selten an Deck gekommen, da er leicht seekrank werden würde, so erklärte er. Deshalb hätte er kaum etwas von den Geschehnissen mitbekommen, abgesehen von den Berichten Amertos. Doch selbst als sein Wein mich lockerer werden und meine Angst teils vergessen ließ, konnte ich ihm kaum Neues erzählen. Mein Misstrauen war noch stark genug. Ich habe niemandem von meinen Gedanken und Befürchtungen berichtet, außer in meinen Briefen an Garekh und meine Schwester. Wenn ich heute daran zurück denke, frage ich mich, warum Duimé sich so sehr für diese Geschichte interessiert hatte. Verdächtig war sein Verhalten schon.

Wie auch immer, an irgendeiner Stelle unterbrach der schon gut angetrunkene Scaric unser Gespräch – oder Verhör? – und Duimé, der zu diesem Zeitpunkt auch schon einiges getrunken hatte, lies sich in ein neues verwickeln. Ich nutzte diesen Moment, um mich für diesen Abend zum Schlafen zurückzuziehen. Doch zuvorderst wanderte ich noch zur Mauer des dunklen Außenpostens, die Landschaft draußen zu beobachten. Duimé hatte mich verstört.

Es scheint sich etwas geändert zu haben seit gestern Nacht. Viele aus unserem gestrigen Kreis gehen etwas vertrauter mit Duimé um. Ich kann nicht behaupten, dass mir dies gefällt. Und ich hoffe, er weiß das nicht. In einer Stunde gehen wir los. Ich warte auf den Abmarschbefehl. Wieder tagelang durch die Steppe laufen.

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