Der A’Lhumakrieg – V: Freunde bringen auch Feinde.

Ich hatte noch nie so eine beeindruckende Stadt gesehen. Aber immerhin befand ich mich damals in diesem Frühjahr auch in der Stadt des Königs, welche man sich immer eindrucksvoll vorstellt. Barga war die älteste Stadt des Landes – und auch die größte. Mit jedem Schritt spürte man das Alter, welches die Steine der Stadt verströmten. Die Bewohner schenkten uns bei unserer Ankunft nur wenig Beachtung, schienen sie doch zu sehr in ihre eigenen Geschäfte verwickelt zu sein und waren Besucher wie uns sicherlich bereits gewohnt – und letztlich dürfte man Louvis und seine Leute in der Stadt sicherlich zur Genüge kennen.

Wir erreichten eine Woche zu früh die Stadt, da wir mit widrigeren Reisebedingungen gerechnet hatten, doch waren die Straßen bereits besser bereisbar als gedacht. Der Geburtstag des Königs stand an und wir waren nicht die ersten Gäste, so wurden wir erst einmal auf Unterkünfte in der Stadt verwiesen, da in der Burg kein Platz mehr war, wollte man nicht bloß auf dem Fußbogen schlafen, derweil Louvis und seine Begleitung – darunter auch das Fräulein Euliste – dem König bereits ihre Aufwartung machen durften. Crear dagegen hatte wie alle angereisten Adligen bis zu den Feierlichkeiten zu warten, bevor er dem König vorstellig werden durfte – und ich, der ich nur als Freund des Crear diese Reise mitmachte, hatte tiefstes Mitgefühl mit dem Kämmerer der Burg von Barga, ständen diesem doch anstrengende Tage bevor.

Mit uns kamen einige der Hofadligen, eine Reihe von Knechten und Mägden unter meinem Befehl und natürlich Errist mit einigen Kämpfern als Leibgarde des Tereanv. Daheim in Lurut durfte Hofmeister Pyn die Burg einmal für einen Mond lang nahezu für sich allein haben; was aber natürlich auch bedeutete, dass er auf die verbliebenen Adligen und Mägde achten musste.

Fast eine Woche verbrachten wir in einem Stadthaus des Königs, untergebracht in einem ganzen Stockwerk des Gebäudes, derweil in jeweils einem der zwei anderen der Tereanv von Thyrm und Somm Orichin, Tereanv von Daminro, unterkamen. Beide waren mit ihren Begleitern bereits vor uns angekommen und eifrig uns zu begrüßen und willkommen zu heißen. – Das alte Spiel begann: Beschnuppern; Stärken und Schwächen ausprobieren und herausfinden; sich mit den Starken gut stellen und versuchen die Schwachen zu unterwerfen. Von den beiden anderen Tereanvs war Somm Orichin eindeutig der stärkere und Thyrm ihnen allen unterlegen.

Nach einer Weile trafen Crear und Orichin sich fast jeden Abend wie wahrhaft Gleichrangige. Sie unterhielten sich vor allem über ihre jeweiligen Landesgeschäfte und die angrenzenden Reiche – über Tarle und Panmein. Zwar hatte unser Sacaluma mit beiden lange keine Zwiste gehabt, doch schien dies den Tereanv auch nur wenig zu gefallen – immer wenn ich zufällig etwas aus den Gesprächen aufschnappte, ging es um Schwächen und Stärken der Reiche, welche Landstriche sie hätten, die für Sacaluma interessant wären und um Kriegsgeschichten aus der Vergangenheit – und das, wo Crear kaum Ausbildung an einer Waffe erhalten hatte.

