Der A’Lhumakrieg – IV: Härte, wenn Härte notwendig ist.

Wieder einmal hatte ich alle Hände voll zu tun, die Ernennungsfeierlichkeiten für einen neuen Tereanv vorzubereiten, der diesmal ausgerechnet unser junger Crear Ataurass sein sollte. Dies als erstes zu vollführen stellte zum Glück kein Problem mit der Sitte dar, war Louvis doch noch nicht mit seinen Untersuchungen fertig geworden. Rechtzeitig zu Beginn der Veranstaltung erschienen Crear und Louvis im Thronsaal; ersterer um auf dem Thron Platz zu nehmen, zweiterer um beizuwohnen. Wie immer waren nur einige Adlige und Diener anwesend und seiner Aufgabe als Hofmeister folgend überreichte der alte Pyn dem jungen Crear den Familienstab, was ihn zum Tereanv von Lurut machte.

Danach hielt Crear seine erste Ansprache. „Wie ihr wisst, bekam ich dieses Amt nur durch unglückliche Umstände. Mein Ziel ist es, dafür zu sorgen, dass so etwas nicht noch einmal geschehen kann; die Familie Elorm soll gestärkt und nicht geschwächt werden. Also, Louvis – lasst hören, was ihr zu berichten habt.“

Dieser verharrte an seiner Stelle in der kleinen Menge, doch schienen alle einen Schritt von ihm fortzugehen, als die Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt wurde. „Danke – ja, ich habe Maereth gründlich untersucht und es steht ohne Zweifel fest, dass er – vergiftet wurde.“

Ein entsetztes Raunen ging durch die Versammelten. – Nun tut doch nicht so unschuldig unwissend! Wollte ich ihnen zurufen, doch hielt ich an mich.

Teule fand als erste wieder Worte – kaum überraschend. „Das ist – das ist – empörend! Wie kann es jemand wagen, einen Angehörigen der Familie Elorm – den Tereanv! – zu vergiften? – Wer war es?“

„Nun – das weiß ich nicht – viele könnten es sein – jeder, der einen Groll gegen ihn hegte oder davon einen Vorteil hätte.“ Ob ich der einzige war, der seinen Blick zu Crear verdächtig – verdächtigend – fand?

Crear zumindest schien nicht darauf einzugehen; machte sich bereit seine ersten Befehle zu geben. „Das bedeutet also, wir müssen die Burg durchsuchen. Möglicherweise ist der Mörder einer von uns. – Errist!“

Der Anführer der Burgtruppen trat vor. „Ja, Herr?“

„Durchsuche jedes Gemach – wenn dich jemand hindern will, lasse ihn verhaften.“ Laute Widersprüche gingen durch den Saal. „Ruhe! – Nun bin ich euer Tereanv – lasst uns wieder ein sicheres Leben herstellen!“

Doch Louvis sprach noch einmal. „Wir sollten noch etwas bedenken – wenn Maereth vergiftet wurde, könnte es bei Shaen auch so gewesen sein – aber wer hätte einen Nutzen davon?“

Crear blieb trotz dieser versteckten Anschuldigung erstaunlich ruhig. „Mir fallen da viele ein; schon allein die halbe Familie. Denkt darüber nach – aber nun geht. – Ihr alle! Die Versammlung ist hiermit aufgelöst. In zwei Stunden wird Maereth auf den Hügeln verbrannt. Bezeugt ihm eure Ehre!“

Damit wurden wir also aufgefordert zu gehen und uns bereit zu machen. Die Ehrbekundigungen für den Verstorbenen waren wie üblich ebenfalls kurz und auf das Nötigste beschränkt, doch kam auch Volk aus der Stadt hinzu. Die ganze Zeit über ging es mir aber nicht aus dem Sinn, wie hart und geübt Crear an all dies herangehen konnte. Und die kommende Zeit ließ ihn nur noch schlimmer werden.

Eines Abends rief er mich in seine Gemächer, da wir uns aufgrund seiner neuen Verantwortungen nur noch schlecht bei mir treffen konnten. Sein Gesicht zeigte mir wie immer alles, was er tagsüber unterdrücken musste; nun mehr denn je zuvor. Ich sah den üblichen Zorn, die Unruhe, diesmal aber auch – Schmerz.

