Falerte, Teil 44: Tagebuch des Falerte Khantoë

XLIII: Tagebuch des Falerte Khantoë

 

26. 10. 3979, Irgendwo am Carajúl.

Fast eine Woche sind wir nun schon an diesem See, diesem Meer. Kleine Hütten haben wir uns gezimmert an einer geschützten Stelle zwischen Felsen. Wir wurden gerade rechtzeitig damit fertig, denn vor drei Tagen fing es an zu regnen und seitdem hört es nicht mehr auf. All die Zeit über war es stets trocken gewesen; feuchtwarm, doch ohne Regen. Und nun das, als wollte uns die Natur verhöhnen. Dafür gibt sie uns nun Nahrung und Wasser im Überfluss. Vermutlich ist dies alles Teil ihres grausamen Spiels, unser Leiden zu verlängern. Mittlerweile kann ich mich kaum noch an ein gemütliches, warmes Bett erinnern. Wie war das damals bloß? Damals, vor über fünf Monden. Ist es wirklich schon so lange her? Nun hocke ich hier in einer Hütte zusammen mit Couccinne, Scaric und zwei anderen und höre dem Tropfen des Regens über uns zu. Irgendwie muss ich aber meine Gedanken, Überlegungen und Bedenken loswerden und was wäre da besser für geeignet, als mein kleines Tagebuch, denn Couccinne ist gerade beschäftigt und mit den anderen möchte ich nicht sprechen.

Natürlich können wir uns hier nicht ewig verkriechen. Unter Nachdruck von Gammil entschieden wir, spätestens Ende des Mondes gen Osten loszuziehen. Das Schiff hatte eine Karte von Nardújarnán an Bord, auf der deutlich doch ungenau erkennbar ist, dass man nur stets gen Osten wandern muss, um recht bald das Meer zu erreichen. Viel Schneller, als dies nach Süden möglich wäre. In beiden Richtungen sind zwar Berge zu überwinden, doch sind die im Süden höher, derweil die im Osten nur mehr große Hügel darstellen sollten. Zu Beginn der Reise könnten wir einfach dem Tajazi wieder flussab, also nach Osten, folgen. An einer Biegung käme dann ein größerer Nebenfluss, dem man bis in die Berge folgen kann. Soweit bräuchten wir das Schiff also noch und kämen mit ihm auch schneller voran. Später dann wären die Berge zu überqueren, anschließend müsste man einen Fluss finden, der nach Osten, in den See Bomorán mündet. Dieser hat eine Verbindung zum Meer und hätten wir dieses einmal erreicht, so wären wir bereits in Pesenno, einem Land Nardújarnáns, wo es immerhin Außenposten gibt. Soweit also unser schöner Plan. Immerhin durchführbar klingt er ja. Das einzige Problem wäre der Fußmarsch durch die Berge. Doch spätestens nächstes Jahr könnten wir schon zurück in Nardújarnán sein. Wenn, ja wenn, wir allem Feindlichen entgehen können. Zwei Fünfergruppen von uns meldeten sich freiwillig oder wurden als Freiwillige auserkoren, unsere Umgebung sowie den Weg gen Osten zu erkunden, zumindest ansatzweise. Eine Gruppe wird von Miruil geführt, die andere von Commosha Dacealus.

Bisher zumindest blieben wir hier unbehelligt. Selbst die elenden Fliegen kommen nicht zu diesem See. Vielleicht benötigen sie das dreckige Flusswasser zum Überleben. Im See können wir sogar genießbaren Fisch fangen und bisher fanden wir auch keine, die dafür uns fressen wollten. Es könnte ein wunderbares Traumland sein, doch wann wohl wird dieser Traum zum Alptraum werden? Wir haben auch ein Problem. Wir konnten Duimé dazu bringen, dass er sich unterordnen würde, wenn wir ihn nur von seinen Fesseln befreien. Bisher hält er sich sogar daran, und fliehen kann er hier sowieso nirgendwo hin. Aber er redet. Anfangs ließ er kurz seinen Hass in Form von Drohungen an uns aus. Züchtigungen ließen ihn dies zwar schnell vergessen, doch es streute Unruhe und Zweifel in die Herzen der Männer. Später versprach er allen eine mildere Strafe, die dem Plan zur Flucht gen Osten widersprächen. Wir müssten den Tajazi herab nach Nardújarnán, sagte er. Entweder hätten die Einheimischen ihre Sperre längst wieder aufgehoben, oder Atáces hätte bereits Truppen entsandt. So oder so wäre der Weg gen Osten in seinen Augen Unsinn. Dies säte weitere Zweifel in den Hirnen einiger, und so sieht man allenthalben Infragestellungen des Planes. Bisher konnte Gammil uns zusammenhalten, doch würden wir uns nicht bald in Bewegung setzen, so ist sicher ein ernsthafter Aufstand zu fürchten. Deshalb besteht ein Teil der ausgesandten Gruppen auch aus Unruhigen.

Dummerweise jedoch hat Duimé Recht. Woher sollen wir wissen, ob wir nicht wieder zurück könnten, den Tajazi herab? Doch genau da beginnt ein zweites Problem: Wenn wir einfach nur zurückgehen, so wird uns entweder Duimé selber oder die Obrigkeit von Atáces sicherlich vor ein Kriegsgericht stellen. Unser Tod wäre abgemachte Sache. Bei dem Weg gen Osten dagegen könnten wir immerhin versuchen, aus Nardújarnán zu entkommen. Soweit meine Meinung. Verbrecher werden wir in den Augen von Ojútolnán so oder so sein. Ich habe schon lange nicht mehr über mich selbst nachgedacht. Die letzten Tage waren gefüllt mit dem Bau des Lagers, Nahrungssuche, Erkundschaftungen sowie dem Pländeschmieden. Und auch dem Streiten. Irgendwo jedoch ist alles hoffnungslos.

