Falerte, Teil 57: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

LVI: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

 

07. 04. 3980, Unfern von Elpenó.

Gestern kam Castaris zu uns. Er wirkte aufgeregter als sonst, seine Miene wies Unruhe auf. Er sagte uns nicht viel; nur, dass wir wieder einmal aufzubrechen hätten. Diesmal geht es in die Berge. Alle Annehmlichkeiten sind vergessen. Es fahren uns keine Kutschen mehr, wir gehen zu Fuß. Das bedeutet einige Tage über Stock und Stein, denn Castaris sagte uns etwas mehr. Er verriet uns, wir seien in einem Geheimauftrag unterwegs, dessen Gelingen uns die Freiheit erkaufen und für Nardújarnán die Sicherheit erringen würde. Wir suchen einen Mann namens Mosíz, der wichtige Einzelheiten den Auftrag betreffend weiß, sich jedoch in den Bergen hat verstecken müssen. Was es vermutlich wäre, dass dieser Mosíz weiß, wollte uns Castaris aber nicht sagen. Er bläute uns lediglich ein, aufmerksam zu sein und seltsame Vorkommnisse zu melden.

Offensichtlich ist dieser Auftrag selbst Nardújarnán gegenüber geheim, denn auf unserer Reise meiden wir alle Wege und Ortschaften, die von den Landwächtern bewacht werden und bisher begegnete uns auch niemand. Es ist sonderbar, doch irgendwie scheint gerade das Geheimnisvolle uns alle zusammenzuhalten, als wären wir sieben etwas Besonderes vor dem Rest der Welt oder über ihr erhaben.

Einiges kann solch ein Gefühl jedoch nicht ändern, so z.B. die Feindschaft zwischen Teilen von uns. Aufgrund seiner Begabung für die Übungen scheint Castaris Oljó etwas vor uns zu bevorzugen, was dessen Gefühl der Überlegenheit uns gegenüber nur noch stärkt. Streitereien zwischen Oljó und Jimmo bahnen sich auch oftmals ihren Lauf, besonders wenn Castaris nicht anwesend ist. Sonst nämlich bieten wir alle meist den Anblick reiner Unschuld, da keiner von uns von Castaris bestraft werden will. Was mir jedoch weiterhin Sorgen macht, ist, dass in diesen Streitereien Miruil eher Oljó beizustehen scheint, Couccinne dagegen Jimmo. Ich möchte nicht, dass dies alles uns entzweit.

 

13. 04. 3980, Irgendwo in den Bergen.

Castaris erzählte uns, ein Mann hätte ihm in Elpenó erklärt, wo man hier in den Bergen diesen Mosíz finden könne. Dieser Wegbeschreibung sind wir gefolgt. Nun befinden wir uns hoch oben in den Bergen in einer Höhle, die selbst tagsüber nur schwach erleuchtet wird. Dies soll die Fluchtmöglichkeit des Mosíz sein, doch leider ist er gerade nicht anwesend. Genau genommen sieht es hier sogar danach aus, als würde er nie zurückkehren. Scheinbar gab es einen Kampf: Vergossenes Blut und zerbrochene Stühle weisen deutlich darauf hin. Eine Leiche fand sich jedoch nicht und vermutlich ist hier auch niemand gestorben; zumindest floss dafür nicht genug Blut.

Also was ist hier wohl geschehen? Für mich stellt sich eigentlich die Folgerung recht klar heraus, dass Mosíz entführt worden sein muss, Feinde scheint er ja gehabt zu haben. Castaris räumt dies als Möglichkeit ein, doch wäre es laut ihm ebenso möglich, dass Mosíz nur flüchten musste. Für mich klang das bloß nach schwacher Klammerung an die einzige Hoffnung.

Schließlich fand ich gut versteckt hinter Steinen in einer Ecke der Höhle, einen gebundenen Stapel Pergamentes, die Notizen des Mosíz. Ich hatte noch Zeit, sie kurz durchzublättern, bevor die anderen bemerkten, dass ich etwas gefunden hatte und Castaris es haben wollte. Ich wusste da schon genug, weshalb es Zeit für mich war, Castaris gegenüberzutreten. Ich fragte nicht, ich erzählte ihm, weshalb wir hier seien, was ihn zunächst nur staunend zuhören ließ.

Castaris und Mosíz sind beide Geistwächter, was erklärt, warum sie sich so geheimnisvoll geben und im Deckmantel reisen. So scheint es sich ja für Geistwächter zu gehören. Mosíz ist dabei derjenige, der verdeckt in Elpenó arbeiten musste, derweil Castaris daheim sein durfte. Scheinbar hatte es in und um der Stadt einige Vorfälle gegeben, die es Atáces notwendig erscheinen ließ, seine Geheimkrieger zu entsenden.

