Falerte, Teil 31: Tagebuch des Falerte Khantoë

15. 08. 3979, An Bord der Paruibi

Ich schreibe heute über den gestrigen Tag. Ich brauchte eine Weile, die Geschehnisse geistig zu erfassen. Wieder einmal erscheint mir alles mehr denn unwirklich. Am besten, ich halte es hier schriftlich fest, vielleicht löst dies meine Gedanken.

Gestern legten wir an einem Außenposten an. Den Namen habe ich leider vergessen, doch scheint es der einzige Außenposten zwischen der Stadt Cabó Canguina und unserem vorläufigem Ziel, dem Außenposten Huális, zu sein. Von ihm aus konnte man in der Ferne bereits den sich verdichtenden Wald des Nordens erblicken. Der Posten nun unterschied sich kaum von anderen, die ich in diesen Landen gesehen hatte. Dieser nun aber, der zweite am Fluss von Ejúduira aus aufwärts, lag neben einem Eingeborenendorf. Während das Schiff kurz neue Vorräte aufnahm, hatten wir an Bord keine Aufgaben und durften tun, was uns genehm war. Miruil schlug vor, uns etwas Landgang zu genehmigen. Wir fragten bei Duimé an, welcher nichts dagegen einzuwenden hatte. Er sagte, ein wenig Land unter den Füßen könnte uns schon nicht schaden. Also gingen wir zu fünft von Bord. Couccinne, Scaric und der junge Dosten begleiteten uns.

Der Außenposten sah aus, als käme er aus demselben Guss wie die anderen dieses Landes: Eine kleine Befestigung mit großem Hof, einigen Gebäuden und gut 20 Mann Besatzung. Hier bot sich keine große Überraschung. Einer der Krieger erzählte jedoch, dass wir unbedingt den Markt des Dorfes besuchen müssten, um an Andenken zu kommen. Wir folgten seinem Rat, verließen den Posten durch sein Haupttor und standen sogleich im Dorf. Es war nicht das erste Eingeborenendorf, das wir sahen, jedoch das erste, welches wir auch selber betraten. Eine Reihe kleiner Häuser bot sich unserem Blick, wohl aus dem Schilfrohr des Flusses erbaut, ergänzt um Blätter und Wurzeln aus dem nahen Wald. Seine Bewohner sahen auch kaum anders aus, als die im Süden. Nur waren diese den Toljiken noch nicht so angepasst. Sie schienen aber immerhin Reisende gewohnt zu sein. Neben uns waren noch einige Kaufleute zugegen; die Eingeborenen boten ihnen und uns ihre Waren an.

Wir sahen uns eine Weile interessiert auf dem Markt um, doch verfügt niemand von uns über Geld, was die Leute schnell zu merken schienen und uns deshalb in Ruhe ließen. Da wir aber noch viel Zeit zur Verfügung hatten, erkundeten wir das Dorf, teils getrennt. Ich selber geriet an den Rand des Dorfes, wo es auf den Wald traf. Dort sah ich den jungen Dosten zwischen den Bäumen verschwinden und dachte mir noch nicht viel dabei; vielleicht musste er ja einfach austreten. Doch dann sah ich IHN. Ein Mann mit nacktem Oberkörper, eine Narbe über der Brust, den Bart lang gehalten. Puidor hielt ein Messer in den Händen und folgte dem jungen Dosten. Sofort eilte ich beiden nach, mein Schwert schnell ziehend: Ich musste Dosten retten! Eine schreckliche Angst erfüllte mich. Angst vor Puidors Absichten, vor seinem Erscheinen, vor meiner Zukunft. Warum verfolgte mich Puidor immer wieder, warum? Für Minuten stolperte ich durch das Unterholz. Immer wieder erblickte ich kurz Puidor, hatte jedoch Dosten aus den Augen verloren. Einmal verhakte ich mich in einer Wurzel und landete unsanft auf dem Waldboden.

