Der schlimmste Tag – IV

Buch 2: Der Mittag

IV

 

Das Klostertor stand weit offen, doch der Fußgängereingang war geschlossen. Dem war nicht immer so, und trotzdem war Fahach es gewohnt. Langsam klopfte er dreimal an der Pforte. Kurz danach wurde sie ihm geöffnet und der Torwächter bot Eintritt. Fahach setzte erst den rechten Fuß über die Schwelle in den Hof, dann zog er den linken nach. Doch – was noch nie zuvor geschehen war – er blieb hängen und stolperte. Den Tormann an sich beachtete er nicht, doch wusste er um seine Nähe und fühlte sich plötzlich sehr beobachtete. Hastig ging er weiter, als wäre nichts geschehen, ohne Umwege zum Osttunnel, wo er sich wieder normaler fühlte, und über den Osthof, an dem nun leeren Garten vorbei.

Als er am Speisesaal vorbeikam, sah er bereits viele dort versammelt, doch ging er noch in einen Waschraum. Es waren jede Menge verpackte Seifenstücke vorrätig, so nahm er sich eine Packung, entkleidete sie und wusch sich. Die benutzte Seife entsorgend, ging auch er in den Saal. Man saß bereits an ihrem Stammtisch und grüßte ihn. Fahach nickte nur kurz, stellte seine Besorgungen des Morgens am Tisch ab und ging, um sich Nahrung zu verschaffen.

An diesem Tag war Fischtag, was für ihn die Befürchtung erhärtete, dass es ein Unglückstag war, denn er mochte Fisch nicht. Dass er schon die ganze Zeit über welchen mit sich rumschleppen musste, war eine schwere Beleidigung für seine Nase. An Fischtagen konnte er immer nur die Beilagen essen, da es keinen Ersatz im Angebot gab. Auch andere im Kloster betraf das, da viele mal das eine oder andere nicht mochten. So war es Gewohnheit, dass immer wieder jemand einen Fastentag hatte. Einige betrachteten das als Unglück, andere als gute Gelegenheit. Erstere hatten es sich mittlerweile teilweise zur Gewohnheit gemacht, sich über die Umstände zu beschweren, doch den alten Klosterregeln folgend, änderte sich daran nichts. Fahach hielt sich grundsätzlich lieber aus Ärgerreien raus und musste sich daher an Fischtagen weiter mit den Beilagen begnügen. Heute waren es eine Getreideart, Soße und etwas Gemüse. Mit seiner mageren Beute begab er sich zurück zu Man an den Tisch.

„Fischtag heute“, stellte dieser fest und Fahach verzog das Gesicht.

„Wann die Leute es wohl mal verstehen werden, dass Fisch nicht zum Essen gedacht ist.“

„Wie war es in der Stadt?“ wechselte Man nach einem Bissen plötzlich die Richtung.

„Ach – du weißt schon – ich bin froh, da raus zu sein. Aber nach dem Essen muss ich gleich meine Einkäufe abliefern. Danach kann ich mich endlich mal erholen.“

„Wie immer also“

„Ja, wie immer. Und wie war es bei den Büchern?“

„Mmh! Ach ja! Ich wollte dir etwas erzählen. Ich habe einen Band über die Geschichte des Klosters entdeckt. Dafür interessierst du dich doch. Warte, ich beschreib‘ dir den Weg da hin…“

Während Man das machte, versuchte Fahach sich an seinem Essen. Es war annehmbar, doch fehlte so etwas wie eine Hauptzutat. Trotzdem mampfte er vor sich hin, wie es seine Gewohnheit war, ohne groß darauf zu achten, was er gerade aß. Und plötzlich biss er auf etwas hartes. Ein Stück Gemüse? Kurz hörte er mit dem Essen auf. Sein Gefühl verlangte, das Stück herauszuholen, doch müsste er es dann auf den Teller vor sich legen und diesen hatte er noch nie so abgegeben, dass er nicht völlig leer war. Blieb die Möglichkeit, das Stück unter den Tisch fallen zu lassen, doch erstens wusste jeder, dass er immer an dieser Stelle saß und zweitens könnte ihn auch noch jemand bei der Tat beobachten.  Kurz überkam ihn ein Würgereiz, welchem nachzugeben am schlimmsten gewesen wäre – so schluckte er einfach, ohne groß nachzudenken, seinen Mundinhalt hinunter.

Man, der immer noch fleißig erzählte, bemerkte nichts, selbst, als Fahach kurz aussah, als müsse er sich wirklich übergeben, er erbleichte und Schweißperlen auf seine Stirn traten. Kurz darauf hatte Fahach sich gefasst, wobei es besonders geholfen hatte, etwas zu trinken. Danach verspürte er zwar eigentlich keinen Hunger mehr, musste aber dennoch weiter essen. Widerwillig schob er sich einen Bissen nach dem anderen in den Mund, während Man weiter munter von Dingen erzählte, die er erlebt oder über die er nachgedacht hatte. Sobald er endlich mit Essen fertig war, musste Fahach noch kurz warten, bis auch Man sein Mahl beendete.

