Falerte, Teil 47: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

XLVI: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

 

04. 02. 3980, Irgendwo auf dem Meer.

Sie nahmen mir mein altes Tagebuch, dass ich so sorgsam beschützt hatte, wie sie uns alles nahmen. Darum beginne ich dieses Neue hier, das zumindest haben sie mir erlaubt. Ich weiß, dass sie mich für verrückt halten; die anderen ebenso. Möglicherweise sollte ich eine Weile lang Einzelheiten meiner Geschichte verschweigen, die den Glauben an meinen Wahnsinn nur weiter halten könnten. So kamen wir wenigen Überlebenden darin überein, über die Wesen in der Feuerfeste zu schweigen. Wir wollen sie aber trotzdem vor der Schrecklichkeit der Feste warnen. Sie muss zu Fall kommen, bevor sie Nardújarnán vernichten kann. Puidor und meine Erscheinungen werde ich ebenfalls verschweigen. Jedoch, sie verfügen über mein altes Tagebuch. Sollten sie es lesen, wie soll ich ihnen dann das erklären, was darin geschrieben steht? Ich schätze, ich müsste es als bloße Geschichten hinstellen, die ich mir in meiner Langeweile oder schlimmer, meinem Wahn, erfand.

Aber es gibt auch einige Dinge, die ich selber gern erführe. Keiner der anderen spricht zum Beispiel über das, was ihm jeweils auf seiner Flucht zugestoßen ist; selbst Miruil erzält mir nur, dass er ähnlich wie ich blindlings floh und die anderen nur durch Zufall wiederfand. Gerne aber würde ich wissen, was mit Duimé geschah, doch keiner der Männer meint, ihn nach der Flucht noch einmal gesehen zu haben. Es ist sonderbar; wir widersetzten uns ihm, wir fesselten ihn für Tage, wir unterwarfen ihn uns und trotzdem kämpfte er weiter so tapfer an unserer Seite. Nur um sein Leben zu retten oder doch für uns alle? Ich werde es nie erfahren, doch plane ich seiner Familie mein Mitleid zu bekunden, wie ich es auch Couccinnes Familie versprach. Noch wurde uns aber nicht erlaubt, wieder Briefe zu schreiben. Und das, wo ich doch so darauf brenne meiner Schwester all das Geschene zu erzählen und mich gleichzeitig fürchte, Ccillia zu schreiben.

Endlich sind wir wieder im schönen Nardújarnán und haben die garstigen Abscheulichkeiten des unendlichen Waldes und der endlosen Steppen hinter uns. Nun reisen wir zurück nach Ejúduira. Vermutlich wird man uns dort verhören. Jetzt, wo alle Zeugen unserer Meuterei aber tot sind, sehen wir einer höheren Wahrscheinlichkeit entgegen, freigesprochen zu werden. Nur kann ich es mit meinem Gewissen vereinbaren, dem armen Duimé alle Schuld zuzuschieben? Ich werde es wohl sehen müssen. Sollte ich dies alles jedoch überstehen, so werde ich meinen Dienst aufgeben und zu Ccillia zurückkehren, soviel ist sicher.

Wir begannen unsere neue Reise in Camdis, einem Außenposten von Pesenno, einem Land von Nardújarnán, das noch keine Städte oder Dörfer hat. Und das, wo sich grüne Ebenen vom Meer im Osten bis in die gewaltigen Berge im Westen strecken. Als nächstes kamen wir in die Hafenstadt Aiduido Elazar, welche im Land Labuira an der Ostküste von Nardújarnán liegt. Sie ist die nördlichste Stadt des ganzen Reiches und befindet sich auf Stufen und Hängen, die sich vom Meer aus hoch in die nahen Berge ziehen. Diese Berge sind wahrhaft mächtig, dagegen wirkten die im Norden wirklich nur wie Hügel. Uns war es erlaubt die Guigans in der wir uns befanden zu durchwandern, und von den Mauern hatte man einen überwältigenden Ausblick. Im Westen von Aiduido Elazar steigt das Land an zu Hochwiesen und schließlich zu schneebedeckten Gipfeln; im Osten liegt der unendliche Ozean und die Stadt unterhalb der Guigans; nach Nord und Süd hin sieht man weite grüne Wiesen, auf denen große Herden grasen.

Unser Weg führte uns weiter die Ostküste Nardújarnáns herab. Bald verschwanden die Berge im fernen Westen, stattdessen erhoben sich plötzlich andere direkt an der Küste. Uns wurde gesagt, dass dies das Land Iganosnán sei, welches sich bis an den Tajazi erstreckt und das fruchtbarste aller Länder von Nardújarnán sei. Doch wir sahen nur die flachen Berge und die zahlreichen Dörfer sowie Städte an der Küste. Dann umsegelten wir das östliche Kap.

Nun befinden wir uns zwischen den Hunderten von kleinen Inseln, die dem Delta des Tajazi vorgelagert sind, und wieder einmal werden wir diesen größten aller Flüsse hinauffahren. Ich kann aber nur stets an all den Schmutz und Tod denken, welche der Fluss mit sich trägt und an die schönen Strände an seiner Quelle, dem großen See. Der Kapitän unseres Schiffes sagte uns, dass die Fahrt auf dem Fluss hier im Süden nicht ganz so lange dauern würde, da sich das Delta bis hinauf nach Ejúduira erstrecke und der Fluss deshalb breit und tief genug sei, dass unser Schiff weiter hinaufsegeln könne und wir kein Flussschiff benötigen. Hoffentlich hat er Recht, ich kann auf Flussreisen eigentlich erstmal gut verzichten.

