Der A’Lhumakrieg – VIII: …ins Licht

In die Stadt Barga eingedrungen erwartete uns weiterer Widerstand von königstreuen Truppen, die aus ihrer kleinen Burg unweit des Haupttores auf uns einstürmten; uns, ihren zukünftigen Herrscher, die sie wie einen Feind betrachteten und dafür zahlen mussten. Einer nach dem anderen dieser wilden verzweifelten Männer von Barga fiel aus den Straßen und Gassen über uns her um in die Spieße und Schwerter unsrer Männer zu fallen. Es waren blutige, doch auch kurze Schlachten, die sich dort die verlangsamten Reiter der Tolumen mitsamt der Saldānen gegen die Barger lieferten, und meinereiner dort mitten darinnen, wenngleich Errist und seine Krieger nicht einen der Feinde hindurch ließen.

Es erstaunte meinereiner, wie derart viele der Barger noch Widerstand zu leisten bereit waren, hätten sie sich nach geltendem Recht doch bloß ergeben müssen, um Gnade und Milde zu erhalten. So aber ward es blutig und tödlich für sie, wenngleich sie uns bis zum Abend verzögern konnten auf dem Weg zur Burg. Nach etwa einer Stunde gaben wir Befehl immer wieder ausrufen zu lassen: Wer sich einfach ergäbe würde verschont werden, doch machte nur selten ein Barger von diesem Angebot gebrauch. Auch die Königstreue der einfachen Bürger mochte erstaunen, mischten sich zu den feindlichen Kriegern nach und nach doch auch immer mehr von ihnen, teilweise gar nur bewaffnet mit einfachen Stecken und Recken. Die Angebote zur Gnade lockten mehr von diesem Volk, doch auch hier überraschend wenig. Wie kam es, dass sie alle so leicht ihr Leben wegwarfen?

Nach einer Weile wurden wir diesem Volk von Narren mehr als überdrüssig und entschieden ihrer nicht mehr zu achten. Vor allem die Tolumen waren schon eine ganze Weile darauf erpicht, in die Häuser der Barger vorzudringen, ihr Hab und Gut an sich zu nehmen, die Frauen zu vergewaltigen und alles in Feuer zu setzen. Feuer wäre verfrüht gewesen, doch ließ meinereiner ihnen sonst freie Hand, wo immer sich ihnen jemand widersetzte. Gab einer aber seinen Widerstand auf, so ließ man befehlen diese zu verschonen. Auf die Durchsetzung dessen achteten die Anführer unsrer Truppen gut, weshalb sich immer mehr aus den Kämpfen zurückzogen. Auf Seiten der Truppen der uns hörigen Adligen Sacalumas aber gab es zum Teil wesentlich stärkere Unruhestifter. Dies zu merken und für spätere Zeiten zur Strafe zu bringen setzte sich meinereiner zum Ziel.

Nach Stunden, so schien es, erreichten wir endlich den Fuß der Burg, nachdem einige der Barger bereits über den Fluss geflohen und die Brücke hinter sich zum Einsturz gebracht hatten. Wir mussten einen großen Umweg in Kauf nehmen. In der Burg gab es überraschenderweise kaum noch Wehr, weshalb wir langsam doch bereits feiernd den Berg hinauf zogen. Die wenigen Pfeile vermochten wir gut zu vermeiden, die wenigen verbliebenen Krieger gut zu erschlagen. Und so kam es, dass wir am Abend eine bald leere Burg erreichten, derweil unten in der Stadt so mancher Kämpfer unsren Befehlen nicht mehr gehorchen mochte, ein Feuer legte und dafür von seinem Anführer erstochen worden war. Doch der Feuerschein gab uns Licht und so zogen wir gut erleuchtet ein.