Ist mein Leben nun nicht zerstört? Kehre ich nach Nardújarnán zurück, macht mich Duimé zum Verbrecher. Fliehe ich, werde ich ewiglich ein Flüchtling sein vor einem der mächtigsten Reiche der Welt. Mein Leben war ja schon immer sinnlos, nun steht es auch noch einem sinnlosen Ende gegenüber. Aber vielleicht könnte ich nach Omérian fliehen. Zurück zu Ccillia und hoffen, dass sie mir verzeiht. Ich vermisse sie an diesen Tagen immer mehr. Couccinnes Gegenwart macht dies nicht leichter. Ich sehe ihm an, dass er den Untergang genauso kommen sieht wie ich. Seltsamerweise aber versucht er es gerade in dieser Lage zu überspielen. Seit wenigen Tagen hat er Scarics Rolle übernommen, dumme Späße zu machen. Geht man einigen von diesen aber auf den Grund, so spürt man ihre Dunkelheit und Verzweiflung. Mein Freund macht mir derzeit Angst. Selbst auf Scaric macht sein Verhalten Eindruck, immer ruhiger wird der Mann. Ich bräuchte nun dringend Miruils Zuversicht und Abenteuerlust. Hoffentlich kommen sie alle bald zurück und bringen gute Neuigkeiten.

 

01. 11. 3979, Irgendwo am Carajúl

Im Abstand von einem Tag sind nacheinander die beiden Gruppen endlich zurückgekehrt. Als erstes kam Commosha Dacealus mit seinen Begleitern zurück. Sie hatten in einem großen Bogen die Umgebung unseres Lagers erkundet. Sich erst gen West haltend, dem See folgend, bogen sie dann ab nach Süden in den Wald, gelangten bald nach Osten, das Lager umgehend, und schwenkten dann um, nach Norden, wieder zum See zurück und danach zu uns. Auf ihrem Weg sahen sie vieles, doch kaum etwas davon wäre für uns nützlich. Nach Westen hin setzte sich der See zunächst fort wie bisher. Das heißt, mit Abwechslungen von Wald und Lichtungen, ohne irgendwelche Überraschungen. Als der Regen begann, wagten sie sich tiefer in den Wald, dessen dichtes Blätterdach sie gut vor den Fluten schützte.

Dacealus erzählte von immer größer werdenden Bäumen, von Beeren in Kopfgröße, Schnecken in Unterarmgröße und den seltsamsten anderen Tieren. Von Mittelgroßen erzählten sie, die an Bären erinnerten, doch sofort die Flucht ergriffen bei ihrem Anblick; von hasenähnlichen Flugtieren und zahlreichen Vogelarten. Einmal jedoch begegneten sie einem Tier, das aus Geschichten selbst bei uns bekannt ist: einem Carrara. Sie hatten Glück, dass es ein altes, schwaches Tier war, so konnten sie ihm noch rechtzeitig entkommen. Sonst sind diese Bestien meist paarweise unterwegs. Abgesehen von den vielen Wundern, die diese Gruppe sah, fanden sie nichts, dass uns wirklich gefährlich werden könnte; leider jedoch berichteten sie auch von nichts Nützlichem oder sonst Interessantem.

Nach ihrer Ankunft, die das Lager in einige Aufregung versetzt hatte und die allgemeine düstere Stimmung endlich mal wieder zerstob, wurde ich zusammen mit Jimmo dazu eingeteilt, Feuerholz aus dem Wald zu besorgen. Das erste Mal mit Jimmo allein. Dieser ergraute, ruhige Hüne lässt mich manchmal immer noch erschauern. Doch diesmal kamen wir sogar ins Gespräch. Der Anfang war dabei wenig eindrucksvoll: mir fiel plötzlich auf, dass wir uns nun mitten im Winter befinden müssten, doch hier in diesem Wald scheint es keinen Winter zu geben. Ich war so überrascht von meiner Erkenntnis, dass ich sie laut aussprach. Jimmo erzählte mir daraufhin, dass er es früher stets genossen hätte, mit seinem Sohn im Winter im Wald zu spielen. Diese Offenheit überraschte mich noch mehr. Ich wunderte mich ihm gegenüber, dass ich nicht gewusst hätte, dass er Familie hat und fragte ihn, was sie denn davon hielten, dass er so weit von ihnen entfernt hier in der Wildnis sei. Ich erkannte meine Taktlosigkeit zu spät, denn es stahl sich bereits ein schmerzlicher Ausdruck in Jimmos Gesicht. Auf einmal, ohne Hemmungen, erzählte er mir, wie sie von imarischen Truppen in einem der letzten Kriege zwischen Rardisonán und Machey getötet wurden. Ihr Gehöft hatte man dabei abgebrannt und Jimmo sah nur noch den Weg zur Armee. Doch nicht um Rache an den Imaris üben zu können, sondern um so weit wie möglich wegzukommen. Dann sah ich die Tränen in seinen Augen. Ich wusste nicht damit umzugehen, hatte das Bedürfnis ihn zu trösten, doch vermochte es nicht. Etwas hemmte mich. Mir muss etwas anderes einfallen, ihm mein Mitgefühl darzulegen. Ich frage mich, ob er aufgrund des Todes seines Sohnes sich nun so sehr um den Jungen Dosten kümmert.

Einen Tag nach Commosha Dacealus kam Miruil zurück, zusammen mit seinen Begleitern Oljó, Xeazotankro sowie Gasuim. Der Fünfte der Gruppe sei am Fluss von einer mannslangen wilden Echse gerissen wurden, gegen die selbst Satenechsen harmlos wirken sollten. Leider hat er uns damit nur vor etwas warnen können, dass wir bereits wussten. Ansonsten erzählten die Vier ähnliche Geschichten von Tieren und auch Pflanzen wie Dacealus, nur waren bei ihnen auch wieder diese elenden Fliegen zugegen. Es erscheint wie ein Wunder, dass sich keiner von ihnen eine Krankheit zugezogen hat. Ihre Hauptaufgabe war die Erkundung unseres Weges gewesen; das haben sie getan. Eingeborene waren ihnen nicht begegnet, ein gutes Omen. Deshalb beschlossen wir nun einstimmig, genug Vorräte anzusammeln um dann in zwei Tagen aufbrechen zu können.

