Falerte, Teil 59: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

LVIII: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

 

20. 04. 3980, Irgendwo in den Bergen.

Gestern betraten wir die Höhle hinter den Wasserfällen. Wie von uns vermutet, führte sie tief in die Dunkelheit. Ich fühlte mich wie in meinen Träumen. Den Wasserschleier durchstoßend, hinabsteigend in die Finsternis, ohne Halt, ohne Sicht, mehr hoffend und vertrauend denn wissend. Doch dann zerstörte Castaris diese Vorstellung, da er einen schwach leuchtenden Stein herausholte und den Weg beleuchtete. Oljó und Castaris gingen voran. Fast lautlos erkundeten sie den Weg; wir anderen folgten. Es dauerte nicht lange, dann kamen wir in einem Tal heraus. Über uns der blaue Himmel, rechts und links Felswände und überall der Geruch frischer Luft und wilder Blumen. Das war keiner meiner Träume, doch könnte er es gerne werden.

Nach der nächsten Biegung schlug dieser Traum aber um. Wir versteckten uns hinter Steinen, Sträuchern, Fässern und Kisten und besahen das, was sich uns bot: das Lager der Banditen. Es war beeindruckend, was sie sich da erbaut hatten. Es gab Hütten vieler Größen, scheinbar auch Versammlungs- und Lagerhäuser. Sie standen frei im Tal, dass sich bedeutend vergrößert hatte, an die Felsmauern erbaut oder sogar hoch in den Hängen. Es waren meist einfache Hütten, aus Brettern und Reisig erbaut, doch in vielen Ländern wären dies gewöhnliche Wohnhäuser. Wir zählten genug von ihnen, um an die zweihundert Räuber zu beherbergen. Und da kam die Frage auf: Wo waren diese alle? Warum war niemand im Lager, nicht einmal, es zu bewachen? Diese Frage sollte sich uns später beantworten.

Doch zunächst schlichen wir weiter vorwärts, stets auf der Hut, aber wie es schien umsonst. Es war wirklich niemand da. Trotzdem umklammerte ich oft unbewusst den Anhänger, den mir die alte Eingeborene gab, wie zum Schutz. Wer weiß immerhin, wann jemand von den Bewohnern zurückkehren würde. Irgendwann gaben wir es aber auf vorsichtig zu sein und erkundeten das Gebiet. Die Hütten bargen nicht übermäßig viel für uns Interessantes: Betten, Tische, Stühle, Truhen für Hab und Gut. Es gab eine Hütte, die scheinbar eine Küche war. Wände und Dach würden gut ein Feuer abschirmen, so macht man niemanden auf sich aufmerksam. Und vor allem aber gab es Gruben, die wohl ein Gefängnis ersetzen sollten. In einer davon fanden wir ihn,

Mosíz war sichtlich mitgenommen, doch gleichzeitig ging es ihm besser als erwartet. Er war schmutzig, ungekämmt, unrasiert und wies einige leichte, mittlerweile bereits schon verheilte Wunden auf. Äußerlich könnte er ein Bruder von Castaris sein, sind sie doch beide wahre Toljiken: mittelgroß, braungebrannt und dunkelhaarig. Mosíz ist aber der Ältere. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass Mosíz innerlich anders sein muss. Zunächst freute er sich sehr, Castaris zu sehen, und begrüßte auch uns herzlich. Dann fragte er mit seltsamer Gelassenheit, wie wir ihn gefunden hätten. Castaris dagegen drängte ihn nur zu gehen, bevor die Banditen wiederkämen, doch Mosíz konnte ihn beruhigen: dies würde erst in Tagen geschehen. Er empfahl uns, neue Vorräte aus den Lagern zu nehmen, dann verließen wir trotz allem vorsichtshalber das Tal und kehrten zu unserem eigenen Lager zurück.

