Der schlimmste Tag – III

Die Räume des Ältesten befanden sich neben der Gebetshalle; man konnte sie über zwei Wege erreichen: Durch die Wohnräume der Brüder sowie die Räume der Oberen – aber auch durch die Halle. Und obwohl er damit an der Hintertür klopfen musste, war Fahach der Weg durch die Halle bei seinem ersten Besuch beim Ältesten am liebsten gewesen. Tatsächlich hatte er damals aber einfach nur gesehen, wie der Älteste aus der Halle durch seine eigene Tür verschwunden war und dachte, das sei der einzige Weg. Der Älteste war zum Glück nicht erzürnt gewesen und sobald Fahach Bruder war, musste er diesen Weg in seinen Plan übernehmen. Der nächste Älteste hatte zu seinem Antritt sogar schon Kenntnis davon, war er doch zuvor selbst Oberster gewesen. Zwar hatte er Fahach nie darauf angesprochen, doch als er die neue Regel einführte, alle zukünftigen Anwärter über den genauen Weg in seine Räumlichkeiten aufzuklären, hatte Fahach fortan immer ein schlechtes Gefühl, wenn er seinen Vorgesetzten besuchen musste. Mittlerweile hoffte er sogar immer, überhaupt nicht hin zu müssen und hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, nach Ausweichmöglichkeiten und Ausreden zu suchen, warum er nicht zu ihm gehen müsse. Heute aber hatte der Älteste selber seinen Besuch angeordnet, weshalb er dem auch Folge leisten musste.

Sein Weg führte ihn aus dem Garten heraus, zurück durch dessen Osttor, dann nach Norden, Westen und Süden einmal um den Garten herum. Wie es seine Gewohnheit war, musste er während dieses Umganges den Garten beobachten,; wie dort alles am Wachsen war. Doch bei doppelter Geschwindigkeit, war das schwer, also bemerkte er kaum Einzelheiten. Schließlich gelangte er in den Osttunnel und durchquerte ihn. Auf dem Haupthof galt es diesmal, nach rechts abzubiegen, beim Haupttor dann nach links und letztlich nochmal nach links.

Doch was machte dieser Wagen dort in seinem Weg, mitten im Haupttor stehend? Noch hatte dieser ein paar Augenblicke Zeit, während Fahach sich ihm näherte. Er bemerkte die beiden daneben stehenden erst, als diese laut wurden.

„Ich bin mir sicher, ich sollte es heute bringen!“

„Wir haben aber keinen Platz!“

„Und was soll ich nun damit machen?“

Der Torwächter war ein Anwärter, der kaum Ahnung zu haben schien, während der Wagen einem Städter gehörte. Zum Glück bemerkte ersterer den sich nähernden Fahach und schien sogar zu wissen, was das bedeutete und was er zu tun hatte. Mit einem aufgeregten Blick sah er zwischen dem Bruder und dem Kerl hin und her, bevor er sich dann entschied.

„Bringen sie es in Lager Zwei, dort haben wir noch Platz für Notfälle. Kommen sie für die Bezahlung aber erst morgen wieder, wenn sie auch erwartet werden.“

Der Kerl grummelte zwar etwas vor sich hin, doch fuhr er seinen Wagen vor, gerade in dem Augenblick, in dem Fahach dessen vorher eingenommen Platz erreichte. Dem Anwärter warf er keinen Blick zu, doch in seinem Inneren machte sich ein starkes Gefühl der Dankbarkeit breit, das fast in Liebe umschwang. Wie gern hätte er doch den Knaben umarmt und ihm gedankt, doch das ging nicht. Also wünschte er ihm in Gedanken nur alles Gute, während er sein Torhäuschen kreuzte und Richtung Westtunnel ging.