„Crear – geht es dir nicht gut?“

Dieser verzog kurz das Gesicht. „Ach! – Es ist soviel – und soviel Unsinn! – Wusstest du, dass ich immer Kopfschmerzen bekomme, wenn jemand wie Louvis oder Teule auf mich einspricht? Und seit kurzem werden sie immer schlimmer – soviele, die auf mich einsprechen, die etwas wollen – manchmal wünschte ich, sie alle loszuwerden.“

Besorgt sah ich zu, wie sich Erschöpfung in seine Züge schlich und er sich auf ein Sofa setzen musste. „Vielleicht tust du zuviel – vielleicht solltest du dir einige Aufgaben abnehmen lassen.“

Sein Ausdruck wurde spöttisch. „Von dir zum Beispiel?“ Mein Blick dagegen musste nun Schreck verraten haben. „Ach, verzeih mir.“ Und damit wechselte er plötzlich die Gesprächsrichtung. „Weißt du, was man von mir in der Stadt erzählt?“

„Ja, ich habe einiges gehört – im Grunde genommen dasselbe, was man sich über Maereth erzählte, als Shaen starb.“

„Das ist richtig – aber scheinbar ist es schlimmer. Errist sagte mir, man munkelt, ich hätte beide ermordet. Was sagst du dazu?“

„Hmm.. – es ist nicht gut, wenn ein Volk so etwas von seinem Herrscher denkt – du solltest etwas deswegen unternehmen.“

„Ah, seit wann kennst du dich mit den Pflichten eines Herrschers aus? – Etwa ein Buch gelesen? – Aber natürlich hast du Recht, ich muss und werde etwas unternehmen. – Wenn mich doch nur nicht immer diese Kopfschmerzen vom Denken abhalten würden…“

„Soll ich dir die Kräuterfrauen schicken?“

Crear zögerte. „Besser nicht – erst, wenn wir den oder die Verantwortlichen gefunden haben – wer weiß, vielleicht würden die Frauen mich ja vergiften wollen?“

„Gibt es sonst etwas, das ich für dich tun kann?“

„Ja – halte mir Teule und Louvis vom Hals – die beiden brüten etwas aus – ich kann es spüren.“

„Das wird schwer – aber ich seh‘, was ich tun kann.“

Am nächsten Tag erblickte ich Teule mit Crear zusammen im Hofgarten. Ich konnte nicht umhin, sie aus dem Schatten des Bogenganges heraus neugierig zu belauschen. Leider verstand ich nicht alles, was sie besprachen, doch schien Crear ihrer Gegenwart nun gar nicht mehr so überdrüssig zu sein wie noch zuvor. Die Brocken ihres Gespräches, die auch ich verstand, verwirrten mich, ergaben sie für sich allein doch keinen Sinn, aber mehrmals hörte ich die Namen Louvis, Maereth und Baggris. Ich hielt meinen Posten noch für eine Weile – doch ohne Erfolg, dann verabschiedeten sie sich – wie Großmutter und Enkel; nicht wie Feinde.

Am nächsten Morgen ließ Crear eine Handvoll Burgvolk, darunter auch mich, zu sich in den Thronsaal rufen. Herrschaftsvoll zu sitzen verstand er bereits gut, doch Louvis ließ sich immer noch nicht von ihm beeindrucken.

„Warum ruft ihr uns bereits so früh zu euch? Besitzt ihr nicht den Anstand, wenigstens bis nach der Morgenreinigung zu warten?“

„Seid still, Louvis; euer Gastgeber hat wichtiges zu verkünden.“ Errist zur rechten der Thronstufen sowie die üblichen Wachen am Saaleingang waren als einzige bewaffnet.

„Danke, Errist – also Louvis, eure Neugierde soll befriedigt werden. Wie ihr alle wisst, wurde die Burg nach Giften und einem Mörder des Maereth abgesucht – und heute Nacht fand sich ersteres und damit dann auch zweiteres.“

Unter den wenigen Anwesenden entstand Gemurmel.