Als es langsam heller wurde, erzählte uns Mosíz alles, was er wusste, während er sich vor unseren Augen in der Mijalar wusch. Ich bewundere seine Ruhe und auch seine Offenheit uns gegenüber. Zunächst versicherte er erneut, dass die Räuber nicht so bald zurückkehren würden. Er hatte sie belauscht: Ein Teil sollte Frachtladungen im Norden abfangen, die von Sodos jás Fuiran nach Bacáta fuhren. Die Wichtigeren jedoch, eine Gruppe, die sich scheinbar aus Hauptleuten zusammensetzte, waren auf ihrem Weg die Mijalar hinab nach Abajez. Das sagte er, während er in den Bach spie, es ihnen hinterherzusenden.

Dann kam Mosíz endlich zu den Neuigkeiten, hinter denen wir her waren: Einige dieser Hauptleute hatte er auch bereits in Elpenó beobachten können, wie sie dort die Obrigkeit besuchten. Für Mosíz war klar, das bedeutete eine Zusammenarbeit der Banditen mit der Obrigkeit von Elpenó, doch greifbare Beweise, wie wir sie uns erhofft hatten, besaß er nicht. Diese, so sagte er, müsse man bei den Hauptleuten suchen. Schnell forderte er von uns, dass wir ihnen nach Abajez folgen müssten. Castaris ging dies zu schnell, er schien nicht befriedigt. Wir anderen stimmten Mosíz aber zu, eine seltsame Begeisterung für dieses Verwirrspiel hatte uns erfasst. Diese Angelegenheit war wesentlich aufregender, als durch tödliche Wälder zu stapfen. Immerhin scheinen Castaris und Mosíz nun einer großangelegten Verschwörung auf der Spur zu sei. Doch was Elpenó und die Banditen vorhaben, und was die Übergriffe der Eingeborenen hiermit zu tun haben, ist weiter unklar. Offensichtlich jedoch scheint auch Abajez darin verwickelt, zumindest dürften wir uns dort mehr Klarheit erhoffen. Morgen also geht es weiter, die Mijalar hinab bis zur ersten Bootsstelle, um dann bis Abajez zu fahren.

Den Rest des Tages mussten wir uns aber erstmal von den Nachwirkungen der Kräuter erholen. Abends saßen wir wieder zusammen. Es wurde zu einer seltsamen Kennenlernrunde, denn Mosíz wollte mehr über uns erfahren, während Castaris lieber längst unterwegs gewesen wäre. Wir erzählten ihm das, was wir ihm erzählen wollten und er berichtete uns von seiner Kindheit auf einem Bauernhof in Rardisonán, doch blieben wir die Meuterei betreffend bei der Geschichte, die wir auch der Verhandlung erzählt hatten, was meine Gewissensbisse Duimé gegenüber nur verstärkte. Mosíz mag zwar nett sein, doch könnte dies nur Fassade sein, jedenfalls ist er immerhin ein Geistwächter, da muss man vorsichtig sein. Darum beunruhigt es mich auch, wie schnell die anderen zu ihm Vertrauen gefasst haben. Plötzlich ist Oljó sozusagen mein Verbündeter, denn er scheint dasselbe zu denken wie ich. Auch wundert es mich, wie oft ich in letzter Zeit diesen Anhänger der alten Frau ergreife, um mich zu beruhigen. Doch tatsächlich scheint er alles Böses von mir abzuschirmen. Ich bräuchte mehr von ihnen, um endlich von meinen Träumen befreit zu werden.

 

25. 04. 3980, Irgendwo in den Bergen.