Mir gefällt es irgendwie aber gar nicht, dass Miruil sich seit ihrem Ausflug besser mit Oljó und Xeazotankro zu verstehen scheint. Eine seltsame Eifersucht nagt an mir. Zwar verhält sich Miruil mir gegenüber wie gewöhnlich, doch auch freundschaftlicher zu den anderen beiden. Die Drei werden sich langsam zu ähnlich.

 

02. 11. 3979, Irgendwo am Carajúl

Morgen werden wir abfahren. Wir sind nun mitten in den Vorbereitungen. Doch nicht deshalb bin ich derzeit aufgeregt. Hier an diesem schönen See habe ich trotz allem viel Zeit, immer wieder über Ccillia und über das, was geschehen war, nachzudenken. Gestern Abend ging ich spazieren, nachdem der Regen endlich wieder aufgehört hatte, um mit meinen Gedanken etwas allein sein zu können. Ich wanderte in dem schwachen Licht des weißen Mondes an einem ebenso weißen Sandstrand des Sees entlang, da fing eine Bewegung meine Aufmerksamkeit. Erschrocken zog ich meine Waffe und starrte in den Wald, bereit für jegliches gefährliches Tier oder auch Eingeborene. Dann sah ich ihn dort inmitten der Bäume. Puidor kniete am Rande des Waldes im Unterholz. Es wirkte, als würde er dort etwas ausweiden. Seinen Anblick schon fast gewöhnt, lähmte mich die Angst nun kaum noch, wollte mich dort nur wegbringen, doch ich beschloss, so gut es ging näher heranzuschleichen, um zu sehen, was er da genau tat. Dies gelang mir soweit recht gut, und das, obwohl jede Faser meines Körpers einfach nur rennen, davonlaufen und schreien wollte, jedes bisschen ihres kläglich übriggebliebenen Verstandes von sich reißen. Doch ich beherrschte dieses Verlangen und schließlich stand ich so, dass ich von seiner Rückseite aus sehen konnte, was er dort tat. Ja, er weidete etwas aus. Doch es war nicht etwa ein erlegtes Tier, nein, dort lag die blutige Leiche meines Freundes Couccinne!

Ich musste bei diesem Anblick ohnmächtig geworden sein. Als ich erwachte, lag ich am Strand und neben mir saß Couccinne, noch sehr lebendig und sah mich besorgt an. Er gab mir Wasser und kümmerte sich um mich. Bald erzählte er mir, er sei mir gefolgt, da er sich Sorgen gemacht hatte, und fand mich dann so dort vor. Ich verschwieg ihm meine Erscheinung, doch wir setzten uns zusammen auf einen Stein am See und redeten. Er erzählte mir von seiner Familie. Wir stellten schnell fest, dass wir beide herrische Väter haben, mit denen wir kaum zurechtkommen. Couccinne aber verließ früher sein Zuhause denn ich. Zunächst versuchte er es im Orden der Omé von Frezinne als Mönch. Das erklärt für mich einiges an seiner Person. Später gab er dies aber auf, da er anfing zuviel im Leben in Frage zu stellen und keinen Sinn mehr darin sah, an demselben Ort zu verbleiben. So kam er letztlich zur Armee. Oh, er erzählte mir soviel aus seinem Leben wie nie zuvor. Und ich schilderte ihm mein größtes Geheimnis, dass meiner schönen Ccillia, meine Pläne sie wieder für mich zu erobern und den Grund, warum ich nicht mehr bei ihr war. Irgendwie fange ich an, Couccinne mehr als Bruder, denn als Freund zu betrachten.

 

07. 11. 3979, Irgendwo

Alles läuft nur noch schief. Alles! Lasst mich in dieses meines Totenbuch von all dem klagend niederschreiben, das uns in den letzten Tagen wiederfuhr.

Unsere Abreise vom See verlief zunächst ohne Probleme. Wir beluden das Schiff mit sovielen Vorräten, wie es nur tragen kann und stachen sodenn in See, unsere armen Hütten zurücklassend. Vielleicht hätten wir einfach auf ewig dort bleiben sollen. Solange weder Tiere noch Eingeborene kommen, dürfte es dort sicher sein, Platz genug sein eigenes sicheres Traumreich zu bauen. Und wieviel von dem, was nun verloren, wäre dann vielleicht noch da! Aber ach, so bleiben unsere Hütten zurück um unserer Anwesenheit unbedeutenden kleinen Leben zu gedenken. Vielleicht mögen sie einst Tieren oder Eingeborenen eine Bleibe sein.

Dank Segel und Strömung war es leicht und schnell, den Tajazi zu erreichen, ebenso wie auf diesem zu unserem auserkorenen Nebenfluss zu fahren. Wir kamen mitten in der Nacht dort an und es ward schrecklich. Als hätten sie uns erwartet. Einige wenige Feuer wurden von ihnen sowie uns entfacht. Dann stießen sie Baumstämme ins Wasser, wie sie es schon bei Médyhúda getan hatten. Jedoch taten sie dies bereits vor der Mündung des anderen Flusses. Uns blieb also nur die Wahl zwischen dem Versuch durchzustoßen oder umzukehren. Und ein Umkehren war nicht möglich, wie Commosha Dacealus uns schnell aufklärte, denn wir fuhren viel zu schnell. Hätten wir versucht zu wenden, so hätte uns die Strömung unweigerlich an der Sperre kentern lassen. Also gab Gammil Befehl, sie stattdessen zu durchstoßen. Wir alle hielten den Atem an oder beteten zu unseren jeweiligen Gottheiten, als wir uns ihr näherten. Unsere Angreifer hatten es nicht ganz geschafft, den Fluss zu sperren, einige Stellen boten noch knappe Durchgänge. Doch zu beiden Seiten standen sie bereit, mit Speeren in den Händen, andere hielten Bögen gespannt, und alle sangen sie Lieder oder trommelten.