Was das nun genau für Vorfälle gewesen waren und worauf Mosíz in der Stadt sowie in den Bergen gestoßen war, konnte ich nicht mehr schnell genug lesen. Als ich bei meiner Erzählung dann das Wort Geistwächter erwähnte, machten einige laut ihrem Unmut Luft. Sobald ich geendet hatte, wollte mich Castaris wütend ansprechen, vermutlich wegen meiner plötzlichen Dreistigkeit, doch wurde er schnell von den anderen unterbrochen. So erfuhr ich auch mehr von deren Vergangenheiten. Es war einst ein Geistwächter, der Miruils Familie der Steuerhinterziehung überführte, wofür sein Vater schwer zahlen musste. Oljó wurde von einem Geistwächter bei einem Einbruch erwischt, wofür er schließlich dazu verurteilt wurde, in die Armee zu gehen und hierher kommen zu müssen. Jimmo musste einst Geistwächter in seinem Heim unterbringen, die Machey auskundschaften wollten und sich seiner Frau gegenüber nicht vorteilhaft verhielten. Couccinne und ich hatten lediglich Geschichten von diesen Spitzeln gehört, die uns aber bereits ausreichten. Nur der Junge Dosten scheint ihnen nicht feindlich gegenüberzustehen.

So kam es, dass Castaris sich plötzlich von uns bedrängt sah und meinte, uns mit Drohungen von seiner Haut fernhalten zu müssen, was Miruil und Oljó aber nur noch mehr reizte. Letztlich musste ich, unterstützt von Jimmo, dazwischen gehen, damit nichts Schlimmeres geschehe. Wir überzeugten Castaris dann, uns endlich aufzuklären. Bald gab er auch auf und sah ein, dass wir eingeweiht werden müssten, um besser vorgehen zu können und behauptete, dies sowieso vorgehabt zu haben. Wie auch immer.

Er erzählte uns, dass Mosíz tatsächlich etwas in Elpenó nachgehen sollte. In den letzten Monden seien Banditen in den Bergen verstärkt tätig gewesen. Aus der Stadt war öfter manche Kiste voll von Waffen, Nahrung oder anderem verschwunden. Elpenó sagte, dies seien vermutlich die Räuber gewesen, doch etwas daran erschien merkwürdig. Mosíz sollte herausfinden, wer dafür wirklich verantwortlich war. Weiterhin hatten sich die Eingeborenen in den Bergen seltsam verhalten, ähnlich wie sie es in Jaduiza getan hatten. Das ließe auf eine Verbindung schließen. Uns kamen dazu natürlich die Angriffe auf uns in Jaduiza in den Sinn und genau das hatte er gemeint.

Nun sei Mosíz aber vor wenigen Wochen verschwunden; in seinem letzten Brief hatte er noch erwähnt, auf etwas gestoßen zu sein. Ursprünglich hätte man mit uns vorgehabt Mosíz zu unterstützen, nun müssten wir ihn finden. Wir alle fragten uns, ob dies wieder eine ähnlich sinnlose Aufgabe wie Médyhúda sei, doch spornen uns nun immerhin zwei Dinge an, trotz allem Unmut Castaris zu helfen: erstens würden uns bei einer Verweigerung nun wahrhaft schlimme Dinge erwarten, zweitens galt es einen Menschen zu retten, auch wenn dieser ein Geistwächter war.

So schlugen wir also hier unser Lager auf. Mittlerweile ist es Nacht und ich habe Wache. Doch vor kurzem ist etwas geschehen und nun könnte ich sowieso nicht mehr schlafen. Mir war hier drinnen langweilig, also ging ich spazieren. Bald bemerkte ich einen schwachen Lichtschein am Ende des schmalen Grats, auf dem ich ging. Vorsichtig schlich ich mich also heran. Es war Feuerschein, der aus einer Höhle schien. Da ich niemanden hörte, spähte ich hinein.