Danach verabschiedeten sie sich voneinander; Man wollte seine jetzige Freizeit bei einem Spaziergang verbringen, während Fahach mit den Einkäufen ins Lager musste. Wer auch immer die einzelnen Gegenstände bestellt hatte, würde sie sich dann dort abholen. Dieses eine besondere Lager war aber nicht das große im Westflügel, sondern ein kleines auf der genau gegenüber liegenden Seite im Ostflügel. Bei seinem ersten Gang dorthin hatte es geregnet, weshalb er es sich als Weg angewöhnt hatte, durch den Bereich der Küchen, Krankenzimmer, Wintergärten und dergleichen zu gehen, also einmal durch den ganzen Ostteil des Ostflügels. Immer, wenn es regnete, freute er sich über diese ursprüngliche Entscheidung bei diesem Gang – und verfluchte sich zum Beispiel morgens zwischen Gebetshalle und Speisesaal, denn er hatte es nie geschafft, sich für Regen andere Gewohnheiten zuzulegen.

In den Gängen begegnete er herumwandernden Brüdern, denen aus dem Weg zu gehen er nicht schwer fand, da alle es sich angewöhnt hatte, auf der ihren rechten Seite zu gehen, so dass Entgegenkommende links waren. Schwieriger dagegen war es, wenn man den zu benutzenden Gang durch einen zu langsam Vorausgehenden versperrt vorfand. Hierfür hatte sich jeder der Brüder einen Ausweg einfallen lassen müssen. Da Fahach sowieso nur auf Fliesen und Brettern mit bestimmten Größen, Farben und Abständen zueinander ging, konnte er solche Fälle einfach überholen, doch durfte dann natürlich niemand entgegen kommen. Seltsam dagegen fand er, dass immer noch Städter damit beschäftigt waren, Fußböden und Wände zu reinigen und abzustauben. War er so lange schon nicht mehr in diese Gegend gekommen, dass er dies nicht wusste? Oder nur noch nie zu diesem einen Zeitpunkt an diesem einen Wochentag? Eigentlich war es ja egal, dachte er, bis er plötzlich mit einer Frau zusammenstieße, die den Boden wischend aus einem Seitengang kam und nicht auf ihn achtete. Überrascht stolperte er zurück und wusste nicht, was er machen sollte.Doch die Frau übernahm.

„Verzeiht mir, Herr!“ sprach sie, blickte unterwürfig und wehleidig zugleich.

Das milderte seinen Zorn. „Was – was macht ihr hier? Warum achtet ihr nicht auf euren Weg? Wisst ihr überhaupt, wo ihr seid?“

Die Frau wich ein wenig von ihm fort. „Verzeiht mir – es ist mein erster Tag hier.“

„Ihr müsst doch wissen, auf was ihr hier im Kloster zu achten habt. – Ich werde euch melden.“

Jetzt schlich Entsetzen in der Frau Gesicht. „Nein. – Bitte. – Meine Kinder!  -“

Doch Fahach hörte nicht, denn etwas anderes kam ihm in den Sinn. „Oh nein – wisst ihr, was für Unglück ihr hier verursacht? Das Lager – ich muss – ich komme zu spät!“

Damit presste er sich an ihr vorbei. Sie wich immerhin zurück, doch stolperte er und wäre fast auf die falsche Fliese getreten. Er fing sich noch, wenn auch seine Haltung lächerlich wirkte. Danach beschleunigte er seinen Schritt, um noch in seinem Zeitplan zu bleiben. Der weitere Weg zum Lager blieb ohne Probleme, und wie er dort hörte, wurde der Fischkuchen bereits sehnsüchtig erwartet. Das Buch aber sollte er selber in die Bücherei bringen, denn da er dort noch hingehen wollte, bot er sich dafür an.

„Ich werde es aber erst später hinbringen können, weil gleich meine Mittagsruhe beginnt und -“

„Schon in Ordnung“ sagte der das Lager überwachende Bruder bloß, ohne groß auf ihn zu achten.

Fahach wanderte zurück in Richtung seines eigenen Zimmers, um endlich Ruhe genießen zu können. Als er diesen Weg das erste Mal gegangen war, war er leider in Spazierganglaune gewesen. So kam es, dass er weiter dem großen Hauptgang folgen musste, der einmal rund um den Ostflügel führte. Die Brüder des Klosters hatten zwei verschiedene Wohnbereiche zur Verfügung; einmal den nördlichen sowie den südlichen. Man konnte sich sein Zimmer beim Einzug aussuchen, je nachdem, ob man tagsüber Sonne haben mochte oder nicht. Fahach wollte keine haben, ebenso, wie ihn die Klippe unter den Fenstern der Südzimmer stets schwindeln ließ, doch hatte er das Pech gehabt, dass zu dieser Zeit die Nordräume alle belegt gewesen waren. Jetzt war es zu spät für ihn, sich noch einmal umzuentscheiden, denn das würde sein ganzes Leben durcheinander bringen. Auf seinem Weg kam er jetzt aber an den nördlichen Zimmern vorbei, durchschritt die kühlen schattigen Hallen und musste, wie jedes mal, alle Anwohner beneiden.

