Falerte, Teil 61: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

LX: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

 

05. 05. 3980, Abajez.

Um Mitternacht krähte ein Hahn. Langsam erhob ich mich von dem Bett, welches ich mir mit Miruil und Couccinne teilte. Rasch zog ich mich an, um danach die Stufen hinabzugehen. Im Hof angelangt nahm ich mir ein Schwert aus dem Stall. Auf meinem Weg durch die Stadt hinüber zu dem kleinen Park kam ich an dem Hahn vorbei, bei dem ich mich mit dem Schwert bedankte. Seine blutigen Überreste nahm ich mit.

Schließlich erreichte ich den Park, an dessen Pforten mich bereits zwei der Fahach erwarteten. Ihre schuppigen, dunkelblauen Gesichter grinsten mich an, sofern sie dies überhaupt können. Dann drehten sie sich um und gingen in den Park, ich folgte ihnen. Wir erreichten bald den Platz, an dem das Opfer wartete. Fünf Spieße bildeten einen Halbkreis, auf die fünf Köpfe gesteckt waren. Zwei erkannte ich als die von Castaris und Mosíz, ein weiterer schien Duimé zu sein, die anderen mir unbekannte Frauen. Drei dunkelhäutige Eingeborene eines mir nicht geläufigen Stammes warteten bereits, die Oberkörper entblößt, kniend hinter den Spießen. Die Fahach stellten sich zwischen sie, wie es verlangt war.

Innerhalb des Halbkreises lag das Opfer, eine junge Frau, entkleidet wie es sich gehört. Ich nahm meine Stellung an der offenen Seite des Halbkreises ein. Nachdem ich sie mit dem Blut des Hahns geweiht hatte, begannen wir zu singen. Wir lobten die Fahach, priesen Ašckhir und beschworen das Glück für Šamrek sowie den anderen Festen: für Ijenreich, für Dalchon, für Werzan und all den anderen. Wir endeten damit, die Zerstörung von Nardújarnán und der Welt freudig zu erwarten.

Dann wollte ich die Opferung durchführen, doch plötzlich begann der Anhänger, den ich um den Hals trug, glühend heiß zu brennen. Ich wollte ihn von mir reißen, doch die Berührung ließ mich ohnmächtig werden. Als ich wieder erwacht war, störten Stadtwächter unser Beisammensein und ich musste fliehen. Doch die Brut wird weiter stärker.

 

06. 05. 3980, Abajez.

Immer wieder, wenn ich den gestrigen Eintrag lese, packt mich das Entsetzen und ich möchte nur noch schreien. Was war da geschehen? Warum erinnere ich mich nicht, jemals diesen Eintrag verfasst zu haben? Und doch – es ist meine Schrift, wenngleich viel ruhiger und sauberer als sonst. Was sind das für Namen, was wird dort beschrieben? Sind diese Fahach womöglich diese seltsamen echsenhaften Wesen, die ich in Ašckhir und meinen Erscheinungen sah? Es muss wohl so sein. Doch wer oder was ist Šamrek? Diesen Namen habe ich auch damals auf der Sturmwind gehört, die folgenden Namen dagegen nicht.

Es ist schreckenerregend. Ich bin noch nie geschlafwandelt und mir war auch nicht bekannt, dass man im Schlaf schreiben kann, doch so muss es gewesen sein. Um sicherzugehen erbat ich mir von Mosíz die Erlaubnis, in den Park zu gehen. Er willigte ein, sind wir hier doch so gut wie nutzlos, bis Castaris wiederkommt, doch sah mich seltsam an. Warum, das erkannte ich schnell, denn scheinbar gibt es hier überhaupt keinen Park. Erst da fiel mir auf, dass es neben unserer Unterkunft auch keinen Stall gibt. Das beruhigte mich immerhin, denn so war sichergestellt, dass ich wirklich im Schlaf Unsinn geschrieben haben muss. Nun erkenne ich auch, dass Hähne nicht nur Mitternacht krähen sollten. Und doch – etwas stimmt an der ganzen Sache nicht.

Gegen Mittag kam dann Castaris zurück. Heute Nacht war er heimlich in das Haus eingestiegen, in welchem die Gesandten der Banditen untergebracht waren, hier am Marktplatz der Stadt. Wir konnten ihm dabei nicht helfen, wäre das doch zu auffällig gewesen. Castaris brachte uns Notizen, die er eilig verfasst hatte, und las uns aus ihnen vor. Kurz nach seinem Einbruch in das Gebäude hatte er eine Tür erreicht, hinter der er Stimmen hörte. Er konnte sich gerade noch in einem Abstellschrank verstecken, da kamen die Banditen in das Zimmer. Sie begannen dort zu trinken und bald laut zu grölen und zu feiern, als sie betrunken wurden. Wichtiger ist aber, dass sie Teile ihrer Pläne besprachen. Etwas, dass mir an der Schilderung Schauer verursacht ist und war, dass die Bezeichnungen Šamrek und Fahach auch fielen. Ich blieb jedoch still und hörte Castaris weiter zu, es gab noch Interessantes zu hören.

