Der A’Lhumakrieg – IX: Verlorenes erscheint meist unerhofft.

Einst gab es einen kleinen Jungen, der mir fast wie ein Bruder war. Meine Ziehmutter war seine Amme und obwohl ich älter war, waren wir wie Geschwister. Dieser Junge wuchs in einer feindlichen Umgebung – seiner Familie – zum Manne heran und ward bald unser Oberhaupt. Eines Frühlings zog er zum Geburtstag des Königs aus – und kam selber als König zurück. Wenig hatten wir von dem vernommen, was im restlichen Reich geschehen war, wenn auch uns eine erschreckend große Zahl Leibwächter zurückgelassen wurde. So schien es kaum verwunderlich, wie schwer wir bei Crears Heimkehr überrascht waren.

Natürlich hatten uns Boten sein Kommen mitgeteilt und alles war eifrig damit bemüht, für ihn und seine Begleiter die Burg vorzubereiten – doch so recht wussten wir noch nicht, was da auf uns zukam. Crear brachte eine Handvoll Adliger und deren Begleiter, seine eigenen Leibwachen sowie einige Söldner der Tolum, Icran und Saldān mit sich – ein großer und bunter Haufen, den unterzukriegen für uns schwierig wurde. Unsere Befürchtung hatte damit bewahrheitet, dass diese rauen Gesellen wieder unseren Burgfrieden stören könnten.

Doch all das war bald vergessen – oder zumindest verdrängt – als Errist beim Erreichen des Burghofs für Crear ein Heil dem König forderte. Diese Neuigkeit dann verbreitete sich wie ein Lauffeuer, während Errist sich bei Hofmeister Pyn erkundigte, ob der Thronsaal bereit war und keine Störungen zu erwarten seien. Als dieser angab, dass dem so sei, zogen Crear und seine wichtigsten Untertanen sogleich in den Thronsaal, wozu sich auch die verbliebenen Hofadligen und Reste der Familie sowie die höchsten Diener gesellten. Dem Rest aber wurde der Blick auf das Folgende verwehrt.

Auf seinen Thron sitzend blickte Crear auf die Versammelten herab, derweil Errist sein Sprecher wurde.

„Bewohner der Burg Lurut – Adlige des Landes – werte Besucher – huldigt eurem König!“

Die meisten schienen zu verdutzt um sofort zu handeln, doch gelang es nach und nach – und wenn erst durch freundliche Anstubser – alle vor Crear sich verbeugen zu lassen, bis er selber anfing zu sprechen.

„Danke, meine Freunde – ich kann euch verkünden: wir kommen siegreich aus Barga zurück, um die Herrschaft des Landes in diese unsere Stadt zu tragen.“

In diesem Moment kam ein Adliger, der mir als Tereanv Somm Orichin von Daminro beschrieben wurde, die Krone mit beiden Händen haltend, auf den Thron zugeschritten. „Der König von Sacaluma – Jaster Junoh Sacaeran – ist tot. Gleichsam ist es auch seine Familie, bis auf die edle Emmistat. Ohne männlichen Erben der Familie Sacaeran war es an uns Tereanvs von Sacaluma, uns einen neuen König zu erwählen.“ Damit setzte er vorsichtig die Krone auf Crears Haupt, doch sprach er weiter. „Mögest du lange leben, König Crear Ataurass Elorm.“

Nachdem ihm wieder alle gehuldigt hatten, sah Crear nicht etwa selbstzufrieden, sondern schlicht ernst aus. Er blickte einmal in die Runde, um dann wieder zu uns zu sprechen. „Als meine erste Amtshandlung werde ich dieses Land umformen. Die alte Herrschaft der Sacaeran war lange überflüssig und verdorrt. Wir wollen das Land aber wieder zum Blühen bringen! Als ersten Schritt schließen wir mit dem toten Sacaluma ab und leben fortan in unserem Reich Aluma!“

Ein Raunen ging durch die Menge – erstaunt, missmutig, erfreut.