Und da versperrte der Wagen den Tunnel. Sein Gefühl der Dankbarkeit schwang in Hass um, als er fürchten musste, dass der Tunnel für ihn nicht mehr begehbar sein würde. Gedanklich verfluchte er den Torwächter, welcher ein einfaches Hindernis in ein Unmögliches verwandelt hatte, und flehte dann voll Verzweiflung die Sonne an. Der Wagen aber, nachdem er kurz damit beschäftigt war, in den Tunnel zu passen, verschwand hindurch. Sofort erkannte Fahach seinen Fehler und bat in Gedanken den Anwärter um Vergebung für seine Flüche. Mit Scham und Erleichterung zugleich erfüllt, folgte er dem Wagen durch den Tunnel. Schließlich kam er über den Hof in die Kapelle und suchte dort die Tür zu den Räumen des Ältesten auf.

Die Tür war bereits schmucklos gewesen, der Gang dahinter wirkte kaum anders, als die in den restlichen Wohnbereichen. Dafür standen dem Ältesten aber mehr Räume zur Verfügung, allesamt vom restlichen Kloster, auch den Räumen der Obersten, abgegrenzt. Er hatte seinen eigenen kleinen Bücherraum, einen Arbeits- und einen Schlafraum sowie ein Lager. Noch nie aber hatte Fahach ihn außerhalb seines Arbeitsraumes angetroffen. Dies musste der Älteste natürlich auch wissen und da er es war, der ihn herbestellt hatte, würde es großes Unglück für sie beide bedeuten, wenn diese Gewohnheit geändert würde. Nun war Fahach aber etwas später dran, als er geplant hatte. – Doch andererseits – hatte er eine genaue Zeit genannt bekommen, zu der er sich melden sollte? – Aber wiederum – er ging doch immer, wenn die Aufgabe hatte, zu dieser Zeit.

Er fand den Ältesten im Arbeitszimmer vor, über ein Buch gebeugt. Die Tür war offen gewesen, sonst hätte Fahach geklopft. So aber blieb er auf der Türschwelle stehen und wartete, wie er es immer tat. Trotz seiner Jahre, die er im Kloster verbracht hatte, war er gegenüber Vorgesetzten immer noch nicht so frei, wie es viele andere waren. Um seine Angst zu vergessen warf er einen Blick durch den Raum, wie so oft zuvor, und betrachtete die Bücher in den Regalen, die schmucklosen Schränke, den feinen Teppich mit der aufgestickten Sonne, das schmale Schreibpult und das ebenso schmale Lesepult.

„Ah, da bist du ja. Ich werde es wohl nie lernen. – Irgendwann wirst du mich noch zu Tode erschrecken. Vermutlich kamen so meine Vorgänger ums Leben. In meinem nächsten werde ich mich daran erinnern, auf dich besser zu warten. – Naja, wie auch immer. Du bist ja nicht ohne Grund hier. Um es nicht zu sehr hinauszuzögern – hier hast du die Einkaufsliste. – Vergiss dort unten aber nicht, dass unsere Gewohnheiten außerhalb der Klostermauern nur teilweise Bestand haben. Und immer daran denken in die Sonne zu sehen!“

Die Besprechungen mit dem Ältesten waren schon immer so kurz gewesen. Wenn es mehr zu besprechen gab, musste Fahach auch öfter erscheinen.

Für den Rückweg musste Fahach den langen Weg durch die Bereiche der Obersten sowie der Wohnräume nehmen. Während er unbewusst darauf achtete, welche Fließen und Bretter er dabei betreten musste, hatte er Zeit zum Nachdenken und Durchlesen des Einkaufszettels. Der Einkaufsgang war dazu gedacht, kleinere Einzeldinge aus der Stadt zu besorgen, die nicht mit den großen Lieferungen gekommen waren. Gründe dafür gab es mehrere. Besorgungen, die man nicht rechtzeitig auf die großen Listen setzte, Dinge, die geheim bleiben sollten, einzelne Wünsche, frische Waren und ähnliches. Diesmal standen lauter Kleinigkeiten auf der Liste, die er selber aber noch aus der Stadt hoch tragen konnte, Dazu gehörten ein Hammer – warum auch immer der einzeln zu kaufen war -, ein bestimmtes Buch aus dem Buchladen, mehrere Kräuter aus dem Osten, eine einzelne mittelgroße Glasflasche vom Glasbläser, und – besonders seltsam – einen der bekannten Fischkuchen vom Bäcker am Hafen