Und dann erreichten wir eine der Engen. Es gab ein fürchterliches Krachen und das Schaben von Holz an Holz und das Schiff schwankte schrecklich. Die Eingeborenen schossen ihre Pfeile ab und zwei der Männer schafften es nicht rechtzeitig, sich in Sicherheit zu bringen. Dann sprangen einige unserer Angreifer unter wildem Rufen und in halbnackten, federgeschmückten Trachten zu uns aufs Schiff. Wir waren dem linken Ufer zu nahe gekommen, und so begann unser erster richtiger Kampf. Während zwei von uns mit dem Steuer rangen und versuchten, uns vorwärts zu bringen, mussten wir Restlichen uns gegen gut zwei Dutzend wilde Krieger zur Wehr setzen. Ich sah Jimmo im wilden Rausch um sich schlagen, sah Oljó von einer geschützten Stellung aus mit der Armbrust das Ufer beschießen, sah Miruil im Tanz mit einem Speerkämpfer. Und Duimé schien der Tapferste von allen zu sein. Alle von uns kämpften aber nun um unser gemeinsames Überleben. Einige taten es Oljó gleich, um nicht noch mehr von ihnen an Bord springen zu lassen. Dann endlich waren wir mit einem plötzlichen Ruck von der Sperre frei und schossen vorwärts; die Pfeile der Eingeborenen am Ufer trafen ins Nichts. Viele der Fackeln an Bord waren bereits erloschen, so wurde der Kampf für uns dunkel und ich sah kaum noch mehr als den Gegner vor mir. Schreie und Schläge von Schwertern auf Speere ertönten überall um mich herum. Immer wieder vernahm ich einen Schmerzenssschrei und oft ein Platschen, als jemand ins Wasser fiel. Und dann war auf einmal alles ebenso schnell vorbei, wie es begonnen hatte.

Wir eilten uns, den anderen Fluss hinaufzufahren und begannen das Staken, sofern noch jemand dazu in der Lage war. Wenigstens unterstützte uns das Segel noch. Erst am nächsten Tag konnten wir die Ausmaße der Schlacht erkennen. Fast ein Dutzend toter Eingeborener ward von uns noch in der Nacht von Bord geworfen. Aber nun erst erkannten wir die Verluste in den eigenen Reihen. Sechs der Männer waren tot, wir konnten sie nur noch ins Wasser lassen. Einer davon war Jénil, einer der ehemaligen Krieger von Duimé. Zwei andere waren bereits an der Sperre erschossen worden. Zwei Männer waren schwerverletzt, es gab kaum Hoffnung für sie. Fünf weitere werden ihre Verletzungen überleben, können jedoch eine Weile nicht arbeiten oder kämpfen. Zu diesen gehören auch Xeazotankro und Scaric. Ersterer verlor einige Finger, zweiterer zog sich zahlreiche Schnittwunden zu. Beide werden uns erhalten bleiben, auch wenn Xeazotankro jammert wie ein Kind. Scaric dagegen macht gute Miene zum bösen Spiel.

Nun muss ich noch das Schrecklichste von allem schildern. Ich würde es lieber vergessen, doch darf es nie vergessen werden. Oh du grausame Welt! Drei der Männer waren schlicht verschwunden, fielen während des Kampfes wohl über Bord. Und einer von diesen Dreien ist mein Couccinne! Oh geliebter Freund, so werden all deine düsteren Ahnungen doch noch zur Wahrheit. Ich werde dich vermissen, mein Freund. Couccinne Carizzo aus Amacco in Omérian, ich schwöre dir, dies alles zu überleben und deiner Familie von dir Nachricht zu bringen, von deiner Tapferkeit zu erzählen, eher will ich nicht ruhen.

Gammil weigerte sich, nach den Vermissten zu suchen und Miruil musste mich zurückhalten, sonst wäre ich allein gegangen. So aber eilen sich die kläglichen Überlebenden dieser schrecklichen Fahrt, vor ihren Feinden fliehend und hoffend auf ein neues Leben. Nun zählen wir nur noch 21 auf diesem Schiff und bald schon dürften es nur noch 19 sein. Wie viele werden wohl noch sterben müssen, bevor wir diesem fehlgeschlagenen Auftrag entrinnen können? Wir sind hier mitten auf diesem uns fremden Fluss, die Flucht dürfte nur noch wenige Tage dauern. Noch hören und sehen wir keine Verfolger, doch werden sie sicherlich kommen. Ich habe Angst.

 

14. 11. 3979, Irgendwo.

Eigentlich bin ich mir ja überhaupt nicht sicher, welcher Tag heute ist. Ist es wirklich der, von dem ich denke, dass er es ist? Auch weiß ich nicht, wo wir uns hier befinden. Alles scheint so hoffnungs- und sinnlos, seit wir den Fluss verlassen haben. Würden Gammil und Miruil uns nicht vorantreiben, so wäre ich wohl schon längst ein Zurückgelassener. Sollte je ein Mensch nach uns suchen, könnte er uns leicht anhand der Spur von Leichen hinter uns finden. Womöglich sind wir in Wirklichkeit auch alle schon lange tot und nun auf einem endlosen Marsch in einem schrecklichen Jenseitsreich, wo nur die Guten den Pfad als Erste verlassen dürfen. Das zumindest würde erklären, warum Couccinne so früh gehen durfte. Mit wem soll ich nun noch über meine Besorgnisse sprechen? Miruil ist völlig in der Aufgabe aufgegangen, über unsere Sicherheit zu wachen. Es ist seltsam, aber ich bemerke immer häufiger, wie ich in Jimmos Nähe gerate. Doch die ständige Anwesenheit von Dosten an dessen Seite hindert mich, unser Gespräch von damals noch einmal aufzunehmen. Scaric muss von zwei Kriegern auf einer Bahre mitgeschleift werden; er hatte sich auf dem Fluss irgendwas eingefangen.