„Die restlichen Änderungen werdet ihr in den nächsten Monden und Jahren verspüren. Morgen werden wir ein Fest geben, dies alles zu feiern – kommt alle!“

Dies erfreute den Großteil der Menge schon mehr. Danach wurde die Versammlung aufgelöst und wir alle gingen unserer Wege, fast immer in Gruppen tuschelnd über alles was kam und noch kommen wollte.

Am nächsten Morgen rief Crear mich früh zu sich, obwohl ich aufgrund des Festes allerhand zu tun hatte. Seine Gemächer immerhin waren noch die alten.

„Du – Herr – ihr wolltet mich sprechen?“

Verärgert sah er mich. „Ich bin und bleibe Crear für dich, hast du das verstanden?“ Als ich verwundert nickte, klärte sich seine Miene – und verdüsterte sich sofort wieder. „Eilzen – du musst mir helfen – ich will Emmistat ehelichen doch weiß nicht, wie ich es ihr sagen soll.“

Meine Verwunderung schien nicht nachlassen zu dürfen. „Du willst – seit wann? Davon wusste ich nichts -“

„Du wusstest auch nichts von meinen Kriegsplänen – du kannst nicht alles wissen – ich will sie, seitdem ich sie das erste Mal sah. Ihr Verlobter ist nun tot und sie braucht einen neuen… – und das Reich eine Königin, die ihm Kinder schenkt – …wahrhaftig, ich liebte sie von Anfang an – wir sind beide von den Göttern geschaffen…“

„Wenn du Emmistat wolltest – warum brachtest du dann Euliste mit hierher? Was ist mit ihr?“

Kurz verdrehte er verärgert die Augen. „Euliste – ja, ich liebe sie, liebte sie schon immer – doch eigentlich… – wie ein Bruder seine Schwester. – Und hier – ist sie sicherer als überall.“

„Weiß sie davon? Weiß sie, wie du fühlst? Wie fühlt sie?“ Plötzlich war es mit peinlich, so mit einem König, einem erfolgreichen Feldherrn zu sprechen. Mich schämend brach ich ab, doch er schien nichts zu bemerken.

„Nein, ich weiß nicht wie es ihr geht. Ist das denn wichtig? Es muss sein – kann nicht anders sein.“

„Du solltest mit ihr sprechen.“

Nach kurzem Schweigen antwortete er lächelnd. „Ja, das werde ich wohl – doch komm, du hast noch nicht auf meine ursprüngliche Bitte geantwortet.“

„Ja – natürlich – Emmistat – ich werde dir helfen, so gut es geht, doch muss das bis nach dem Fest warten – ich habe zuviel zu tun.“

Einen Moment lang sah er mich so ernst an, dass ich fürchtete für meine Anmaßung geköpft zu werden.

„Gut, du sollst deinen Willen haben – aber das war nicht alles, was ich von dir wollte.“

„Was gibt es denn noch?“

Die nächsten Worte trafen mich unvorbereitet. „Sag – willst du für mich Tereanv von Lurut werden?“

Auf meinem Weg zurück in die Küche, wo ich Caeryss und den anderen Aufgaben zuzuweisen hatte, begegnete mir Gouma. „Ach, da bist du ja, mein Junge! Ich muss mit dir sprechen!“

Innerlich seufzte ich auf. „Muss das jetzt sein? – So gern ich auch mit dir plausche; ich habe soviel zu tun…“

„Ja, bitte – es ist wichtig – du musst mir helfen.“

Bei diesen Worten und ihrem flehenden Blick konnte ich nicht widerstehen; ich ging mit ihr in eine Abstellkammer, wo wir ungestört sein würden.

„Was genau ist denn das Problem?“

„Ach – es ist…! – Du kennst doch Euliste?“

Natürlich kannte ich sie, hatte ich doch gerade erst über sie gesprochen.

