Der A’Lhumakrieg – VII: Die ersten Schritte…

Die nächsten folgenschweren Ereignisse erlebte ich selber nicht mit, hörte von ihnen nur aus der Ferne, daheim in Lurut. Es war Frühjahr geworden und Crear mit seiner Leibgarde um Errist abgereist; die fremden Männer hatten sich bereits früher verabschiedet. Ich fühlte mich zurückgesetzt, da er mich nicht hatte mitnehmen wollen, doch verstand ich später, dass es wohl zu meinem Schutz geschah. Vor einiger Zeit fand ich einen von ihm selbst verfasstem Bericht.

 

Wir verließen Lurut am Achten des Mondes. Narattet und die Ländereien zahlreicher anderer Besitzer, derer einige uns bald folgten, durchreisten wir. In Meadrish vereinigten wir uns mit Somm Orichin von Daminro und überquerten den Haregez; die Brücke von Meadrish ist wahrlich ein Wunder: Bei ihrer Überschreitung sahen meinereiner in den Fluss hinab und erblickte dort ein Spiegelbild und wie die Fische dessen Kopf umkreisten. Sie bildeten die Königskrone und verhießen uns gut Glück bei unserem Vorhaben.

Auf der anderen Seite des Flusses erwiesen sich die Verbündeten als spärlicher; die Macht von Barga als stärker. Aber das konnten wir ja bereits im vergangen Jahr erfahren und so wunderte es wenig. Die Freunde aus der Tolum, Icran und Saldān unerkannt durch das Land reisen zu erlassen war schwer, doch in Hafrond erwartete mich Nachricht, dass sie es erfolgreich nach Cahmind geschafft hatten – zumindest die Icraner; alle anderen an einem Ort zusammen warten lassen wäre tölpelhaft gewesen, hätten sie doch selbst Mächte an sich reißen können. So aber zerstreuten sie sich an wichtigen Orten des Landes; des Feindes; auf dass sie mir später nützlich sein würden.

Fünf Tage vor Jaster Junohs Geburtstag erreichten wir Barga. Es muss beeindruckend gewesen sein, unseren Trupp Getreue durch die Stadttore eintreffen zu sehen und wir gaben uns auch alle Mühe, als zukünftiger Herr erkannt zu werden. Wieder einmal speiste Jaster Junoh uns mit Zimmern in drittklassigen Herbergen und Stadthäusern ab, doch sollte es damit bald vorbei sein. Ich bestand darauf mit Somm Orichin, meinem größten Diener, im selben Haus untergebracht zu werden; wie schon damals ein Jahr zuvor. Zu meinem großen Verdruss war in diesem Haus aber auch das Lager des unehrenwerten Mannes aus Gernin, der mich einst so schmählich beleidigt hatte. Jaster Junoh – oder sein Gehilfe Tereanv Feart – war weniger dumm als ich vermutet hätte; in jeder Gaststube, jedem Haus, waren jeweils Freund und Feind meinereiner vermischt.

Dies machte es für uns schwer uns später allein zu treffen um die Geschehnisse der nächsten Tage zu planen. Doch letztlich kamen wir überein uns von Jaster Junoh einen Jagdausflug in das nahe Hochland zu erbitten. Die Erlaubnis machte es einfach, für unsereins Ruhe zu haben. Wichtiger aber noch war, dass uns die Boten aus Cahmind und dem Hochland nun besser erreichen konnten. Alles verlief nach Plan, so sahen wir guter Dinge die kommenden Tage der Erleuchtung nahen.

