Der schlimmste Tag – II

„Wie fandest du die Ansprache?“ fragte Man, während er wie jeden Morgen neben Fahach ging.

„Es gefiel mir. Meinetwegen könnten wir diese Fremdlinge gerne alle raus werfen“

„Aber wer würde dann für uns arbeiten?“

„Machen wir nicht auch so schon alle wichtigen Arbeiten?“

„Nein, eigentlich nicht. Ich kann mich nicht erinnern, hier schon mal gekocht, den Abort gereinigt, Fliesen verlegt, Kleidung gewaschen und genäht oder den Ältesten bedient zu haben.“

„Ach – wir arbeiten doch auch im Garten und fegen den Hof. So schwer kann der Rest nun auch nicht sein.“

„Das sagst du jetzt…“

Während ihres Gespräches hatten sie den Innenhof gen Ost durchquert. Sie gingen durch den Tunnel, der durch das Kloster vom Westhof zum Haupthof führte. Zu Beginn ihrer Anwärterschaft vor vielen Jahren hatten sie sich beide für diesen Weg entschieden und mussten ihn seitdem jeden Tag zurücklegen. Damals, an diesem ersten Tag, war es sonnig und warm gewesen, gleich so wie heute. Doch an Tagen, die weniger gemütlich, gar stürmisch waren, bereuten sie ihre Entscheidung immer wieder – doch auch das gehörte dazu. Zum Glück aber würde das Kloster nicht da stehen, wo es stand, wäre es nicht ein meist sonniger Platz. Man war erst Jahre später als Fahach an diesen Ort gekommen, und doch hatten sie sich für den selben Pfad entschieden. Das hatte sie auch dazu verpflichtet, sich besser kennen zu lernen. Der gemeinsame Weg sollte sie bis zum Speisesaal führen.

Auf dem Haupthof beobachten sie kurz das schon beginnende Treiben. Aus der Stadt kamen die Lieferungen, zum Beispiel für das spätere Mittagessen. Jeden Morgen hatte ein anderer Bruder diese zu empfangen. – Heute waren Fahach und Man es zum Glück nicht. Einige der Waren wurden offenbar für das abendliche Fest benötigt. – Jedenfalls war es mehr als sonst. Zweimal bisher hatte Fahach eine solche Lieferung annehmen müssen. – Sein Rücken schmerzte bis heute bei dem Gedanken daran.

Nachdem sie genug gegafft hatten, überquerten sie den breiten Hof, der von Gehwegen aus Kies durchzogen und mit Grasflächen und Bäumen gesäumt waren. Dazu hatten sie sich einst nicht den geraden Weg auserkoren. Es galt, zunächst nach Rechts, gen Süd, zu drehen und auf das Hauptgebäude zuzugehen. Nach drei Schritten gab es da eine Abzweigung des Weges gen schräg links, durch zwei Grünflächen hindurch. Zunächst kamen sie so auf einen kleinen Zwischenplatz hinaus. Dieser war von einem kleinen Teich gekrönt, den sie einmal halb umrundeten und den Fischen zusahen. Auf der anderen Seite ging es wieder, die Abbiegung sehr scharf nehmend, in Richtung Südost. Am Ende dieses Weges mussten sie wieder einmal nach Links abbiegen und gen Nord zurück zum Haupttor gehen. Nach dem einhundertsten Schritt waren sie endlich am Tunnel zum Ostflügel angelangt, welcher nur etwa vierzig Schritt gegenüber des Westtunnels lag. Fahachs Magen beschwerte sich hier bereits knurrend.

Der Tunnel führte sie auf den Osthof. – Wäre da ein Hof gewesen. Tatsächlich aber nahm den Großteil dieses Hofes der Garten ein. Wenngleich Fahach erst nach dem Essen sich um ihn kümmern müsste, konnte er doch der Verlockung nicht widerstehen, nun schon einmal einen Blick darauf zu werfen. Aber noch war der Garten ruhig und leer. Sehr schön. In seiner Zufriedenheit vergaß er aber, auf den Weg zu achten. Man machte ihn darauf aufmerksam.

