Falerte, Teil 54: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

LIII: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

 

27. 03. 3980, Atáces.

Nun scheint es uns ähnlich wie Commosha Dacealus zu ergehen. Castaris trat heute morgen vor uns und befahl uns bloß, unsere Sachen zu packen. An der Stelle stand ich auf und widersprach ihm. Ich will nicht mehr für die Armee arbeiten, sagte ich ihm, lieber säße ich die Strafe ab und ginge danach heim. Doch Castaris antwortete nur knapp und deutlich, niemand dürfe gehen. Sein Auftrag für uns sei kein Angebot, sondern ein Befehl. Wer diesen verweigert, bekäme als Strafe dafür unweigerlich den Strang. Scheinbar sind wir in etwas Auswegloses geraten. Immerhin milderte Castaris seine harsche Ansprache dadurch ab, dass er ergänzte, bei einer guten Erledigung sei dies der letzte Auftrag für uns gewesen, wir könnten danach gehen.

Ob er sich daran halten wird? Auch frage ich mich, was uns nun überhaupt erwartet. Wir wissen nur, dass die Reise nach Elpenó geht, mehr verriet er uns nicht. Die anderen sind deshalb genauso ungemut wie ich. Aber wie dem auch sei, in zwei Stunden sollen wir los.Interessanterweise scheinen wir mit Kutschen zu reisen. Jemand hat es wohl eilig mit uns.

 

01. 04. 3980, Almez.

Erneut sind wir in Almez, heute Abend schon laufen wir mit einem Schiff nach Elpenó aus und sollten dort Ende der Woche ankommen. Es war ein seltsames Gefühl, unterwegs wieder in Guijúlon einzukehren, wo wir damals, als wir Nardújarnán und seine dunklen Seiten noch nicht kannten, schon genächtigt hatten. Damals, als Scaric und die anderen noch lebten und Duimé versuchte unser Freund zu werden. Wie lange scheint das doch her. Der Außenposten hatte sich nicht verändert, wir dagegen schon.

Diesmal dauerte die Reise von Atáces gen Almez nur drei Tage. In Kutschen reisen ist wahrlich eine sonderbare Annehmlichkeit. Wir sind trotzdem unzufrieden, denn immer noch wissen wir nicht, wozu wir diese Reise unternehmen und keiner von uns verspürt Lust, erneut aufgrund eines sinnlosen Auftrages sein Leben aufs Spiel zu setzen. Castaris sagte uns nach wiederholtem Drängen nur, dass wir nach Galjúin müssten, einen Freund von ihm zu helfen. Doch ist dieser nicht unser Freund, also warum ihm helfen?

Unser neuer Anführer ist nicht hart wie Duimé es war, auch wenn wir ebenso täglich unsere Übungen vollziehen müssen, doch hält er einen seltsamen Abstand zu uns und die Eindrücke des Geheimnisvollen und Gefährlichen umgeben ihn. Auch hörte ich in einzelnen Orten aus dem Straßengespräch heraus, dass es in Galjúin Räuber geben würde. Nichts Ungewöhnliches eigentlich, also warum diese Reise?

 

02. 04. 3980, Almez.

Castaris hatte mit der gewöhnlichen Reisedauer von nur einem Tag von Almez nach Elpenó gerechnet. Geschwindigkeit ist ihm wichtig, unsere Bequemlichkeit dabei nur Zufall. Hier auf dem Schiff, einem eigentlich schnellen, dafür aber kleinem Handelsschiff, gibt es kaum Platz für Reisende. Schlafplätze waren für uns wegen der kurzen Fahrt auch gar nicht vorgesehen, nun müssen wir für die nächste Nacht unser Lager dort aufschlagen, wo gerade Platz ist. Das bedeutet also: mitten auf dem Deck. Aber gut, das sind wir ja gewöhnt.

Es ist seltsam, auf dem Meer vor der Küste zu fahren, auf dem ich damals das erste Mal die Erscheinung des Puidor hatte. Vorausgesetzt, er war schon in den Sümpfen damals nicht bloß eine Erscheinung gewesen. Oft muss ich an meine verschiedenen Begegnungen und Träume denken, sehe manchmal Puidor irgendwo stehen oder erkenne ihn in anderen Menschen. Doch längst ist es nicht mehr so bedrohlich wie früher, längst erscheint er mir nicht mehr einfach so, unerwünscht.

Ich habe mit Couccinne über die Angelegenheit gesprochen. Er meint, mich würde Schuld quälen, weil ich damals Rardisonán verlassen hätte ohne die Möglichkeit gehabt zu haben, mich von Puidor zu verabschieden, und dass unsere Erlebnisse in Ašckhir dies überlagert oder ausgelöscht hätte. Mich befriedigt diese Antwort keineswegs. Was, wenn er schon in den Sümpfen nicht wahrhaft dagewesen war? Doch er musste es, wer hätte mich sonst pflegen können? Ich hoffe, Garekh oder meine Schwester finden oder fanden etwas heraus.

Ich klärte Couccinne auch über das auf, was Commosha Dacealus mir über Oljó gesagt hatte. Wir sind uns einig, dass wir das nicht gutheißen können und Oljó eines Tages dafür bezahlen muss.

 

03. 04. 3980, Elpenó.

Wir haben Elpenó erreicht, eine kleine Stadt auf einem der Finger von Galjúin, ganz im Osten gelegen, Trotz ihrer geringen Größe ist sie Sitz der Obrigkeit der Seewächter von Nardújarnán. Daher kommt es auch, dass die Stadt größtenteils aus Hafenanlagen und Lagerhäusern sowie einer großen Guigans zu bestehen scheint, derweil es nur verhältnismäßig wenig Wohnhäuser gibt. Auf drei Seiten ist die Stadt von Wasser umgeben, eine seltsame, doch natürliche Kette von Inseln, Landzungen, Felsen sowie zusätzlich erbauten Sturmmauern bieten ihr Schutz vor dem Meer und ermöglicht überhaupt erst die Nutzung als Hafen. Ohne sie wäre die Stadt den Gezeiten schutzlos ausgeliefert. Das Hinterland ist hügelig und im Nordwesten erkennt man bereits die Berge von Galjúin.

Castaris ließ uns Unterkunft in der Guigans beziehen, derweil er irgendwo in der Stadt verschwand. Was er dort wohl anstellt? Zumindest versprach er mir, dass ich bald wieder Briefe schreiben dürfe; ein Lichtblick in diesen verworrenen Wochen. Kaum ein Tag vergeht, an dem ich nicht an Ccillia und meine Schwester denke. Und doch, ich wüsste nicht, was ich Ccillia überhaupt schreiben solle. Ich werde gehen und mit Couccinne darüber sprechen.

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