Auf seinem Weg begegnete ihm kaum ein Bruder, die alle woanders Aufgaben zu haben schienen. Die wenigen, die ihm über den Weg liefen, beachtete er nicht. Grüße waren ihm teilweise bekannt, da sinnlos, wenn man sich sowieso andauernd sah. Teils war es für ihn überraschend, wenn er an einer bestimmten Stelle des Klosterganges einen Bruder erblickte, den er da noch nie zuvor gesehen hatte. Wann immer dies geschah, erschrak er kurz und sah dies auch beim Bruder; so grüßten sie sich. Danach tat man so, als hätte man niemanden erblickt und ging weiter. Auf diese Weise kam er durch die Wohnräume und genehmigte sich noch kurz einen ruhigen Augenblick. Danach konnte er den geraden Weg hinaus wählen.

Da er damals, als er das erste Mal in die Stadt musste, es einigermaßen eilig gehabt hatte, konnte er auch heute ohne Umwege zum Tor gehen, warf nur noch einen kurzen Blick auf den Brunnen. Von dort ging es gerade bis zum Tor. Hier galt es, ohne Ausnahme, den Torwächter zu grüßen, denn so war es Sitte beim Verlassen und Betreten des Klosters, auch wenn er vorhin den Anwärter nicht beachtet hatte. Wäre es eine weitere seiner Gewohnheiten, so hätte er ihm jetzt gerne zugelächelt, als Dank für seine Rettung. Doch so nickte er nur im Vorbeigehen, ohne wirklich hinzusehen, und merkte sich aus dem Augenwinkel das Gesicht des Knaben, um ihm später mal gute Behandlung zuteil werden zu lassen.

Dann aber kam der große Augenblick, der ihm immer wieder Angst einjagte und ihn wünschen ließ, sich im eigenen Bett verkriechen zu können: Der Gang hinaus in die Welt. Dabei setzte er doch bloß einen Fuß hinaus vom Klosterhof auf den Zugangsweg; etwas schreckliches gab es dort noch nicht. Aber am Ende des Weges, welcher im Bogen den Hang des Hügels hinunter führte, lauerte die Stadt, mit all ihren Einwohnern, die ihm nahe kommen, die nur teilweise auf seine Gewohnheiten achten, die seine Ängste nicht verstehen würden. Und dann stand er wirklich mitten in ihr und ihre Gebäude ragten rechts und links in die Höhe, säumten schmutzige Straßen und Tier wie höheres Lebewesen schnüffelte und eilte durch die Gassen.

Wie immer blieb er kurz stehen, während seine Angst ihn kaum atmen ließ. Die schiere Masse an fremden Wesen war ihm zu viel und ließ ihn gewahr werden, weshalb er damals überhaupt ins Kloster gewechselt war. Die Leute drängten sich immer wieder aneinander vorbei, nur teilweise unter Rücksicht, und auch er, kaum, dass er den Ort des Wuselns betreten hatte, musste schon Schritte zurück und zur Seite machen, konnte nicht ruhig da stehen und nachdenken. Letztlich schaffte er es dennoch, sich den Plan zu machen, in Richtung des am weitesten entfernten Geschäftes zu gehen, um dessen Besorgung als erstes zu erledigen. Danach würde er zurück in Richtung Kloster eilen und alles dort am Wegesrand liegende mitnehmen. Der fernste Laden war aber ausgerechnet der Bäcker am Hafen, bei dem es die feinen Fischkuchen gab. Also würde er die ganze Zeit auf diesen aufpassen müssen.

Er hatte den halben Weg zurückgelegt und gerade den Markt umgangen, über den er schon auf dem Rückweg sich quetschen müsse, da näherte sich ihm jemand aus einer der Seitengassen.

„Habt Mitleid mit einem alten Kämpfer“, sprach es da zerlumpt und einbeinig.

Ja wusste der denn nicht, dass man die Brüder nicht um Almosen anbettelte? Sich aus Versehen in den Weg stellen war für einen Städter ja noch möglich, doch diesen Kerl solle die Sonne verbrennen, wenn seine Worte absichtlich gesprochen waren. Also achtete Fahach nicht auf ihn, ging weiter und ließ seine Rückansicht sprechen. Doch der alte Lump ließ nicht locker.