„Du hast deinen Schritt falsch gesetzt.“ Mit einem undeutbaren Ausdruck sah er ihn an, derweil sie beide wie immer weiter gingen. „Geht es dir gut? Wenn du krank bist, wäre das kein Bruch der Gewohnheiten…“

Fahach fiel nur ein Ausweg ein, derweil er sich plötzlich schweißgebadet fühlte. „Du musst dich irren. – Sieh! Ich gehe wie immer.“

„Ja, jetzt -“

„Nein, schon die ganze Zeit. Du hast dich versehen.“

Wenn du meinst.“ Aber Man schien durch die Erklärung nicht befriedigt, vielmehr wirkte er düster ernster.

Ob er wohl daran dachte, es einem Obersten zu berichten? Er musste sich schnell etwas einfallen lassen. Ihn mit der Sonne ablenken? Zu auffällig. Ihn nach dem heutigen Speiseplan fragen? Das hatte er noch nie gemacht. Verzweifelt dachte er nach, derweil sie den Garten bereits umrundet hatten und den südöstlichen Flügel betraten, um den Gang gen Speisesaal zu nehmen. – Ach, Man würde es sicherlich wieder vergessen, sagte er sich. Kurz warf er einen verstohlenen Seitenblick auf seinen Begleiter, doch der war damit beschäftigt, auf seine eigenen Fußtritte zu achten, um immer die richtigen Fliesen zu erwischen. Auch Fahach selber musste das machen, wollte er sich nicht aus versehen einen Fehltritt leisten. Immerhin hatte sein Körper sich in all den Jahren gut darauf eingestellt, stets demselben Pfad zu folgen, stets dieselben Dinge zu tun – stets dasselbe zu erwarten.

Auch im Speisesaal waren sie die letzten. Schon in seinem Leben, dass er vor dem Kloster geführt hatte, gewöhnte Fahach es sich an, Orte einzunehmen, an denen er weniger auffiel, Plätze zu wählen, der fern der Aufmerksamkeit waren – und ein gutes Mittel, dies zu erreichen, war, als letzter aufzutauchen. Das hatte auch den Vorteil, dass er nie lange bis zum Beginn warten musste. Hier im Speisesaal bedeutete es, dass die Schlange der sich Anstellenden sich schon fast aufgelöst hatte, ähnlich wie beim Frühgebet. Und da immer reichlich Angebot an Frühstück bereitgestellt wurde, brauchte man auch keinen Mangel zu fürchten.

Jeder in diesem Raum hatte seinen eigenen Plan, nach dem er entweder jeden Tag dasselbe nahm, nur an bestimmten Wochentagen etwas oder gar noch seltener. Da Fahach vieles auf dieser Tafel früher, beim Eintreffen im Kloster, nicht geschmeckt hatte, wechselte er nur jeden Tag zwischen einer von zwei Möglichkeiten. Heute wären dies Brot, Käse, eine kleine Schüssel Haferbrei, etwas Sonnenfrucht und Milch gewesen. Wie immer kam aber Man vor ihm dran und wie immer beobachtete er ihn bei seiner Wahl. Als er selber an der Reihe war, ergriff er einen großen Teller, nahm seine übliche Anzahl vorgeschnittener Brotscheiben, dazu ein größeres Stück Käse. Für den Haferbrei nahm er sich zunächst, mit der freien linken Hand, eine Schüssel, welche er vor den großen Topf mit Brei stellte. Drei Kellen voll davon – nicht mehr, nicht weniger. Die Schüssel vorwärts schubsen, noch eine Frucht auf den Teller legen. – Halt, wo waren die Früchte? Neben dem Breitopf stand, wie erwartet, die große flache Schale, in der sich immer die Fruchtauswahl befand. Aber – wo war das Obst selber? Hatte jemand anders sich bereits zu viele genommen? Aber dem könnte nicht sein; noch nie hatte Mangel geherrscht; zumindest, so lange kein Winter war. Möglich, dass es bloß noch nie dazu gekommen war, dass ausgerechnet heute auch alle anderen eine Frucht genommen hatten? – Für Fahach am wahrscheinlichsten aber war, dass einer der Städter, die hier in der Küche arbeiteten, grässlich geschlampt hatte.

