GaaW17 Das verlorene Kind

Es war ein schöner, doch kalter Herbsttag, als der kleine Pagallimmi beim Heimkehren feststellen musste, dass seine Eltern verschwunden waren. Zunächst war er bloß erschrocken, als sie nicht wie immer im Wohnzimmer auf ihn warteten. Kurz darauf versuchte er sich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass er vielleicht das falsche Haus betreten hätte. – Sie wohnten erst wenige Wochen hier und da alle Häuser dieser Straße gleich aussahen, hatte er sich anfangs oft verlaufen. – Doch das musste längst hinter ihm liegen. Deshalb verfiel er schließlich in Panik, als ein Blick von Außen auf ihr Haus seine Überlegungen bestätigte und er sich wahrhaftig Daheim befand – doch nicht so seine Eltern.

Wo waren sie hin? Hatten sie ihn tatsächlich allein gelassen? Wer würde auf ihn aufpassen, wer ihn versorgen? Sie kannten doch noch niemanden hier in der Stadt; niemanden, den er fragen, niemanden, zu dem er gehen könnte. Und als sich seine anfängliche Panik legte und er jeden Winkel im Haus abgesucht hatte, ließ er sich auf ein Sofa im Wohnzimmer nieder. Ganz sicher waren sie nur kurz weg, etwas besorgen, würden bald wiederkommen. Und doch: Noch nie hatten sie ihn so allein gelassen. Seine Angst wich aber bald der Erschöpfung, welche diese Aufregung ihm verursacht hatte, und langsam schlief er ein. Bald kommen sie zurück, waren seine letzten Gedanken, bevor er sich in seinem Traumland einfand. Er bemerkte nicht mehr, wie sich die Haustür langsam schloss.

Als er wieder erwachte, war es bereits Abend. Das Wohnzimmer lag im Zwielicht und er war immer noch allein. – Oder? – Hörte er da nicht aus der Küche Geräusche? – Freudig sprang er auf und rannte so schnell ihn seine Füße trugen, dass er fast stolperte. Als er sich endlich fragte, warum sie ihn nicht geweckt, nicht in seinem Schlummer jenseits der gewohnten Zeiten gestört hatten, erreichte er auch bereits die Küche. – Sie war dunkel, kalt und leer. Enttäuscht lehnte er sich in den Türrahmen. Waren sie für immer verschwunden, ihn loszuwerden? Fanden sie aus der Stadt nicht mehr ihren Weg zurück? Oder waren sie etwa verschleppt worden? Pagallimmi war kurz davor zu weinen. Seine Mutter verbat es ihm zwar immer, doch nun war sie nicht mehr da. – Und wer sollte ihm das Essen zubereiten? Hungrig tapste er in die Küche, sich etwas zusammenzustellen.

Nachdem er seinen kleinen Schmaus beendet hatte, dachte er wieder an seine Eltern und brach in Tränen aus. Doch da quietschte plötzlich etwas.- Das konnte nur die Eingangstür sein. – Vater hatte sie schon seit ihrem Einzug ölen wollen, doch vergaß es immer wieder. – Sie quietschte nun, also musste sie sich auch öffnen. Sie kommen! Schoss es durch das kleine Gehirn. Freudig sprang Pagallimmi auf und hastete zur Tür. – Und niemand war da. Aber das bemerkte er zunächst nur flüchtig, denn etwas anderes ließ ihn viel zu sehr staunen. – Wo war die Stadt hin?

Warum verschwanden zunächst seine Eltern, dann die ganze Stadt? Staunend sah er auf das, was sich ihm außerhalb des Hauses bot: Weite Felder lagen dort; Wiesen und Hügel – und in der Ferne erkannte er einen Bach an einem großen finstren Wald. Doch am seltsamsten war die Mittagssonne. War es nicht gerade noch ein dunkler Herbstabend gewesen? Und tatsächlich – ein Blick zurück ins Wohnzimmer offenbarte ihm dessen Düsternis. Vorsichtig – die Tür mit einem Auge immer halb beobachtend – ging er zu einem der Fenster im Wohnzimmer – sah hindurch und erblickte die Stadt, umrissen von der Abendröte. Ein Blick zur Tür: Das warme Licht des Frühlingstages strahlte bloß bis zur Schwelle, nicht ins Haus hinein.

Der kleine Pagallimmi, der schon immer eine Vorliebe für Märchen und Zauberei gehabt hatte, wähnte sich nun an seinem Glückstag. Hatte eine ihm unbekannte doch gütige Macht ihn aus seinem langweiligen Schulalltag enthoben und endlich in das Land seiner Träume gebracht, wie er es sich so oft gewünscht hatte? Er beschloss die Sache zu erkunden und verließ recht unvorsichtig das Haus. Kaum, dass er draußen war und die kalte Stube hinter sich gelassen hatte, da kitzelte ihn schon die warme Sonne. Ein Blick zurück zum Haus zeigte ihm statt diesem eine steile, schroffe Klippe, in der ziemlich unpassend eine Tür prangte. – Es war wahrhaftig Zauberei, dessen war er sich nun sicher. Fröhlich ob dieser Umstände erkundete er das Gebiet. Er fand Wiesen und Auen, glucksende Bäche und raschelnde Wälder. – Und er fand die Burg.