„Heda! Das ist aber nicht fein! Möge euch der Blitz treffen!“

Fahach schauderte es und sein Schritt beschleunigte sich, während er nur auf helle Kopfsteinpflaster trat. Was der Alte tat, sah er nicht mehr.

Schritt für Schritt bewegte er sich vorwärts, vorbei an beschäftigten Geschäften und geschäftigen Beschäftigten, Mann und Maus. Immer wieder kamen ihm Leute, Tiere und Wagen in den Weg. Es war erlaubt, in diesen Fällen stehen zu bleiben oder sogar einen groben Umweg zu wählen. Oft erkannten die Städter sogar, was und wer er war, und gingen ihm von selbst aus dem Weg. Doch irgendwie schien dieses Wissen vor allem den Älteren gegeben zu sein, derweil die Jungen am meisten Unsinn trieben; einmal sogar wäre ein Knabe fast gegen ihn gestoßen. Doch letztlich schaffte er es, unbeschadet bis zum Hafen zu gelangen, wo er am Ende einer der alten Straßen auf ein unscheinbar aussehendes Haus zusteuerte, um dort den Fischkuchen zu kaufen.

Vermutlich konnte ein Bäcker am Hafen gelegen gar nicht auf eine andere Idee kommen. Der Laden war um diese Tageszeit recht ruhig; die meisten waren wohl schon früher einkaufen gewesen. Die Tür stand aber offen und lud ihn geradezu ein. Wie es seine Gewohnheit war, ging er aber erst einmal nur daran vorbei und warf einen verstohlenen Blick durchs Schaufenster, bevor er sicher war, dass er hineingehen konnte. Drinnen stellte er sich sofort, ohne sich weiter umzusehen, vor die Theke.

„Hallo. Was darf es sein?“ begrüßte ihn der Verkäufer und ließ sich nicht anmerken, ob er in Fahach den Bruder erkannte, der er war.

Dieser war aber zufrieden. „Einen Fischkuchen; einen ganzen.“

„’Nen Kuchen, gerne doch“, sprach der Mann und kurze Zeit überreicht er einen solchen an Fahach.

Bis hierhin war doch alles bestens gegangen. Nachdem er gezahlt hatte und das Geschäft wieder verließ um gen Markt zu gehen, diesmal eine andere Straße nehmend – kam ihm wieder der alte Goldbettler entgegen. Wie aus dem Nichts war er aus einer Seitenstraße aufgetaucht.

„Ihr da! Habt ihr nicht eine Münze? Oder etwas zu essen? Ich habe auch für euch im Krieg gekämpft!“

Hatte der Alte es immer noch nicht verstanden? Verfolgte er ihn etwa? Fahach versuchte nicht auf ihn zu achten, beschleunigte seinen Schritt und trat auf die nächsten hellen Pflaster.

„Habt ihr denn überhaupt kein Herz, Mann!“

Fahach überkamen Ahnungen von in den Rücken stechenden Messern und dergleichen mehr, weshalb er kaum noch auf die Pflaster achten konnte; nur noch fliehen wollte. Zum Glück setzte der Alte nicht weiter nach, und als Fahach nach mehreren Straßen endlich anhielt und sich umsah, war er verschwunden. Sein Herz raste, sein Körper fühlte sich schwach, sein Hirn war eigentlich nicht mehr anwesend. Immer dasselbe, wenn er in die Stadt musste. Er war kurz davor, den Ältesten zu verfluchen, doch galt es noch, Einkäufe zu erledigen.

Sein hastiger Gang hatte ihn sogar vor den nächsten Laden gebracht. Er befand sich in einer schmalen Seitengasse, die trotzdem gut belebt war, was ihm natürlich gar nicht gefiel. Grund für die Lebhaftigkeit war der hohe Anteil von Zugereisten, denen dieser Stadtteil als Umschlagplatz diente. Hier befand sich auch der Laden, in dem man allerlei Kräuter aus aller Welt bekam, von ganzen Pflanzen bis zu getrocknetem und gemahlenem Pulver. Erst zweimal war Fahach dort gewesen und jedes Mal hatte er es gehasst. Beliebt, wie das Geschäft war, drängten sich die Massen hinein, beschubsten einen, wenn man selber noch kurz überlegte und rückten sogar noch an der Kasse näher auf, als es jedem lieb sein könne. Und genau dort musste er hinein.