Wo war seine Frucht? Einen Augenblick war er kurz vor einem Zornesanfall, dann aber erinnerten ihn Schweiß auf der Stirn und feuchte Hände daran, mit welcher Angst ihn der Umstand doch erfüllte. Was sollte er jetzt machen? Sich beschweren gehen kam nicht in Frage. Schon in diesem Augenblick bewegte sich Man auf das Ende des Essensangebotes zu und noch nie war Fahach mit dem Holen länger beschäftigt gewesen als er. Immer unruhiger wurden seine Gedanken, bis er sie kaum noch im Griff behielt. Sollte er etwas anderes statt der Frucht nehmen? Das wäre ein schwerer Bruch mit den Regeln, somit nicht machbar. Mehr aus Ahnung, denn aus Vernunft, ging er schließlich weiter, dachte aber noch an die Milch. Vollgepackt folgte er Man an ihren gewöhnlichen Platz an einem der Tische, zusammen mit vier anderen Brüdern, die bereits beim Essen waren.

„Wo ist deine Frucht?“ Man war es aufgefallen. „Müsstest du nicht heute eine nehmen?“

„Sprich es bitte nicht an.“ Kaum hatte Man gefragt, wollte er eigentlich nur noch flüchten und das Ganze vergessen.

Man besaß nicht genug Feingefühl. „Das bringt Unglück, wenn – „

Unbewusst bemerkte Fahach da eine Möglichkeit, seinen Zorn ein wenig zu entladen, ohne flüchten oder gänzlich ausrasten zu müssen. „Es bringt auch Unglück, wenn du jetzt nicht die Klappe hältst und wie gewohnt anfängst zu essen.“ Sofort aber tat ihm sein Ausbruch leid, vor allem beim Anblick von Mans Ausdruck und den leichten Seitenblicken ihrer Sitznachbarn. „Tut mir leid.“

Schweigend begannen sie zu essen. Mit dem Messer, dass er immer bei sich trug, regelmäßig geschärft und in der Stadt ersetzt, schnitt er das Brot in Scheiben; ebenso den Käse. Die Käsescheiben, alle auf dieselbe Dicke geschnitten, legte er nach und nach sauber angeordnet auf die Scheiben, jeweils bevor er anfing, sie zu essen. Den Brei löffelte er ebenso, immer, wenn er eine Pause mit den Scheiben einlegte, also alle vier Bisse. Die Milch dagegen nahm er nur zu sich, sobald er Interesse an einem Getränk verspürte.

Keiner im Saal sprach beim Essen, daher waren ihre Worte zu Beginn etwas höchst Ungewöhnliches gewesen. Fahach aber hatte Zeit, über all das mögliche Unglück nachzudenken, das sich bereits aus diesen wenigen Fehlern heute ergeben könnten. Nur selten waren ihm schon ähnliche Fehler oder Missgeschicke unterlaufen; nie hatten sie gute Folgen gehabt. Und ebenfalls noch nie waren es so viele Vorfälle auf einmal gewesen, wie an diesem einen Morgen bereits. Und der Tag lag noch vor ihm.

Draußen hörte er acht Glockenschläge.

