Falerte, Teil 65: Bericht des Geistwächters Mosíz an Atáces

LXIV: Bericht des Geistwächters Mosíz an Atáces

 

18. 06. 3980, Ladóra.

Einige Wochen sind seit dem Überfall auf das Haus der Bergbanditen in Ladóra vergangen. Nun ist es Zeit, einen vorläufigen Bericht für euch zu verfassen über das, was Stand der Kenntnis ist, auch wenn der Fall noch nicht ganz abgeschlossen ist. Zunächst werde ich euch die Geschehnisse der 28. Nacht des 5. Mondlaufes schildern, begleitet und gefolgt von unseren dort gewonnen Erkenntnissen, weiteren Absichten und abschließen mit dem, was noch zu geschehen hat. Der Krieger Falerte Khantoë hilft mir beim Verfassen des Berichtes, da ich aufgrund meiner Handverletzung immer noch nicht ganz in der Lage bin, selber zu schreiben.

Etwa eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit machten Geistwächter Castaris und ich sowie unsere Begleittruppe sich auf den Weg. Der Krieger Oljó y Becal war spurlos verschwunden und wir hatten keine Zeit ihn zu suchen, doch darauf komme ich noch zurück. Die Obrigkeit von Ladóra war dank unserer Befugnisse so freundlich, uns acht weitere Krieger an die Seite zu stellen, somit zählten wir also 15. Unseren Männern wurde zuvor von Castaris erzählt, sie sollten dabei aufgrund  ihrer Unerfahrenheit zurückbleiben, doch tatsächlich sollten sie vorausgehen. Das erfuhren sie aber erst vor Ort. Wir trafen auf die zusätzlichen Krieger in der Guigans und gingen mit ihnen zu dem Anwesen, wo die Banditen untergekommen waren. Weitere Einheiten umstellten es großräumig, um niemanden entkommen zu lassen und uns in der Not beistehen zu können. Wie sich herausstellte, war das aber nicht notwendig.

Das Anwesen ist ein mittelgroßes Gelände. Es besteht aus zwei größeren Häusern sowie Stallungen und einem Lagerhaus. Die Nordseite liegt am See, die ganze Anlage im Osten der Stadt, unweit des Parks. Das Lagerhaus steht am See und besitzt einen Pier zum Anlegen kleiner Frachtflussschiffe. Im Süden besitzt das Anwesen einen kleinen Hof, die ganze Anlage ist von einer Mauer umschlossen. In den letzten Tagen hatten wir das Anwesen gut beobachtet, uns das Verhalten der Wachen eingeprägt sowie versucht über das Innere der Gebäude herauszufinden, was möglich war; jedoch gelang letzteres nicht. Nur ein Mann, der keiner von unseren Banditen war, bewachte jeden Abend bis in die Nacht den Hof und wurde dann abgelöst.

Als wir unfern des Hofes waren, gaben Castaris und ich den anderen unseren Plan preis. Es entstand erwartungsgemäß Unruhe, doch konnten wir diese eindämmen, da sie nun auch keine andere Wahl mehr hatten. Der Plan sah vor, dass Castaris und ich als erstes reinschlichen, um den Wächter auszuschalten und zu sehen, ob die Luft rein sei. Dann würden wir das Außentor den anderen öffnen, damit sie nachfolgen könnten. Daraufhin wollten wir herausfinden, wo die Banditen sich genau aufhielten und sie im Schlaf oder beim Feiern überraschen.

Natürlich lief es nicht nach Plan. Es klappte noch gut, den Wächter niederzuschlagen und zu fesseln, ab da geriet aber alles durcheinander. Weder hatte der Wächter wie in den Nächten zuvor einen Schlüssel bei sich, noch ließ sich das Tor anders öffnen. Wir entschieden uns, einen Schlüssel zu suchen, denn die Kämpfer auch einsteigen zu lassen wäre möglich gewesen, doch wären wir dann von der Verstärkung draußen abgeschnitten gewesen. Wir fanden den Schlüssel schließlich in einer kleinen Hütte nah des Stalles, die wohl für die Nachtwache zum Ausruhen gebaut worden war.

