Falerte, Teil 40: Tagebuch des Falerte Khantoë

XXXIX: Tagebuch des Falerte Khantoë

 

01. 09. 3979, Irgendwo auf dem Tajazi

Nun haben wir also endgültig Nardújarnán hinter uns gelassen, um mit einem alten Kahn hinaus in den düsteren Wald zu fahren, wo uns feindliche Wesen an allen Ecken und Biegungen auflauern und bösartige Augen uns aus den Gebüschen heraus beobachten. Zumindest erscheint es mir so. Langsam bin ich nicht mehr begeistert von der Armee. Sicher, den Süden von Nardújarnán sollte jeder einmal besucht haben, doch auf diese verdammten Dickichte hier im Norden könnte ich gut verzichten. Scheinbar alles hier will unseren Tod. Schlangen verfolgen uns im Wasser und versuchen erfolglos ihr Gift in den hölzernen Körper unseres Schiffes zu spritzen. Einige Fische im Wasser scheinen bevorzugt Fleisch zu fressen, was einen Mann einen Finger gekostet hatte. Zwei weitere Gründe, kein Wasser aus dem Fluss zu trinken. Vögel fliegen über uns hinweg und entleeren ihre Därme auf uns. Das war der Grund, warum wir das Segel des Schiffes zum Dach umbauten. Und was diese knorrigen Wesen da am Ufer waren, möchte ich bevorzugt gar nicht wissen. Nachts dann werden wieder die Mücken aus ihren Löchern kommen und uns hilflos umschwirren, abgestoßen von unseren Salben. Dann erscheinen aber auch die Fledermäuse, welche nur die Mücken zu fressen scheinen. Bisher jedenfalls. Außerdem scheinen ihre Därme noch schneller zu arbeiten als die der Vögel. Ach, und diese Hitze! Verdammt seist du, oh Wald des überquellenden Lebens, dass der Tod kaum minder zahlreich ist. Beides kriecht hier jedem schon förmlich aus den Poren!

Ich fühle, dass es den anderen ebenso geht wie mir. Na gut, jeder der ihr Unbehagen nicht merken würde, wäre ein völliger Dummkopf. Duimé scheint die meisten nur noch unter den Versprechen von Belohnungen zusammenhalten zu können. Ach, welch armer Narr. Spielte er anfangs noch unseren Freund, so scheint er uns nun mehr zu fürchten als den Wald. Ich habe bei vielen der Männern den Verdacht, dass ihre Gründe zur Armee zu gehen mehr dem Verlangen entsprangen, den Gerichten zu entgehen, als der Abenteuerlust oder dem Willen Ojútolnán zu dienen. Ob es wohl zu einer Meuterei kommen könnte? Ob ich sie wohl dazu anstiften sollte? Diese Reise ist doch nicht mehr normal! Oder bin ich es? Bilde ich mir das alles nur ein? Gibt es vielleicht überhaupt keine Spannungen an Bord?

Eben vermeinte ich auch, hunderte von Augen aus dem Wald uns anstarren zu sehen. Hunderte Eingeborene, die nur darauf warteten, über unsere armen Seelen herzufallen. Welch Schande es doch wäre, an diesem verfluchten Ort zu sterben. Oh, ich sollte mich zusammenreißen. Seltsamerweise scheint es mir besser zu gehen, wenn ich das Amulett der alten Frau betrachte. Irgendwie gibt es mir Kraft und vertreibt den Hass aus meinem Schädel. Ich sollte mich lieber ablenken, nicht soviel nachdenken, mal mit den anderen reden. Miruil und Couccinne spielen drüben grad irgendein Kartenspiel. Vielleicht kann ich da mitmachen oder zumindest zugucken. Und Jimmo zeigt dem Jungen Dosten irgendwelche Kunststücke mit dem Dolch. Das wäre auch interessant.

Ach, fast noch eine Woche auf diesem Kahn. Und schon wieder ihn die ganze Zeit staken müssen. Wenn ich bis Médyhúda nicht durchgedreht bin. Was uns dort wohl erwarten wird? Ich vermute ja, es wird nichts Gutes sein. In meinen Tagträumen sehe ich brennende Ruinen und verstümmelte Leichen. – Ah! Ich gehe jetzt rüber.