Vor drei Tagen erreichten wir eine Stelle im Fluss, ab der das Schiff ihn nicht mehr befahren konnte. Wir mussten es dort zurücklassen und folgen ihm seitdem zu Fuß den Berg hinauf. Noch bringt uns dies fast nur Nachteile: wir kommen wesentlich langsamer voran, konnten kaum Gepäck mitnehmen, das Gelände lässt sich immer schwieriger begehen und der Wald ist noch überall, wird aber hoffentlich bald weichen. Ständig hängen uns seltsame Luftwurzeln, Äste und Blätter ins Gesicht. Wir gehen gezwungenermaßen im Gänsemarsch, da stets einer von uns vorangehen und einen Weg durch das dichte Unterholz schlagen muss. Unser Lager versuchen wir seit dem Unglück des ersten Wandertages von Wasserquellen fernzuhalten. In besagter Nacht hatten wir übersehen, dass zahlreiche Tiere an jener Stelle zum Trinken kamen. Nachdem der Mann, der Wache hatte, beim Anblick eines Carrara-Pärchens falsch gehandelt hatte, hörten wir von ihm nur noch Schreie und kamen zu spät. Doch so sollte ich einen ersten Blick auf diese mächtigen Raubtiere haben. Ich werde sie nie vergessen: Groß wie ein Mensch auf allen Vieren sind sie, dreckig gelb-schwarz gestreift, die Hinterbeine angewinkelt wie bei Hasen und ihre Sprungkraft mussten wir zu unserem Leidwesen erfahren; der Kopf ist rechteckig und massiv, die Ohren klein und dreieckig, die oberen spitzen Eckzähne überragen des Maul. Und diese wilden Augen. Wir konnten die Tiere zwar töten, doch ein weiterer Mann sollte dabei sterben. Wieder zeigte Duimé hier Tapferkeit; er wird sich bis zu seinem Ende sicherlich gut an diesen Kampf erinnern dank der Narbe. Alle anderen Tiere, auf die wir stießen, scheinen ähnlich viel Angst vor uns zu haben wie wir vor ihnen. Heute wurde ein Mann von einer aufgeschreckten Schlange gebissen; es dauerte nur wenige Stunden bis zu seinem Tod. Gestern wurde Commosha Dacealus von einer handgroßen Spinne angesprungen und gebissen, zum Glück schien sie nicht giftig zu sein. Trotzdem erregte sie Ekel.

Wir sehen nicht einmal, wohin wir gehen, denn die Bäume versperren den Blick zum Himmel. Links von uns liegt der Fluss, nun kaum mehr als ein Bach. Von uns sind nur noch 16 am Leben und ich kann kaum glauben, dass sich diese Zahl so halten wird. Hoffentlich führt uns der Fluss bald in Gegenden, in denen der Baumbewuchs aufhört. Wenigstens aber gibt es hier bereits keine Mücken mehr und Vögel erreichen uns durch das Blätterdach auch keine. Alle paar Schritte die wir vorwärts tun sehe ich aber Puidor zur Rechten. Wie ein böser Geist, der allen unseren Schritten folgt. Vielleicht ist er es ja, der all diese Toten fordert, der sich von ihnen ernährt.

Ein Gutes hat all dieses Unglück aber: Es gibt keinen Streit mehr unter uns. Wir alle handeln als eine Gruppe. Jeder passt auf die anderen auf. Selbst Oljó ist ruhig, sogar Duimé sagt kein Wort unsere Taten betreffend. Gammil, Miruil und manchmal auch Duimé geben uns Befehle, schicken uns voran, wo wir sonst schon längst vor Erschöpfung und Angst zusammengebrochen wären. Wie lange wohl noch?

 

27. 11. 3979, Irgendwo in den Bergen.

Seit einigen Tagen sind wir in den Bergen. Es ist merklich kälter geworden. Für Winter ist es zwar immer noch erstaunlich warm, doch wir merken den Unterschied. Überraschenderweise ist trotz der Strapazen Scaric wieder genesen. Auch sonst haben wir alle den Weg hierher gut überlebt. Den Fluss haben wir hinter uns gelassen, nachdem er zu einem kleinen Gebirgsbach geworden war. Die Ungenauigkeit der Karte hat uns aber zu Schlimmen verführt: Die Berge sind höher als gedacht, wenngleich lange nicht so hoch wie andere Gebirge. Wir befinden uns hier nun auf halber Höhe und noch ist es nicht zu kalt, eher angenehm warm. Die Luft ist klarer, der Wald liegt endlich hinter uns. Wenn man nach Westen sieht, hat man manchmal eine großartige Aussicht über das Land. Und erschreckenderweise sieht man überall nur Wald, unterbrochen von wenig Blau, vor allem im Nordwesten zum See hin. Ich hoffe, diesen gewaltigen Urwald nie wieder sehen zu müssen; vermissen werde ich ihn jedenfalls nicht.

Gestern sah ich erneut Puidor. Ich erkundete gerade die Umgebung unseres Lagers, da stieß ich auf eine Höhle. Feuerschein lockte mich an, doch befahl mir auch vorsichtig zu sein. Also schlich ich, zumindest so gut es ging, suchte mir Deckung hinter einem großen Stein und spähte in die Höhle. Schon längst hatte ich lauten Singsang vernommen. Und da stand er, Puidor, wie immer halbnackt, mir zwar den Rücken zugewandt, doch deutlich erkennbar. Die Arme hatte er weit erhoben, in der rechten Hand hielt er einen Dolch. Vor ihm stand ein kleiner Altar, geschlagen aus dem Felsen, darauf lag ein kleines Tier des Waldes. Im Boden vor dem Altar wiederum befand sich ein großes rundes Loch von dem Durchmesser einer Menschenlänge. Feuer züngelten daraus hervor. Um dieses Loch stand ein halbes Dutzend Gestalten, allesamt nackt. Drei waren eindeutig Eingeborene, doch die anderen Drei sahen nur entfernt menschlich aus. Ihre Haut war schuppig und blauschwarz, der Kopf war der einer Bestie. Sie alle wie sie dort standen sangen zusammen diesen Singsang und ich erkannte darin ähnliche Worte wie damals auf der Sturmwind.

Als Puidor dem Tier die Kehle durchschnitt, war alles vorbei. Ich fand mich irgendwo auf einem Vorsprung wieder ohne auch nur die leiseste Ahnung, wie ich dort hingekommen war. Der seltsame Traum den ich von Puidor hatte, verfolgte mich bis hierher. Es war schwer unser Lager wiederzufinden.

 

02. 12. 3979, Irgendwo.

