Falerte, Teil 64: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

LXIII: 2. Tagebuch des Falerte Khantoë

 

19. 05. 3980, Irgendwo vor Ladóra.

Wir müssen kurz vor Ladóra sein. Es gab keine aufregenden Vorfälle seitens der Banditen mehr, doch Oljó verhält sich weiter seltsam. Einmal verlangte er von uns, dass wir umkehren müssten, doch konnte keine gute Begründung liefern, warum wir das hätten tun sollen. Dazu befragt wirkte er verwirrt, als sei ihm nicht bewusst gewesen, dies gesagt zu haben. Wir ließen ihn bald in Ruhe, er uns dafür immerhin ebenso. Das sehe ich schonmal als Verbesserung.

Dosten, der bessere Augen als wir hat, meinte im Osten Feuerschein und Rauch zu sehen. Im Osten sind aber nur in der Ferne die Berge zwischen den Ebenen von Ladóra und dem Flussland des Tajazi bei Cabó Canguina. Laut Mosíz ist diese Gegend nicht bewohnt, jedenfalls nicht von Toljiken. Wir versuchten das also nicht weiter zu beachten, was nicht ganz so schwer war, da wir anderen dort sowieso kaum etwas erkennen konnten. Manchmal beneide ich Dosten um seine Augen.

Gestern kamen wir an dem zweitgrößten der zahlreichen kleinen Seen des Canlar vorbei. Das bedeutet, dass der größte See und damit Ladóra in greifbarer Nähe liegen müssen. Westlich des Canlar sehen wir ausgedehnte trockene Ebenen, die bis zum Ladú Rachín gehen sollen, östlich liegen die fruchtbaren Ebenen durch die wir reiten, die sich bis hin zu den Bergen erstrecken. Nördlich von Ladóra, so erzählte Mosíz, würde dagegen der Wald dichter werden und schließlich in den großen Wald übergehen, der einst zu meinem Schrecken wurde.

Castaris habe ich in den letzten Wochen nur noch hassen gelernt. Er treibt uns an wie Tiere und sein einziges Ziel scheint es zu sein, endlich diesen Fall zu lösen. Mosíz dagegen ist eher der freundliche Vater, der mit uns spricht und Castaris öfter beschwichtigen muss. Ich werde aber weiter das seltsame Gefühl nicht los, dass die beiden mit uns bloß ein Spiel treiben. Immerhin müssen Geistwächter in viele Rollen schlüpfen können. Wielange mag es also noch dauern, bis sie uns ihr wahres Gesicht zeigen?

Um auch noch über etwas gutes berichten zu können: Mein Hintern hat sich allmählich an das Reiten gewöhnen können. Endlich keine Schmerzen mehr! Auch habe ich mich stark genug an mein Tošaren gewöhnt, dass ich überlege, es vielleicht zu behalten. Es sollte doch sicherlich irgendwie möglich sein, Castaris zu überzeugen, es mir zu überlassen. Er wird es einfach tun müssen. Sicherlich fällt mir etwas ein, sobald wir soweit sind. Ich wollte es Ccillia nennen, doch wäre das seltsam, sollte ich beide Ccillias je zusammen sehen. Stattdessen nannte ich es schließlich Castillia, auch, um Castaris zu ärgern, doch schien dieser das nicht zu bemerken.

 

26. 05. 3980, Ladóra.

Es scheint fast vorbei zu sein. Castaris und Mosíz meinen, dass es hier in Ladóra genug Beweise geben wird, die Banditen der Obrigkeit zu überführen. Morgen Abend soll das Haus, welches sie am Stadtrand bewohnen, gestürmt werden. Heute sprach Castaris mit der Obrigkeit hier, welche einwilligte. Zuvor gingen wir natürlich sicher, dass sie nicht auch darin verwickelt ist. Die beiden scheinen jedenfalls sicher genug, dass dem nicht so ist. Nun haben diese beiden also Unterstützung von der Obrigkeit. Ich weiß nicht, was die Geistwächter getan haben, doch man willigte ihnen bereits ganze Truppenteile zu, um morgen das Anwesen am Stadtrand zu durchsuchen. Wird es dann endlich zuende sein? Und was wird man herausfinden? Ich bin mehr als gespannt. Glücklicherweise werden wir uns dabei im Hintergrund halten können.

