GaaW13 Allein in der Dunkelheit

1.

W

arum ich? Was habe ich getan? – Oder: Was habe ich nicht getan? Nun da mir so unendlich langweilig geworden ist, hilft mir auch das Starren aus dem Fenster nichts mehr – man sieht doch eh nichts. Ach! – was tue ich hier eigentlich? Kritzle unnütz Zettel voll. Doch – nun – wer weiß – hilft es mir? Du mein kleiner Zettel, warum bin ich eigentlich hier und tue dies?

Es war erst vor wenigen Stunden, als ich von meinem Mittagessen zurückkehrte. Ich hatte noch Zeit die neuen Hafenanlagen auf meinem Gang zu bewundern und kam sodann hierher zurück. Doch was musste mich erwarten? Ein gräulich gräulicher Hinweis lag dort auf meinem Tisch, dass ich diese Nacht – die ganze Nacht! – hier verbringen müsse, unsre alten Unterlagen durchsuchend auf einen Hinweis. Einen Hinweis, was mit dem Geld geschah, das in den letzten Wochen immer wieder aus unserer Unternehmung verschwunden war. Ja was? Was war damit denn geschehen? Und warum ich? Bis vorhin habe ich nicht einmal ein Gerücht gehört gehabt, dass Geld fehlen würde. Woher denn auch? Bin ich nicht nur ein kleiner Angestellter, den dies gar nichts anbelangt? Na? Also muss doch wohl der Alte, unser Herr und Meister hier, etwas gegen mich haben. Oder nicht? Sehe ich das falsch? Sag schon! Zettel!

Ach, ich bin so müde. Müde! Äuglein die ihr so – so! – schwer seid,. verschafft mir keine Heiterkeit. Hätten wir doch nur etwas von dem Kraut hier, welches mich wachhalten könnte. Doch vermutlich war das verschwundene Geld gerade dafür gedacht gewesen. Nun gut, nun gut, bleiben wir ernst. Ich durchsuche schon seit Stunden hier alles, stelle es auf den Kopf, kehre das Innere hinaus. Alles, das man mir auftrug zu überprüfen. Vermutlich traut der Alte mir nicht, weshalb er mir nur gab, was ich auch sehen dürfe. Es würde mich auch gar nicht wundern, sollte er selber sich besagtes Geld geschnappt haben. Ich darf ihm nun eine Bescheinigung liefern, dass alles in bester Ordnung sei. Nein mein lieber, so nicht! Irgendwas wird sich sicherlich noch finden, dass nicht für dich spricht!

Ich wusste doch, ich sollte hier nicht wach und tätig sein; ich sollte längst schon brav und sittsam in meinem Bette liegen! Habe ich mir das, was ich grad sah, nur eingebildet? Werde ich verrückt? Ich hoffe so! Wenn nicht, stimmt in dieser Unternehmung mehr als bloß ein paar Zahlen nicht. Gerade – vor einigen Augenblicken – ging ich in die Waschküche. Da sich dort ein Spiegel – unser Spiegel – befindet, wollte ich einen Blick wagen; zu überprüfen, wie schlimm ich nun aussehen müsse. Doch was erblickten meine Augen? Im Halbdunkel stand ich da; der Spiegel vor und die Tür hinter mir, durch welche das Licht des Flures in den Raum hinein schien. Und dann – da war ein Schatten. Langsam wie Tinte in einem Wasserbecken kam er herangekrochen. Ich sah ihn nur für einen Augenblick, denn sofort wirbelte ich zutiefst erschrocken herum, während alle Fasern meines Körpers in verschiedene Richtungen wollten. Doch kaum hatte ich mich umgedreht, war da nichts mehr, das mich hätte erschrecken können.

Noch gut eine Stunde etwa, dann wird es endlich – endlich! – wieder Morgen. Dann kann ich heim gehen und wahrlich tot danieder fallen. Doch sage mir eins, oh böser lauernder Geist, überstanden ist es sicher noch nicht? Immer noch kein Hinweis auf das, was sich hier von mir suchen ließ, doch dafür der schreckliche Verdacht, dies morgen Nacht fortsetzen zu müssen. Die Vöglein zwitschern draußen und ich hier drinnen sehe weitere schlaflose Nächte drohen. Verflucht sollt ihr sein, ihr Arbeitgeber, Schinder und Verwandte. Es muss sich doch etwas finden lassen. Morgen mehr?

 

2.