Die Burg befand sich auf einem schroffen Felsen am Rande des Waldes und sah für den kleinen Träumer wenig aufregend aus. Spannender war da schon die Schlacht, die sich an ihrem Fuß abspielte: Gestalten in Rüstungen, die sich bekämpften und aufeinander einschlugen, bis Knochen barsten und Blut vergossen wurde. Dies fand der Knabe dann aber weniger witzig. Ängstlich wich er zurück, während die Kämpfe drohten ihm näher zu kommen. Und als er schon befürchtete, dass sie auch ihn töten würden, kam eine Gestalt auf einem merkwürdig anmutenden Reittier auf ihn zu und rief ihm Worte zu, deren Sinn er nicht verstand. Da er sich nicht rührte, stieg die Gestalt ab. Er erkannte sie als Frau – was ihm nichts nützte, wusste er doch weiterhin nicht, was sie sprach. Das letzte Wort in ihren Sätzen klang für ihn wie ‚Tólome‘. Da kam jedoch bereits ein Krieger heimlich von hinten an. – Pagallimmi rief der Frau eine Warnung zu, was sie verstand und sich schnell wendete. Der Junge nutzte den Augenblick aber, um zu fliehen.

Nach einer heillosen Suche, bei der es Abend und er völlig verzweifelt wurde, fand er letztlich die Tür seines Hauses wieder. Immer noch sah es aus, als sei ihr Haus in den Fels geschlagen worden, doch Pagallimmi war bloß froh über die ihm bekannte Sicherheit. Drinnen angelangt schlug er hinter sich die Tür zu. – Wären seine Eltern wieder daheim gewesen, so wären sie nun angekommen ihn zu bestrafen. – Doch immer noch war das Haus leer – und finster. Durch die Fenster des Wohnzimmers sah er die nächtliche Stadt – verlassen und vergessen. Und er, den seit Stunden der Hunger plagte, sah in der Dunkelheit kaum noch etwas und fiel letztlich bloß erschöpft auf sein Bett. Wie kalt und bedrohlich das Haus doch erschien, seit er hier allein war.

Wie gewohnt erwachte er am nächsten Morgen. Noch immer zeigte sich keine Spur der Eltern. Während Pagallimmi sich sein Frühstück machte, überlegte er, ob ihm seine Lehrer in der Schule wohl helfen könnten. Eigentlich schrien die Umstände ja danach ausgenutzt zu werden; nach freien Tagen. Doch was sollte er machen, wenn seine Eltern niemals zu ihm zurückkehrten? So stand sein Entschluss fest. Nachdem sein Schmaus beendet war, packte er seine Sachen und begab sich auf den Weg zur Schule. – Er kam aber nur bis zur Haustür.

Wie bereits Tags zuvor erwartete ihn jenseits dieser Tür nicht das, was ihm die Fenster zeigten. Aber auch die schönen Wiesen und Auen waren verschwunden. – Pagallimmi erwarteten Stein, Staub und Sand, wohin er auch blickte. Vorsichtig verließ er die Tür und setzte einen Fuß vor die Schwelle – um schnell wieder zurückzugehen, als ihn unglaubliche Hitze und Trockenheit empfingen. Eine Wüste? – Die Wiesen waren ihm lieber gewesen. Verzweifelt und genervt zugleich kehrte er der Tür den Rücken zu. Im Haus war es doch wesentlich kühler. Und endlich vermeinte er auch einen Trick zu wissen, das Haus doch noch verlassen zu können: die Fenster!

Immer noch zeigten sie die Stadt, jetzt verschlafend aus dem Morgen erwachend. Langsam konnte er einzelne Gestalten ausmachen, die auf der anderen Seite des Glases durch die Straßen schlenderten. Dort wollte er auch hin! – Doch wie sehr er auch an den Fenstern rüttelte und zerrte, sie rührten sich einfach nicht. Er versuchte es an jedem Glas des Hauses, doch nirgends kam er weiter. Schließlich war er wieder im Wohnzimmer, schlug verzweifelt auf die Fenster ein, nutzte gar Spazierstöcke und was er noch so fand – die Fenster blieben heil, die Fußgänger auf der Straße beachteten, hörten ihn nicht. Und hinter der Haustür lauerte immer noch die kochende Wüste. Den Rest des Tages verbrachte er mit Weinen, Ablenkungen und weiteren Ausbruchsversuchen.