Ladóra ist eine kleine Stadt, gelegen hier in Fuiran, ähnlich wie Cabó Canguina und Aiduido Elazar ein Tor in den Borden. Ladóra liegt am Südende eines größeren Sees, der Teil des Flusses Canlar ist. Da der Fluss bis hierher und noch weiter gut befahrbar ist, mauserte sich Ladóra schnell zur Handelsstadt. Von den letzten Außenposten im Norden kommt vor allem Holz, das in den Süden gebracht wird. Derzeit liegt aber eine seltsame Stimmung über der Stadt, da in den letzten Mondläufen zunächst viele Menschen von einem Mann namens ‚Schlächter von Ladóra‘ geköpft worden waren und später andere verschwanden. Also wohl doch keine so behagliche ruhige Grenzstadt. Eigentlich scheint Ladóra auch eher Abenteurerstadt zu sein, ist dies doch die letzte Stadt vor der weiten Wildnis.

Die Obrigkeit gab uns Unterkunft in der örtlichen Guigans, welche im Osten der Stadt am See liegt. Kaum hatten wir sie betreten, da blieb kurz mein Herz stehen und mir wurde heißkalt trotz der Sommerhitze, derweil die Welt um mich schummrig wurde. Couccinne musste mich stützten. Als er nach dem Grund fragte, schob ich es auf die Hitze. Der wahre Grund ist aber, dass unser Zimmer im ersten Stock liegt, über eine Treppe erreichbar ist und nach unten hinausgehend man sogleich neben den Stallungen steht. Wie ich bald herausfand, hat die Stadt auch einen kleinen Park, gelegen auf einer kleinen, von Kanälen gebildeten Insel. Ich wagte es aber nicht mich zu erkundigen, ob man dort je des Nachts seltsame Vorgänge beobachtet hat. Lieber legte ich mich einmal selbst auf die Lauer und entdeckte zu meinem Glück nichts.

Trotzdem beunruhigt es mich sehr, ein Zufall kann das nicht sein. Ich war noch nie zuvor in Ladóra gewesen, also wie kann das sein? Hatte ich vielleicht einmal unterwegs aufgeschnappt, wie jemand von Ladóra sprach und dies beschrieb? Ich weiß es nicht, doch scheint es mir die einzige Möglichkeit. Immerhin weiß ich, dass ich in diesem Zimmer kaum ruhig schlafen kann. Ich hoffe sehr, wir sind bald fertig in Ladóra, denn trotz des schönen Sees kann ich es so nicht aushalten.

Auch in den anderen scheint die Rückkehr in den Norden verschiedenes ausgelöst zu haben. Couccinne meint düstere Strömungen in der Luft zu spüren, Jimmo scheint die Nähe des Waldes nicht zu behagen. Miruil ist wohl der einzige von uns, der mit allem recht zufrieden ist; dies scheint seine Gelüste nach Abenteuern bereits genug zu befriedigen. Oljó ist es aber, der sich wahrlich am ungewöhnlichsten verhält. Immer noch ist er verdächtig ruhig und zurückhaltend. Oft verschwindet er Abends, um erst spät in der Nacht wiederzukommen. Ich vermute, dass er in alte Gewohnheiten verfallen ist. Allerdings ist es wahrhaft nicht die richtige Zeit, um Häuser zu plündern oder zum Glücksspiel zu gehen. Ich verzichte aber darauf, es Castaris oder Mosíz zu melden.

Eigentlich sollten wir nun schlafen um für Morgen ausgeruht zu sein, doch gerade bemerkte ich, dass Oljó fehlt. Ich werde ihm nachgehen.

 

27. 05. 3980, Ladóra.