Ich nutzte die freie Zeit meist lieber – allein oder in Begleitung von Knechten oder Kämpfern die ich mochte – um die Stadt zu erkunden. Ja – sie war eine Stadt wie so viele, doch gab es mehr Geheimnisse zu entdecken und man spürte auch, dass die Barger andere Vorfahren hatten denn die Luruten – oder auch die Daminronen und Thyrmen. Es galt eine fast schon neue Welt für mich zu erkunden, und das tat ich dann auch. Hin und wieder sah ich neue Gesandtschaften eintreffen; meist ein Tereanv oder anderen Herrn einer Stadt oder eines Landstriches samt Begleitung, einer mehr herausgeputzt als der andere, als galt es etwas zu gewinnen, seltener auch Stellvertreter, wo jemand nicht selbst erscheinen konnte – und die Barger selber waren eifrig darum bemüht, auch ihre Stadt so schön wie möglich herzurichten, war des Königs Geburtstag doch für alle ein Fest.

Die angekommenen Gesandten aber waren für den betreffenden Tag in die Burg selbst geladen und durften dazu ihre adlige Begleitung sowie ein paar ausgesuchte Diener mitnehmen. – So kam es, dass an diesem Feiertag auch ich in der Burg zugegen war. Mehrere Veranstaltungen waren für diesen kühlen doch sonnigen Tag geplant worden, doch bevor es dazu kommen konnte, sollten sämtliche Gäste gemeinsam den König – ihren König – begrüßen. Hierzu kam der König Jaster Junoh Sacaeran auf einen Balkon hinaus, von dem er den Hof, auf dem sich alle versammelt hatten, überblicken konnte.

Jaster Junoh war, wie man sich einen König vorstellte, in seinen besten Jahren, die sich jedoch auch schon dem Ende zuneigten, vollbärtig und mit halblangen Locken, beides jedoch schon mit grauen Strähnen versehen. Körper und Geist wiesen Festigkeit und Stärke auf – nur auf Zeichen seiner Macht, wie einer Krone, hatte er verzichtet – doch trug er kunstvolle Festgewänder.

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Auch seine Stimme war fest – und herrschaftsgewohnt. „Willkommen auf der Burg Barga! – Es freut mich zu sehen, wieviele den Weg auf sich nahmen allein meines Geburtstages wegen hier zu erscheinen! – Mein Hofmeister, Tereanv Feart, hat viel für uns heute vorbereitet! – Aber zunächst einmal – lasst uns frühstücken!“

Das mussten wir uns nicht mehrmals sagen lassen. Das Frühstück wirkte mehr wie ein großzügiges Mittagsessen, wogegen wir nichts einzuwenden wussten. Danach war eine kurze Zeit dafür angesetzt, sich kennenzulernen, bevor es hinaus vor die Stadt für ein öffentliches Turnier gehen würde – und darauf sollten noch das Mittagsessen, Schauspieler, Musikanten und Spiele folgen, bevor es dann zum Abendessen mit abschließendem Ball kommen könnte.

Louvis nutzte den Moment, um dem König unseren Crear vorzustellen – welcher wiederum auch mich dazu holte.

„Ah! – Ihr seid also der neue Tereanv von Lurut! – Erfreut an eurer Bekanntschaft! – Und wehe ihr kniet vor mir.“

So blieb Crear dabei sich nur etwas zu verbeugen. „Danke Herr – auch mir ist es eine Ehre.“

„Ich hoffe doch – die Reise verlief gut?“

„Wir hatten keine Probleme.“

„Gut – in einigen Gegenden soll es nämlich wieder vermehrt Räuber geben!“ Dann wandelte sich sein Gesichtsausdruck zu Wehmut. „Ich kannte euren Großvater – Gurass – und auch dessen Sohn, euren Großvater Shaen – um ersteren ist es wirklich schade – ich war tief bestürzt als ich von dem Verlust hörte.“ Wieder ließ er Crear nicht zu Wort kommen, wandelte sich sein Gesichtsausdruck doch sofort wieder in Freude. „Aber reden wir von den schönen Dingen des Lebens! – Ihr kennt sicher meine Kinder noch nicht – darf ich sie euch vorstellen?“ Ohne zu warten gab er ein Zeichen und aus dem Hintergrund traten wie bestellt ein junger Knabe und ein etwa volljähriges Mädchen. „Das sind mein Sohn und Nachfolger Jerris und seine Schwester Emmistat; Verlobte des Tereanv Fouchal Demaun von Gernin.“

Artig verbeugten sich die Kinder. Man kann wohl von Glück sprechen, dass nur ich die Blicke zwischen Crear und Emmistat bemerkte, hätte es doch sonst zu vielen Unannehmlichkeiten führen können. So aber blieb es mein Geheimnis, wie Crear ein neues Interesse fand.