Schreckliches ist geschehen: Wir wurden gefangen genommen. Sie haben aber mein Tagebuch nicht entdeckt. Ich werde hier festhalten, was uns geschieht. Ich habe aber wenig Hoffnung zu überleben. Eigentlich macht es kaum Sinn, hier hineinzuschreiben. Wer wird es denn schon jemals lesen? Sollten sie mich holen, werde ich es in einem Loch in der Zelle verstecken. Vielleicht findet es jemand. Vielleicht bringt es jemand in die Außenwelt. Oh, wie unsinnig diese Annahmen sind! Aber trotzdem kann ich mich so beschäftigen.

Gerade herrscht da draußen Ruhe. Es ist noch nicht lange her, da kamen sie um Oljó zu holen. Also dürfte nun genügend Zeit sein, bis sie wiederkommen. Ich bin in dieser Zelle jetzt allein mit Xeazotankro, der aber nicht mehr sprechen kann seit sie ihm den Kiefer brachen. Es ist fürchterlich. Sollten sie kommen, mich zu holen, werde ich vielleicht froh sein. Die Gewissheit eines nahen Todes dürfte besser zu ertragen sein als diese unbeschreibliche Möglichkeit des Drohenden.

Noch in derselben Nacht, in der ich meinte diesen Traum von der Versammlung des Puidor zu haben, griff man uns an. Sie kamen aus dem Nichts und gleichzeitig doch von überall her. Bevor wir uns versehen hatten, waren wir bereits umstellt. Gut, eigentlich merkten wir das alles erst, als wir geweckt wurden. Soviel zu unseren Wachen. Einige schlugen sie nieder, bevor wir alle zusammen gefesselt und verschleppt wurden. Ich war teilweise wach, doch erinnre ich mich kaum an den Weg. Es ging eine Weile in der Dunkelheit über steile Bergpfade. Unsere Entführer konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht erkennen, doch sie waren, sie sind, menschenähnlich. Je ein bis zwei trugen, zerrten oder schleppten einen von uns. Bald wurde es vollends dunkel um uns, als wir Höhlen oder Tunnel betraten. Ich weiß nicht, wie lange es so durch die Dunkelheit ging. Auch weiß ich nicht, wohin es ging, denn nie wurde ein Feuer entfacht oder Licht gemacht. Wer weiß, wie es unsere Entführer schaffen, sich in dieser Finsternis zurechtzufinden.

Selbst jetzt hocken wir in teilweiser Finsternis, doch Feuer aus den Räumen jenseits unseres Gefängnisses beleuchtet es schwach. Hier war es, wo wir uns wiederfanden. Außerhalb sehen wir nur wenig. Ein gewaltiger, fast kreisrunder Raum, in dessen Mitte ein gewaltiger Abgrund droht, aus dem Feuerschein und Rauch aufsteigen, liegt dort draußen. Das Gefängnis selbst besteht aus einer größeren, sehr naturbelassenen Höhle, von der mehrere kleine, mit Gittern versperrte Nischen abgehen: unsere Zellen. Es zweigen noch weitere Höhlen und Gänge von der Haupthöhle ab, deren Zwecke uns unbekannt sind. Dies alles wirkt wie eine natürliche Festung.

Niemand bewacht uns. Wenn aber jemand kommt, uns zu holen oder Essen zu bringen, so sind es Eingeborene. Diese elenden Bastarde! Ist dies also ihr Geheimnis? Haben sie hier eine Kultstätte oder die Hauptstadt ihres Reiches? Nun, womöglich auch nur die Folterkammer des Reiches. Bedeutet dies, dass die Eingeborenen doch nicht so harmlos sind, wie immer alle denken? Ach, die Frage war dumm. Mein Gehirn scheint in seinen Leistungen immer weiter nachzulassen.

Nachdem wir mehr oder minder in unseren Zellen erwacht waren, wurden wir nicht einmal begrüßt. Lediglich unsere Waffen hatten sie uns genommen. Ich teile – oder teilte – mir eine Zelle mir Oljó und Xeazotankro. Nebenan höre ich Miruil und Duimé auf der einen, Commosha Dacealus und Gammil auf der anderen Seite, zusammen mit zwei weiteren Kriegern. In den anderen Zellen steckt der Rest von uns. Anfangs schrien und zeterten einige noch, mittlerweile sind die meisten aber verstummt.

Gestern kamen sie das erste Mal, um jemanden von uns zu holen. Einen armen jungen Krieger zerrten sie aus seiner Zelle, die anderen drängten sie dabei zurück. Wir wissen nicht, was aus dem Kämpfer wurde, doch er wurde schreiend in die Haupthöhle hinaus gebracht und entschwand dort unseren Blicken. Gut eine Stunde später hörte ich nur noch Grauenvolles. Ein Singsang ähnlich dem meines Traumes erhob sich dort in den Gängen der Dunkelheit. Immer wieder vernahm ich darin die Worte Šamrek und Ašckhir, welche ich auch damals auf der Sturmwind gehört hatte. Irgendwann stimmte das Schreien des Mannes wieder darin ein, in tiefer Todesfurcht und Abscheu. Und schließlich, zum Höhepunkt des Gesanges, ertönte ein markerschütterndes tiefes Brüllen wie aus dem Leib der Tiefen selber und plötzlich brachen die Schreie des Kriegers ab. Wenig später sollte auch der Singsang enden. Und nun, nun ertönt er wieder, und sie haben Oljó zu sich geholt.

 

05. 12. 3979, Irgendwo.

Ašckhir lautet der Name dieser Gewölbe. Nun wissen wir dies endlich und können den Schrecken benennen. Namensgeber war Oljó, der ihn zu uns trug. Gestern kam er unerwartet wieder. Der Singsang von vor wenigen Tagen war nicht von Schreien begleitet gewesen. Oljó sagt, er wäre verhört worden: Wer er sei, wer wir sind, was wir in diesen Bergen wollten. Er erzählte, er hätte unsere Geheimnisse bewahrt und es ihnen nicht verraten, hätte ihnen gesagt, wir seien nur einfache Abenteurer auf der Suche nach dem Glück. Einen Unterschied dürfte das jedoch nicht machen, denn sterben sollen wir wohl so oder so. Doch mit sich brachte Oljó immerhin einen Dolch, an den er irgendwie gekommen war.