Nach dem Essen geschah – zunächst – nichts Besonders mehr. Während Fahach während des Mahls aufgrund seiner Sorgen störende Kopfschmerzen entwickelte, machte sich danach eine gewisse Erschöpfung breit. Diese körperlichen Anfälligkeiten und Besonderheiten waren das Einzige, das nicht in Form einer Regel festgeschrieben war und daher trotz seiner Schrecklichkeit nicht – schlimm war. Unvorhergesehene Taten seiner Umwelt dagegen waren steuerbar, denn hier im Kloster sollten sie nicht vorkommen und in der Stadt kannte man sich mit den Brüdern aus. Warum es also immer wieder zu Fehlern der anderen, der Angeheuerten, der Kerle und Tagelöhner kam, war ihm ein Rätsel. Schon lange forderte er für jeden Städter eine Schulpflicht, in deren Rahmen die Lehren des Klosters Einfluss finden würden. Doch gesagt hatte er dies noch niemandem – eine Verwirklichung würde auch die Gewohnheiten stören.

Nach dem Essen gingen Fahach und Man getrennte Wege. Ersterer nahm denselben Pfad zurück, den sie gekommen waren, doch nur bis in den Garten, welcher den Osthof belegte. Die Anwärter warteten bereits auf ihn und seinen Unterricht vor dem östlichen Tor der Gartenumfriedung, aufgereiht wie Perlen auf einer Schnur. Er glaubte alle Gesichter schon mal gesehen zu haben, doch erinnerte sich nur an zwei der Namen; hier im Kloster hatte man sie für die Zeit ihrer Anwärterschaft mit den Namen Butterlöffel und Unfug versehen. Ersterer bekam seinen Namen aufgrund des ihm nicht auszutreibenden übertriebenen Naschens, zweiterer aufgrund der Art, seine liebsten Tätigkeiten auszuführen.  Mit beiden hatte Fahach schon genug zu tun gehabt und es schien ihm zweifelhaft, dass Unfug je zu etwas Brauchbaren würde. Sollte er es dennoch jemals schaffen, seinen Unsinn in Gewohnheit zu verwandeln, würde Fahach lieber das Kloster verlassen. Nie könnte er mit dem Unsinn in wiederkehrender Form klar kommen.

Während er dies dachte, machte er seinen fünfzigsten Schritt und stand am Gartentor. Noch boten ihm Gebüsche teilweisen Schutz vor den Blicken der Jungen, doch mit der nächsten Fußbewegung musste er ganz in ihr Blickfeld treten. Das hasste er am meisten. Er mochte es nicht – nicht einmal annähernd – der Mittelpunkt des Geschehens zu sein, und doch gehörte es dazu. Nun gut, hier waren es nur die Knaben, welche weit unter ihm standen, doch wenn es galt, vor viele Gleichgestellte oder schlimmer gar – Höhergestellte zu treten -. Schon jetzt konnte er das Gefühl nicht leugnen, den nächsten Abtritt besuchen zu wollen. Die Gewohnheiten waren aber stärker als seine Angst – und der nächste Schritt gehörte dazu.

Zehn weitere Schritte, und er stand an seinem gewohnten Platz, vor zwei niedrigen Gemüsebüscheln. Er mochte die Arbeit mit den Anwärtern nicht und das nicht nur, weil er dafür im Mittelpunkt stehen musste. Er hasste es, wenn das Leben nicht den Gewohnheiten entsprechend verlief und doch war es sozusagen Regel, bei der Arbeit mit den Anwärtern gegen die Gewohnheiten zu verstoßen. Der Grund dafür war einfach: Die Anwärter hatten sich selbst noch nicht so klare Verhaltensmuster erworben wie die vollwertigen Brüder, so war es klar, dass ihnen immer wieder Fehler unterliefen, mit denen sie auch ihre Umgebung durcheinander bringen konnten. Allen voran galt das natürlich für Unfug. Als jemand, der Regelmäßigkeit in seinem Leben liebte, fand Fahach dies hassenswert. Zum Glück ging es heute nur um Gartenarbeit. – Schlimm genug.

„Preiset die Sonne“, grüßte er seine Schüler, auch wenn er nicht begeistert aussah.

Die Schüler blinzelten, um ihn im grellen Schein der Sonne zu erkennen. „Preiset den Lehrer“, grüßten sie zurück.

Doch Halt. – War da nicht noch etwas anderes gewesen?