Jaster Junoh redete dagegen bereits weiter. „Leider kann ich euch meinen Jüngsten nicht vorstellen; er muss gerade schlafen und wird von seiner Amme umsorgt.“ Der König lachte, als hätte er einen guten Scherz gemacht. Dann blickte er wieder traurig. „Was seine Mutter ja nicht mehr tun kann.“

Das hörte ich kaum, da ich bereits überlegte, wie ich Crear nun von diesem mitteilsamen Herrscher befreien könnte, doch mischte sich jemand neues ein.

Ein Mann mittleren Alters mit Spitzbart und kurzgehaltenen Locken stellte sich rechts von uns auf. „Herr – verzeiht. – Meine Schönheit…“ Damit ergriff er die Hand der Emmistat um sie zu küssen.

„Ah! – mein zukünftiger Sohn!“ Der Ankömmling verneigte sich leicht vor ihm. „Sagt – habt ihr euch schon vorgestellt?“ Damit meinte er Crear und den Mann, die beide verneinten. „Tereanv Crear Ataurass Elorm von Lurut – darf ich euch Tereanv Fouchal Demaun von Gernin vorstellen? Oder wie er es lieber hat: Geroux. – Verlobter meiner Tochter, zukünftiger Sohn meines Wesens!“

Die beiden Genannten begrüßten sich mit abschätzenden Blicken, dann sprach Demaun. „Es ist mir eine Freude – ihr seid der neue Herr von Lurut? Nach allem was ich hörte hoffe ich für euch, dass ihr es länger bleiben könnt als eure Vorgänger.“ Wieder konnte man nur von Glück reden, dass der König den Unterton dieser Rede nicht mitbekam.

Kurz darauf dann wurden wir auch bereits entlassen, als es für den König galt, noch mit anderen zu sprechen, bevor die Festlichkeiten fortgesetzt werden würden. Später bei den Schaukämpfen und auch den Schauspielen nach dem Mittag bekam jede Gruppe ihre eigenen Plätze. Crear, der mal wieder über Kopfschmerzen klagte, entsandte mich um durch die Ränge zu gehen und zu lauschen, was man sich so erzählte. Erstaunlich viele unterhielten sich auch tatsächlich über ihn – der etliche Pausen und Ausflüchte nutzte sich mit Euliste zu treffen und auf seinem Platz aber meist nur Augen für Emmistat hatte. Einige Adlige meinten andere, die noch nicht davon gehört hatten, über das Schicksal von Crears Vorgängern unterrichten zu müssen. Immer wenn die Angesprochenen dann vermuteten, dass Crear selber vielleicht seine gewandten Finger mit im Spiel gehabt haben könnte, schilderte man dann den Fund des Giftes bei dem armen Baggris, dem Diener des Maereth und seiner schnellen Hinrichtung. Einige konnten für Crears Handeln wirklich nur noch Zustimmung finden, andere wagten zu bezweifeln, dass Baggris wirklich schuldig gewesen wäre.

„Ich glaube ja, der Tereanv Crear brauchte damals nur dringend einen Schuldigen, um von sich selber abzulenken.“ Rückblickend betrachtet komme ich nicht umhin zu behaupten, dass Fouchal Demaun von Gernin sehr wohl wusste, dass Crear ihn hören würde, als er diese Worte während der Vorführung eines Musikstückes im Hofe der Burg zu Somm Orichin von Daminro sprach.

Und Crear, der immer noch an Kopfschmerzen litt, konnte diesmal nicht an sich halten. Den ganzen Tag schon hatte Demaun versucht Gerüchte über ihn zu verbreiten; dies ging nun zu weit.