Nachdem wir endlich die anderen einlassen konnten, schlichen wir nacheinander in die Häuser, um festzustellen, wo sich die Banditen sowie andere Anwohner gerade aufhielten. Wir hofften, sie würden gerade alle schlafen, dann hätten wir sie leicht überraschen können, doch dem war so nicht. Wir vermuteten, sie würden gerade feiern und sich betrinken, doch schließlich mussten wir feststellen, dass sich in beiden Häusern niemand aufhielt. Das verwirrte uns, hatten wir doch das Anwesen ständig beobachten lassen und niemand hatte es betreten oder verlassen. Nun blieb die Möglichkeit eines geheimen Versteckes. Während wir dies suchten, fanden wir genug schriftliche Unterlagen, die die Schuldigkeit der Beteiligten genügend beweisen und ihre Pläne aufdecken.  Sie wurden euch bereits zur Untersuchung überstellt. Offenbar planten die Banditen, ihre räuberische Herrschaft auszubauen, indem sie in Galjúin einen richtigen Stützpunkt errichten wollten, unterstützt von einigen verfaulten Obrigkeiten und Dörfern, vor allem aber Elpenó, Abajez, Bacáta und Pórga. Ich hoffe, ihr habt mittlerweile dorthin bereits Einheiten entsandt.

Schließlich gelang es dem Krieger Couccinne Carizzo, einen geheimen Gang zu finden, der von den Kellern unter dem Anwesen hindurch Richtung Stadt, genaugenommen zum Park, führte. Mittlerweile wurde er verschüttet, damit man ihn nicht noch einmal für derart unheilige Mittel nutzen kann. Vorsichtig machten wir uns in dieser Nacht auf den Weg diesen Gang entlang. Er war breit genug für drei Männer nebeneinander und hin und wieder von Fackeln erleuchtet. Dies ermöglichte uns den Blick auf sonderbare Zeichnungen und Schriften an den Wänden, die aussahen wie mit Blut geschrieben. Auch lagen in diesem ganzen Gang, der manchmal Biegungen machte, seltsame Gerüche nach Erde und etwas Süßlichem.

Der Gang endete letztlich an einer Kammer, die nun auch verschüttet wurde, mitsamt den anderen Räumen. Diese Kammer zunächst war klein und schmucklos und öffnete sich in einen größeren Raum, die Öffnung nur durch Vorhänge verhangen. Castaris und ich warfen einen Blick hindurch um wahrhaft Ekliges zu sehen. Der Raum war halb so groß wie das ganze Anwesen und von weiteren Fackeln an den Wänden erleuchtet. Seine Form war die eines Achtecks, von jeder Seite ging eine weitere Kammer ab. Wie wir später herausfanden, hatte nur eine davon einen weiteren Ausgang zur Oberfläche, in den Park. Der Raum war ein Trichter; der Boden fiel zur Mitte hin langsam ab, dort war eine Vertiefung, breit genug für zwei Menschen. Auch die Wände dieses Raumes waren mit Zeichen beschmiert.

Um die Vertiefung herum standen fünf eiserne Stangen in einem Halbkreis, auf jede hatte man einen menschlichen Schädel gesteckt; sie stellten sich als die Opfer des ‚Schlächter von Ladóra‘ heraus. Jedoch gab es um die Wände herum 16 weitere, größere Spieße, dort hatte man die Vermissten aufgespießt. Diese Banditen steckten also hinter den Verbrechen in Ladóra. Männer und Frauen, darunter auch unsere Verfolgten, standen auf einer Seite des Raumes, dort, wohin sich die Öffnung des ekligen Halbkreises neigte. Sie schienen in Gebete vertieft; ein Mann stand dabei wir ein Hohepriester vor der Masse, welche etwa vierzig zählte. Zwei bewaffnete Männer zerrten aus der anderen Kammer gerade eine Frau.

