Der A’Lhumakrieg – XII: Blitz und Donner

Die Mauer von Cirmaen schützt Feste, Stadt und Burgen auf der nördlichen Seite vor allem, das von dort kam. Ihr einziges großes Tor führt auf die Brücke nach Narrkuva, und von dort kam die Armee von Aluma. Zuvorderst kamen auf der Brücke große Schilde, welche die Nachfolgenden schützen sollten. Hunderte von Kriegern warteten bereits in sicherer Reichweite darauf ihnen zu folgen.

Überraschend trafen Schiffe ein, von West und Ost, die auf ihren Decks weitere Kämpfer, vor allem aber Katapulte und gar Belagerungstürme trugen. Die Katapulte begannen bald auf die Türme der Mauern einzuschießen, wo die Ballisten und Schützen von Cirmaen ihr Bestes gaben, die Feinde durch Bolzen und Pfeile fern zu halten.

Und kaum dass die Schilde auf der Brücke dem Tor nahekamen sahen wir, was sie schützten: Riesige feste Rammböcke waren dort in ihren hölzernen Kästen mit Rädern, um auf das Tor niederzugehen, was auch dieses nicht für immer aushalten würde. Doch die Pfeile und Bolzen vermochten gegen diese Schilde und Dächer der Rammböcke nichts auszurichten und Katapulte gab es in Cirmaen nicht.

Während die Schiffe mit den Belagerungstürmen näher kamen und versuchten sich vor der Mauer in den Wellen zu halten, eilte ich mit einigen Kämpfern Maraines zurück in die Stadt um mit Reisigbündel gefüllte Eisenkörbe zu besorgen und sie an die Schützen zu verteilen, die nun in Brand gesetzte Stoffe an ihren Pfeilen in die Schiffe sowie auf die Böcke schießen konnten. Ein erster Erfolg wurde uns zuteil, als ein ganzes Schiff plötzlich in Flammen aufging. Leider jedoch trugen es die Wellen und die Strömung des aus den Bergen hinter uns kommenden Baches wieder aufs Meer hinaus, so dass ein neues seinen Platz einnehmen konnte.

Vom großen Westturm, der auf einer Felsspitze mitten ins Meer hinein ragt, konnte ich die ganzen Ausmaße des Feindes erkennen und es schien hoffnungslos. Rammen, Türme oder Katapulte – eins von diesem musste Cirmaen früher oder später in die Knie zwingen. Doch dann würde noch ganz Cirmaen bis zur letzten Maus kämpfen, bevor es daran dächte sich zu ergeben. So weit durfte es aber niemals kommen, weshalb ich beschloss etwas dagegen zu tun.

Der Udarwald hinter uns war bekannt für seine Tomaren und so fragte ich Maraine, ob auch Cirmaen über diese Tiere verfügen würde. Als er das bejahen konnte, ward ich sofort von Begeisterung gepackt.

Wo befinden sie sich, fragte ich ihn, und wieviele sind es?

Und er antwortete, genug um eine kleine Truppe auszuheben, doch haben wir kaum geübte Reiter für sie.

Ob genügend oder nicht, war damals nicht wichtig und so wies ich ihn, den mir Höhergestellten an, aus den Kämpfen alle Reiter zusammentrommeln zu lassen, derweil ich in der Bevölkerung nach denen suchen wollte, die wahrhaft bereit waren ihre Heimat zu verteidigen.

Volk von Cirmaen, rief ich ihnen zu, jetzt wird es sich zeigen, wer von euch wirklich seine Heimat schützen kann. Unsere größte Möglichkeit sind die Tomaren und wer diese zu reiten vermag und mir in den Kampf folgen will, möge sich nun melden!

Und tatsächlich hatten wir am Ende mehr Freiwillige als Reittiere, die in Höhlen am Hang des Tales lebten. Diesen Überschuss ließen wir die Plätze an der Mauer derer einnehmen, die mit uns gingen. Niemals könnte diese kleine Truppe von Tomarenreitern eine ganze Armee schlagen, da bewies es Maraine Recht haben zu können, doch würden wir die Möglichkeit erhalten, zumindest unheimlich Verwirrung zu stiften.

Zu mehreren Dutzend verließen wir die Höhle und alle folgten sie mir, wenngleich ich das Gefühl behielt der sich bloß am wackligsten halten zu Könnende zu sein. In einem großen Bogen flogen wir nach Westen, die Hänge hinauf und über die Mauer hinweg, hinter dem großen hervorragenden Westturm hervor. Die Überraschung gelang uns wahrhaft großartig; niemand hätte uns erwartet – und selbst einige der Schützen von Cirmaen blickten erstaunt.

Zwar vermag man von einem Tomaren aus nicht allzuviele kämpferische Kniffe anzuwenden, doch hatten einige von uns ihre Armbrüste oder Bögen dabei; wir anderen konnten zumindest uns im Sturzflug auf einzelne Gegner auf der Brücke oder den Schiffen stürzen und diese von ihrem Tun abhalten. Und damit wird auch das größte Ziel unserer wahnsinnigen Tat klar: Den Gegner verwirren und das Feuer von der Mauer ab und auf uns lenken, dass wiederum das Feuer der Mauerschützen sie vernichten konnte, bevor sie diese erreichten oder ihre Katapulte spannen könnten.