Die Banditen scheinen in Galjúin einen Stützpunkt aufzubauen, doch ihre Heimat ist scheinbar woanders zu suchen. Castaris fand es sonderbar, dass die Männer anfingen sich darüber zu beraten, wo in den Bergen von Galjúin möglichst warme Höhlen zu finden seien, mir ließ dies aber meine Nackenhaare aufstellen. Sie sprachen an keiner Stelle aus, wo genau ihr Hauptlager sei, doch müsse dies wohl irgendwo in Fuiran sein. Zumindest sprachen sie davon, in drei Tagen in diese Richtung abzureisen. Möglich wäre aber auch, so Mosíz, dass sie dort ihre restlichen Einheiten treffen wollen, die ja zu einem Überfall aufgebrochen waren. Letztlich freuten sich die Hauptleute noch darüber, dass ihr Treffen mit der Obrigkeit von Atáces so gut verlaufen war. Abajez ist also auch Teil der Verschwörung! Doch Handgreifliches erwähnten die Trinkenden nicht und Castaris musste stundenlang in seinem Verschlag hocken, bis sie endlich mit dem Zechen fertig waren. Danach sah er sich noch weiter um, während sie ihren Rausch ausschliefen, doch fand er nichts Schriftliches oder anderes, das ein guter Beweis sei. Vermutlich aber können diese Männer auch gar nicht schreiben, auch bei uns können ja neben den Geistwächtern dies nur Couccinne und ich.

Mosíz und Castaris kamen schnell darin überein, dass wir den Männern in besagtes Hauptlager folgen müssten oder zumindest solange, bis wir wüssten wo es sich befindet und wir es selber besuchen gehen können, wollten wir erfolgreich sein. Ich höre meine Füße jetzt schon um Gnade flehen. Wir haben noch drei Tage hier, in denen wir versuchen sollten, vielleicht doch noch bessere Hinweise zu finden, danach würden wir ihnen einfach nach Fuiran folgen. Auch wenn das vermutlich nicht so einfach werden würde, denn über Wochen jemanden unauffällig zu verfolgen stelle ich mir schwer vor. Doch die Geistwächter dürften sich da besser auskennen.

Mein Wissen um diese Wesen und Festen verschweige ich weiterhin. Ein paar Mal hatte ich vorsichtig versucht sie nach ihnen bekannten ungewöhnlichen Vorkommnissen zu befragen, doch Castaris sah mich bei der Erwähnung von echsenhaften Wesen zweifelnd an, Mosíz fast schon bedauernd. Sie würden mich letztlich wohl für verrückt erklären, spräche ich es laut aus. Ich habe doch genausowenig Beweise wie sie, und würde mir auch nicht glauben.

Auf meine Frage, warum sie nicht einfach Atáces Bescheid geben könnten, hatten sie zwei Antworten: Erstens kann Atáces sich nicht einfach in die Belange der anderen Obrigkeiten einmischen, ohne etwas in der Hand zu haben und zweitens würde Abajez Botschaften von Leuten unseres Aussehens an die Obrigkeit von Atáces sicherlich überprüfen, was leicht unser Tod sein könnte. Nein, es gilt Beweise und das Hauptlager zu finden, um dann die Armee von Atáces holen zu können. Mir erscheint die Welt schrecklich verworren und umständlich. Vielleicht wären wir ja besser dran, gäbe es dieses riesige und innen faulende Reich doch nicht.

Oh, ich bin so müde, doch habe ich Angst zu schlafen, weshalb ich sinnlos vor mich hinschreibe. Manchmal habe ich Angst davor einzuschlafen, denn manchmal ist es, als würde ich dabei sterben. Und manchmal habe ich Angst, dass andere sterben, sollte mein Schlaf kommen. Wie singen es die Kinder hier doch?

1 – Der Tod kommt auf leisen Sohlen

2 – Bald schon kommt er dich zu holen

3 – Er findet dich im Traume dann

4 – Rette dich vor dem Braunen Mann!

Oh wie passend es doch ist: Der braune Mann, der Eingeborene, zusammen mit seinem schwarzblauen Freund. Als würden es die Kinder erahnen.

 

13. 05. 3980, Irgendwo in Fuiran.

