Falerte, Teil 42: Tagebuch des Falerte Khantoë

XLI: Tagebuch des Falerte Khantoë

 

23. 09. 3979, Médyhúda

Sie werden nie wieder zurückkommen. Die armen Seelen aus Huális, die dorthin zurückkehren wollten, werden niemals von uns erzählen können. Und ohne sie sind wir auch verloren. Seit zwei Tagen nun schon liegen ihre verwesenden Körper vor den Mauern des Außenpostens in der Sonne. Eines Morgens waren sie plötzlich da. Sie wurden ermordet, ihre Kehlen sind durchgeschnitten. Jimmo und ein anderer Kerl sollten sie hereinholen. Kaum waren die Tore aber offen, da regnete es bereits Speere auf sie. Zum Glück wurden sie nicht verletzt. Es erfolgt immer noch kein Angriff auf uns, doch das scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. Wir sitzen hier fest. Ich fühle mich wie in einem Kochtopf. Die Sonne brät uns, damit die Eingeborenen sich an uns laben können. Was sollen wir tun?

Drei Tage nach unserer Ankunft fanden Miruil und ich das zweite Schiff des Außenpostens, als wir den Fluss abwärts erkundeten. Es lag in einer kleinen, doch äußerst gut versteckten Bucht. An Bord befand sich natürlich niemand, doch es war stark beschädigt worden. Zum Glück war der Rumpf noch ganz. Es war eine gewaltige Mühe und die Arbeit zahlreicher Hände nötig, es hierher zu bekommen. Erst seit drei Tagen liegt es am Kai. Wenige Stunden später sollten wir uns in dieser misslichen Lage befinden. Vielelicht haben wir mit unserer Arbeit die Eingeborenen auf uns aufmerksam gemacht.

Duimé befahl, das Schiff wieder herzurichten. Ich hoffe, damit wir fliehen können, und nicht nur, um Boten zu entsenden. Keiner von uns ist zum Krieger geboren und sollte Duimé etwas dergleichen in Erwägung ziehen, dürfte es eine Meuterei geben. Ich jedenfalls will nicht hier bleiben, bis die Augen des Waldes dort draußen zu uns hier herein wollen. Ich habe etwas gegen ungebetene Gäste. Und die meisten hier sind meiner Meinung, soweit ich das mitbekommen habe.

 

30. 09. 3979, Irgendwo auf dem Tajazi.

Oh, wie sich manchmal doch die Ereignisse überschlagen können. Wir haben einen neuen Anführer und sind irgendwo im Nirgendwo. Noch am selben Tage meines letzten Eintrages beging dieser Idiot Duimé seinen Fehler, den ich befürchtet hatte. Kaum war das Schiff zur Abfahrt bereit, da gab er schon den Befehl, dass fünf von uns damit nach Huális fahren und Hilfe holen sollten. Als wären diese nicht selber genug in Not und nun vielleicht schon längst gefallen. Als wären die beiden Toten vor den Toren von Médyhúda nicht Beweis genug, dass eine Fahrt gen Huális den Tod bedeuten würde. Als wären wir nicht bereits selber genug auf verlorenem Posten, ohne Vorräte, ohne Hilfe.

Kaum, dass Duimé seinen Befehl erteilt hatte, da ging der Unmut in Form eines Raunens durch die Mengen. Dann trat der Krieger Gammil aus ihr heraus, stellte sich vor Duimé und widersprach. Wir würden dem Befehl nicht gehorchen, sprach er. Stattdessen sollte das Schiff uns lieber in Sicherheit bringen. Duimé war von diesem Widerspruch nicht begeistert. Er nannte dies Meuterei und befahl Miruil, der Gammil gerade am nächsten stand, diesen zu verhaften. Doch Miruil verneinte diese Aufforderung. Andere aus der Truppe stellten sich auf seine Seite. Selbst Oljó und Xeazotankro standen hinter der Meuterei von Gammil. Selbst Commosha Dacealus gehorchte Duimé nicht mehr. Ich war mehr als beeindruckt und erfasst von diesem alle durchdringenden Gruppengeist.