Zu seinem Geburtstag lud Jaster Junoh Sacaeran wieder in seine Burg. Tereanv Feart hatte sich schon das Jahr zuvor nicht gerade hervorgetan mit seiner damaligen Planung des Tages und diesmal wurde es kaum besser. Nach der üblichen Begrüßung gab es das ebenso übliche Frühstück – und endlich sah ich sie wieder. Sie war nicht zusammen mit dem Kerl von Gernin gekommen; schien schon länger bei ihrem Vater zu sein: Emmistat. Oh welch größere Schönheit könnte es in diesen Landen geben, wenn nicht sie und meinereiner? Beide von höchstem Geblüt, würden wir wahre Herrscher zeugen. Doch zunächst müssten die Hindernisse überwinden werden, die sich uns so in den Weg stellten: den Mann von Gernin sowie ihren Vater. Immer wieder war der Blick auf sie gefallen, kaum auf Essen oder das Tischgevolk, welches mit ihrem Geplapper, Geschmatze und Gerülpse schon lange jegliche Geduld überstrapaziert hatte. Als das Fraßgelage endlich vorüber war, gab es freie Zeit für uns zu verbringen.

Da der Tag nur noch wenig jung und es für uns noch viel zu tun gäbe, wollte ich nicht länger warten und bestand darauf, den König sprechen zu dürfen. Jaster Junoh tat herzlich und väterlich, sprach vom letzten Jahr, welch Toren meinereiner und Gernin doch gewesen, dass dies nun aber vorbei und wir wieder vernünftig geworden seien, worüber er mehr als glücklich wäre. Die ganze Zeit über konnte man aber nicht umhin sich zu fragen, wie ein solch dummer, die Wahrheit nicht erkennender König es geschafft hatte, so lange in seinem Amt zu verbleiben; sich so lange auf seinem Thron zu halten, hatte er doch nicht einmal Macht über uns.

Harmlos fing ich an ihm dies vorzuhalten. Zunächst brachte ich das Gespräch auf unsren seligen Vater und fragte Jaster Junoh, warum seine Macht nicht dessen Tod hätte verhindern können; wie er als König es zulassen konnte, dass seine Untertanen sich mordeten. Dies war das Zeichen für den sich in Hörweite befindlichen Demaun von Gernin mit in das Spiel einzusteigen, doch leider verwehrte dieser sich; sah uns bloß misstrauisch an. Jaster Junoh dagegen war zutiefst verblüfft und fragte, was meinereiner mit seinen Äußerungen meine. Man erklärte ihm frei heraus, dass seine Herrschaft und Macht am Ende seien und fragte, was er dagegen zu tun gedachte. Da er immer noch nicht verstand, sprach man von seiner Tochter, lobte ihre Schönheit und Gewandtheit. Er schien zwischen Erstaunen und Geschmeicheltheit zu wechseln, bis festzustellen war, dass eine solche Frau nicht an ein Aas wie den von Gernin zu verschachern sei sondern einem wahren Mann mit Zukunft zugehöre: meinereiner. Endlich schien Jaster Junoh wütend zu werden und auch Gernin versuchte mir Einhalt zu gebieten, doch versagte natürlich wie bei allem. Letztlich sprach man ihn noch auf Tarle an, unseren alten Feind, und warum sich seine Herrschaft dem immer weiter annähere. Bald warf man ihm Verrat und Zusammenarbeit mit dem Feind vor, bis ihm endlich die Geduld ausging.

Wütend verlangte er den Rauswurf – die Verhaftung – doch schon waren die Getreuen Luruts, derer der Saal fast die Hälfte zählte, zur Stelle. Mit Waffengewalt erzwangen wir uns selber einen Weg an die Freiheit, bei dem der Blick aber nicht von der schönen Emmistat gelassen werden konnte – doch dann, was war das, was erblickte man da? Auch Euliste, die kluge Geliebte, war in diesem Saal auf einmal zugegen. Es dauerte lang, bis ihr Blick gedeutet werden konnte.