Uns allen war vorher mehrfach bewusst gemacht worden, dass die Wahrscheinlichkeit lebend heimzukehren mehr als schwindend gering war, solange wir nicht andauernd in Bewegung bleiben würden. Und so fiel einer der mir Folgsamen nach dem anderen: Mal verzettelte man sich in einem Kampf am Boden und wurde solange aufgehalten bis der tödliche Stoß oder Pfeil kam, mal war man schon in der Luft zu langsam und wurde abgeschossen, mal konnte man sich einfach nicht mehr im Sattel halten und fiel schreiend in die See. Auch mir sollte so ein Schicksal wohl nicht erspart bleiben.

Zunächst lief alles wunderbar: Als Ziel hatte ich mir die Waffenmeister an den Schiffskatapulten auserkoren und einen nach dem anderen zog mein Tier ins Wasser, nachdem wir uns auf ihn gestürzt hatten, bis viele Schiffe ohne Waffenmeister nutzlos im Wasser dümpelten. Doch plötzlich, hoch droben in der Luft, kreischte mein Tier auf dass es einem das Herz zerbrach, und mit einem Knacks fiel es mitten in der Luft leblos in sich zusammen.

Mit rasender Geschwindigkeit stürzten wir auf das Meer zu und eiligst befreite ich mich aus meinem Gürtel, dass ich nicht mit dem Tier auf den Meeresgrund gezogen werden möge. Bevor wir aufprallten, sprang ich so weit es ging von ihm fort und landete hart im Wasser. Als ich die Oberfläche wieder durchstieß und damit rang oben bleiben zu können, handelte ich mehr nach Gefühl denn nach Verstand. Vor mir sah ich in den rauschenden Wellen eines der Schiffe, dass ich so verzweifelt angegriffen hatte. Seile waren über Bord gefallen und hatten sich in der Reling verfangen, als würden sie nur auf mich warten. Ich beschloss ihre Hoffnung nicht zu zerstören und ergriff sie, um mich an Deck hieven zu können. Das Schwerste war damit geschafft.

Kaum war ich neu hinzugekommen zu dieser Deckgesellschaft, da wurde ich auch schon begrüßt. Diesen Mann ins Wasser zu stoßen war nicht schwer und ich bekam wieder eine Waffe. Danach aber war ich plötzlich allein. Scheinbar war ich nicht der einzige geladene Gast und so sah ich andere meiner Flieger, die sich hierher hatten retten können, um ihr Leben kämpfen. Mich vergaßen dabei aber dann plötzlich beide Seiten. Ich weiß nicht, wie es kam, doch sah ich mich auf einmal alleine dastehen. Das Schiff hatte bereits viele Krieger verloren und die verbliebenen beschäftigten sich mit den Angriffen der Flieger auf Deck und aus der Luft.

Mich abseits haltend gelang es mir unerkannt zum Bug vorzudringen, wo das Katapult des Schiffes befestigt war. Seine Waffenmeister waren bereits verschwunden, wohl von unseren Angriffen auf die eine oder andere Art ins Wasser gedrängt worden. Das erste Mal erblickte ich eines dieser Katapulte aus der Nähe und war beeindruckt. Etwas so großes auf ein Schiff zu bekommen musste schwer gewesen sein, da zollte ich den Alumen meine Achtung. Nun lag es aber verwaist und nutzlos dort, immer noch gespannt und auf die Mauer Cirmaens gerichtet.

Ich stand am Bug und erblickte, wie es um die Feste stand: Immer noch versuchten Schiffe mit Türmen die Feste zu erreichen, doch wurden stetig von Feuerpfeilen zurückgedrängt, derer die Verteidiger aber nicht unzählig besaßen und irgendwann deshalb aufgeben müssten. Unten am Tor hatten die Böcke dieses längst erreicht und rammten ihre Schädel gegen das Eisenholz in dem Versuch es zu knacken, was ebenso früher oder später gelingen musste. Die Pfeile von oben staken nutzlos aus ihren Dächern heraus und selbst Brandpfeile blieben nur stecken und brannten kurz, bis sie erloschen. So würden es die Verteidiger also niemals schaffen – und in diesem Augenblick kam eine Idee zu mir.

Das Katapult bot sich mir doch bereits gespannt, wartend auf seine Nutzung – warum also es warten lassen? Auf kreisförmigen Schienen befestigt konnte man es hin und her drehen, sich ein Ziel suchen. Schwer ließ es sich bewegen, doch war ich ja auch allein. Also warf ich mich so gut es ging gegen das Drehholz und schob das Katapult ein Stückchen zur Seite. Ich konnte nicht richtig einschätzen, worauf genau es nun deutete, aber gäbe es sicherlich genügend Angriffsflächen, und so löste ich einfach den Spannhebel und ließ seine Ladung fliegen.