„Unterlass das, Unfug!“ Doch dieser sah nur scheinheilig drein. „Heute soll ich euch Fünf etwas über Gartenarbeit beibringen. Wie ihr wisst, stellt der Garten einen wichtigen Beitrag zu unserer Ernährung, also muss jeder von uns diese Arbeit beherrschen.“

„Ja, das wissen wir“, kam es eintönig, hörten sie diese Ansprache doch immer wieder, wenngleich sich die Lehrer in der Wortwahl unterschieden.

„Da die Zeit des Säens bereits hinter uns liegt, widmen wir uns heute völlig der Entfernung von Unkraut und Stutzung des Grases. Habt ihr alle eure Sicheln dabei?“

Die Anwärter klopften kurz zur Bestätigung auf die kleinen Werkzeuge an ihren Hüften.

„Ja, haben wir“, sprach Unfug und legte ein seltsames Grinsen auf, was nicht zum gewohnten Ablauf gehörte und Fahach damit verunsicherte.

Angst brauchte er diesmal aber keine haben. – Er war es ja sehr wohl gewohnt, wie sehr diese Bälger den Ablauf durcheinander bringen können. „Halt dich an die Regeln, Unfug.“

„Tue ich doch. – Und sie?“

„Was? – Unfug -“

Doch bevor Fahach meckern konnte, klopfte Unfug nochmal mit einem nachdrücklichen Blick auf seine Sichel. Fahachs Verärgerung konnte nur noch steigen, doch kam ihm ein Geistesblitz: Schnell guckte er auf seine eigene Hüfte. – Verdammt! Fünf Schritte vor – unplanmäßig – dann stand er vor Unfug.

„Gib mir deine Sichel.“

„Was?“ Sein Grinsen erstarb.

„Wichtigste Regel der Anwärter – Widersprich nicht den Lehrern. Und jetzt gib mir deine Sichel. Oder willst du die nächsten Wochen über die Aborte reinigen?“

„Und wie soll ich dann -?“

Fahach konnte sich kaum noch halten. „Das ist dein Problem. – Sei still.“

Tatsächlich hielt Unfug den Mund, so dass Fahach auf seinen Platz zurückkehren konnte. – Mit Unfugs Sichel.

„Also. – Wo waren wir. – Ihr habt alle eure Sicheln -“ Ein wenig musste er überlegen, wo er stehengeblieben war. Wieder etwas, das nicht in den Plan passte. – Wenngleich man beim Umgang mit Anwärtern auf Unregelmäßigkeiten vorbereitet sein musste. – Er hasste die Arbeit nicht umsonst; noch nie hatte er sich gut darauf vorbereiten können. „Ach ja: Ihr alle wurdet über die hier angebauten Pflanzen sowie Schädlinge unterrichtet? Und ihr alle wurdet bereits im Einsatz der Sicheln unterrichtet? Dass ihr euch nicht schneidet und nicht den guten Pflanzen schadet?“ Mehrmals wurde ihm bejahend geantwortet. Kurz kam ihm die Frage in den Sinn, was er dann eigentlich mit dem nutzlosen Pack anfangen sollte. „Gut. – Dann bleibt uns nur übrig, das Unkraut zu entfernen.“ Da niemand etwas sagte, fuhr er fort. „Ihr zwei arbeitet dort hinten, ihr zwei auf der anderen Seite. Unfug, du kommst mit mir, auf dich muss ich aufpassen. Wenn ihr anderen Fragen habt, kommt ihr zu mir.“

Während alle ihren zugewiesenen Aufgaben nachgingen, folgte Unfug ihm. Die Stelle, welche Fahach ihnen beiden ausgesucht hatte, lag in der Nordostecke des Gartens. Niedrige Büschel von Kohlpflanzen wuchsen dort, in Nachbarschaft der Gewürze. Doch auch unerwünschte Pflanzen wollten Teil haben an der Fülle von Nährstoffen, welche geboten wurden. Das aber konnte man nicht erlauben.