Mittags waren wir unbehelligt zurück nach Cahmind gelangt. Die waffenschwingenden Kriegshunde der Tolum erwarteten uns bereits; freudig, in die Schlacht ziehen zu dürfen – für Lurut und sein Geld zu sterben. Es waren Söldner; sie nahmen viel Geld für ihre Taten; Trauer um sie wäre verschwendet gewesen. Zwei Ziele hatten wir uns erkoren, die zu erreichen wir nun auszogen. Das zweite war die Vernichtung der Macht Gernins – oder zumindest der Versuch sie an einer Hilfeleistung zu hindern – was die Männer aus Icran zusammen mit dem etwa einen halben Dutzend edler Leute unsrer Gesinnung aus Sacalumas Nordosten erledigen sollten. Als Hauptziel aber galt uns die Vernichtung von Jaster Junoh Sacaeran, seiner Macht und allem was ihn ausmachte.

Die Saldānen, welche östlich von Barga lagerten, hatten sich bereits mit dem Morgengrauen in Bewegung gesetzt; unsere Hauptmacht aus Cahmind folgte nun diesem Beispiel. Leider, so muss man wohl sagen, waren Aufregung und Anstrengung zuviel für meinereiner. An diesem Tag schien die Sonne mit aller Macht, unseren Marsch zu erleuchten, doch stach sie zu stark in die Augen. Die Schmerzen waren das erste Zeichen, dann folgte es: Die Götter gaben Zeichen, dass unser Zug erfolgreich sein würde; ihre Farben legten sich über den zu schreitenden Weg. Sie sprachen und wie immer gab es einen Preis zu zahlen. Die Schmerzen wurden allsbald so stark, dass man sich kaum noch aufrecht halten konnte. All der Lärm – Tritte, Kriegsmaschinen und Geheul – bohrte sich in das Hirn. Errist war diese Anfälle bereits gut gewöhnt und so wusste er, was zu tun sei; wie er den Zustand seines Herrn vor den anderen verschleiern und in seinem Namen handeln konnte.

Als wir Barga erreichten, wie es dort an den Hängen über dem Fluss lag, waren die Saldānen schon vor Ort. Ihr Anführer unterrichtete uns, wie sie etwa eine Stunde nach unserem Aufbruch die Stadt erreicht und angegriffen hatten. Niemals hätte Barga einen so plötzlichen Angriff, schon gar nicht an diesem Tage, erwartet, doch befanden sich genug Krieger von Jaster Junoh und seiner Getreuen in der Stadt, um trotz Überraschung handeln zu können. In verzweifelter Schnelligkeit hatten sie die Tore der Stadt verschlossen, doch die Saldānen, Meister der Kriegsmaschinen, nahmen sie sogleich unter Beschuss.

Unsere Tolumen waren vorwiegend berittene Bogenschützen und unterstützten das allgemeine Feuer wo es nur ging, derweil die Krieger von Lurut bei der Belagerung halfen. Barga war nur eine Stadt; keine Festung wie die Siedlungen in Tarle; niemals hätte sie dem lange standhalten können. Doch war es auch verwunderlich, wieviele Getreue Jaster Junoh in seinem Land noch besaß, die von der Belagerung – und oftmals gleichzeitig auch von ihren eingeschlossenen Herren – erfahren hatten und verzweifelte Angriffe gegen unsere Flanken führten, als gäbe es eine wahrhafte Wahrscheinlichkeit ihres Sieges gegen unsere Stärke. Manch wenige von ihnen erkannten die Aussichtslosigkeit ihrer Lage besser und schlossen sich uns so schon in den ersten Stunden des Krieges an. Andere aber brandeten in unsere Speere und Pfeile und kehrten nie wieder heim.

Nach vier Tagen Belagerung schien das Ende des Feindes näher, doch immer noch gab sich Barga nicht geschlagen. In ihren Mauern und Türmen zeigten sich Risse und Kluften, an einigen Stellen der Stadt war kurzzeitig Feuer ausgebrochen, doch wieder gelöscht worden und die Toten des Schlachtfeldes zu zählen lohnte kaum noch. Wir erwarteten das Zeichen ihrer Aufgabe, ihres Eingeständnisses zur Niederlage – und wir hätten sie verschont. So aber wurde es zuviel; dauerte zu lang – in der Stadt läge dann noch die Burg zur Eroberung vor uns. So traf meinereiner mit den tolumischen Helfern zusammen, welche für solche Fälle besonders fähige Männer anzubieten wussten. Wir lernten diese Männer kennen, die nicht einmal ein Dutzend Kopf zählten, doch lange Erfahrung und vor allem niemals Gewissensbisse aufweisen konnten. Und wir willigten in ihre Benutzung ein.