Oh, hätte ich das doch nicht getan! Sofort wurde mir mein Fehler bewusst. Ich erkannte, dass der Feuerschein von Kerzen herrührte, die in einem Halbkreis in der Mitte der Höhle aufgestellt waren und sie schwach beleuchteten. Um diesen Halbkreis herum standen vier dunkel verhüllte Gestalten, an der offenen Seite des Kreises eine weitere. Sie hatten ihre verhüllten Rücken mir zugewandt, doch ich erkannte ihn sofort. Innerhalb des Kreises lag ein weiterer, nackter Mann, der nicht bei Bewusstsein war. Die Gruppe war in einem eintönigen Singsang verhaftet, den ich nun erst bemerkte. Auf dem Höhepunkt dieses Gesanges stieß er dem Mann einen Dolch in die Brust. Dieser Mann war ich!

Als meine Sinne wieder zu sich fanden, saß ich hier am Rande der Höhle und tue es noch immer. Nicht noch einmal gehe ich dort hinaus, sollte ich es denn überhaupt getan haben. Ich warte hier auf das Ende von mir oder der Nacht, denn schlafen kann ich nicht mehr. Ist es also doch so, bin ich wahnsinnig? Ich werde mich hüten, den anderen davon zu erzählen. Nein, ich will nicht dem Wahn verfallen! Oh helft mir!

 

16. 04. 3980, Irgendwo in den Bergen.

Nach dem Fund von Mosíz‘ Notizen hatte Castaris einige Zeit darauf verwendet, sie zu lesen. Er erzählte uns bald alles, was darinnen stand, oder behauptete das zumindest zu tun, denn glaube ich doch eher, dass er weiterhin etwas zurückhält. Hier nun, was er bereit war uns zu erzählen:

Mosíz scheint Beweise dafür gefunden zu haben, dass die Obrigkeit von Elpenó die Räuber in diesen Bergen unterstütze. Zwar war die Erkenntnis nichts neues, Beweise dafür zu haben dagegen schon. Nun erwähnte er in seinen Schriften aber nicht, welcher Art oder wo diese Beweise wohl seien. Also müssen wir davon ausgehen, dass sie woanders oder nur im Kopf von Mosíz zu finden sind – oder mit ihm entführt wurden. Weiterhin stellte er auch Vermutungen an, was diese Räuber hier wohl wollen könnten, doch kam er dabei zu keinem befriedigenden Ergebnis. Galjúin erobern ergäbe keinen Sinn, sie könnten höchstens etwas stehen wollen. Doch was? Mosíz war dem auf der Spur, hatte sogar herausfinden können, wo sich das Lager der Banditen befindet, hatte dies wenigstens auch in seiner Notiz festgehalten – doch dann verschwand er, und nicht etwa, um dieses Lager auszukundschaften. Gab es noch mehr in den Unterlagen? Castaris verneinte dies, sah dabei aus wie immer – doch ich glaube ihm nicht. Vielleicht sollte ich nochmal versuchen, sie mir allein in Ruhe zu Gemüte zu führen.

Unser Ziel ist klar: dieses Lager finden. Und dann? Unsere Aufgaben lauten: Mosíz finden, Beweise gegen die Obrigkeit sammeln – und am Besten gleich noch die Banditen verhaften. Verhaften? Nun sind wir also die Gehilfen eines Geistwächters, eines Menschen, der selbst in der Unterwäsche seiner Mutter schnüffeln würde, sollte er dort etwas Verdächtiges vermuten. Ich vertraue ihm bloß so weit, wie ich Oljó werfen könnte. Am Besten sollte ich dann aber gleich beide in die Tiefe werfen. Mit etwas Glück wird sich dies aber von selbst erledigen, müssen wir hier in den Bergen doch stetig über steile Grate steigen.

Dafür aber ist die Aussicht hervorragend: An manchen Stellen kann man weit über das Land hinaus gucken, welches in Ost und Süd schnell vom Meer verschlungen wird. Manchmal bilde ich mir sogar ein, dort unten Elpenó zu sehen. Hier in den Bergen ist es weiterhin frischer als in den Ebenen von Tadúnjodonn, was uns aber nur gelegen kommen kann, denn bald erreicht der Sommer seinen Höhepunkt. Selten nur sehen wir hier oben Tiere, die meisten davon sind geschmeidig, flink und äußerst geschickt; nur gut, dass wir keinen Raubtieren begegneten. Über uns ist der weite klare Himmel, der nur selten Tränen vergießt, und in Nord und West sehen wir so manchen hohen Gipfel, den es noch zu umgehen gilt.

Eines muss noch über Castaris gesagt werden: Er mag ein fast noch schlimmerer Schinder sein, als es Duimé gewesen ist, doch seltsamerweise bekam er meinen Geburtstag heraus, der gestern gewesen war, und versprach mir zum Geschenk sogar, dass ich einen Brief schreiben dürfe, sobald wir wieder einen Ort erreichen. So nett dies auch erscheinen mag, weckt es in mir doch den Verdacht, dass gar nicht geplant ist, diesen Auftrag bald zu beenden.