Wieder einmal hielt Teule es nicht aus. „Nun sag schon – wer war es?“

Crear sah sie an als wollte er noch etwas anderes erwidern, doch wandte er sich schließlich an Errist. „Lass ihn hereinbringen.“

Begleitet von dem leichten Raunen der Zuschauer begab sich Errist zu einer Seitentür des Saales, öffnete diese und gab seine Befehle. Kurz darauf nahm das Raunen einen anderen Ton an, als zwei Wächter von Errist einen weiteren Mann hereinführten, der nicht bedroht wurde oder in Ketten lag, doch sichtlich große Angst hatte – Baggris, der Diener des Maereth, wurde beschuldigt, seinen eigenen Herrn ermordet zu haben. Als er mit seinen Begleitern in der Mitte des Saales stand, zwischen den Zeugen und Crear, erhob dieser seine Stimme.

„Du bist Baggris und warst lange Jahre Diener meines Onkels Maereth – stimmt das?“

Als der Angesprochene antwortete, zitterte seine Stimme. „Ja – Herr.“

„Du warst also über Jahre hinweg der Vertraute meines Onkels…“ Baggris nickte. „…sag mir, warum dann hast du ihn ermordet?“

Die Versammelten blickten teils ungläubig, teils verachtend; Baggris dagegen wie ein in die Enge gedrängtes Tier. „Das habe ich nicht!“

„Und wie kommt es dann, dass du in deinem Zimmer einen Wirkstoff – ein tödliches Gift – das selbe Gift, mit dem Maereth ermordet wurde – lagerst?“

Baggris sah sich erfolglos hilfesuchend um. „Er gab es mir ein paar Wochen vor seinem Tod – ich wusste nicht, was es war – ich schwöre es!“

„Warum sollte dir mein Onkel ein Gift geben – Warum sollte er so dumm gewesen sein, dir in die Hände zu spielen? – Ich frage dich ein letztes Mal: Warum hast du ihn ermordet?“

„Das habe ich nicht!“ Baggris schien verzweifelt.

Crear wurde immer härter, dass mir schauderte. „Nun gut, dann sage ich dir, warum du es getan hast: Vor einem Jahr begegnete Maereth einer Schwester von dir. – Sie gefiel ihm; er ihr jedoch nicht. – Er missachtete alle guten Sitten und nahm sie mit Gewalt, dass sie dabei starb. – So etwas haben auch schon andere Tereanv vor ihm getan. – Du aber schworst Rache an Maereth. – Stimmt das so?“

„Ja, er hat sie getötet! – Doch ich würde niemals…!“

„Ich habe genug Zeugen, die gesehen haben, wie sehr deine Liebe zu meinem Onkel in Hass umschwang. Leider war er nie schlau genug gewesen, dich zu entlassen; wollte dich mit seiner Anwesenheit quälen.“

Im Saal gab es zustimmendes, überraschtes und entsetztes Gemurmel.

Da sprach Louvis. „Jetzt hört endlich auf mit diesem Possenspiel und werft ihn in den Kerker!“

Zwei oder drei Stimmen gaben ihr Einverständnis.

Doch Crear war anderer Meinung. „Nein, es sollen alle sehen, dass man einen Tereanv nicht so behandeln kann – heute Mittag gleich wird er in der Stadt gehängt werden.“

Baggris brach sogleich zusammen. Einige Anwesende waren bestürzt, andere stimmten zu. Ich aber wunderte mich, zu was Crear fähig war.

Nachdem Baggris wieder weggebracht und die Versammlung aufgelöst wurde, sah ich Teule zu Crear gehen. „Ich bin überrascht Enkel – du machst dich.“

Crear sah ihr nicht hinterher, als sie ging – doch Louvis folgte ihr sogleich. Ich überlegte kurz das Wort an Crear zu richten, nach einem Blick auf Errist ließ ich es jedoch sein. Stattdessen nahm ich mir den Nachmittag frei um runter in die Stadt zu gehen, wo sich am Markt dann eine kleine Menge eingefunden hatte, der Hinrichtung des Baggris zuzusehen. Niemand der Anwesenden schien ihn zu kennen; sie alle waren bloß glücklich, ihren Hass auf jemanden lenken zu können, denn obwohl Maereth und Shaen kaum Zeit zum Wirken gehabt hatten, waren die Bürger zumindest bis Gurass der Familie Elorm ergeben gewesen, die der Stadt seit Jahrzehnten steigenden Wohlstand brachte – und nun achteten sie auch Crear, wo doch alle Verdächtigungen ihm gegenüber ihren Grund verloren hatten. Niemand sprach für Baggris; niemand nahm Anteil an seinem Schicksal. Als er auf die Erhöhung gebracht und vorgestellt wurde, entschied ich mich dazu wieder zu gehen, wollte ich doch nicht noch mehr sehen.

