Falerte, Teil 75: Brief an die Schwester

LXXIV: Brief an die Schwester

 

03. 03. 3990, Ciprylla.

Geliebte Schwester,

Wieviele Jahre ist es nun wohl her, seitdem ich dir das letzte Mal schrieb? Ich hoffe sehr, du hasst mich für mein Schweigen nicht, doch gab es gute Gründe. Lies dir durch, was ich zu sagen habe und ich will dir über die letzten Jahre berichten. Viele Dinge habe ich gesehen und noch viel mehr getan; immer auf der Jagd nach dem Glück und einer Antwort, welches mein Sinn im Leben ist. Anfangs ging ich zu Couccinne und war eine Zeitlang mit in dessen Orden. Während es ihm aber zu gefallen schien, verspürte ich nur den Drang nach mehr, hatte den Gedanken, dass etwas fehlt. Ich sprach oft mit ihm darüber, da es ihm einst wie mir dort gegangen war, doch meinte er nun sein Glück an diesem Ort gefunden zu haben. Es fiel mir schwer, doch musste ich ihn verlassen, etwas zog mich hinfort.

Ich brauchte Zeit für mich allein, fern der alten Bekannten, fern von Vorwürfen unserer Mutter, deshalb schrieb ich dir eine Weile auch nicht mehr. Später kamen meine Briefe ungeöffnet zurück und ich dachte, du seist sauer auf mich, doch lag es nur an eurem Umzug, wie ich jetzt endlich erfuhr. Damals aber war ich enttäuscht und teils verzweifelt, bist du mir doch stets eines der wichtigsten Wesen der Welt gewesen. Aus den verschiedenen Enttäuschungen und der Unruhe heraus entschloss ich mich, auf Wanderschaft zu gehen, die Welt zu sehen. Vor allem aber versuchte ich Miruil zu finden.

Auf meinem Weg vernahm ich die unterschiedlichsten Gerüchte über ihn. In Tarle sagten sie, er hätte eine Prinzessin geheiratet und wäre König geworden, doch das gehörte in die Welt der Märchen. Andere Leute erzählten mir in Dhranor, er wäre bei der Suche nach Schätzen ums Leben gekommen, doch fand ich dafür nie einen Beweis. Letztlich hörte ich in Aleca, er sei nach Ciprylla gegangen, der großen Stadt der Abenteurer. Und da war ich dann, so nah an meinem Beginn und doch so weit gereist. Fast fühlte ich mich wie in Rardisonan, als ich das erste Mal alleine in einer fremden Stadt war. Ich wusste nicht wohin und auch nicht, was ich tun könne. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis ich dann Miruil fand.

Vielleicht hätte es mir lieber nie gelingen sollen, vielleicht hätte ich lieber auf ewig von der Vergangenheit träumen sollen. Miruil hatte sich sehr verändert und mir gefiel dies nicht. Ich werde dich nicht mit allen Einzelheiten langweilen, doch es war schwer für mich. Miruil erkannte mich zwar, zeigte aber keine Freude mich zu sehen. Die Verwandlung, die er in Nardújarnán begonnen hatte, schien nun abgeschlossen. Er war Spieler bei den Spielen von Ciprylla und nichts anderes war ihm mehr wichtig, es ging nur noch um Ruhm, den Jubel der Massen und den Reichtum. Bei fast allen wichtigen Spielen der Stadt war er stets der Gewinner, das hatte ihn größenwahnsinnig werden lassen.

Es war im Streit, da forderte ich ihn heraus beim Großen Spiel gegen mich anzutreten. Du weißt, bei diesem wird entschieden, wer Fürst der Stadt werden soll und es war das einzige Spiel, an dem Miruil noch nicht teilgenommen hatte. Ich kitzelte seine Angst, verhöhnte ihn, und bald standen wir vor dem Eingang zu den Höhlen des Großen Spiels, zusammen mit einem Dutzend anderer. Wir alle waren da Feinde, denn nur einer soll es lebend bis zum Ende schaffen. Es war grauenvoll. Zwar ließ mich der Nervenkitzel lebendig fühlen, doch es war schrecklich den Tod von Miruil fordern zu müssen. Die letzte Höhle wäre auch sein Ende gewesen, hätten wir uns nicht endlich wieder zusammengerissen und gemeinsam das Spiel besiegt.

So etwas war nicht oft in der Geschichte der Stadt vorgekomm und eigentlich auch verboten, doch hatte man letztlich keine Wahl, als die Zuschauer uns beiden zujubelten, als ich erklärte, dass Miruil gewonnen hätte. So wurde Miruil Enfásiz Fürst von Ciprylla. Und ich? Ich wurde zu dem, was Miruil gewesen ist. Jetzt jubeln sie mir bei den Spielen zu und die Angebote werden immer ungeheuerlicher, mit denen man mich zu kaufen versucht.

Doch ich will das alles nicht. Es behagt mir nicht, Liebling der Stadt zu sein, nur weil ich ihre dämlichen Spiele spiele, gewinne und für ihre Unterhaltung zuständig bin. Miruil habe ich kaum noch je gesehen und man muss wohl sagen, unsere Freundschaft ist gestorben. Auch von Couccinne habe ich kaum noch etwas gehört, auch wenn wir manchmal Briefe tauschen. Mittlerweile scheint er Hohepriester des Ordens zu sein, eine Rolle, in der ich ihn mir kaum vorstellen kann.

Jedenfalls habe ich erneut beschlossen, fortzugehen. Ich werde ziellos in der Welt herumwandern, mich treiben lassen und sehen, was das Schicksal für mich geplant hält. Vielleicht schreibe ich wieder Tagebücher, die ich dir zusenden werde. Auf jeden Fall aber schicke ich euch den Großteil meines Vermögens mit, ihr dürftet dafür bessere Verwendung finden. Wünscht mir Glück.

Ich liebe dich,

Falerte

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Das gesamte Buch kann man auch gedruckt kaufen.

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