 

12. 09. 3979, Irgendwo auf dem Tajazi

Ich sehe meinen letzten Eintrag und kann ihn nur nochmal bestätigen. Oh, wann kommen wir bloß endlich heraus aus dieser grünen Verdammnis, deren schleimige Fänge Tag für Tag nach uns greifen? Nun, vermutlich nie. Von wegen bloß eine Woche! Fast zwei Wochen fahren wir nun schon hier auf dem Fluss herum. Nun sagen Duimé und unsere ‚Führer‘, dass wir morgen Médyhúda erreichen würden. Ob man ihnen noch glauben kann? Und ach! Ich wiederhole meine ganzen Bedenken vom letzten Mal nun nicht noch einmal. Immerhin habe ich die letzten Tage getan, was ich mir vornahm: mich abgelenkt. Mit Miruil und Couccinne gespielt und unsere Übungen vollzogen; mich mit Scaric über die teils immer seltsamer anmutenden Wesen im Wald lustig gemacht und ihnen sonderbare Namen gegeben – und doch, es waren auch einige schöne Wesen dabei; sogar mit Jimmo habe ich ein wenig gesprochen, doch kaum etwas Neues aus ihm herausbekommen. Die restliche Zeit geht für das Staken drauf, wobei man leider viel zu gut nachdenken kann.

Vor zwei Tagen kamen wir an einem Dorf der Eingeborenen vorbei. Duimé befahl uns schließlich, nach einigem Überlegen, dort anzulegen. Unsere Führer meinten, dies sei keine gute Idee, doch Duimé blieb bei seinem Entschluss. Wir bräuchten Vorräte. Das Dorf sah zunächst kaum anders aus als andere, die wir in Nardújarnán gesehen hatten. Vermutlich werden sowohl Außenposten als auch Eingeborenendörfer aus demselben Guss erstellt. Und doch – schon bei der Annäherung war etwas beträchtlich anders, Was war es wohl… – nun, zuvorderst war keine Seele am Fluss. Wir sahen zwei Leute am Kai, doch verschwanden sie bei unserem Anblick hinten im Dorf. Sehen wir denn so schrecklich aus? Nun gut, wir können uns hier kaum waschen. Wie auch immer, es kamen andere Eingeborene aus dem Dorf heraus, kräftigere Gestalten, und warfen ihre Speere nach uns. Natürlich suchten wir danach Abstand zu diesen ungastlichen Wesen. Unsere Führer versicherten uns, dass man sonst hier den Toljiken freundlicher gesonnen war. Erst nach der Angelegenheit mit Médyhúda fing man an, sich feindlich zu verhalten. Also was hat wohl diese Veränderungen verursacht? Warum greifen sie uns nun an? Das Dorf sah an sich harmlos aus, konnte kaum Einwohner haben. Also vielleicht nur Angst vor uns, weil sie fürchteten, dass wir sie für das strafen könnten, was andere verbrochen haben? Oder ein Aufstarken lange unterdrückten Hasses? Jedenfalls würden sie wohl kaum ein feindliches Verhalten einem stärkeren Gegner über einnehmen, hätten sie nicht mehr Unterstützung hinter sich. Ich harre also voll Angst und Sorge allem, was da kommen mag. Denn eines ist sicher: Dies hier ist Feindesland und alles in diesen Wäldern will unseren Tod. Keine schönen Aussichten für unseren kleinen Ausflug.

Miruil sprach mit mir über Oljó, unseren lieben Freund, und seinem kleinen Kumpanen, dem hässlichen Xeazotankro. Seinem Gefühl nach würden die beiden irgendwas aushecken. Was das wohl sein könnte? Ich vermute zumindest nichts Gutes. Aber dieser Satz kommt mir bekannt vor. Man muss nun schon hier auf dem eigenen Schiff die Augen offenhalten. Ich fühle mich wie ein Fisch in einem Meer voller Raubfische. Doch diese wären mir lieber, deren Verhalten könnte man berechnen und abschätzen. Ich vermisse Ccillia. Ich vermisse sie wirklich. Ich hätte es niemals tun sollen. Und ich vermisse auch meine Schwester. Wem soll ich mich hier denn wirklich und wahrhaftig anvertrauen? Bleibt nur das Tagebuch…

