Falerte, Teil 72: 3. Tagebuch des Falerte Khantoë

LXXI: 3. Tagebuch des Falerte Khantoë

 

17. 12. 3980, Irgendwo.

Eine Ewigkeit scheint vergangen, doch endlich gab man dich mir zurück. Fast vier Monde, so sagte man mir, waren es gewesen, es fühlte sich aber unendlich länger an. Warum nur gelingt es mir nie, endlich einmal dem Unglück fernzubleiben? Warum bin ich immer genau dort, wo sich jegliches Unheil staut? Wird sich nie für mich ein Hort des Glücks, ein ruhiger Ort ergeben? Vielleicht möchte ich doch einfach nur leben und nicht wie ein Spielball hin und her geworfen werden.

Ach du mein Kleines, lass mich dir klagen um die Zeit verstreichen zu lassen. Seit dem Tag, da ich Ccillia in Halkus sah, schien alles verflucht. Kurz nach unserer Fahrt durch den Sund entstand ein schrecklicher Sturm. Nie sah ich solch schwarze Wolken, solch mächtige Blitze. Amerto befahl uns unter Deck zu bleiben, da wir niemals von Nutzen hätten sein können. In unseren kleinen Kabinen hörten wir die Schreie, das Bersten von Holz, das Rauschen des aufgeregten Meeres sowie das Grollen und Wüten des Sturmes, und überall lag der Geruch von Regen und Blitzen in der Luft. Morgens schien alles vorbei, das Meer ruhig und unschuldig, das Schiff aber bloß ein treibendes Grab.

Es schien keine Hoffnung zu geben je lebend Land zu erreichen, da tauchte auf einmal ein Schiff auf. Die Segel waren schwarz wie der Tod, die Fahnen wiesen gekreuzte Säbel auf. Von allen möglichen tödlichen  Gefahren des Meeres waren wir ausgerechnet in die Hände der Schwarzseepiraten gefallen. Wir waren hilflos, kaum noch einer der Seemänner arbeitsbereit und wir fünf Krieger keine Gegner für fünfzig feindliche Seeräuber. Während wir uns ergaben, gefesselt und auf ihr Schiff gebracht wurden, plünderten sie die Sturmwind, die von ihrem Namensgeber verwüstet worden war. Amerto weigerte sich jedoch aufzugeben, wütete und kämpfte, und musste so mit seinem Schiff in die Tiefen der See entschwinden. Ein passender Tod für einen Seewächter.

Wir anderen dagegen, nur etwa zwanzig Mann, denn die schwerer Verwundeten waren auch getötet worden, fuhren in eine ungewisse Zukunft. Dich mein süßes Buch nahmen sie mir damals, ebenso unser Geld und unsere andere Habe, einiges davon habe ich nun immerhin wieder. Ich kannte die Inseln und Stützpunkte der Piraten nur aus Erzählungen, obwohl ihre Inseln so greifbar nahe an den ramitischen liegen, doch sollte ich sie kennenlernen. Bis heute weiß ich nicht, zu welcher Insel genau man uns brachte und werde es wohl auch nie erfahren. Die Reise dauerte aber mehrere Tage, also könnte es jede gewesen sein, jedoch keine der kleinsten. Die gesamte Fahrt über sperrte man uns in ein dunkles Loch voller Ratten und gab uns nur schleimigen Brei zu essen und abgestandenes Wasser zu trinken. Auf ewig werde ich die Piraten dafür hassen. Ich erfuhr, wie unangenehm Mitgefangene unter solchen Umständen sein können und sah die Abgründe menschlichen Seins. Als man uns endlich von Bord holte, zählten wir nur noch siebzehn.

Die Augen schmerzten uns nach der langen Dunkelheit und viele konnten schon kaum mehr richtig gehen. Das Schiff hatte an einem kleinen Hafen angelegt, einem größeren Lager. Wie wir später erfuhren, bringen sie dort die meisten der Gefangenen unter, die zur Minenarbeit eingeteilt werden. Wir sahen aber kaum etwas von diesem heruntergekommen Loch von Posten, sondern wurden schnell in ein neues Gefängnis gesperrt. Im Untergrund sollten wir nun für die Piraten bis an unser Lebensende Erz abbauen. Für einige kam dieses Ende sehr schnell. Ich weiß selber nicht, wie ich es solange aushielt.

Die Piraten haben auf den Inseln schon fast so etwas wie ein kleines Reich und nisten dort seit Jahrhunderten. Der Posten, in dem wir uns befanden, war nur einer von vielen. Mit Minenarbeit hatten wir aber noch eines der härtesten Lose gezogen. Stundenlang mussten wir jeden Tag im Matsch herumkriechen um das Erz abzubauen, welches die Piraten nutzen, ihr kleines Reich mit Waffen auszustatten oder mit dem sie mit anderen Ländern über Schmuggler wie Garekh handeln und was Menschen wie mein Vater dann verkaufen. Garekh, mein Freund! Hätte ich ihn nur erreichen können, den Freund eines Freundes des großen Piraten Schwarzkralle hätte man sicherlich sofort freigelassen. So stießen meine Worte aber nur auf taube Ohren. Aus den Gesprächen der Wachen erfuhr ich auch, dass die Piraten der Schwarzsee sich seit Monden mit denen aus Icran, aus der Stadt Nocstce, bekämpften und der Handel derzeit lahmgelegt war.

Für Monde war ich also getrennt von den anderen unten in der stickigen eklen Dunkelheit, während oben langsam der Winter hereinbrach. Lange sollte es dauern, bis einer der Piraten endlich einmal meine Sachen durchstöberte und dort die Briefe von Garekh fand. Glücklicherweise war es zugleich ein Mann, der sofort eine Gewinn- und Aufstiegsmöglichkeit für sich roch, wenn er Schwarzkralle von mir berichten würde. Letztlich war dieser es selbst, der mich da rausholte und sich überschwänglich entschuldigte. Es wäre mir ein Vergnügen gewesen, ihn sofort umzubringen, so weit hatten die Minen mich gebracht, doch forderte ich nur die Freiheit für mich und meine Freunde, meine Sachen sowie eine Möglichkeit heimkehren zu können. Diese Möglichkeit bot sich beträchtlich schnell in überraschender Form, denn Garekh hatte die verminderte Schifffahrt des Winters genutzt um zu Schwarzkralle zu fahren. Die Freude sich wiederzusehen war groß, tief aber das Bedauern aufgrund allem, was geschehen war.

Endlich sind wir auf dem Weg nach Ayumäeh, die Grausamkeit der Piraten liegt hinter uns, doch nagt an mir das Gefühl, zu spät zu kommen. Denn bei seiner Abfahrt vor Wochen hatte Garekh meinen Vater an dessen Todesbett besucht. All das Unglück nimmt also nur weiter seinen Lauf; eilt mir voran und ich kann nie gewinnen.

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Das gesamte Buch kann man auch gedruckt kaufen.

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