Das Schiff auf dem wir uns befinden ist nur mittelgroß und hat kaum Kundschaft, so dass uns allen zusammen drei Kabinen mit Doppelbetten zur Verfügung stehen. Das Schiff ist keines der Armee und so sind neben uns noch drei andere Reisende mit an Bord. Seltsamerweise mag aber keiner von diesen mit uns sprechen; sie behandeln uns zumeist, als seien wir Aussätzige. Es ist sehr bedauerlich. Doch endlich einmal reisen, ohne dafür gleichzeitig arbeiten zu müssen. Da wir auch nicht zu zahlen haben und wir trotzdem gut versorgt werden, ist dies schon fast Freizeit für uns. Dafür aber bekamen wir auch noch nie seit unserem Verlassen Rardisonans Sold ausgehändigt. Vielleicht werden wir ja auch nie etwas bekommen, sollte es in Ejúduira schlecht für uns laufen.

Trotz all der Gemütlichkeit, die uns an Bord zuteil wird, behandelt man uns wie Gefangene, Vögel im goldenen Käfig. In keiner der Städte, in denen wir anlegten, durften wir an Land gehen; das Schiff konnten wir seit unserer Abreise also nicht einmal verlassen. Oljó beschwert sich, nicht um Geld spielen zu können, doch wird dann meist scharf von Commosha Dacealus zum Schweigen gebracht, auf dessen Lippen seit seinem Erwachen und der Erkenntnis, eine Hand weniger zu haben, kein Lächeln mehr spielte. Jimmo wiederum hat mit Dosten zusammen unsere alten Übungen wieder aufgenommen, denen manchmal auch Miruil und ich beiwohnen, meist mehr aus Langeweile denn aus Interesse.

Oft denke ich zurück an die letzten Monde, an die Angst, an die Kämpfe, an Puidor, an Couccinnes Verlust. Auch an die anderen Gefallenen, so an den tapferen und ehrenhaften Duimé, dessen Andenken nun mit Ehrlosigkeit beschmutzt werden soll; an den stets munteren Scaric, der die Krankheit der Flüsse letztlich doch nicht überlebte; an den ebenfalls tapferen Gammil, dessen Mut uns ein Vorbild sein sollte. Was mich selber jedoch verwundert, ist, dass ich seit unserer letzten Flucht nichts mehr von Puidor sah oder hörte. Sollte der Schrecken der Berge mich gesundet haben? Habe ich ihn in der Feuerfeste endgültig zurücklassen können? Ich hoffe es. Und ich werde, sobald ich wieder Briefe schreiben darf, Garekh nochmals nochmals bitten, den richtigen Puidor zu suchen.

 

06. 02. 3980, Irgendwo auf dem Tajazi.

Manchmal frage ich mich, ob ich damals überhaupt richtig handelte, als ich Ayumäeh verließ. War es richtig, mich so mit meinem Vater zu überwerfen? Einstmals verstanden wir uns gut, doch da war ich noch ein kleines Kind. Was hat sich seitdem verändert? Ich erinnere mich noch an Zeiten, da wir gemeinsam an den Strand von Ayumäeh gingen um in den Wellen zu baden oder Fische zu fangen, oder als wir die Klippen der Insel Felser erklommen. Liegt es daran, dass sich seine Geschäfte später besserten, er mehr Gewinn machte und dafür dann meine Hilfe brauchte? Ich erinnere mich nur noch dunkel an die Vorwürfe, die ich ihm bei meinem Verschwinden heimlich machte. Vielleicht ist mein Vater eigentlich doch kein eigensinniges Monster, sondern war tatsächlich nur um meine Sicherheit besorgt? Seltsam, wie sich allein durch zeitlichen und räumlichen Abstand Einfälle und Erkenntnisse ergeben.

Und doch glaube ich, dass wir uns weiter angreifen würden, sollten wir uns wiedersehen. Momentan vermisse ich ihn und die schönen Zeiten, die wir hatten, doch vielleicht mache ich mir nur etwas vor, vielleicht hoffe ich einfach nur, dass alles wie in meinen Träumen wäre, vielleicht bilde ich mir nur die Zuneigung ein, die ich zu ihm in den schönen Zeiten hatte. Unsere Trennung war mehr als schlecht, womöglich ist seine einstige Liebe nun schon längst umgeschlagen zu Hass. Ich weiß so nicht, ob ein Wiedersehen gut wäre, es könnte leicht zu Vorwürfen und Streit kommen.

Womöglich sollte ich auch niemals heimkehren, das Schlechte vergessen und mich stets an das Gute erinnern. Und doch – irgendwie drängt es mich zur Heimkehr. Eine Versöhnung mit meinem Vater versuchen und ihm zeigen, dass er mir nicht mein Leben vorschreiben kann. Auch will ich längst schon Ccillia wiedersehen, ebenso meine Schwester mit ihrer Familie sowie den guten alten Garekh. Ich werde mir merken müssen, meine Schwester nach Vater auszufragen sobald ich wieder Briefe schreiben darf. Und dann, ja dann, wird mich nichts mehr halten, dieses schöne und doch alptraumhafte Land zu verlassen und heimzukehren.

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Das gesamte Buch kann man auch gedruckt kaufen.

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