Es regnet nun schon seit Tagen. Langsam halte ich es nicht mehr aus. Es ist, als wollte uns der Himmel ertränken. Verübeln könnte ich ihm diese Tat kaum, wäre ich doch der Erste, der sich freuen würde. Wobei – gut, einige wenige wären zu erretten, so Ccillia und meine Schwester. Um andere wäre es nicht einmal ansatzweise schade, so Oljó oder auch Castaris. Letzterer meint uns immer härter durch den strömenden Regen treiben zu müssen, ersterer lässt mich einfach nur wütend werden, packt er doch immer wieder seine gehässigen Bemerkungen aus. Aber ein Gutes hat der Regen, die Hitze ist wesentlich besser zu ertragen.

Die Banditen nahmen sich Tošaren um schneller voranzukommen, was uns dazu zwang, ebenfalls welche zu nehmen um ihnen folgen zu können. Außer den Geistwächtern ist aber kaum jemand von uns das Reiten gewöhnt, weshalb wir anderen ständig über blaue Flecken und Schmerzen klagen dürfen. Oljó scheint das lustig zu finden, ist er doch derjenige, der reiten kann. Aber wie auch immer, so schlimm ist es eigentlich nicht. Die Tiere riechen nach Freiheit, die Luft über ihrem Rücken ist im Ritt stets kühlend. Doch jetzt im Regen riechen sie mehr nach nassen Felldecken und sie zu lenken wird schwerer. Die Tiere scheinen südlichere, kühlere Steppen zu bevorzugen, doch halten sie es mit ihrem dünnen Fell hier im Norden immerhin noch aus. Ich weiß nicht, woher die Tošaren ursprünglich stammen, habe mich nie damit befasst, doch scheinen sie die hauptsächlich verwendeten Reittiere in diesen Landen zu sein. Auf ihre Art sind es durchaus hübsche Tiere. Die langen kräftigen Beine sind gut für schnelle Reisen geeignet, ihre Hufen geben ihnen auf vielen Böden Halt. Der Körper ist kräftig genug uns zu tragen. Sie scheinen hauptsächlich über den langen Hals zu schwitzen. Der kleine rundliche Kopf kann bei manchen Tieren fast niedliche Züge tragen, die kleinen dreieckigen Ohren zucken stets hin und her, als lauschten sie im Regen. Nur der kurze Schwanz ist mit längeren Haaren bedeckt.

Unsere Verfolgten schlugen schon kurz nach Abajez seltsame Zickzackkurse ein, um immer wieder die Hauptstraße von Abajez gen Sódos jós Fuiran und damit die dortigen Posten der Landwächter umgehen zu können. Das macht es für uns zwar schwerer, ihnen gut folgen zu können, doch dafür entgehen auch wir den Landwächtern. Keiner von uns besitzt gültige Pässe für Fuiran, eine grobe Schlamperei der Geistwächter, wie ich sagen muss. Ansonsten wäre es für uns ein Leichtes gewesen, einfach abzukürzen indem wir gleich nach Sódos reisen würden – doch gut, wer kann schon sagen, ob sie überhaupt dorthin wollen.

Wir lagern gerade am Ladú Fuiran, dem größten See innerhalb von Nardújarnáns Grenzen. Unsere Opfer sind nah genug, dass wir ihr Feuer sehen können und deshalb kein eigenes entzünden, und das schon seit Tagen. Jeder von uns ist ebenso lange schon bis auf die Knochen durchnässt, doch noch geht uns dank der anhalten Wärme gut. Trotz des Zickzackkurses sind die Banditen unvorsichtig, sehen wir doch ihr Feuer und es muss ein Wunder sein, dass sie damit keine Landwächter angezogen haben. Sollten sie ihren Kurs nicht drastisch ändern, werden wir wohl bald Sódos erreichen.

Es macht mir Angst, dass meine Träume selbst im Regen immer stärker zu werden scheinen, je weiter wir gen Norden kommen. Woran mag es liegen? An der beginnenden Nähe zu Ašckhir, das trotzdem noch Wochen entfernt ist, oder etwas anderem? Doch wenigstens verfolgt mich derzeit Puidor nicht mehr. Dafür erblicke ich in meinen Träumen jedoch öfter diese Fahach; auch andere Wesen erscheinen mir. Und immer wieder kommen Berge, Höhlen, Feuer, Festungsanlagen, marschierende Armeen, Opferungen, Schlachten und vieles mehr vor. Es ist fürchterlich, wie erschreckend Träume sein können.