Sagte ich es nicht? Habe ich es nicht gewusst? Morgens, kaum wollte ich gehen, da lauerte mir doch bereits ein gieriger schmieriger Schatten in der dunklen Ecke vor dem Hause auf. Ich – schreckhaft wie ich bin – zuckte zusammen, erstarrte. Doch es war nur ein Botenjunge – wenngleich ein wahrhaft widerlich abstoßender! – der da auf mich wartete. Hastig steckte er mir einen Umschlag zu, dann verschwand er in der nebligen Morgenschummrigkeit. Auf den Inhalt des Umschlages hätte ich auch verzichten können. Doch neugierig wie ich war, öffnete ich ihn sogleich an Ort und Stelle. Es waren Anweisungen für mich, Anweisungen des Alten. Warum er sie mir später nicht selber mitteilen konnte? Weil er mir immerhin erlaubte – ja, genau das Wort benutzte er –, dass ich mich den Tag über heim begeben dürfe, mich auszuruhen. Weiterhin würde mir dieser Brief nur zugestellt worden sein, wenn ich keine Hinweise das Geld betreffend gefunden hätte. Doch! Woher weiß er, dass ich nichts fand? Keiner der anderen Angestellten war bis zum Morgen zugegen gewesen, mit niemanden habe ich gesprochen, hätte ich sprechen können. Kann man dies nicht verdächtig nennen?

Also, da sitz ich hier erneut, nachdem ich fast den ganzen Tag Daheim verschlafen habe, und frage mich nach dem eigentlichen Sinn. Seltsamerweise fühle ich mich nicht wirklich erholt, nicht, als hätte ich geschlafen. Vielleicht gehe ich gleich einmal los, nachsehen, was auf den weggeworfenen Zetteln der anderen hier so steht. Schon lange glaube ich, dass sie mich nicht mögen, verspotten, verachten. Habe ich deshalb diese Aufgabe bekommen? Denen werde ich es schon heimzahlen! Doch wie? Nie dürfe ein Verdacht auf mich fallen…

 

3.

Da, ich wusst es doch! Sehr interessant dieses Zettelchen hier. ‚Was versteckt der Alte bloß?‘ steht da, darunter die Vermutungen. Geld? Ja! Wieder der alte Verdacht – was, wenn er dies alles nur vorspielt? Würde ich es ihm zutrauen? Wie ist der Alte denn so? Ich erinnere mich irgendwie nicht mehr so recht. Ist er überhaupt der hässliche feiste Sack, den ich mir immer vorstell? Je öfter ich darüber nachsinne… – desto unklarer wird mein Bild. Verflucht! Verfluchte Müdigkeit! Warum entsinne ich mich nicht? Es ist… ! – Doch irgendwo muss es hier sicherlich ein Bildnis des alten Mannes – ist er alt? – geben. Vielleicht hilft das meiner Erinnerung. Ja, ich gehe suchen!

Grausam, grausig, grauenvoll! Was ist es bloß, das auf dieser Unternehmung liegt? Nichts geht hier mit rechten Dingen zu – nichts, gar nichts, niemals nichts. Blankes Entsetzen – in Mark und Bein. Sieht es mich? Seh ich es? Ah, nimm dich zusammen! Es ist die Einbildung, es ist die Müdigkeit – ist es ein Geist, der diese Mauern durchzieht? Wer war dieser Mann dort im Spiegel? Warum geht er nicht? Warum seh ich ihn, so oft ich den Waschraum auch betrete, auch verlasse, Licht mache oder nicht? Er ist so starr, er ist so fremd, er ist so – tot. Tot – ja, das muss es sein. – Nein! Ich muss mich irren! Es ist die Müdigkeit! – Wenn nicht – so spielen mir die anderen einen Streich, hängten ein Bild dort hinein? – ja! Ich reiße es heraus!

Ich brauche dringend wachhaltende Kräuter. Meine Sinne – mein Verstand? – spielen verrückt. Es war klar, dass nichts in diesem Spiegel sein könnte. Doch ich ließ mich von ihnen hereinlegen. Diese Strafe – denn nichts als eine Strafe kann dies sein – muss enden! Ich muss erfolgreich sein, muss Unterlagen finden, die sich zu den Geldern äußern. Doch irgendwie – oh – ich kann kaum denken. – Oh doch! Noch erstürmen große Ideen diesen müden Geist! Lasst mich also ausruhen, ihr schlafenden Geister.

 

4.

Das Gestern war nicht, wie es sein sollte. Ich Dummkopf. Verschlafen hatte ich fast die gesamte Nacht. Erfolgreich wird man auf diese Art kaum. Es war schon Morgen, als ich erwachte, kaum später als am Tag zuvor. Ja – und wieder erwartete mich dieser kleine Knilch von Botenjunge. Seine Botschaft erzählte mir dieses Mal jedoch, dass ich nur noch eine Nacht Zeit hätte. Ist das eine Drohung? Was, wenn ich es nicht schaffe? Will er mich entlassen? Ich habe keine Angst! Oh nein – ich werde froh sein, sollte der Alte mich rauswerfen. Diese Nacht ist meine – heute werde ich herausfinden, was hier gespielt wird! – Von einem befreundeten Schlosser borgte ich mir Dietriche aus; das Zimmer des Alten ist am Ende des Ganges.