Gammil wurde schnell von allen als neuer Anführer angesehen. Einige gaben zwar Ratschläge oder stellten sogar seine Entscheidungen etwas in Frage, doch letztlich folgte ihm jeder. Was sollen wir auch anderes tun? Wir haben alle denselben Wunsch: zu leben. Oljó forderte lautstark Duimés Tod, andere stimmten sogar ein, doch Gammil war dagegen, und die meisten waren ebenso dieser Ansicht. Duimé war zwar stets hart gewesen, doch ihn umzubringen wäre unmenschlich und würde uns kaum besser machen als unsere Angreifer. Also fesselten wir ihn nur. Seine Verfluchungen und Drohungen hörte niemand von uns mehr. Auch wenn ich zugeben muss, dass jemand darüber hätte nachdenken sollen, was später fern von Médyhúda mit ihm geschehen sollte. Aber das ist nun wohl unwichtig.

Gammil ließ das Schiff beladen mit allem, über das wir noch verfügen. Viel ist es nicht. Dann, dem hastig in unseren kleinen unzulänglichen Geistern erstellten Plan nach, wollten wir schlicht stromabwärts fahren. Zur Not uns treiben lassen, doch hauptsache weg von Médyhúda. Im Wald ertönten bereits die Trommeln und wir sahen immer mehr kampfbereite Eingeborene auftauchen, während wir in diesem Gefängnis ohne Vorräte feststeckten. Es war also allerhöchste Zeit, etwas zu unternehmen. Doch Dosten, der von uns allen die besten Augen hat, sah ein Problem: Etwas weiter flussabwärts von Médyhúda gerät der Tajazi in eine Enge, an welcher sich die Ufer sich annähern. Dort war es, dass die Eingeborene auf Erhöhungen Feuer entfacht hatten, wie Leuchtfeuer zu beiden Ufern. Gerade waren sie dabei, irgendetwas, das jedoch stark nach Baumstämmen aussah, ins Wasser zu lassen. Sie wollten uns also einsperren oder zumindest über eine Möglichkeit verfügen, uns bei unserer Durchfahrt erreichen zu können. Letzteres stellte sich jedoch schließlich als falsch heraus, denn bald war tatsächlich der Flusslauf für Schiffe gesperrt.

Einige von uns bekamen an dieser Stelle Panik. Wie lange es wohl dauern würde, bis sie auf die Idee kämen uns auch vom Wasser her anzugreifen? Einige Männer wussten zwar zu berichten, dass die Eingeborenen nicht schwimmen könnten aus dem seltsamen Grund ihrer Verehrung für den Fluss, doch warum sollte man darauf vertrauen. Jedenfalls blieb für uns nur noch die Wahl, stromauf zu fliehen oder im Außenposten zu warten, bis der Hungertod oder die Eingeborenen kämen, was auch immer früher einsetzen würde. Gammil erreichte, dass wir die Flucht wählten. Wir bemannten das Schiff und legten ab. Stromauf also. Es stellte sich als fast so unerträgliche Folter heraus, wie auf den Tod zu warten. Flussab wäre es für uns leicht gegangen, sich einfach treiben lassen, doch flussauf ist es mühselig voranzukommen. Wir dürfen auch nicht zu weit hinaus ins tiefe Wasser geraten, denn uns bleibt nur das Staken, das Segel ist uns kaum eine Hilfe. Das liefert uns leider aber der Gefahr durch fliegende Speere aus. Denn die Eingeborenen folgen uns. Es ist die lächerlichste Flucht, die ich je gesehen habe. Wir kommen nur sehr langsam vorwärts. Bis Gestern konnten sie uns mühelos am Ufer folgen. Dann endlich kam ein breiter Nebenfluss des Tajazi, dessen Mündung sie nicht überqueren konnten. Unsere Vorräte sind nun längst aufgebraucht. Morgen werden wir an Land gehen, sofern dieses dann frei von Eingeborenen sein sollte. Ich hoffe doch sehr.