Um diesen herum bildete sich in den folgenden Stunden ein schwachsinniger Plan, der zugleich aber unsere einzige Hoffnung ist. Denn Oljó hatte auf seinem Weg auch die Gänge gesehen; hatte gesehen, wo Waffen liegen und sogar einen Weg ans Tageslicht bemerkt. Duimé meldete sich schließlich freiwillig für diesen Plan. Er sprach, der einzige Sinn seines Lebens sei seine Familie, die nun auf ihn wartete, weshalb er sie nicht alleine lassen würde.

Doch für Gammil kam diese Zusage zu spät. Bevor sie Oljó zurückbrachten, holten sie unseren armen Anführer. Gammil wehrte sich tapfer gegen die vier Eingeborenen, schlug sogar einen von ihnen nieder, doch wurde letztlich überwältigt. Sie brachten ihn hinaus in die Feuerkammer, wie wir den Kessel außerhalb unseres Gefängnisses nun nennen und verschwanden dort mit ihm für immer. Etwa eine Stunde später setzte der Singsang ein. Gammil blieb auch da noch tapfer und stark, nicht einmal schrie er. Zum Höhepunkt des Ganzen jedoch, in Verbindung mit diesem unheiligen Brüllen aus der Tiefe, brach auch sein Widerstand und wir hörten ihn. Wir alle trauern nun um ihn. Wer wird der Nächste sein? Mein Verstand droht schon vor Angst völlig zu entfliehen. Oh, Ccillia, oh Couccinne, rettet mich!

 

13. 12. 3979, Irgendwo.

Wo bin ich? Wo? Wo! Fast könne ich auch fragen, wer bin ich. Doch noch ist es mir halb bewusst. Es ist dunkel. Nun, nicht ganz. Der Mond gibt mir genug Licht zum Schreiben. Ich hocke hier in irgendeinem dunklen Erdloch. Sonst gibt es hier aber auch nirgends Deckung, nirgends Schutz. Dieses ganze elende Land hier ist, so weit man sieht, in alle Richtungen offen. Nur hie und da ein Busch, ein Baum. Und doch bin ich hier allein, sehe ich niemanden. Selbst Tiere scheinen mich zu meiden. Dabei habe ich kaum noch etwas bei mir, außer diesem Buch und dem kläglichen Rest Tinte. Dies wird mein letzter Eintrag sein. Selbst wenn ich noch länger überleben sollte, werde ich über keine Tinte mehr verfügen. Vielleicht sollte ich einfach dieses verdammte Pergament essen, etwas anderes findet sich hier doch nicht! Aber nein, ich reiße mich zusammen. Hier in diesen Gegenden ist es wahrscheinlicher, dass jemand mal dieses Buch finden sollte. Ich stelle mir vor, wie es jemand in hunderten von Jahren als einzigen Zeugen neben meinen Knochen findet. Ich werde also fortfahren, über alles zu berichten, zur Warnung derer, die da kommen, vielleicht? Als Warnung vor dem Wald, den Eingeborenen, den Bergen, dem Grauen dort drinnen!

Ach, lasst mich jetzt den Wahn auskosten! Nun, werter Finder, werter Leser, sicher wundert ihr euch, seid ihr denn bis zu diesem Eintrag gelangt, wie es sich ergab, dass ich mich hier in den Steppen wiederfinde. Lasst es mich erklären, mein Freund, oh einziges Wesen hier, zu dem ich sprechen darf. Wir waren zuletzt an einer Stelle stehengeblieben, an der unser geschätzter Führer Gammil gerade geopfert worden war und Oljó mit seinem Ausbruchsplan ankam.

Wir mussten noch zwei weitere Tage warten, bevor wir damit beginnen konnten, doch dann war es plötzlich soweit. Sie kamen sich ein neues Opfer zu holen. Als dieses hatten sie sich den Jungen Dosten auserkoren. Ab da ging alles schief, was wir je geplant hatten. Jimmo, der sich in derselben Zelle wie Dosten befand, stellte sich vor ihn und meinte, dass sie erst an ihm vorbei müssten, bevor sie den Jungen bekämen. Die Wächter verstanden vermutlich kein Wort, jedenfalls schlugen sie Jimmo nur einfach nieder und packten Dosten, um ihn herauszuzerren. Da fing Duimé in seiner Zelle an zu rufen, man solle ihn nehmen, doch ihn beachteten sie erst gar nicht. Als dieses also nicht klappte, war er Oljós Dolch hinüber in Jimmos Zelle, der gerade wieder aufstehen wollte. Er nahm den Dolch und stach ihn einem der Eingeborenen in den Bauch, bevor sie handeln konnten. Endlich kam ihm auch Gasuim, der Dritte in jener Zelle, zu Hilfe. Er schnappte sich die fallengelassene Waffe des erstochenen Eingeborenen. Zu zweit sahen sich Jimmo und Gasuim drei Gegnern gegenüber. Diese kamen nicht einmal auf die Idee, Hilfe zu rufen, waren sich ihres Sieges scheinbar schon sicher. Einer blieb zurück um Dosten zu halten, derweil die anderen beiden mit Jimmo und Gasuim kämpften, die trotz der langen entbehrungsreichen Zeit den Kampf gewannen. Der letzte Wächter hatte, als er seine Geisel törichterweise von sich stieß, kein langes Leben mehr.

Die drei Krieger eilten sich sodenn, uns andere auch zu befreien. Noch hatte man nichts von unserer Tat bemerkt, doch lange könnte es nicht dauern, bis die Wächter mit dem Opfer vermisst werden würden. Oljó zeigte uns die kleine Waffenkammer, welche nahezu genau neben meiner Zelle gelegen hatte, und wir rüsteten uns mit Sensen und Äxten aus. Unser Leben lag weiter in Oljós Händen; nur er wusste den Weg hinaus, ihm hatten wir zu folgen. Dazu eilten wir durch dunkle Gänge, an seltsamen Höhlen vorbei, sahen sonderbare blauleuchtende Kristalle und Kammern gefüllt mir eiähnlichen Gebilden, deren Zweck mir immer noch nicht klar geworden ist, doch die mir kein gutes Gefühl vermittelten.