In der Nacht zum fünften Tage schlüpften sie in ihre dunklen Anzüge. Es war eine der seltenen mondlosen Nächte; wieder waren uns die Götter willfährig. Auf den Stadtmauern versuchten die Wachen das Land zu erleuchten indem sie Fackeln so gut es ging aus ihren Schießscharten vor die Mauern herabließen, doch benachteiligte dies sie mehr als es half: Von dem Schein geblendet konnten ihre Augen niemals das erkennen, was am Rande des Lichtscheins geschah. Wieder einmal wurde offensichtlich, wie das Licht für meinereiner arbeitete und werkelte, wie es mich baden wollte auf dem Weg zum Ruhm. Jenseitigen Wesen gleich vermochten die Tolumen außerhalb der Sicht unserer Gegner zu verbleiben. Mit Wurfankern bewehrt, die man hierzulande kaum kannte, erklommen sie die Mauern der Stadt ohne auch nur einen der ihren in einem Feindfeuer zu verlieren, waren die Wächter doch nicht auf sie vorbereitet und verpassten so ihren Einstieg. Heimlich machten sich die Tolumen auf der Mauer daran zum nächstgelegenen Torhaus zu gelangen.

Wir, die wir gespannt waren wie es voran ging und alles aus der Ferne beobachteten, sahen von ihrem Tun doch nichts. Schon zu diesem Zeitpunkt von dieser guten Ausgabe für die Männer beglückt bereitete meinereiner alsbald über Errist seine Truppen vor. Sobald das Tor offenstand, würde Barga eine Blutnacht erleben.

Auf einmal sahen wir in der Ferne aus Mörderlöchern der Mauern fallend Körper rauschen und lautlos vor der Mauer aufschlagen. In plötzlicher Aufregung vermochten wir nicht zu sagen, wer sie waren, doch war ich zuversichtlich, dass alles gut werden würde. Und tatsächlich gab es keinen Lärm, kein Geschrei, keine Warnrufe auf der Mauer; es konnten also nur Barger gewesen sein. Immer wieder stürzten im Folgenden weitere Körper von den Wehrgängen; die Tolumen kamen gut voran. Es dauerte nicht mehr lange, da hatten sie das große und mächtige Tor an der Westseite der Stadt erreicht. Mehrere von ihnen hatten bis hierhin überleben müssen, würde doch nun alles schnell gehen.

Während eine Handvoll von ihnen sich den Weg in das Torhaus erkämpfte, um dann das Gitter hinauf zu ziehen, musste der Rest hinab auf die Straße, jegliche Gegenwehr dort bereits beseitigen und dann das schwere Tor mit all seinen Beschlägen, Schlössern, Balken und Nieten aufzustemmen und diese Arbeit gleichzeitig gegen nachrückende weitere Verteidiger beschützen. Diese Männer wussten, wie hoch die Möglichkeit ihres Todes war, doch lockte ihnen dafür gutes Geld – und die ewige Dankbarkeit meinerseits.

Derweil diese herausragenden Männer sich am Tor versuchten, mussten wir vor den Mauern zurückgebliebenen bereits ausrücken, um ihnen rechtzeitig zu Hilfe kommen und die Stadt brechen zu können. Alles hing voneinander, von den jeweiligen Erfolgen ab, und wäre auch nur ein Glied dieser Kette gescheitert, hätten spätere Zeiten meine Herrlichkeit bezweifeln müssen.

Aber die Götter waren bei uns – und im Nebel des lockenden dämmernden Tages stürmten wir siegesschreiend und waffenschwingend in die Stadt. Für ihre Treue zum König sollte niemand begnadigt werden.

 

 


 

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