Lange hatte ich nicht mehr solche Angst um mein Leben. Das letzte Mal wohl damals in Emadeten. Damals, als meine heile Welt zerbrach und sich in diese hier verwandelte: Dieser Schrecken, den Nardújarnán für mich darstellt. Ich möchte gar nicht mehr daran denken, wie oft ich die Gestalt meines Puidor dort draußen in einem unserer Verfolger zu erkennen glaubte. Warum sehe ich ihn ständig? Wenn es so weitergeht, werde ich mich freiwillig allen Schrecken dort draußen stellen, um sie endlich loszuwerden. Und doch – es ist sonderbar – fühle ich mich auch lebendig wie nie zuvor auf dieser Flucht. Als würde die Angst erst mir alle Kräfte verleihen, die zum Leben nötig sind.

Den anderen an Bord geht es sehr unterschiedlich. Zunächst wäre da Duimé. Ihn hat man in eine Kabine unter Deck gesperrt. Da das Schiff nicht das Größte ist, gibt es davon hier nur vier. Die anderen werden von uns als Vorratsräume genutzt. Natürlich sind sie nun leer. Und mein Magen knurrt. Jedenfalls können wir den eigentlichen Laderaum als Schlafsaal verwenden. Das dürfte auch sicherer sein, als an Deck zu schlafen. Wer weiß, ob die Eingeborenen nicht doch noch eine Möglichkeit finden, uns mit Speeren oder Pfeilen zu erreichen. Außerdem haben wir dort unten mehr Schutz vor den Mücken und Fliegen. Unsere Salben sind längst aufgebraucht, nun plagen die Biester uns. Bei einem der Männer scheint bereits eine Art Krankheit ausgebrochen zu sein. Jedenfalls liegt er mit Fieber in einer unserer ‚Vorratskammern‘. Wir schlafen nur in kurzen Schichtwechseln. Die meiste Zeit über müssen wir das Schiff vorwärts staken oder nach Gefahren im Wald Ausschau halten. In Wirklichkeit aber erwehren wir uns da nur meist der Mücken oder dummer Vögel. Einige dieser Biester sind reichlich dreist. Miruil hat es sich mittlerweile zur Aufgabe gemacht, sie zu schießen. Auf diese Weise bekommen wir immerhin etwas Nahrung. Doch das Wasser aus dem Fluss können wir weiterhin nicht trinken; auf Durchfall kann jeder von uns gut verzichten. Couccinne will aber irgendwie versuchen, es zu reinigen. Wie, das vermag ich nicht zu sagen, doch in seiner freien Zeit stellt er seltsame Versuche mit einem Eimer Flusswasser an. Commosha Dacealus wurde verdächtig still seit unserer Meuterei. Ich frage mich, ob man ihm nun trauen kann oder ob er versuchen könnte, etwas bezüglich Duimé anzustellen. Immer wenn ich ihn sehe, versuche ich ihn im Auge zu behalten. Ähnlich geht es mir mit Jimmo, da ich immer noch weiß, ob er es damals war, der uns an Duimé verraten hatte. Äußerlich lässt er sich nicht viel anmerken, während er seine Arbeit wie wir alle tut. Manchmal aber wirft er Oljó und Xeazotankro Blicke zu, bei denen mir das Mark zu gefrieren droht. Hasst er die beiden wirklich so sehr? Doch auch dieses liebste Paar meines Ärgers ist seit den letzten Tagen äußerst ruhig geworden. Xeazotankro war nie der Stärkste von uns, und die Strapazen scheinen stark an ihm zu zehren. Fast tut er mir leid. Oljó dagegen ist zwar kräftig, doch scheinbar nicht für die Natur gemacht. Ich seh ihn immer wieder um sich schlagen und sich kratzen, als fürchte er sich vor den Mücken. Ob unser böser Oljó vor kleinen Tierchen wirklich Angst hat? Der Junge Dosten macht sich trotz seiner Schmächtigkeit dagegen überraschend gut, wesentlich besser als Xeazotankro. Ich habe ihn sich nie beklagen gehört, noch zeigt er übermäßig viel Furcht vor unseren Verfolgern. Ist es die Unerfahrenheit der Jugend oder der feste Glaube an uns alle, der ihm Sicherheit gibt? Bei letzterem dürfte er verloren sein. Selbst Scaric hat scheinbar alle seine Witze verloren, auch ihn umgibt ein düsterer Hang des Unterganges, wie uns alle.