Wir befinden uns etwa auf halbem Wege die Berge hinab. Der Weg scheint mir ewig, haben doch allein die Berge von Galjúin schon eine Fläche, die in etwa der meiner Heimat Ramit entspricht. Ach, wie sehr ich es nun doch vermisse. Ob ich es jemals wiedersehe? Immerhin aber sind die Wahrscheinlichkeiten nun größer, ist dies doch kein Auftrag, für den einen der sichere Tod erwartet. Oft denke ich zurück an die Gefallenen und frage mich, warum sie eigentlich sterben mussten. Hatte es irgendeinen Sinn? Atáces schickte uns bereits richtige Truppen nach, hätten diese nicht allein genügt? Offensichtlich ist unser Leben ihnen nichts wert, sonst hätten sie uns nicht derart in den Schrecken gesandt. Zählt der Einzelne für sie also überhaupt nichts? Warum dann noch für sie arbeiten, warum nicht einfach fliehen, sie ihrem Untergang entgegen gehen lassen? Doch ist mir immer noch klar, dass ich auf einer Flucht niemals glücklich werden würde. Wobei – was ist für mich Glück? Ich weiß es nicht. Außerdem ist nicht nur dieses Land bedroht, dessen bin ich mir immer noch sicher, mögen mich andere auch für verrückt halten. Es gilt Ramit und Omérian zu beschützen, für die Sicherheit von Ccillia und meiner Schwester zu sorgen. Ebenso frage ich mich immer wieder, was wohl die Gründe der anderen sind, weiter zu folgen und zu dienen. Bei den meisten dürfte es das wieder drohende Gefängnis und das Versprechen der Freiheit sein, was ist zum Beispiel mit Oljó? Was treibt ihn an? Sicherlich nicht Menschenfreundlichkeit.

 

30. 04. 3980, Irgendwo auf der Mijalar.

Die erste Bootsanlegestelle war wenig beeindruckend, hauptsächlich ein Außenposten für Holzfäller. Zwei Flussschiffe lagen dort aber am Pier. Castaris und Mosíz befragten deren Kapitäne sowie einige andere Leute in diesem Weiler, ob sie jemanden gesehen hätten, die als kleine Gruppe hier bereits ein Schiff genommen haben. Drei Angesprochene konnten uns Auskunft geben, dass die Gesuchten bereits vor einer Woche mit einem Karren an der Anlegestelle angekommen waren und ein Schiff nach Abajez genommen hatten. Das zu wissen genügte uns. Eine Woche beträgt ihr Vorsprung also. Bei den ganzen notwendigen Reisen erscheint es mir zweifelhaft, dass wir Erfolg haben werden. Aber doch – gut ein Jahr verging, seitdem ich Ayumäeh verließ und wieviel ich doch seitdem gesehen habe.

Wie auch immer, wir nahmen eins der vorhandenen Schiffe, nachdem Mosíz den Kapitän irgendwie davon überzeugen konnte, sofort abzulegen, nur mit uns als Reisenden. So befinden wir uns nun also auf der Mijalar. Oh Wunder wie schnell so eine Reise flussab doch gehen kann! Der Kapitän meinte zu uns, morgen müssten wir bereits Abajez erreichen. Ich hoffe sehr darauf, dort endlich mal wieder ein richtiges Bett beziehen zu können, auch wenn ich mich immer mehr an harte Böden gewöhnen konnte. Die Berge um uns sind mittlerweile nur noch welliges Bergland, das viele Wiesen und Wälder und blökende Vieherden aufzuweisen vermag.

Gestern Abend musste ich erneut Puidor erblicken. Seltsam friedlich erschien er mir diesmal als Hirte einer Kleinviehherde draußen auf den Wiesen. Trotzdem war mir sein Anblick nicht erwünscht. Das erste Mal wehrte ich mich dagegen, hielt meinen Anhänger in einer Hand fest umgriffen, als helfe er mir dabei, die andere Hand klammerte sich an die Reling. Ich wünschte ihn fort, dachte nur daran, dass er nicht wirklich da sei, dass er gehen solle – und es klappte. Auf einmal war statt Puidor wieder der richtige Hirte draußen auf der Weide. Oh, wie ich mich darüber freuen konnte.

Ich eilte sofort zu Couccinne, um ihm mein Erlebnis mitzuteilen, doch war dieser gerade in ein Spiel mit Mosíz vertieft. Ich mag es nicht, wie sehr sich diese beiden in letzter Zeit verstehen, und Miruil gibt mir Recht, dass dies nicht gut sein kann.

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