Castaris und ich hatten genug gesehen, wir gaben Zeichen, diese stinkende Eitergrube zu stürmen. Die meisten Anwesenden waren unbewaffnet, es gab nur etwa acht Wachen. Bei unserem Anblick versuchten die meisten zu fliehen, der Priester schleuderte uns Flüche entgegen und die Wachen griffen an. Castaris gab Befehl den anderen Ausgang zu verstellen, damit niemand flüchten könnte. Sobald dies geschehen war, sprangen viele Anwesende in die Vertiefung, spießten sich selber auf den Pfählen auf oder suchten andere Mittel, sich das Leben zu nehmen. Wir konnten kaum etwas davon verhindern, so dass wir letztlich nur wenige von ihnen gefangen nehmen konnten.

Obwohl es nur acht Wächter gewesen waren, hatten wir fünf Tote zu beklagen, darunter Castaris sowie den Jungen Dosten Aschengrau. Im Gegenzug konnten wir nur vier Gefangene machen. Alle redeten sie später irr, drei von ihnen konnten sich das Leben nehmen. Immer wieder erwähnten sie die Begriffe Šamrek und Fahach, doch können wir damit nichts anfangen. Der letzte überlebende Gefangene ist überhaupt nicht vernünftig ansprechbar. Immerhin aber haben wir alle nötigen Beweise und Hinweise. Es ist genau verzeichnet, wo sich das Hauptlager befindet, nämlich in den Bergen bei Pórga. Weiterhin verzeichnet sind die in die Sache verwickelten Mitglieder der Obrigkeiten und anderer Teile des Landes sowie einige Dörfer der Eingeborenen, die mit ihnen gemeinsame Sache zu machen scheinen. Die Armee darf nun wohl einige Zeit lang Verräter niederschlagen.

In den Tagen nach dem Überfall sichteten wir die Beweise und ließen diesen unheiligen Ort in Ladóra verschütten. Dabei bemerkten wir, dass der andere Ausgang in den Park führte, wo nah dessen Austiegs versteckt die Leiche des Kämpfers Oljó y Becal lag. Wir können nur vermuten, warum er dort lag, doch hoffen wir den Grund darin suchen zu können, dass er alleine vorgehen wollte. Auf jeden Fall hat er seine Schuldigkeit getan.

Auch muss ich noch die anderen beteiligten überlebenden Krieger belobigen, als da wären: Miruil Enfásiz y Calerto, Jimmo, Couccinne Carizzo sowie Falerte Khantoë. Ich überlasse euch die Entscheidung, was nun mit ihnen zu tun ist, doch empfehle ich eine Beförderung. In etwa einem Mondlauf werden wir fertig sein, dann kehren wir zu euch zurück und werden noch einmal vorsprechen.

 

Ich habe den Krieger Khantoë nun fortgeschickt. Entschuldigt die Schrift, ich muss jetzt allein mit Links schreiben, doch muss ich euch noch etwas zu den Kriegern ergänzen, dass diese nicht erfahren dürfen: Keiner außer Enfásiz scheint mir noch für den Kriegsdienst geeignet, entlasst sie lieber. Jimmo ist kaum ansprechbar, seitdem Aschengrau tot ist, den er als Sohn ansah. Khantoë fing wieder von seinen alten Geschichten über Monster in den Bergen an. Ich glaube, er übertreibt die Tatsachen etwas. Diese Banditen waren eine große Bedrohung, sind nun aber Geschichte. Leider scheint ihm Carizzo auch noch zu glauben. Es wäre möglich, dass sie bewusstseinsverändernde Pflanzen nehmen oder man sie ihnen unbemerkt beigemengt hat. Das würde ihr Verhalten zumindest erklären. Auf jeden Fall sollte man sie unter Verschluss halten oder entlassen.

 

Hochachtungsvoll,

Geistwächter Mosíz.

—-
Das gesamte Buch kann man auch gedruckt kaufen.

Leave a Response

*