Nicht gerade wenig staunend sah ich die Überreste der feindlichen Böcke auf der Brücke stehend, als mehrere große Steine auf sie niedergeprasselt waren. Auch die Schilde hatte es getroffen, doch sah ich von ihnen außer Kleinholz kaum noch etwas. Die restliche Bande stand nun schutzlos dem Feuer von der Mauer gegenüber und verlor daraufhin ihren Mut. Plötzlich und wie eine Meute Tiere wendeten sie und drängten zurück, dabei etliche der ihren von der Brücke schubsend.

Als ich das sah, wusste ich nicht ob Lachen oder Weinen angebracht war. Doch war es gut für die Feste, die von einem Druck erlöst sich den restlichen Schiffen zuwenden konnte. Nun stand aber auch ich auf einem solchen und meinte bald sich auf mich stürzende Krieger Alumas hören zu müssen, doch blieb alles still um mich herum, während weiter hinten auf Deck man immer noch kämpfte. Der naheste feindliche Krieger, der im Kampf mit einem abgestürzten Flieger sich befand, sah bald meine Klinge auf sich zukommen, die er nur einige Male vermeiden konnte. Zuletzt befand auch er sich im Wasser und ich war bereit mich dem nächsten zu stellen – doch was war das? – Wieder kam nicht einer auf mich zu.

Und erneut blieb ich ruhig und in Deckung, um auch keinen auf mich aufmerksam zu machen, als ich gen Hauptdeck schlich, wo sich die Brücke befand. Hier endlich fand ich Gegner, und deren gleich zwei, die auf mich eindrangen während ich die Treppe hinauf kam. Es ging hin und her, rauf und runter, dann flog der erste von ihnen neben mir ins Nass. Der Zweite rief mir Beleidigungen in seiner Sprache zu, spuckte und fluchte wie ein besessenes Weib, doch brachte dies ihm auch nicht mehr als sein Vorgänger. Endlich dann stand ich oben nah dem Steuerrad, welches der Steuermann gerade verließ, die Hände waffenlos erhoben.

Ich ergebe mich freiwillig! Rief er, doch plötzlich zuckte er herum und sprang mit großem Anlauf hinab ins Meer.

Mich über die seltsamen Alumen wundernd erlangte ich nun das Steuer für mich selbst und fühlte mich für einen kurzen Augenblick wie der König der Meere. Nie zuvor hatte ich ein Schiff steuern können und kannte mich deswegen auch kaum mit der Steuerung aus. Ich hätte gar nicht gewusst, was mit diesem Ungetüm anzufangen ist, hätte nicht eine plötzliche Bö die Segel erfasst und das Schiff vorangetrieben. Kurz vermochte ich mich noch zu wundern, warum das Schiff nicht einfach segellos ruhig vor Anker gelegen hatte, da war ich auch schon stark mit dem Ruder beschäftigt, um aus diesem Umstand noch etwas Nützliches hervorzubringen.

Voraus erblickte ich einen ganzen Haufen alumischer Turmschiffe, dich gedrängt vor der Mauer wartend, dass sich kaum eines bewegen konnte. Halb aus Willen, halb aus Unfähigkeit etwas anderes zu tun steuerte ich unser Schiff mitten dort hinein. Unter mir verharrten die Krieger langsam in ihren Kämpfen, blickten zunächst erstaunt, bevor das Unvermeidliche käme. Dieses stellte sich als großes Krachen und Rumpeln vor, als die Schiffe alle ineinander stießen, wenngleich auch Männer auf ihnen allen schrien und an Rudern ruckten.

Ich aber hatte ebenso nicht recht vor auf diesem treibenden Holz zu bleiben und tat es den anderen Kämpfern gleich, welche ich im Nass begrüßen durfte. Hinter uns aber fingen die Schiffe eines nach dem anderen Feuer, als die Brandpfeile niedergingen und sich keines mehr vor dem anderen retten konnte, selbst wenn es aus dem Zusammenstoß unbeschadet hervorgegangen war.

Nach einer Weile konnte ich mich endlich an den Hängen entlang zu einer Stelle treiben, von der ich das Meer verlassen und wieder Erde betreten konnte. Einige der unsrigen Krieger waren mir bereits zuvorgekommen. Die Tore der Feste hatten sich geöffnet um Kämpfer hinausströmen zu lassen, die nach Narrkuva zogen um die Alumen endgültig zu vertreiben.

Ich aber wurde von einigen Zurückbleibenden erkannt und feierlich in die Feste geleitet, da man bereits über meine – so oft unfreiwilligen – Heldentaten berichtet hatte. Während ich mich erholte und vom Galryrm höchstselbst belobigt wurde, focht Maraine tin Arath die letzten Kämpfe aus und kehrte nach wenigen Tagen aus einem befreiten Narrkuva zurück.

Doch damit hatte alles erst begonnen; es gab noch viel zu tun.


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