Falerte, Teil 37: Tagebuch des Falerte Khantoë

XXXV: Tagebuch des Falerte Khantoë

 

29. 08. 3979, Außenposten Huális

Gestern erreichten wir endlich Huális. Das bedeutete vor allem, endlich von diesem Schiff herunterkommen können. Kapitän Norís bestand auch sogleich darauf, wieder umkehren zu dürfen. Sowohl Duimé als auch der Alui des Außenpostens überzeugten ihn jedoch, noch zu bleiben. Er nahm frische Vorräte auf und legte heute mit etwas, das Duimé einen Empfehlungsbrief genannte hatte, wieder ab. Kein Verabschieden, keine Tränen. Es war erstaunlich: Da er das Schiff nun flussabwärts treiben lassen konnte, hatte er kaum noch Besatzung nötig und war vor allem in Windeseile unseren Blicken entschwunden. Im Hafen des Außenpostens liegt jedoch noch ein zweites Schiff. Damit werden wir morgen nach Médyhúda fahren. Eigentlich sollte der Außenposten wie jeder andere zwei Schiffe haben, doch eines war von seinem letzten Botengang noch nicht zurückgekehrt.

Huális sieht kaum anders aus als jeder andere verfluchte Außenposten dieses Landes. Und ich bin mir sicher, ähnliches schon bei anderen gesagt zu haben. Dieselben Mauern, dieselbe Einrichtung und irgendwie auch dieselben Menschen. Doch diese hier wirken verzweifelter, düsterer, als hätten sie keine andere Wahl in ihrem Leben gehabt oder seien vor etwas geflohen.

Der Alui erzählte Duimé gleich bei unserer Ankunft und in Gegenwart von uns allen, dass sie in den letzten Tagen einige Male angegriffen worden seien. Dafür bekam er dann so einige Schelte des erbosten Duimé. Scheinbar sollten wir das nicht hören. Es entstand auch sogleich einiges Geraune unter den Männern. Nach wie vor sind wir nicht hier, um für andere zu sterben. Der Alui war zwar geistesgegenwärtig genug, seine Aussage sogleich abzuschwächen, doch der Stimmung tat es kaum etwas Gutes.

Zumindest aber hatten wir dafür gestern wieder Strohlager zur Verfügung, die dem harten Deck der Paruibi bei weitem vorzuziehen waren. Heute werden wir noch einmal gute Nachtruhe haben, bevor es morgen früh weiter geht nach Médyhúda. Ich weiß aber nicht, ob ich überhaupt wissen will, was uns dort erwarten könnte. Keiner der Männer von Huális will sich darüber äußern. Scheinbar wurde ihnen der Mund verboten. Sie wirken nur bedrückt und unfroh. Werden wir auch bald so aussehen? Selbst Miruil wirkt, wenn er einmal denkt unbeobachtet zu sein, als wäre er gar nicht mehr so abenteuerlustig. Und Scaric unterhält uns zwar weiter mit seinen Scherzen, doch wirken diese manchmal etwas halbherzig. Wer weiß, wie ich auf die anderen wirken muss. So oder so ist klar, dass es mir nicht gut geht. Ich frage mich langsam, warum ich mich eigentlich für das alles gemeldet habe. Vielleicht hätte ich doch lieber bei meinem Vater bleiben sollen. Nardújarnán wird immer wärmer und feuchter, je weiter wir gen Norden vorstoßen. Und das, obwohl das Jahr sich eigentlich immer mehr der kühlen Jahreszeit zuneigen sollte. Die ständige Gegenwart allerlei Tierlaute macht mir ebenso zu schaffen wie die Bedrohung durch Mücken und Fliegen. Zwar haben wir unsere Salben, doch wer weiß. Einer der Männer ist bereits schwer an Brechreiz und Durchfall erkrankt. Jedoch sagt er, dass er kein Flusswasser getrunken hätte. Immerhin hat er dadurch das Glück, in Huális zurückbleiben zu können.

Und – ich habe gestern wieder Puidor gesehen. Ich saß am Fluss und sah ihn dort, sah seine Leiche im Wasser treiben, eklig aufgedunsen. Seltsamerweise konnte ich sie beobachten, ohne jegliche Gefühlsregung. Vielleicht war ich im Gegenteil aber auch nur vor Angst erstarrt. Ich erkannte bald, als er im Dunkeln zu mir getrieben wurde, meinen Irrtum. Ein Baumstamm hatte mir da einen Streich gespielt. Wahrlich, ich werde wahnsinnig! Oh helft mir doch…

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