Niemand der Königstreuen dieser Burg, niemand der zum König gehörte, niemand der sein Blut in sich trug sollte überleben, wollte ich jemals Frieden im Lande finden, also ließen wir bei diesem Aufstieg unseren Helfern jegliche freie Hand. Wer immer ihnen vor die Waffen lief wurde gnadenlos erschlagen, wollte er sich nun ergeben oder nicht. Kaum hatten wir das Tor durchschritten und den Außenhof erreicht, da schwärmten unsere Mannen aus wie Raubtiere, um jedes Haus in dieser Vorburg zu erkunden, jeden sich Versteckenden hinaus zu treiben, jede Einrichtung zu zerstören und jedes Gebäude in Brand zu setzen. Nur wer bei der Vergewaltigung ertappt wurde sollte gezüchtigt werden, galt es doch noch die Innenburg zu stürmen. Diese erwies sich als harmlos, nachdem wir einmal in der Vorburg waren, doch brach bei unserem Einzug bereits die Nacht herein.

Kaum hatten wir den Haupthof betreten,da verkündete meinereiner Belohnungen für die, die uns die Köpfe des Königs sowie seiner Familie brächten. Einzig die Frauen sollten verschont und uns vorgeführt werden – und mit allen adligen Feinden wollten wir noch fern der Burg ruhige Gespräche führen. Lediglich die Leibgarde des Königs und seiner Besucher standen uns noch im Weg, doch siegten wir auch über diese. Aus dem kleinen Tempel bargen Errist und seine Männer den Schatz des Königs, der eine solche Bezeichnung aber kaum verdiente; aus der Haupthalle zerrten die Tolumen all die Adligen, die sich dort sicher gefühlt hatten. Zahlreiche von ihnen ließen wir gefangen ins Lager zurückschicken, wo meinereiner später ein Wort mit ihnen zu reden hätte.

Besondere Freude bereitete es, den sich sonst immer so überlegen fühlenden Louvis nun in Ketten zu sehen. Doch wo auch immer man in der Burg suchte, Demaun von Gernin war nicht aufzuspüren. Nachdem nichts mehr übrig blieb konnte nur gesagt werden, dass es ihm gelungen war zu fliehen. Auch von Emmistat, der Schönen, seiner ihm Versprochenen aber uns Zugehörigen, sah niemand etwas. Weder war sie unter den Frauen, noch den Adligen oder den erschlagenen Dienern und Kriegern. Demaun musste sie mit sich genommen haben; ein weiterer Grund ihn zu jagen, zu vernichten. Doch auch wenn es meinereiner nach Emmistat verlangte, musste dies für den Augenblick zurückstehen, musste doch erst ihr Vater vernichtet werden, bevor Gernin vernichtet werden konnte.

Die Gemächer des Königs waren groß und mehrteilig; eine einzelne Tür trennte sie vom Gang. Nachdem dieser nicht mehr verteidigt werden konnte, galt es die Tür zu sprengen. Hinter dieser lauerten die letzten verzweifelten Leibwächter des Königs, die in den Klingen unserer Begleiter starben, doch auch so manchen von ihnen mit sich rissen. Am Ende des Kampfes stand dort der König allein; hastig in Rüstung geworfen mit seinem Schwert, starr vor etwas stehend. Neben ihm wartete der Knabe Jerris Jaster auf sein Schicksal: Gemeinsam mit seinem Vater unterzugehen.

Plötzlich bekamen wir Lust auf ein Spiel: Dort standen zwei einst so mächtige, nun nur noch so schwächliche Männer, bereit zu sterben – und bei uns waren Errist mit seinen Männern und einige Tolumen. Mit Leichtigkeit hätten wir sie jederzeit zerquetschen, niedermachen können, doch lockte das Spiel. Ohne Spiel kein Spaß, so sagte meinereiner, und ließ darum nur je zwei Krieger gegen die Beiden dort anbranden. Zunächst versagten die Tolumen gegen die Krieger von Barga, weshalb ich ihnen bloß Beifall zollen konnte. Die Antworten der Barger wies sie jedoch nicht als gute Verlierer aus; allmählich verloren wir die Lust am Spiel wieder.