Als es jenseits der Fenster Abend wurde, zeigte ihm die Tür bereits finstere Nacht. Zeit für ihn, einen weiteren Schritt vor diese zu wagen – und ging sofort zurück ins Haus, seinen Mantel suchend. Trotzdem wagte er es, die eiskalte Wüstennacht zu erkunden. Weit ging es für ihn aber nicht, war das Land doch überall trostlos und öde wie vor seiner Haustür, die aus dem einzigen Felsen in weiter breiter Himmelssicht ragte. Er wollte gerade seinen Weg zurück ins Haus nehmen, da sah er etwas neues. Unweit von ihm ragte ein längliches, ledernes Etwas heraus, das wie eine schmale niedrige Mauer wirkte – die sich auf ihn zu bewegte. Zunächst ging er weiter und beobachtete nur – doch dann erhob sich etwas Spitzes aus dem Sand, gefolgt von viel mehr kleinen spitzen Stiften – ein Maul mit Zähnen verfolgte ihn. Sobald er das erkannte, rannte er. Auch das Wesen, zu dem dieses Maul gehörte eilte sich ihm zu folgen – und es war schneller. Pagallimmi meinte bereits den Atem der Bestie im Rücken zu spüren, als er endlich die Schwelle übersprang und die Tür hastig zuschlug. Nach dieser Schreckensbegegnung verbrachte er eine teils durchwachte Nacht unter zahlreichen Decken verkrochen, bevor er endlich einschlafen konnte.

Auch am nächsten Morgen war er weiter allein. Einerseits war er wenigstens nicht gefressen worden, andererseits waren seine Eltern weiterhin verschwunden. Und langsam wusste er nicht mehr, was er tun solle. Wenn die Haustür stets in ein falsches Land führte, so konnten seine Eltern auch gar nicht wiederkommen. Und im Haus ging ihm langsam die Nahrung aus. – Ganz zu schweigen davon, dass er sich schrecklich einsam und allein fühlte. Bald fing er aber an zu hoffen, dass an diesem Tage, wo er wieder die Bürger der Stadt durch die Fenster draußen in der Straße spazieren gehen sah, die Tür erneut in eine fremde Gegend führen würde. Wäre es eine, die seiner freundlich war, so würde er versuchen von dort nach Hause zurückzukehren – oder zumindest jemanden zu finden, der ihm helfen würde. Langsam verfluchte er sich auch dafür, vor der Frau am Schlachtfeld weggelaufen zu sein – auch wenn sie sich nicht verständigen konnten, so schien sie ihm doch zumindest wohlgesonnen gewesen zu sein – und das wäre immerhin ein Anfang gewesen. Während er sich fertig machte, fragte er sich, was ihn wohl diesmal da draußen jenseits seiner Wirklichkeit erwarten würde. Und dann war es soweit, dass er die Tür aufstieß um zu sehen – und nur Finsternis erblickte.

Vollkommene, undurchdringliche Finsternis lag dort außerhalb des Hauses. Das konnte keine Nacht sein, sagte ihm ein Teil seines Bewusstseins, denn sah man doch selbst in jeder Nacht noch etwas, zum Beispiel Sterne. Aber vielleicht war es ja eine Sonnenfinsternis oder etwas ähnliches? Er beschloss eine Weile abzuwarten – es könnte ja sein, dass dies doch nur eine seltsame Nacht war. Aber während die Zeit verstrich, änderte sich außerhalb des Türrahmens – nichts. Auch mehrmaliges Öffnen und Schließen der Tür vermochte ihm nichts neues zu zeigen. So wagte er letztlich, dort hinaus zu treten, um zu sehen, was ihn erwarten würde. Und dieses war – nichts.

Kaum dass er in der Finsternis war, konnte er nur noch diese erkennen. Es war ihm weder warm noch kalt, doch es gab kein Licht, keine Geräusche, keinen Geruch. Wagemutig ging er einige Schritte in die Schwärze hinein – und verlor sich sofort. Zurück blickend entdeckte er keine Spur der Tür – er war verloren im Nichts. Auch als er meinte, denselben Weg zurückzugehen, entdeckte er nichts. Die Verzweiflung, die sich seiner in den Tagen langsam bemächtigte, wuchs ins Unendliche. War er verdammt auf ewig im Nirgendwo zu verbleiben? Auch ein Blick an ihm herab offenbarte ihm den Schrecken, dass er sich nicht mehr erkannte. Waren seine Gliedmaßen überhaupt noch da? – Ein vorsichtiger Versuch des Zwickens meldete ihm keine Gefühle an sich. – Eine seltsame geistige Taubheit bemächtigte sich seiner – doch dann sah er das Licht in der Ferne – und hielt darauf zu.

Und in einer anderen Zeit war es ein gewöhnlicher Tag gewesen, da die Eltern des kleinen Pagallimmi ihn kurz daheim allein ließen, um einkaufen zu gehen. In dieser Zeit musste es geschehen sein, dass er unvorsichtig spielend die Treppe herabfiel. Seine Eltern entdeckten ihn genau an der Eingangstür liegend. Drei Tage sollten sie über ihn wachen, doch er – er erwachte niemals mehr.

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