„Sie ist schwanger!“

Zwar war ich überrascht, doch sah ich da nicht Schlimmes. „Und? Mit Schwangerschaften kennst du dich doch besser aus als ich.“ Langsam erst bemerkte ich, wie aufgeregt und drängend sie war.

„Es ist vom König – von Crear!“

Nun setzte ich mich lieber auf ein Fass. „Was? – woher willst du das wissen? Sie war Louvis Mädchen.“

„Sie hat es mir gesagt – nie hatte sie einen anderen Mann als Crear.“

Ich war fassungslos. „Was erwartest du nun von mir?“

Traurig setzte sie sich neben mich. „Ich weiß es doch nicht – rede mit Crear – das Kind soll nicht als Bastard zur Welt kommen…“

„Von genau dem komme ich grad – er will, dass ich ihm dabei helfe Emmistat zu ehelichen.“

„Oh weh! – Das arme Kind – Euliste!“

„Du erkennst die Schwierigkeiten? Und du weißt, wie eigen er in dem ist, was er will.“

Gouma schien aber nicht zuzuhören. „Das arme Kind!“

Also versuchte ich es anderes. „Du kümmerst dich um Euliste – ich werde mit Crear reden, sobald es mir möglich ist – aber jetzt muss ich dringend in die Küche, sonst können wir das Fest für heute vergessen.“

Damit verabschiedeten wir uns und ich kam endlich in die Küche, wo mich einige kochende Mägde sowie eine aufgeregte Caeryss erwarteten.

„Eilzen! – endlich! Hast du kurz Zeit für mich?“

Mittlerweile war es kein Seufzen mehr in meinem Innern – es wurde mir zuviel. „Aber nur wenn es schnell geht – ich…“

Doch schon zerrte sie mich mit in die nahe Vorratskammer, von verwunderten Blicken der Mägde verfolgt. Als sie die Tür schloss, standen wir im Halbdunkel, so dass ihre Züge nicht mehr sah.

„Louvis!“

„Wie bitte?“

„Louvis! Ich habe Louvis gesehen!“

„Wie – wo hast du ihn gesehen? Er gehört doch gar nicht zu Crears Gefolge.“

„Na das wär‘ auch was – so, wie sie ihn behandeln! – Oh Eilzen! Er hat mich angefleht!“

„Bitte – der Reihe nach…“

„Ja ja – Ich bin in den Keller gegangen um Knollen zu holen – da sah ich, dass die Tür zum verbotenen Flügel geöffnet war – du weißt schon, das Verließ – und neugierig wie ich bin… – drinnen hörte ich weinen – und dann sah er mich – und ich ihn – oh Eilzen!“

„Was ist mit ihm?“

„Sie haben ihn gefoltert – überall diese Wunden!“

„Was hast du gemacht?“

„Er flehte mich an, ihn zu befreien – aber ich bin nur vor Angst weggelaufen – und jetzt bin ich hier.“

„Hm… es tut mir ja leid für ihn – aber da können wir wohl nichts machen.“

„Ja – aber wie kann er nur so grausam sein?“

„Wer?“

„Na Crear – der König!“

Den Kopf voll seltsamer Gedanken machte ich mich nur noch mit halber Kraft an die Arbeit. Doch das Fest bereitete sich nicht von alleine vor und so hatte ich bis zum Nachmittag alle Hände voll zu tun. Für diesen Zeitpunkt kam alles an Adel und Reichtum in der Burg zusammen, das schnell genug aus Stadt und Umgebung hatte anreisen können. Zur Unterhaltung hatte ich nur einige Gaukler aus der Stadt bekommen können, doch schien dies niemanden zu stören, wenngleich Crear einen Großteil der Vorstellung verpasste, da Teule stetig versuchte ihm etwas zuzuflüstern.

Später dann folgte das große Festessen, bei dem sich alle an den von Caeryss und den anderen Mägden unter großer Anstrengung zubereiteten Speisen erfreuen durfte. Zuletzt folgte ein fröhliches Beisammensein bei Musik und viel Wein. Immer wieder sah ich Teule, wie sie sich einen Weg zu Crear zu bahnen versuchte, doch dieser war immer wieder umringt von Adligen, die mit ihm plauschten oder ihm Glückwünsche zusprachen.