Errist sollte mit all seinen verbliebenen Mannen endlich Jaster Junoh und Jerris Jaster für uns töten. Als unsere Krieger aber mehrere lange Augenblicke ohne Fortschritte zu erzielen ihr Glück versucht hatten, beschloss meinereiner das Blatt zu wenden. Mit göttlicher Unterstützung ausgestattet konnten wir die Lücken der feindlichen Verteidigung nutzen und Sohn erstechen, den Vater erschlagen. Nachdem beide auf dem Boden vor uns lagen, ihr Leben aushauchend, schlug meinereiner ihnen die Köpfe ab und ließ diese als Zeichen des Sieges von Errist aufbewahren.

Alle Räume des Gemaches sowie hernach noch einmal die restliche Burg ließen wir durchsuchen, doch fand sich nirgends eine Spur des jüngsten Sacaeran. Wir wüteten, wir zitterten, wir brüllten – doch das Kind war nicht zu finden. Um uns herum knisterte und knackste das Gebälk, als die Flammen über sie hinweg züngelten – länger konnten wir nicht mehr in der Burg verharren. Während wir die Burg verließen, trieben wir die gefangenen Adligen und Frauen wie Tiere vor uns her, derweil hinter uns die Gemäuer endgültig dem Feuer geopfert wurden.

In der Stadt ließen wir jedem der dies wollte freie Hand, mit der Stadt und seinen Bewohnern zu verfahren wie er wünschte. Mit den Gefangenen vor uns bewegten wir uns über die Hauptstraße, derweil all überall um uns herum Krieger zu Tieren wurden: Gegenstände aus Häusern tragen, Frauen vor, in und hinter Häusern vergewaltigen, Männer töten – oder auch vergewaltigen – und alles, egal ob noch bewohnt oder nicht, in Brand setzen. Der Feuerschein beleuchtete die Nacht, beleuchtete unseren Weg, beleuchtete unsere Bewegungen. Wir, von den Göttern entsandt, hatten das mächtige Barga besiegt. Die Stadt, die einst Jahrhunderte allein gegen übermächtige Gegner ausgeharrt hatte, würde bald nur noch aus rauchenden Trümmern bestehen. Niemand leistete mehr Widerstand; alle, die sich nicht bereits früher ergeben hatten konnten nur noch unsere Schwerter fliehen.

Meinereiner aber nahm kaum Anteil an dem tosenden Geschehen um sich herum, beschlichen ihn doch wieder einmal die alten schrecklichen Kopfschmerzen, doch dann – lief da Euliste vor Verzweiflung rufend über die Straße, verfolgt von einer kleinen Bande Krieger, ihrem Rock hinterhergeifernd. Sofort riefen wir Befehle, welche diese Männer nicht zu hören schienen – oder wollten –, weshalb Errists Leute sie kurzerhand erschossen.

Euliste war derweil über ihren eigenen Stoff gestolpert und im Schmutz der Straße gelandet. Errist sollte ihr helfen und sie zu uns bringen. Sie sah meinereiner in seiner blutbespritzten Rüstung, erleuchtet von tausend Flammen, schweigend an. – Und dann brach sie unter Tränen zusammen. Wir nahmen sie mit uns; auf einem Karren, der eigentlich für die Verletzten war. Hinter uns brach die Stadt für immer zusammen.

Zurück im Lager dauerte es lange Euliste zu beruhigen, doch blieb sie bei uns. Ebenso anstrengend sollten die Gespräche mit den Adligen werden, die wir gefangen genommen hatten. Geduld war schon lange nicht mehr vorhanden, unterstützt durch die ständigen Kopfschmerzen, so ließen wir jeden, der sich nicht auf unsre Seite stellte, köpfen und für Lurut mitnehmen. Die meisten schienen dann vernünftig zu werden und schworen Gehorsam, wofür sie zwar enteignet, doch am Leben gelassen wurden. Sogar Louvis wollte nun zu Lurut gehören, doch wussten wir Interessanteres mit ihm anzustellen.