Dafür erfuhr ich endlich, warum Dosten der Armee beigetreten war. Irgendwie war mir noch nie in den Sinn gekommen, ihn danach zu fragen. Allerdings rede ich ja auch nie wirklich mit ihm. Es ist offensichtlich, dass der blonde Junge aus Akalt stammt, doch wie gerät ein solcher in die Armee von Ojútolnán? Die Antwort ergab sich, als eines Abends Mosíz dreist genug war, danach zu fragen, während wir beim Essen saßen. Scheinbar waren des Jungen Eltern Händler gewesen, die einst mit ihm nach Rardisonán kamen, doch dort bei einem Überfall getötet wurden. Der Junge stand allein da, wusste nicht wohin und ging so als einzige Möglichkeit, eine Mahlzeit zu bekommen, in die Guigans von Rardisonan. Also hat er ein ähnliches Schicksal wie ich erlebt, ohne dass mir das bewusst gewesen ist. Ihm scheint kein guter Stern gegeben zu sein, wenn er nach diesem ursprünglichen Unglück gleich in weitere mit uns geraten sollte. Immerhin gut für ihn, dass Jimmo stets auf ihn aufpasst. Das wird er hier auch immer nötig haben.

 

17. 05. 3980, Irgendwo in Fuiran.

Sódos jós Fuiran scheint kein Freund der Banditen zu sein. Sie hielten sich nur kurz dort am Stadtrand bei einem Bauerngehöft auf. Das aber merkten wir uns, denn dieses Gehöft muss sehr wohl dazu gehören. Die ganzen Vorfälle bestärken mich nur noch darin, dieses Land verlassen zu wollen. Seltsame Wesen und feindliche Eingeborene, die das Land verwüsten wollen, gepaart mit Banditen, die es innerlich zersetzen indem sie mit Obrigkeiten zusammenarbeiten, die kaum besser sind als sie. Je mehr ich darüber nachdenke, desto schlechter wird mir. Ich will endlich raus aus diesem Land; an jeder Ecke scheint der Tod zu lauern. Wenigstens regnet es nicht mehr.

Einen Tag nach Sódos dann, die Männer verfolgen immer noch ihren Ausweichkurs, diesmal aber gern Nord, gen Ladóra, grob dem Verlauf des Flusses Canlar folgend, schienen sie auf mehr Freunde zu stoßen. Seit Sódos hatten sie einen Wagen mit seltsamen Kisten dabei, den sie nun ablieferten. Es war das erste Mal, dass mir auffiel, dass wir bisher alle Dörfer von Eingeborenen großzügig umgangen hatten, denn diesmal näherten sie sich einem. Wir wissen nicht alles, was dort vorging, wir sahen nur wenig. So zum Beispiel im Halbkreis aufgestellte Fackeln, wie sie in meinen Erscheinungen vorkamen, sowie neue Kisten, deren Inhalt wir nicht kennen, die auch nicht nach der Hand von Eingeborenen aussehen.

Wir beobachteten das Ganze eine Weile aus großer Entfernung, ohne viel zu erfahren. Die Männer schienen Handel zu treiben. Sie gingen in Häuser, besahen sich Waren auf dem kleinen Marktplatz des Dorfes und blickten auch immer wieder in eben diese Kisten. Sie kauften oder verkauften jedoch nichts, jedenfalls nicht offensichtlich, sie ließen bei ihrer Abreise nur die Kisten dort zurück. Es bleibt noch die Möglichkeit, dass sie Unterhaltungen führten, doch werden wir dies wohl nie erfahren.

Nach wenigen Stunden machten sie sich wieder auf den Weg, wir ihnen hinterher. Die Straße von Sódos nach Bacáta, auf der der Überfall stattfinden sollte oder noch soll, liegt längst hinter uns. Ihr Ziel wird also wohl nicht die Heimkehr oder Vereinigung mit der Gruppe sein. Die Richtung in die sie sich bewegen deutet weiter auf Ladóra oder irgendwas in der Nähe hin. Der Canlar dürfte bald das erste Mal in unsere Sicht kommen. Ansonsten ist dies ein weites offenes Hügelland mit wenigen Wäldchen, ähnlich wie der gröbste Rest von Nardújarnán.

Mehrmals wären wir aber fast entdeckt worden und jedes Mal war es Oljós Schuld. Das erste Mal hatten sich einige von uns im Schutze eines Haines näher an das Nachtlager der Männer geschlichen, ob man etwas von ihren Gesprächen verstehen könnte. Oljó war dabei aber gestolpert, hatte sich verletzt und unterdrückt aufgeschrien. Castaris konnte es glücklicherweise noch durch vorgetäuschte Tierlaute überdecken, trotzdem mussten wir uns zurückziehen. Das zweite Mal entfachte Oljó ein Feuer, obwohl der Rauch in Sicht der Banditen gelegen hätte. Wir konnten gerade noch Schlimmeres verhindern.

Ich frage mich, was mit ihm los ist. In den letzten Tagen verhält er sich immer sonderbarer. Er, der früher stets dumme Sprüche und ähnlichen Unsinn auf Lager hatte, ist nun fast völlig verstummt. Seltsam oft sieht er nach Süden oder Norden. Glaubt er, dass wir verfolgt werden?

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