Auch ich kam natürlich nicht dazu mit ihm zu sprechen, war ich doch auch zu sehr damit beschäftigt alles zu überwachen. Ein paar Mal jedoch ertappte ich mich, wie ich über Crears Angebot vom Vormittag nachsann. So recht konnte ich es mir nicht vorstellen Tereanv dieser Burg unter einem König Crear – oder irgendeinem anderen König – zu werden. Immer hatte ich die Ruhe geschätzt, die Burg Lurut möglich gewesen war, und nun schien es für immer aufregender zu werden. Auch die Sache mit Euliste und Emmistat stellte mich vor Probleme, die alleine zu lösen ich mir kaum zutraute. Wäre es mir möglich gewesen, ich hätte mich zu Gouma gestohlen, doch immer wieder musste ich einen anderen Ablauf der Feierlichkeiten überwachen.

Der Garten der Burg war schön geschmückt und Caeryss und die anderen hatten zahlreiche kleine Häppchen zubereitet. Als ich mir nur eins davon schnappen wollte, sprach mich plötzlich der Tereanv Somm Orichin an; einziger noch wahrer verbliebener Tereanv des Landes, das nun Aluma hieß.

Nach wenig Vorgeplänkel kam er schnell zur Sache. „Glaubt ihr, dass er ein guter König sein wird?“

Ich musterte ihn, um Spuren einer Falle zu suchen. „Ich weiß es nicht – aber er war immer ein guter Junge.“ Zweifel auszusprechen schien nicht die rechte Zeit.

Somm Orichin lachte ob meiner Antwort. „Dann bin ich mal gespannt, wie ihr den nächsten Streich eures – ‚Jungen‘ – findet. – Wartet, da erhebt er sich von seinem Platz um zu sprechen!“

Und tatsächlich, Crear wollte etwas sagen. „Meine Freunde – mein Volk – dank sei euch für euer zahlreiches Erscheinen trotz der widrigen Umstände nur einen Tag zur Anreise gehabt zu haben.“ Deutlich merkte man den Wein in seiner Sprache – so redete er nur unter dessen Einfluss. „Viele Erfolge haben mir – haben wir in den letzten Wochen – Monden – erzielt, doch war dies – war dies nur der Anfang. Wir alle wissen, wie Jaster Junoh Sacaeran dieses Land schwächte, es sich von innen zersetzen ließ – derweil er mit unseren eingeborenen Feinden tändelte. Als ich ihn fragte, was dies zu bedeutet – bedeuten hätte, griff er uns an, doch mit eurer Hilfe gewann das Gute. – Lasst uns dieses nun zum endgültigen Sieg führen, indem wir gegen unseren alten Feind ziehen und ihn endgültig vernichten. Lasst uns aufbrechen, bevor das Land Tarle bei uns einfällt! – Nieder mit Tarle!“

Ein Raunen entstand unter den wenigen, die von diesen Plänen nichts gewusst hatten, derweil der Rest ihm zujubelte und -prostete.

Doch während Crear sich feiern ließ, erschien am Gartentor eine schöne und zugleich das befehlen gewohnte Frau. Während ich sie noch als einziger zu bemerken schien und noch versuchte herauszufinden wer sie war, erhob sie schon ihre, die es schaffte allen Lärm zu übertönen. „Halt!“

Und alle waren still; wandten sich ihr zu.

„Crear! Was ist hier geschehen? Was soll das alles? Ich muss mit dir sprechen!“

Der Angesprochene kam lächelnd und ein wenig schwankend auf sie zu. „Natürlich – ich habe dich erwartet.“ Dann wandte er sich der Festgesellschaft zu. „Darf ich allen, die sie nicht bereits aus früheren Jahren kennen, meine einst verschollene Tante Asmyllis vorstellen?“


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