Morgen also Médyhúda…

 

14. 09. 3979, Irgendwo auf dem Tajazi

Endlich erreichten wir das Ziel unserer Reise: Médyhúda. Ich habe vieles erwartet, doch nicht das, was wir vorfanden. Verwüstungen, massenhaft verstümmelte Leichen, Breschen in den Mauern, eine Handvoll um das Überleben Kämpfender, einen Außenposten gefüllt mit feindlichen Eingeborenen, Wesen und Pflanzen des Waldes, sich ihren Teil zurückholend, einen einzelnen Überlebenden, der uns kurz vor seinem Tode eine gestammelte Botschaft überlässt – all das hätte ich erwartet und noch viel mehr, doch nichts davon entsprach der Wirklichkeit. Wir haben den ganzen Außenposten auf den Kopf gestellt, ihn von Innen, Außen, Oben und Unten gründlichst durchsucht und doch nichts gefunden. Rein gar nichts. Keine Kampfspuren an den Mauern, im Hof, am Tor, an oder in den Gebäuden oder gar im nahen Wald. Keine Toten, keine Waffen, keine Eingeborenen, keine Tiere. Nichts. Und das ist es, was die Sache verdächtig und unheimlich werden lässt. Wo ist all dies, was einst in diesem Lager sich befand? Alles an Besitztum, Waffen, Vorräten und dergleichen ist verschwunden. Zurück blieben nur die spärlichen Möbel sowie die nun leerstehenden Gemäuer. Als hätte man entschlossen, den Außenposten aufzugeben und für immer zu verlassen. Doch das widersprach den Berichten. In Huális hatte man niemanden erblickt. Über den Fluss sind sie dort nicht vorbeigekommen. In den Wald sind sie aber auch nicht gezogen; wir fanden jedenfalls keine Spuren. Das wiederum ist auch sehr verdächtig, denn hieß es nicht einst, dass Médyhúda angegriffen worden sei? Aber dann müsste es doch Spuren der Angreifer geben, doch die finden sich nicht. Hat man alle Spuren beseitigt? Doch es gibt noch eine weitere Möglichkeit: Die Besatzung des Postens könnte flussaufwärts geflohen sein, mit einem Schiff. Doch wozu, warum und wohin? Zumindest fehlen die beiden Schiffe des Postens.

Duimé gab uns nun neue Befehle. Er meinte, wir seien hier, um herauszufinden, was in Médyhúda geschehen sei, und vielleicht auch mit dessen fliehendem Boten, und dass es bei diesem Auftrag bleiben würde. Also schlugen wir hier unser Lager auf und warten. Wer eine Begabung dafür besitzt, muss den umgebenden Wald durchsuchen, auf dass sich vielleicht doch noch Spuren finden würden. Einer der Männer aus Huális fragte ihn, ob sie mit einem vorläufigen Bericht nach Huális zurückkehren sollten. Duimé war zunächst dagegen, da wir sonst erstens kein Schiff mehr hätten, zweitens unsere Vorräte nicht die gut zwei Wochen bis zu einer Rückkehr ihrerseits reichen würden. Doch Commosha Dacealus überzeugte ihn, sie ziehen zu lassen, da wir uns auch aus dem Wald ernähren könnten; Tiere, Beeren und Wasser fanden sich zu Genüge. Duimé nahm sich nur einige Augenblicke für seinen Bericht, dann brachen die beiden auf.

Ich fühle mich hier unwohl, so ohne Möglichkeit einer schnellen Flucht. Ich sollte das hier wohl als eine seltsame Art der Beurlaubung betrachten, doch das klappt nicht. Die zahlreichen Tierlaute des Waldes und die altbekannten Probleme halten mich davon ab. Eigentlich möchte ich in überhaupt keinen Kampf verwickelt werden. Außerdem träume ich nun auch noch ständig von Ccillia. Ach könnte ich sie doch nur erreichen!

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Das gesamte Buch kann man auch gedruckt kaufen.

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