Nachdem ich mich aufgerafft hatte, sollte ich sie nicht wiederfinden. Schnell kehrte ich ins Dorf zurück, das ich glücklicherweise wiederfand, um dort Hilfe zu holen. Dosten war immer noch ganz allein mit Puidor irgendwo dort im Wald. Ich mag den Jungen viel zu sehr, um ihn so enden zu lassen, erstochen von Puidor. Doch bereits als ich am Dorfrand ankam, sah ich, vor einer abseits stehenden Hütte, dort Dosten zusammen mit Miruil stehen. Die Beiden wunderten sich sehr über meine Aufregung und meine Verwunderung – ganz zu schweigen von dem Schmutz an mir, doch da sie nichts von irgendwelchen Geschehnissen im Wald erwähnten, bevorzgute ich es auch, zu schweigen. Stattdessen erzählten sie mir jedoch von der Inhaberin der Hütte, vor der sie standen und die ich besuchen sollte. Als ich die beiden nur weiter verwirrt ansah, führte Miruil mich kurzerhand hinein.

Drinnen erwarteten mich viele Eindrücke mir unbekannter Gegenstände, Gerüche und Anblicke. Und eine kleine alte Frau. Sie begrüßte uns sofort und plapperte fortan ohne Unterbrechung Dinge in einer mir unbekannten Sprache, wovon ich nicht ein Wort verstand. Sie schien dies nicht zu beachten, sondern fuhr weiter fort, während sie mich, der immer verwirrter wurde, mehrmals umrundete und dabei immer wieder anfasste und befühlte. Letztlich blieb sie vor mir stehen, sah mich ernst an und sagte etwas in einem wichtig klingenden Tonfall, dessen Inhalt ich nicht bestimmen kann. Schließlich drückte sie mir etwas in die Hand und schickte Miruil und mich wieder aus dem Haus zurück zu Dosten, weiter plappernd, bis der Vorhang ihrer Hütte sich hinter ihr geschlossen hatte.

Miruil fragte mich, was sie mir gegeben hatte und ich offenbarte ihm ein aus Holz geschnitztes Amulett, das an einer geflochtenen Kette baumelte. Er überzeuge mich, es mir sofort umzuhängen, da es ihr sehr wichtig erschienen sei. Das Holz selbst war recht schmucklos, abgesehen von eingeritzten Strichen, die eine Art Stern ergeben. Ich hängte es mir also um den Hals und verstaute es im Ausschnitt meines Hemdes. Seitdem ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich es berühre, als könnte ich dadurch meinen Geist festigen. Kaum, dass ich fertig war, kam Couccinne an. Er erzählte, uns gesucht und nun gefunden zu haben und dass wir uns eilen müssten, wollten wir nicht die Abfahrt des Schiffes verpassen. Wenig später waren wir wieder an Bord.

Ich erzählte niemandem von meinem Erlebnis im Wald. Lediglich Dosten fragte ich vorsichtig, ob er im Wald gewesen wäre. Als er verneinte und mich fragte, weshalb ich mich erkundigen würde, führte ich als Vorwand Tiere an, die ich entdeckt und ob er sie auch gesehen hätte. Das schien ihn zu befriedigen.

Gern wüsste ich, was die alte Frau gesagt hatte. Sie schien irgendetwas gespürt zu haben. Miruil und Dosten jedenfalls haben von ihr nichts bekommen. Einen unserer Führer zu fragen ist verlockend, doch erinnere ich mich nicht mehr an den genauen Wortlaut. Es war zu viel Geplapper.

Letztlich bleibt noch die Frage nach Puidor. War er zumindest wirklich gewesen? Ich bezweifle es sehr. Aber über die Bedeutung dessen, möchte ich lieber nicht nachdenken. Vielleicht sollte ich ihn das nächste Mal nicht beachten. Er scheint mich zu verfolgen. Warum bloß? Was sagt es mir aus?

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