Nachdem wir gesehen hatten, wie Barga zu einem schwarzen Häufchen Schutt wurde, kamen langsam die ersten Berichte herein. Bei der Eroberung von Stadt und Burg hatten wir Verluste, die hinzunehmen wir verkraften konnten. Wieviele Feinde gefallen waren, vermochte niemand mehr zu sagen, doch schien ein Großteil auch einfach geflohen zu sein. Als Richtung blieben diesen nur die Hochlande im Osten – oder die Berge drumherum – so ließ ich die schnellen Tolumen diese Gegenden durchsuchen.

Viele Schätze hatten wir aus Barga geborgen, so vor allem auch die Krone des Königs, die in Lurut aufzusetzen wir gedachten. Dass es nur zwei Sacaeran-Häupter in meinem Gepäck werden sollten war zwar eine Schande, doch leider kaum zu ändern, sollten die Tolumen in den Hochlanden keinen Erfolg haben. Wahrhaftig wütend ließ meinereiner aber die Nachricht werden, dass auch Fouchal Demaun von Gernin sich eindeutig unter den Geflohenen befand – und wohin dieser gehen würde, schien nicht schwer zu erraten.

So verließen am folgenden Tag, nach wenig Schlaf, drei Gruppen das Schlachtfeld: Tolumische Reiter suchten das Hochland nach Flüchtigen ab, eine weitere Gruppe Reiter ging mit den Gefangenen und dem Erbeuteten über sichere Gebiete heim nach Lurut – der Rest zog nach Gernin, wo die Icraner bereits in Kämpfe verwickelt sein müssten. Dort rechtzeitig hinzukommen sollte uns aber vor Mühen stellen. Wir konnten zurück über Cahmind einen großen Bogen um die Berge herum schlagen – oder wir zogen mitten über sie hinweg.

Aus Zeitgründen entschieden wir uns für letzteres und verbrachten daraufhin einige Zeit in den Bergen, die zu dieser Jahreszeit zum Glück schneefrei waren – kaum einer der Flachländler war größere Erhebungen gewöhnt, lediglich einige der Tolumen kannten Berge, aber dafür keinen Schnee. Aber obwohl dies für viele von uns recht neu war, kamen wir gut voran, von der Sonne getrieben. Zweimal schien Demaun Einheiten, wo immer er sie auch herbekommen haben mochte, uns auflauernd in den Pässen zurückgelassen zu haben. Pfeile regneten auf uns herab und Steine wurden nach uns geworfen, doch konnten wir ihrer Herr werden und sie besiegen.

Am anderen Ende des Passes angelangt und auf Gernin zumarschierend wurde der Widerstand stärker, der aus Burgen und Dörfer auf uns einzudringen schien. Immer konnten wir sie leicht abwehren, waren wir doch die Gesandten der Götter, die mit Feuer im Rücken aus den Bergen strömten um die Hauptstadt dieses Landstriches zu vernichten. Vor Gernin erwartete uns eine Schlacht, die gerade zwischen den unterlegenen Icranen und den aus der Stadt stürmenden Gerniern entbrannt war. Rechtzeitig kommend fielen wir dem Feind in Flanke und Rücken und wurden vom Jubel der Icranen begrüßt.

Die Schlacht war hart und brandete hin und her, doch erblickte meinereiner letztlich Fouchal Demaun in der Menge und hielt auf ihn zu. Nach einem gewaltigen Kampf verliehen die Götter mir die Kraft ihn niederzustrecken, woraufhin seine Krieger sich ergaben oder flohen. Erstere ließ ich geschont, letztere ließen wir verfolgen und zogen dann in die Stadt. Nicht alle dort hießen uns willkommen und so wurde Mann, Frau und Kind erschlagen, wo man sich wehrte. Doch schließlich war die Stadt unser.

Es sollte nicht mehr lange dauern, da schwörte ganz Sacaluma mir die Treue – doch Sacaluma gab es nicht mehr. Mit den Köpfen ihrer Häupter im Gepäck zog ich heim nach Lurut – und zusammen mit Emmistat, die in Demauns Palast gewesen war – meine Emmistat.


Das ganze Buch kaufen:

Als eBook bei Amazon

Als Taschenbuch bei Lulu

Leave a Response

*