Dann gibt es noch die beiden ehemaligen Krieger von Duimé. Der Kerl namens Jénil hat sich in letzter Zeit verdächtig gut mit Gammil gestellt, der wiederum immer noch die Rolle des Anführers innehat. Diesem Jénil traue ich kaum. Er versucht zu sehr, zu uns zu gehören. Der Andere, Gasuim, ist mir da wesentlich lieber. Anfangs erzählte er immerfort, welche Strafen uns für unsere Tat erwarten würde. Dafür wurde er im Gegenzug von Gammil bestraft. Nun hält er zwar endlich den Mund, doch zu mögen scheint er uns weiterhin nicht. Ich möchte nicht wissen, wie ich auf die anderen wirke. Seit unserer Flucht sprach außer Gasuim eigentlich kaum noch jemand mehr als das Notwendige und ich bevorzuge es hier dann auch, zu schweigen.

Wir fliehen nach Norden, hinein in den tiefen Wald. Wieviel Hoffnung ist das noch zu erwarten? Gammil meinte, wir müssten den Großen See, den Carajúl erreichen, von wo aus wir nach Osten, zum Meer gelangen könnten. Und welche Hoffnung ist das bitte? Ich träume derweil lieber von Ccillia und ihren warmen Armen. Oh Ccillia, auf dass ich dich wiedersehe.

 

01. 10. 3979, Irgendwo auf dem Tajazi.

Heute hat sich etwas verändert. Endlich haben wir wieder einmal angelegt. Nachdem die Eingeborenen sich immer noch nicht gezeigt hatten, haben wir es gewagt. Und oh! Wie wurden wir doch belohnt! Es fand sich ein kleiner See mit klarem Wasser, süß wie Honig; überall fanden wir Beeren und begegneten seltsamen Wesen, deren Fleisch uns nun speist. Oh welch wundersamer güldener Traum in einer Welt der Träume voller Schrecken. Au ewig hätte ich dort auf dieser Lichtung verbleiben und leben können, in meinem eigenen kleinen schönen Traum, fernab all der bösen Dinge um mich herum.

 

20. 10. 3979, Irgendwo auf dem Tajazi.

Es hat wahrlich eine Ewigkeit benötigt, doch endlich sind wir am See, am großen Carajúl. Zwei der Männer sind auf unserem Weg gestorben, beide an dieser grässlichen Krankheit, welche diese widerlichen Mücken und Fliegen zu verbreiten scheinen. Ein weiter scheint sich bereits angesteckt zu haben. Der Rest von uns ist einfach nur am Ende seiner Kräfte. Wir haben beschlossen, zunächst ein Lager herzurichten und für eine Weile hier am See, der mir wie ein gewaltiges Meer ohne Ende erscheint, zu verbleiben, bis wir uns etwas erholt haben. Es ist kaum zu glauben, dass aus diesen teils so friedlich wirkenden See ein Fluss entspringen kann, der so voller Gefahren ist. Selbst das Wasser des Sees ist durch Couccinnes Maßnahmen für uns genießbar.

Seit drei Wochen schon sehen und hören wir keine Eingeborenen mehr, und dieser Umstand lässt unser Herz höher schlagen. Dennoch – ich fühle mich so müde. Wir alle sind endlos erschöpft. Sollte noch etwas geschehen und wir dies alles nicht überleben, so hoffe ich zumindest, dass dieses Buch gefunden wird. Auch wenn das wohl eine sinnlose Hoffnung ist. Sagt Ccillia, dass ich sie liebe. Ebenso meiner Schwester und Mutter. Ja selbst meinem Vater. Doch nun – Schlaf – ich muss schlafen. Morgen mehr.

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Das gesamte Buch kann man auch gedruckt kaufen.

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