Alle seine Befürchtungen hießen sofort Wahrheit, war es an diesem Wochentag und zu dieser Uhrzeit doch besonders voll. Vorsichtig versuchte er zu dem gewünschten Regal zu kommen, ohne jemanden berühren zu müssen oder gar selber berührt zu werden. Nur wenige der Einkäufer wussten um die Brüder und ihre Bedeutung, weshalb er manch Unbill in Kauf nehmen musste. Letztlich warf er allen, die ihn ansahen, bloß noch giftige Blicke zu, wünschte sich, dass sie woanders hinsähen, ihn in Ruhe ließen. Der Fluchtgedanke war groß, doch blieb er mit dem gefundenen Beutelchen Pulver in der Kassenschlange, derweil sein Körper sich seiner Feuchtigkeit entledigen wollte.

Endlich wieder im Freien dann, suchte er sich ein verstecktes Plätzchen, um sich zu beruhigen und überlegte, wo er weiter machen müsse. Den Glasbläser und den Gemischtwarenladen fand man am alten Marktplatz, während sich der alte Buchhändler unweit des Aufstiegs zum Klosterhügel versteckt hielt. Sein nächstes Ziel würde also der Markt werden. Dies behagte ihm nicht, so überlegte er nach einer Möglichkeit, den stets überlaufenden Markt zu umgehen.

Die Tasche, in der er seine bisherigen Errungenschaften trug, fest an sich klammernd, näherte er sich dem Markt durch eine Seitengasse. Die Sonne, seine Herrin, stand mittlerweile schon hoch am wolkenlosen Himmel. Wie immer hatte er sich zu stark gekleidet. Obwohl ihn das für gewöhnlich wenig kümmerte, ließ es ihn doch zusammen mit der Angst stärker schwitzen, als es ihm lieb war. Und warum war ihm so, als würde sie gar Pfeile aussenden, ihn zu preisen? Wollte sie ihn strafen für seine Langsamkeit? Wollte sie ihn anspornen und Glück verheißen? – Warum eigentlich zweifelte er an ihr, seiner Herrin? – Oh Sonne, verzeih!

Der Markt war voll, wie erwartet, doch hatte er es auch schon schlimmer erlebt. Der Gemischtwarenladen lag nur zwei Häuser gen Links. Trotzdem musste er immer wieder anderen Einkäufern und Herumstrollenden ausweichen. Diesmal aber achtete einer nicht gut genug auf ihn und streifte seinen Arm. Ohne Entschuldigung ging derjenige weiter, derweil Fahach sich so erschrak, dass er auf das falsche Pflaster trat.

Sofort erstarrte er und sah hinab auf seinen Fuß und den Fehltritt. Wie konnte das nur geschehen? Und warum war es geschehen? Wollte die Sonne ihn strafen? Würde sie ihn denn strafen ob des Fehlers? Oh welch Unglück musste es doch bringen! Der wievielte Fehler war das schon an diesem Tag? – Doch halt, er war in der Stadt und ungewöhnliche Ereignisse waren dort an der Tagesordnung. – Und doch hätte er es verhindern müssen.

„Geht es ihnen gut?“ fragte plötzlich eine Frau, die ihn wohl schon länger beobachtet hatte.

Wie lange stand er dort schon so gebannt? Als sie sprach, erwachte er aus seiner Starre und sein Gemüt wechselte von dumpfer Niedergeschlagenheit zu sprunghaft aufweckendem Erschrecken.

„Äh – ja“, war alles, war er murmelte, bevor er schnell und ungeschickt seinen Weg fortsetzte, als würde ihn ein wildes Tier verfolgen, und in dem Gemischtwarenladen verschwand.