Seltsamerweise begegnete uns auf dem ganzen Weg kaum ein Eingeborener. Ich hätte mit wesentlich mehr Widerstand gerechnet. Bald fragten wir uns, ob Oljó auch tatsächlich wüsste, was er da tat, denn unserem Gefühl zufolge gingen wir immer nur im Kreis, da meinte er endlich, die Tunnel hinaus lägen um die nächste Ecke. Doch vorher kamen wir an einer Öffnung zur Haupthöhle vorbei, wo wir Schreckliches sahen. Jener Anblick verfolgt mich in meinen einsamen, düsteren Träumen.

Diese Träume erzählen von einer gewaltigen Höhle, himmelwärts strebend der wolkenverhangenen Nacht hin geöffnet, abwärts dagegen nur feurige Abgründe offenbarend. Auf unserer Höhe lag eine Art Umrandung einmal rings um diese Abgründe herum, eine sich daraus bildende Felsnase ragte weit über das Feuer hinaus. Dort drauf war es, dass ich Puidor erblickte. Er stand, hatte die Arme weit erhoben wie damals in meinem Traum von der anderen Höhle. Hinter ihm, am Rand des Abgrundes, waren dutzende, nein hunderte von Eingeborenen und diesen brutalen Schuppenwesen. Sie alle standen dort und starrten wie gebannt hinab in die Feuer, allesamt vereint diesen Singsang von sich gebend, doch tausendmal lauter als zuvor. Vor Puidor war ein Käfig eingelassen in die Felsnase, in der noch Knochen lagen. Dann aber erblickte ich den Schrecken meiner wüstesten Alpträume, aufsteigend aus dem Feuermeer. Gewaltige Augen in einem gewaltigen Schädel, die nur Brutalität und Macht versprühten, erblickten uns bei unser Flucht. Riesige Finger mit scharfen Krallen einer beschuppten Hand deuteten auf uns. Ein Brüllen, lauter als die Stimmen aller Versammelten zusammen, erhob sich wütend aus seinem Maul, das groß genug war einen Menschen stehend aufzunehmen.

Plötzlich drehten sich alle nach uns um. Der Bann, der wenige Herzschläge lang auf uns gelegen hatte, wurde so gelöst. Oljó schrie, wir müssten laufen und auf einmal war alles panisch unterwegs. Wir rannten nun blindlings durch dunkle Tunnel, immer Oljó hinterher. Irgendwo auf diesem Weg muss Gasuim gestolpert sein; wir vernahmen nur noch seine Schreckensschreie und die Laute wilder Bestien, wie sie über ihn herfielen. Er sollte aber nicht das letzte Opfer bleiben, bis wir endlich die Freiheit erreichen konnten.

Es geschah völlig unvermutet, doch plötzlich waren wir dann draußen, hatten wir die Höhlen hinter uns gelassen. Vor uns lagen Felsen und Sträucher und in der Ferne das offene Land. Immer noch liefen und rannten wir, immer weiter, denn sie waren hinter uns. Nicht einmal wagte ich es, mich umzudrehen, blickte nicht einmal zurück. Angst vor allem, was da hinter uns war trieb mich voran, Angst vor diesem unglaublichen Schrecken. Bald rief Miruil, dass wir uns trennen müssten, wollten wir eine Möglichkeit zum Überleben haben. So kam es, dass ich die anderen aus den Augen verlor. Angstgetrieben rannte ich nämlich stolpernd weiter über Stock und Stein. Möglichkeiten sich zu verstecken gab es ja nur wenige, denn wir waren in halber Höhe aus dem Hang des Berges gekommen. Wo man nun auch hinsah, man erblickte überall nur graues und schwarzes Gestein, Aschefelder und Gesteinsbrocken aller Größen. Nur die Dunkelheit beschützte uns.

Bald dann wollten meine Beine mich nicht mehr weiter tragen und schließlich ließ ich mich hinter einem Stein schwer fallen. Trotzdem musste ich noch einen gehetzten Blick zurückwerfen. Man kann sich kaum meine Erleichterung vorstellen, als ich keine Verfolger erblickte. Gleichsam aber sah ich auch keinen der anderen. Darüber zu grübeln blieb mir aber erstmal keine Zeit, erschöpft schlief ich an Ort und Stelle ein. Als ich erwachte, war es etwa Mittag. Immer noch gab es keine Sicht von Freund oder Feind, auch hatte ich den Berg aus meinem Blick verloren. Ich konnte nur noch versuchen, nach Osten zu gehen, in der wilden Hoffnung, auf einen Fluss und damit auf die anderen zu stoßen. Gestern erblickte ich einen und halte seitdem darauf zu. Nachdem die Berge hinter mir lagen, kam soweit man blicken konnte nur Steppe, selten durchbrochen von einzelnen Hainen.

Vor einigen Stunden glaubte ich im Süden eine Horde dieser schuppigen Bestien zu sehen, weshalb ich mich hier nun versteckt halte. Einer aus unserer Gruppe muss unbedingt überleben, zurückkehren nach Nardújarnán und sie warnen. Dafür sollte uns auch vergeben werden können. Diese Bestien scheinen die Eingeborenen zu beherrschen oder zumindest mit ihnen zusammenzuarbeiten. Ihre Angriffe gegen Nardújarnán scheinen nur der Anfang von etwas zu sein. Ich habe es hier noch nicht niedergeschrieben, doch eines Nachts kam Puidor in meinen Träumen zu mir und erzählte, dass es an anderen Orten auf der Welt weitere Festen wie die seine gäbe, und ihr Ziel diese ganze Welt sei. Sie muss gewarnt werden. Doch wer weiß, ob diese Nachricht sie je erreichen wird. Und nun…

 

(Der Rest ist kaum noch zu entziffern gewesen, da die Tinte immer schwächer wurde. – Anm. d. Hrsg.)

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Das gesamte Buch kann man auch gedruckt kaufen.

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