„Entferne das Unkraut dort zwischen dem Kohl – ich sehe zu, ob du alles richtig machst.“

„Und wie soll ich das machen, ohne Sichel?“

„Hat man euch noch nicht beigebracht, dass ihr das mit der Sichel eh nicht machen könnt? Geh auf die Knie und reiße die Pflanzen mitsamt der Wurzeln aus. – Und achte auf die Kohlpflanzen.“

Unfug sah das Unkraut eine Weile nachdenklich an. „Muss man diese Blumen wirklich ausreißen? Seht doch, wie hübsch sie sind.“

Fahach spürte den Zorn. „Wir haben sie nicht angepflanzt und wollen sie nicht. Also reiß sie aus.“

„Und wenn ich sie sammle und beim Pfad zum Kloster anpflanze? Sie würden den Weg verschönern. Zum Beispiel heute zum Fest.“

„Was?“

Fahach konnte den Sinn des Vorschlags nicht ganz verstehen. Noch nie hatte der Pfad den Hügel hinauf anders ausgesehen. Das würde den Tagesablauf von wirklich jedem hier überraschend verändern. „Unmöglich!“

„Warum?

„Fragst du das jetzt wirklich? Dann, befürchte ich, wirst du noch für Jahre einfacher Anwärter bleiben. Du kannst nicht einfach so alles hier verändern. Das würde niemand von uns verkraften. – Auch du nicht, wenn es… einmal so weit ist. – Und wenn nicht, bist du hier falsch.“

Es sah aus, als wollte Unfug noch etwas sagen, doch schwieg er. Schließlich folgte er sogar den Anweisungen. Inmitten des Kohlfeldes kniete er sich auf die Erde und fing an, die gewachsenen Gräser aus dem Boden zu reißen.

„Du arbeitest nicht nach Plan. Fang hier an der Ecke an, folge der Reihe, wechsle zur nächsten und so weiter.“

Unfug ließ sich seinen Unmut anmerken. „Bald werde ich gar nicht mehr zum Arbeiten kommen. – Und ihr auch nicht.

„Ich werde schon mitmachen, sobald du es endlich verstanden hast.“

Der Anwärter schien zwar mit den Augen zu rollen, doch machte er weiter, sobald er die Ecke erreicht hatte. Etwas unvorsichtig zwar, doch er arbeitete.

„Wenn du dir diese Art aussuchst, wirst du bei deinen zukünftigen Gartenarbeiten genauso anstrengend weiter machen müssen.“

Plötzlich traf Fahach ein heraus gerupftes Unkraut. Unfugs Grinsen verschwand zwar schnell wieder, doch war es da gewesen.

„Wenn du dich nicht endlich zu benehmen und beherrschen lernst, werde ich es dem Herrn der Anwärter melden müssen, und dann schicken sie dich bald wieder Heim.“ Er musste zugeben, dieser Gedanke bereitete ihm Freude, denn es würde Ruhe und Sicherheit bringen.

„Das geht nicht; ich habe kein Zuhause.“

Fahach stutzte, doch wollte nicht noch mehr wissen. „Mach weiter; ich habe heute noch viel zu tun.“

Tatsächlich blieb Unfug dann ruhig. Er riss ein Unkraut nach dem anderen aus und warf sie achtlos zur Seite. Die richtige Beseitigung sollte ihm jemand anders beibringen müssen. Fahach selber suchte sich eins der Gewürzfelder aus und ging, nachdem er damit fertig war, zum nächsten. Plötzlich hörte er neun Gongschläge.

Neun? Das bedeutete – schnell erhob er sich, während er schon Man sich nähern sah. Er hatte tatsächlich die Zeit vergessen; zu diesem Augenblick wollte er bereits unterwegs zum Ältesten sein. Was war heute nur los mit ihm? Schnell machte er sich auf den Weg, seinen alten Pfad benutzend, aber bei doppelter Geschwindigkeit. Nur kurz grüßte er Man.

„Übernimm du!“

Die Anwärter dagegen vergaß er in seiner Eile.

 


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