Oljó y Becal ist tot und ich habe ihn umgebracht! Sollten die Geistwächter dies je erfahren, so werde ich auch tot sein! Wie sollte ich ihnen das schon erklären? Und doch – ich handelte rechtmäßig, er hat sein Schicksal verdient. Ob auch die anderen mir dies glauben würden? Mich quält mein Gewissen, obwohl es so hatte kommen müssen. Das erste Mal musste ich einen Menschen töten – selbst auf dem Tajazi sah ich mich nicht dazu gezwungen. Jetzt kannte ich mein Opfer zu allem Überfluss auch noch, hatte viele Monde mit ihm verbracht. So sehr ich ihn auch hasste, er war doch ein Mensch – und nun nicht mehr. Hätte man ihn vielleicht von seiner Verblendung abbringen, ihn auf den rechten Pfad zurückführen können? Ich weiß es nicht, es ist auch zu spät. Ah, ich verliere noch den Verstand! Ich muss es niederschreiben, wenn auch nur um mir zu beweisen, dass es so sein musste.

Noch weiß keiner der anderen davon, seine Leiche – mir schaudert es bei diesem Gedanken – liegt noch immer dort, wo es geschah. Sicherlich würde man die Richtigkeit meines Handelns einsehen, doch habe ich nichts, dies zu beweisen. Werde ich ihn vermissen? Nein. Zweifel ich an der Notwendigkeit? Nein. Und doch wäre es mir lieber gewesen, hätte es ein anderer getan. Sicherlich wird man ihn bald vermissen. Immerhin ist bald der Überfall auf das Anwesen. – Was nun, was tun? Ich sollte zu Couccinne gehen, er wird mir glauben und helfen. Vielleicht auch Miruil, vielleicht auch Jimmo? Sie werden mir glauben!

Ach, hätte er sich doch bloß nie auf diesen unheiligen Bund eingelassen, so wäre ich auch nicht zu meiner Tat gezwungen gewesen. Doch er erzählte es mir, er gab es mir gegenüber selbst zu. Es ist bedenkenswert, zu welchen Schandtaten manche doch bereit sind, selbst ihre eigenen Rasse, ihr eigenes Volk verraten sie und opfern es ihrer Verblendung. Ich werde hier festhalten, was er tat, um mich immer daran erinnern zu können, solchen Verlockungen zu widerstehen.

Es war zu Beginn der Nacht da ich merkte, dass Oljó nicht in seinem Bett war. Da ich selber noch angezogen und nun neugierig war, machte ich mich auf die Suche nach ihm. Ich ging hinab in den Hof, wo ich bemerkte, dass die Türen zu den Ställen offen waren. Drinnen war es dunkel. Ich sah vorsichtig hinein, bemerkte nichts und ging hinein. Die Tiere waren ruhig und ich machte mich bereits wieder auf den Weg hinaus, da sah ich draußen im schwachen Schein der Fackeln im Hofe eine Bewegung. Schnell huschte ich zum Tor um zu sehen, was das war: Oljó ging gerade aus unserem Bereich zu einem der Seitentore. Ich hatte ihn! Nun galt es noch zu folgen. Doch was war das? Als er an einer Wandfackel vorbeikam, beschien das Feuer sein Gesicht. Nie hatte ich dieses so ausdruckslos erlebt, als würde er schlafwandeln. Etwas aber leuchtete kurz in seinen Augen, dass mir Schauer verursachte.

Oljó war in voller Tracht, ein Schwert hing an seiner Hüfte. Ruhigen Schrittes ging er vorwärts, öffnete die Seitentür und verließ die Guigans. Ich folgte ihm, nachdem ich mich kurz versichert hatte, dass die Nachtwache uns keine Aufmerksamkeit schenkte. Oljó bewegte sich ohne Sorge durch die Straßen, blickte sich nicht um, bemerkte mich nicht. Trotzdem eilte ich von Schatten zu Schatten, um sicherzugehen. Bald kam er zu dem Park. Er wurde bereits erwartet. Zwei Gestalten, dunkel verhüllt, begrüßten ihn schweigend und deuteten ihm zu folgen. Sie durchquerten zusammen den Park und waren dann auf einmal verschwunden.

Es dauerte eine Weile, bis ich verstand, was geschehen war. Was mich auf die richtige Spur brachte waren die Geräusche, die ich aus einem der Büsche kommen hörte. Offenbar gab es dort einen Zugang zu etwas Unterirdischem. Ich war in Versuchung, dort hinabzusteigen, doch die Lautstärke der Geräusche hielt mich ab. Man hörte es von oben kaum, trotzdem wäre ich wohl sofort in eine Gesellschaft geraten. Stattdessen entschloss ich mich zu warten, bis Oljó wiederkäme, und solang den Park zu genießen.

