GaaW12 Die Fremde

Enttäuscht blickte er zurück. Da lagen sie: seine Träume, Hoffnungen, Wünsche. Allesamt zerschmettert durch eine einzige Abweisung, einem einzigen Verbot. Warum wollte ihn diese Stadt nicht in seinen Reihen wissen? War es wegen dem, was er tat, oder dem, was er war? Er hatte niemanden eine Bemerkung in eine dieser Richtungen tätigen gehört, doch war beides nicht unwahrscheinlich. Oft hatte er von seinen Eltern und Freunden hören müssen, dass die Menschen seine Art nicht mochten, nicht duldeten. Doch was hatte er ihnen denn getan? Vor wenigen Wochen erst hatte er seine Heimat verlassen um hier in diesem Land sein Glück zu suchen, doch jede Stadt die er besuchte behandelte ihn wie ebendiese: Ihn der Stadt verweisen und die Tore hinter ihm schließen. Verzweiflung machte sich allmählich in ihm breit ob dieses groben Verhaltens und mehr als einmal dachte er daran, zurück in die Sümpfe zu gehen. Doch noch stand eine weitere Stadt auf seiner Liste.

Über Stock und Stein, durch Wiesen und Wälder, bei Sturm und Regen reiste er, sie zu erreichen. Immer wieder kreuzten Menschen seinen Weg: böse Menschen. Vielen erschien sein Aussehen zu fremd, viele hatten schon von seinem Volk gehört – es aber nie gesehen – und trugen ihre eigenen Vorstellungen und Vorurteile mit sich herum. Letztlich fand er sich kurz vor der Entscheidung, den großen Straßen aus dem Weg zu gehen, sich die abseitigen Wege auszusuchen. Doch dann traf er einen Menschen, der anders als die anderen war. Der Mensch war ein Fremder in seinem eigenen Volk, verstoßen und gemieden auch von diesem.

Es schien, als wären der Reisende und der verstoßene Mensch füreinander geschaffen gewesen. Sie begegneten sich zufällig auf der Straße; die Stadt war nur noch wenige Stunden entfernt, doch der Reisende war müde und enttäuscht von der Behandlung, die man ihm zukommen zu lassen versuchte: die des Hasses und der Abscheu. Gerade fing wieder eine Gruppe Einheimischer damit an ihm bei seinem Vorbeiziehen Beschimpfungen und Beleidigungen entgegen zu schleudern. Doch da! Der Fremde, welcher auf der anderen Straßenseite gegangen war, erhob seine Stimme. Er begann seinerseits die Unflätigen zu rügen und zurechtzuweisen. Er zeigte ihnen ihre eigenen Fehler und wie feige und rücksichtslos sie wären, jemanden, dessen Herkunft anders als die ihre war, dafür strafen zu wollen. Doch die Bande lachte ihn bloß aus. Da packte der Mann seine Waffen aus und bedrohte sie mit solch schlimmen Worten, dass sie bloß noch noch weinend davon rannten.

Die beiden in diesen Landen Fremden aber, der Reisende und sein Retter, standen sich nun allein gegenüber. Eine Weile betrachteten sie sich schweigend, dann sprach der Retter endlich aus, was ihn bedrückte. Artig stellte er sich vor und bot an, den armen Reisenden zu begleiten. Dieser war misstrauisch – schüchtern – und willigte erst verspätet ein, da hatte man ihn bereits fortgezerrt. Im Gegensatz zu ihm war sein neuer Begleiter ein Wasserfall an Worten und bevor diesem endlich auffiel, wie wenig er doch von dem andern hörte, hatte er bereits seine halbe Lebensgeschichte erzählt. Der Errettete wusste nun, dass er mit einem Schuster reiste, der eine neue Anstellung in der nahen Stadt suchte, auf welche sie beide zugehalten hatten. Trotz der seltsamen Art des Schusters fasste der Sumpfmann schnell Vertrauen zu ihm und noch vor Erreichen der Stadt konnte er ihm erzählen, was ihn selber auf die Reise getrieben hatte. Da kam dann die Stadt.

Kaum etwas hätte sie mehr beeindrucken können denn diese Stadt. Ihre goldenen Lichter verströmten Wärme für alle, ihre Türmchen, Mauern und Dächer wirkten verspielt wie kleine Kinder, der Häuser Äuglein blickten wie liebevolle Eltern auf die wie Käfer durch die sauberen Straßen wuselnden Massen und überall wehten ihnen Bäume und Blumen ihre Begrüßungen entgegen. Vor allem aber lebte hier alles und jeder, alle Völker und Rassen, gemischt und friedlich durcheinander wie die Tiere des Waldes. Alle in dieser Stadt waren gleich, waren eins; niemand dort war etwas besonderes. Die beiden fremden Reisenden wussten sofort: hier würden sie für immer verbleiben.

Tagelang drängten auch sie sich durch die Massen, sowohl die Stadt zu erkunden als auch einen Platz zum Leben zu finden. Es dauerte eine Weile, bis sie etwas fanden, denn fast alles was die Stadt nötig hatte, gab es dort bereits im Überfluss. Letztlich aber bekamen sie Anstellungen; der eine als Schuster, der andere als Lehrer. Vor allem aber fanden sie auch eine Wohnung, welche sie sich teilen konnten. Und dies war auch nötig, wurde der Lehrer doch schließlich vom Schuster schwanger. So hatte sich am Ende doch noch eines der Vorurteile der Menschen über die Rasse der Sumpfbewohner bewahrheitet; nämlich dass diese, welche Anlagen zu beiderlei Geschlecht besaßen, sich sowohl in Mann als auch Frau der Menschen verlieben konnte. Doch das bemerkte nun keiner mehr, denn in dieser Stadt waren sie nur zwei Fremde unter Fremden, und Fremde achten nicht aufeinander, es sei denn in der Fremde unter Gleichen. Das seltsame Paar wurde schließlich zusammen glücklich.

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