Ein Hammer dort immerhin schnell gekauft; seltsamerweise war kaum Kundschaft anwesend und der Verkäufer stellte auch keine Fragen. Wäre er weniger abweisend gewesen, hätte sich Fahach sogar zum Bleiben verleiten lassen. Zurück auf dem Markt nahm er sich nicht die Zeit, noch einmal nach der Frau zu sehen, sondern wählte die nächste Seitengasse, um die Gebäude des Marktes von hinten zu umgehen, bis er in der Nähe des Glasbläsers war. Dort einzukaufen brachte sogar überhaupt keine Schwierigkeiten mit sich, so dass er sich letztlich in Richtung des Klosters und des Buchladens aufmachen konnte. Doch als er durch eine weniger belebte kleine Straße ging und lediglich hin und wieder warten musste, bis ein Fußgänger das von ihm angewählte Pflaster verließ, kam wieder der alte Bettler vorbei.

„He – du da – dich kenn‘ ich doch!“ Wieder einmal musste Fahach seinen Schritt beschleunigen, während er sich schon wie in Schweiß gebadet fühlte.

„Jetzt bleib doch mal stehen!“ Und da stolperte Fahach. In der Zeit, die dieser sich zum Erholen benötigte, war der Alte bei ihm. „Ich weiß, du willst mir nichts geben, aber du hast das hier verloren!“ Damit gab er ihm den Hammer, den Fahach kurz zuvor erst erstanden hatte, und trottete wieder davon.

Fahach aber fühlte sich, als wäre er dem Tod entronnen – und gleichzeitig schämte er sich ein wenig. Diesmal hätte er einfach nur anhalten müssen, vielleicht lächeln, sich bedanken, sich entschuldigen für die frühere Unfreundlichkeit – doch der Mann hätte wissen müssen, dass man sie, die Brüder aus dem Kloster, in der Stadt nicht anspricht – aber Fahach hätte etwas sagen können, und wenn es nur ein Danke gewesen wäre. – Immer wieder gingen ihm die letzten Worte des Alten durch den Kopf und Möglichkeiten, wie er hätte antworten können. Spät erst fiel ihm wieder ein, dass er mitten auf der Straße stand, dort nicht stehen bleiben könne und noch etwas zu erledigen hatte. Etwas, nach dem er endlich heim und zum Mittagessen gehen könne. Wenig später war er im Buchladen angelangt.

„Ah, willkommen. Euch habe ich ja schon lange nicht mehr hier gesehen. Die Sonne zum Gruße!“

Ebenso wie der Mann, verbeugte auch Fahach sich kurz. „Die Sonne zum Gruße. Ja, ich hatte lange nicht mehr den Auftrag. Ihr kennt uns ja.“

Der Mann wusste um die Gebräuche, sowohl auf die Brüder im Allgemeinen als auch auf Fahach im Besonderen bezogen. Er konnte immer die richtigen Antworten geben und wusste, was man wollte, bevor man es selber sagte. Gleichzeitig vermittelte er noch eine Freundlichkeit, die nicht vorgetäuscht sein konnte, und die einem sich sofort wohl fühlen ließ. Fahach hielt sich immer gern im Laden auf, jedenfalls, wenn es keinen anderen Kunden gab, was fast immer zu traf. Manche der Brüder hatten gar versucht, den Mann zu überzeugen, selber ins Kloster zu gehen und sei es nur für einige Tage. Fahach aber war dagegen. Erstens würde er dann seinen Hafen der Ruhe in der Stadt verlieren, zweitens fand er alle, die er zu oft sehen musste, sehr schnell störend.

Eine Weile verbrachte er im Buchladen, durchstöberte die Regale, sprach dann und wann mit dem Händler und kaufte letztlich das Buch, wegen dem er gekommen war. Und manchmal vergaß er sogar kurz die eine oder andere Regel und Gewohnheit und bemerkte das nicht einmal. Aber schließlich musste er heim, durch eine kleine Menge in der Straße und achtete wieder genau darauf, wo er hin trat und dass er niemandem zu nahe kam.

In der Ferne hörte er bereits elf Glockenschläge.

 


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