Fast eine Stunde vertrödelte ich dort. Eine Stunde! Man kann es sich kaum vorstellen! Doch wie auch immer – als ich merkte, dass dies nichts brachte, durchstöberte ich lieber die Arbeitstische der anderen. Es hätte sich ja ein Schlüssel finden lassen können – wobei die Betonung natürlich auf hätte liegt. Doch anderes, teils sehr Interessantes, ließ sich entdecken. Hatte ich doch tatsächlich gestern einige Schubladen übersehen. – Oder besser, diesen doppelten Boden. Ein Brief des Alten an den Angestellten: er möge doch einen neuen Sicherungskasten für die Schlüssel der Unternehmung besorgen. Weiter steht dort nur, dass eine Lieferung erwartet würde. – Klingt alles wenig aufregend, doch warum sollte man den Brief verstecken, wenn sein Inhalt nicht geheim wär? Also, wo sind diese Schlüssel?

Ha! Gefunden, was ich suchte! Der Schlüsselkasten war natürlich beim Pförtner – doch warum dieser nicht anwesend? – Drinnen fand ich viele glitzernde Kinkerlitzchen. Einer der Schlüssel passte gar in das Schloss des Alten. Es erwartete mich aber nicht, was ich erwartet hätte. Ein mittelgroßer Raum, in dessen Mitte ein Schreibtisch steht. Links und Rechts an den Wänden Regale mit Unterlagen. An der Rückwand zwei Fenster, dazwischen eingefasst ein großes Gemälde. Endlich! Der Alte!

Leider enttäuschte mich das Bildnis. – Irgendjemand schnitt ihm das Gesicht aus, so dass nur der sitzende Körper übrigblieb. Und wer kritzelte die Worte ‚Sieh im Schreibtisch nach‘ in das gähnende Loch des Gesichtes? Immer klarer wird es – man will mich foppen. Trotzdem – brav an den Tisch. In den Schubladen: verschiedene Abrechnungen, teils für teure Reisen, teils für teure Frauen, meist für beides zusammen. Daneben auch anderes. Meine Aufmerksamkeit? – Die Rechnung den Umbau des Spiegels betreffend. Der Spiegel? – Gut, gut; ich scheine gefunden zu haben, wonach ich suchte. Wohl fühle ich mich nicht. Sehr viel hier ist faul. Doch – kann ich anders handeln?

 

5.

Oh, der Spiegel, der Spiegel! Hätte ich ihn nicht berührt! Dieser Schatten! Dieser schmierige Schatten! Wo kommt er her? Warum verfolgt er mich? Nun ist er weg – doch nur solang hier alles brennt! Das Feuer – das Feuer hält ihn fern. Warum kam er, als ich die Waschküche betrat? Tat ich etwas falsch? Ich besah den Spiegel – fand sein Geheimnis – fand sein Versteck. Ja, ich sah mich im Spiegel. Ja, ich sah den Schatten im Spiegel. – hielt es nicht aus – Zerschlug den Spiegel – Wunden, Blut, was macht das schon! – Warum hat er mich dorthin gelockt? Was hatte er vor?

Das lodernde Feuer soll verschlingen! Das Bildnis – das Gesicht – welches ich hinter dem Spiegel fand – brenne! Brenne, auf dass deine Lüge mit dir stirbt! Behauptest, es sei mein Gesicht gewesen? Mein Gesicht, welches dort draußen im Gemälde fehlt? Ha! Welch Unfug! Warum tut er dies? Der alte – er spielt mit mir, spielt sein Spiel mit mir. Als wäre ich es gewesen, der all dies veranstaltete! Doch nein – nein! – ich lasse es nicht zu, nein! Das war die letzte Nacht? Ja, für deine – deine! – Spielchen! Was stand auf dem Bild? ‚Dies bist du‘? – Ha!

 

6.

Nach dem Brand in der alten Handelsunternehmung am Hafen konnten wir nur wenige Unterlagen und Gegenstände borge, die nicht verbrannt waren, vor allem diese Notizen, die in der Genauigkeit schwankenden, fast schon unterschiedlich wirkenden Handschriften verfasst sind. Wir können sie jedoch zweifelsfrei demselben Mann zuschreiben. Es war in der Stadt allgemein bekannt, dass die Unternehmung kein Geld mehr besaß und deshalb alle Angestellten entlassen und schließen musste. Doch niemand ahnte, dass es ihren Besitzer derart mitnahm, dass er darüber den Verstand verlieren würde. Zumindest muss seine Leiche nicht mehr eingeäschert werden. Hiermit wird der Fall geschlossen.

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