Es sollte gut ein bis zwei Stunden dauern, bevor sich in dem Gebüsch etwas tat und Oljó allein herausgekrochen kam. Er sah unverändert aus, doch ein Strahlen lag in seinem Gesicht. Ohne zu warten machte er Anstalten, zur Guigans zurückzukehren. Ich folgte ihm nur ein paar Schritte, da sprach ich in gewöhnlicher Tonlage seinen Namen; er hörte mich sofort. Ich wollte ihn zur Rede stellen, doch er kam nur lächelnd auf mich zu und begrüßte mich; das war ich nicht von ihm gewohnt. Ich fragte gerade heraus, was er getan hätte, und er gab mir die erschreckende Antwort.

Er begrüßte mich als Kind des Puidor, wobei er meinte, dass dies nicht dessen wahrer Name sei, und nannte mich einen Bruder. Recht frei erzählte er mir von seinem Treffen dort unten, mit den Häuptern der Banditen sowie Gesandten aus Ašckhir. Mir schauderte bei diesen Erzählungen, doch für ihn schien alles normal zu sein, als sei ich einer der ihren. Es war offensichtlich, dass Oljó für diese Bestien arbeitete. Er hatte uns also verraten – und nicht nur uns, die gesamte Menschheit. Als führten wir nur einen Plausch über das Wetter, so erzählte er mir, wie gut die Planungen vorankämen und dass wir über die Welt herrschen würden, hätten wir sie erst einmal zerstört. In mir wuchs der Wunsch zu fliehen, zu schreien, doch ich unterdrückte es, um mehr von ihm zu erfahren. Ich fragte ihn, was genau er gemacht hätte und er antwortete, dass er nur zur Besprechung gegangen sei und sich gewundert hatte, warum ich nicht auch gekommen war, doch könnte ich immer noch gehen; Puidor würde mich erwarten.

Während ich begann zu zweifeln, ob er überhaupt noch Verstand besäße, fing auch er an sich zu wundern. Er meinte, es sei doch offensichtlich gewesen, dass ich auch Teil des Ganzen sei, doch verstanden hätte er dies das erste Mal in Ašckhir, als er sich dort der Versammlung hingab statt von ihr vernichtet zu werden. Ob ich mich nicht auch auf die nächste Vereinigung, auf den Zeitpunkt der Toröffnungen aller Festen der Welt freuen würd? Langsam überkam mich nur noch Ekel. Was hatte man ihm nur versprechen können, dass er solche Dinge tat? Endlich schien er meinen Blick richtig zu deuten und zog langsam sein Schwert, während er fragte, warum ich mich nicht freuen würde. Ich antwortete ihm frei heraus, wie wahnsinnig er und die anderen doch seien, dass man sie aufhalten müsse. Oljó sagte noch etwas seltsames, dass mein Anhänger Schuld sei, dass ich nun sterben müsse wie Duimé, der auch zuviel gewusst hätte. Seinem Angriff konnte ich aber ausweichen, entgegnen und nun ist er tot.

Ich weiß nicht, was mit seinem Körper geschah, denn ich floh nach meinem ersten Schlag hierher. Jetzt da ich mich beruhigt habe, werde ich zu Couccinne gehen, würden alle anderen mich doch für verrückt erklären, es fiel mir selber schon beim Schreiben ein. Kann ich mir auch sicher sein, ihn getötet zu haben? War das nicht vielleicht wieder nur eine Erscheinung? All die Dinge, die mir keiner glaubt, kamen darin vor. Puidor war stets mein eigener Alptraum gewesen, wie könnte er ihn gesehen haben? Und doch, er könnte von meinen Erzählungen gehört haben und meinte, mich quälen zu können. Wie kann ich sicher sein? Was ist Schein, was ist Wahrheit? Couccinne…!

In ein paar Stunden beginnt der Überfall.

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Das gesamte Buch kann man auch gedruckt kaufen.

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