Die Gerüchte und Gespräche über Crear ließen aber nicht völlig nach. Nachdem das Volk nun zwar einigermaßen beruhigt worden war, begann der Adel immer mehr zu vermuten, Geschichten zu spinnen. Neu war eigentlich keine davon, doch die Kreise in denen sie umgingen umso einflussreicher. Bald ging dies so weit, dass Crear handeln musste und einen der lautesten Schwätzer zu sich in den Thronsaal rief.

„Werter Paush – leider wurdet ihr uns die letzten Tage vor allem aus euren Reden über uns bekannt – leider deshalb, weil diese Reden nicht angenehm waren.“

„Aber – Herr! – nie hätte ich etwas Schlechtes über euch gesagt!“

„Ah – ein Lügner auch noch? – Aber gut – Paush: Eure Familie ist schon lange an diesem Hof – und hat meinen Vorgängern wohl gute Dienste geleistet… – Wisst ihr, die Dinge, die ihr über uns sagtet, sind natürlich nicht wahr – euch wird nichts geschehen. Im Gegenteil – ich plane, euch für eure langen Dienste gut zu entlohnen.“ Während Paush ihn überrascht und irgendwie auch geschmeichelt ansah, fuhr Crear fort. „Wie ihr sicher wisst, gehören zu unseren Ländereien auch viele der Grenzmarken. Nördlich von Lurut, tief im Branntwald, liegt Chaensist. In den letzten Jahren kamen oft Banditen aus Panmein dorthin. Ich ließ euch bereits als neuen Verwalter eintragen – man erwartet eure Ankunft bis zum Ende der nächsten Woche.“

Paush verließ den Saal hochrot und schien kurz vor dem Bersten zu sein. Seine Abreise erfolgte sehr schnell.

In den folgenden Wochen wurde Crear immer sicherer in dem, was er tat. Zunächst setzte er die Herrschaft über Lurut fort wie gewohnt, doch brachte er nach einer Weile die Pläne des Shaen zur Stärkung Luruts wieder hervor. Paush galt hierbei als erster Wegstein zum Ziel, die Grenze zu sichern. Nach und nach kamen auch vermehrt Gesandte aus anderen Regionen des Landes, allen voran die Nachbarn Luruts, die durch die Stärkung der Grenzen aufgeschreckt worden waren. Im Gegensatz zu Shaen sprach Crear aber nicht offen darüber, die anderen anzugreifen, obwohl alle diese Entscheidung für früher oder später erwarteten – hoffnungsvoll oder ängstlich. Für uns in der Dienerschaft ging das Leben in Lurut aber weiter wie gewohnt, sieht man einmal davon ab, dass der Winter sich näherte.

„Was glaubst du – wird die Herrin Asmyllis je wiederkommen?“ Caeryss hörte in ihrer Tätigkeit Teig zu kneten auf und sah mich an, dass auch ich aufhören musste die Vorratslisten durchzugehen.

„Das weiß niemand – aber wie kommst du da jetzt drauf?“ Eigentlich hatte ich Asmyllis schon fast vergessen; wie eine alte Liebe.

„Vielleicht könnte sie hier wieder Ordnung schaffen – den Herrn Crear wieder zur Vernunft bringen – und wieder mehr von der Familie in die Burg schaffen; nun, da auch Gasmys und seine Söhne weg sind.“

Mit einem Mal hatte sie meine Aufmerksamkeit. „Wie meinst du das – weg?“

Sie sah mich überrascht an. „Sie wurden von Crear an die südliche Grenze gesandt – nach Narattet, soweit ich weiß – müsstest du als Kämmerer das nicht wissen?“

„Ja, das müsste ich wohl.“ Mit gemischten Gefühlen stand ich auf. „Ich werde mit Crear sprechen müssen.“ Eilig verließ ich die Küche, einen seltsamen Zorn verspürend; doch war gleichzeitig erleichtert: Nur weggeschickt, nichts schlimmeres. – Ich fand Crear bei Euliste.


Das ganze Buch kaufen:

Als eBook bei Amazon

Als Taschenbuch bei Lulu

Leave a Response

*