 

18. 04. 3980, Irgendwo in den Bergen.

Mich quälte heut ein Traum. Es muss meine Rückkehr nach Hause gewesen sein; jedenfalls wurde gefeiert. Wir waren auf dem Landsitz meines Vaters, an den Klippen nördlich von Ayumäeh. Es waren Festtische errichtet worden. Viele Bekannte waren anwesend, darunter auch meine Onkel und Tanten, Basen und Vettern, die Geschäftsfreunde meines Vaters, Garekh samt Familie, sogar meine Schwester und meine Mutter, auch mein Vater. Wir alle speisten und unterhielten uns gut, als sei nie etwas vorgefallen. Schließlich überreichte mir mein Vater ein kleines Geschenk, eine Kiste, aus der Ccillia entstieg, allen Größenverhältnissen in dieser Traumwelt spottend. Wir kamen uns näher, sehr nahe.

Dann aber plötzlich änderte sich die Umgebung. Wo mir vorher nichts aufgefallen war, erschien nun ein düsterer Himmel, neblig und mit geisterhaften Erscheinungen verhangen. Im Osten stieg ein schwarzer Mond aus den grauen Fluten und auf einmal fing alles in meinem Kopf an zu schreien. Garekh schrie, meine Schwester schrie, Ccillia schrie, selbst meine Eltern fielen ein. Und dann erschien im Norden ein riesenhafter Puidor, groß genug, dass er sich an die Klippen lehnen konnte. Sein Mund schien bereit das Weltenall zu verschlingen und er nutzte ihn, bitterbös zu lachen. Danach schnappte er sich die Gäste, gleich Hände voll mit ihnen, und führte sie sich zu. Ich sah meinen Vater vor Angst schreien, als er zermalmt wurde; sah meine Mutter flehen, bevor sie verschlungen wurde; sah Ccillias Mund nach mir rufen, während er sie zerriss.

Kaum war diese fürchterliche Metzelei vorbei, da wandte dieser Puidor sich an mich. Er erzählte mir, dass ich Ašckhir fliehen konnte, doch lauere hier noch viel mehr. Unweigerlich würde ich auf immer mehr seiner Art treffen, bis ich mich letztlich ihnen anschließen müsste. Er verriet mir Namen weiterer Festungen wie die im Norden, deren Namen ich aber nicht mit hier herüber nehmen konnte. Und er warnte mich, dass jeder sterben würde, der sich ihnen nicht anschließe. Dann griff er nach mir, mich auch zu verschlingen. Die Düsternis schloss sich über mir und ich fiel in abgrundtiefe, schleimige Finsternis.

Da erwachte ich.

 

20. 04. 3980, Irgendwo in den Bergen.

Wir erreichten heute eine Höhle. Irgendwo über uns entspringt ein Bach, der sich an dem Eingang zu dieser Höhle vorbei als kleiner Wasserfall ergießt. Es könnte die Mijalar sein, welcher zum Fluss werdend bis Almez an der Westküste fließt. Der Bach ergießt sich in ein enges Tal, doch ein Ufer dort ist breit genug, selbst Karren durchzulassen. Den Spuren zufolge, die zu der Höhle führen, hat man genau das auch oft getan.

Wir sind uns einig, dass diese Höhle zum Lager der Banditen führen muss. Was wir jedoch nicht verstehen, ist, warum nirgends Wachen zu sehen sind. So unvorsichtig oder selbstsicher können sie eigentlich nicht sein. Wir verfolgten nicht alles, doch an einer Stelle bachabwärts gibt es einen Pfad den Hang hinauf, aus dem Tal heraus. Oben auf dem Grat erkannten wir weitere Spuren, die gen West und Ost führen, zu den größeren Wegen hin. Irgendwann müssen diese Trampelpfade aber an von Landwächtern überwachten Straßen entdeckt werden. Warum scheint es hier also so leer?

Castaris befahl, dass wir zunächst weiter die Umgebung erkunden, und sobald es dunkel wäre, uns vor der Höhle verdeckt auf die Lauer legen sollen. Sollte sich diese Nacht nichts ereignen, so werden wir morgen Nacht dort eindringen. Mal sehen, was uns erwartet. Und ein Glück, dass Castaris unserem Gepäck Kräuter zum schnellen Einschlafen beziehungsweise Wachbleiben beigefügt hatte.

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Das gesamte Buch kann man auch gedruckt kaufen.

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