„Tereanv Fouchal – ich muss euch leider bitten aufzuhören falsche Reden über mich zu verbreiten. – Danke.“

Doch Demaun lächelte ihn nur höhnisch an. „Ich sage doch überhaupt kein falsches Wort.“

„Tereanv – das ist meine letzte Warnung – hört damit auf.“

„Und wenn ich es nicht tue? Was geschieht dann?“

Ich hatte das Gefühl zwei kleinen Kindern zuzuhören; auch wenn der Ton gehobener war.

„Dann, mein Lieber, wird meine Geduld mit euch zuende sein – und wir sollten das nach den alten Bräuchen klären.“

Nun musste Demaun wahrhaftig grinsen. „So gefällt mir das! – Ist euch nach oder vor dem Abendessen lieber?“

„Auch wenn ihr mir das als Feigheit vorwerfen werdet, nenne ich es Vernunft: Lasst es uns auf morgen Früh verschieben; der König sollte es heute lieber nicht erfahren.“

Zum abendlichen Ball war ich nicht mehr geladen, so erfuhr ich davon nur von Crear selbst. Dieser erzählte mir, wie Demaun weiterhin von seinen kleinlichen Sticheleien nicht ablassen konnte und er versuchte es nicht zu beachten, um ihn dafür am Morgen umso mehr zu strafen. Dies hielt ich für sehr weise. Stattdessen nutzte er seine steten Kopfschmerzen als Vorwand, um sich alsbald vom Ball zurückziehen zu können – es war die einzige Möglichkeit für ihn, sich noch einmal in Ruhe mit Euliste zu treffen. Davon aber verriet er mir nicht viel und als er – seinen Worten nach – zum Ball zurückkehrte war dieser bereits dabei sich aufzulösen.

Früh am Morgen dann half ich ihm, seine Fechtausrüstung anzulegen. „Machst du dir keine Sorgen um Demaun?“

„Warum sollte ich? Wenn nicht heute, dann wird ihn sein Schicksal ein anderes Mal ereilen – und mich ebenso.“

Wenig später – immer noch vor dem Frühstück – trafen die beiden sich, begleitet von Freunden und Dienern, auf einem Feld hinter der Stadt.

„Ihr seid bereit.“

„Ja – ihr auch.“

Es wurden wirklich nicht viele Worte gewechselt, da stürmten sie bereits aufeinander ein. Noch vor seiner Ankunft an diesem Ort hatte Crear von Somm Orichin erfahren, dass Demaun ihn öffentlich als Lügner und Mörder bezeichnet hatte. Es folgte Hieb auf Hieb und auf beiden Seiten wurde Blut vergossen, nachdem sich beide als ungeübte Kämpfer herausstellten.

Es dauerte aber nicht lange, da wurden sie unterbrochen – ein Dutzend Kämpfer des Königs selbst waren erschienen. „Halt! – Im Namen des Königs: Ihr seid hiermit beide verhaftet! – Das Kämpfen ist auf dem Grunde Bargas untersagt! – Wir sollen euch beide, meine Herren, zum König bringen.“

Und so geschah es denn. Die Versammlung wurde aufgelöst; wir sollten unseres Weges gehen, derweil unsere Herren beim König vorstellig wurden. Zwar versuchte ich dem Tross unauffällig zu folgen, doch kam ich nur bis zum Tor der Burg; danach musste ich umkehren. Crear und Demaun wurden noch bis zum König selbst gebracht und sahen nun das erste Mal dessen Thronsaal. Er war – milde gesagt – sehr erzürnt, als er von diesem Treffen zum Kampfe erfahren hatte. Nicht nur, dass so etwas in der Stadt an sich schon verboten war, nein, sie als Adlige hatten damit auch noch ein besonders schlechtes Beispiel für das Volk gegeben. Seine Strafe war kurz aber bestimmt: Beide hatten – zusammen mit ihren Begleitern – umgehend Barga zu verlassen. Täten sie das nicht, müsste man sie ächten und vertreiben.

Selten hatte ich Crear so wütend erlebt wie in diesem Moment, als er uns davon berichtete. Er erzählte nur das Notwendigste, wollte mit niemanden reden und ließ uns sofort packen.

Wenig später waren wir auf dem Weg zurück nach Lurut.

Crear blieb lange Zeit grübelnd und planend allein.


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