Im nächsten Bereich, dem zwischen den nördlichen Zimmern der Brüder und den südlichen Zimmern der Anwärter lag, beherbergte Abstellkammern, Studierzimmer, Werkstätten und ähnlichen Kram, für den man im Laufe der Jahre Platz benötigt hatte, aber keinen anderen fand. Wie es in der Natur der Sache lag, unterbrach diesen Weg natürlich irgendwann der Osttunnel. Auf diesem ersten Gang damals hier entlang war Fahach faul gewesen und nahm nicht den Umweg, die Treppe hoch in den ersten Stock und auf der anderen Seite wieder hinab, sondern ging einfach durch die Tür, hinaus in den Tunnel und auf der anderen Seite wieder hinein. Dort ging es weiter an wahllos benutzten Räumen vorbei, bevor er in den Bereich der Anwärter kam. Er begegnete nur wenigen, und die zeugten stets die ihm gebürtige Ehrfurcht und räumten erforderlich den Weg. An einer Tür aber bemerkte er den dicken Butterlöffel, wie er davor stand, dagegen klopfte und Dinge rief.

„Heda! – Was machst du da?“ wollte er wissen, im Rahmen seines heutigen Lehrerdaseins für diesen Knaben.

Butterlöffel sah ihn erschrocken an, grüßte und erklärte: „Unfug lässt mich nicht in mein Zimmer; er hat abgeschlossen.“

„Unfug!“ rief Fahach, „wenn du nicht öffnest, werde ich dem Ältesten von dir berichten!“

Doch es kam keine Antwort, drum wandte er sich an Butterlöffel: „Geh zum Hausmeister und lass dir das Schloss öffnen; der Kerl hier bekommt später genug Ärger.“

Denn länger konnte Fahach nicht bleiben; er war bereits wieder fast zu spät für sein eigenes Zimmer. Als er dieses endlich erreichte, machte er sich nicht viel Mühe. Er ging die fünf Schritte von der Tür zum Waschbecken, wusch sich und nahm dann die acht Bretter zum Bett, wo er sich die Sandalen auszog und sich rücklings aufs Bett sinken ließ. Trotz seiner ihn immer beherrschenden Mattigkeit hatte er es noch nie geschafft, zu dieser Zeit auch wirklich einzuschlafen, doch wollte er sich einfach ausruhen, wie er es immer tat, bis der nächste Gongschlag käme. Er hatte nur wenig freie Zeit für sich zur Verfügung, doch die wollte er auskosten.

Als er so da lag, lauschte er den Geräuschen der Natur außerhalb seines Fensters und dachte über den bisher vergangenen Tag nach. Vor allem über alles, was dabei schief gelaufen war, wie den Kerl vom frühen Morgen, aber auch das, was ihm selber schrecklich peinlich war, wie der Begegnung mit dem Alten in der Stadt. Dagegen fiel ihm überhaupt nichts Gutes des Tages ein, was ihn ein wenig traurig werden ließ.

Plötzlich hörte er ein Geräusch. War es – ? – Tatsächlich, es klang, als würde sich seine Tür öffnen. Erschrocken richtete er sich auf, bis er kerzengrade saß und mitansehen musste, wie die Tür in sein Zimmer geöffnet wurde. Ein älterer Mann trat, mit einem Besen bewaffnet, ein. Es dauerte nicht lange, bis er Fahach bemerkte.

„Oh – ich wusste nicht – ich -“

„Was machst du hier?“

„Ich putze die Zimmer, wie ich es jeden Tag mache.“

„Und ich erhole mich hier, ebenfalls, wie ich es jeden Tag mache. Aber du bist hier noch niemals vorher aufgetaucht!“

„Oh – womöglich liegt es daran, dass ich ein wenig zu spät bin – für gewöhnlich putze ich morgens -“

„Und dir ist noch nie erklärt worden, dass du unsere Gewohnheiten nicht so einfach unterbrechen oder behindern darfst?“

„Oh – doch – aber – „

„Weißt du eigentlich, wie viel Unglück du mir damit bringst?“

„Verzeiht – ich wollte doch nur -“

„Jetzt verschwinde hier endlich, bevor ich dich noch dem Ältesten melden muss.“

Daraufhin sagte der Mann nichts mehr, sondern trat nur eilig den Rückweg an.

„Und wage es nicht, mich nochmal zu stören!“ rief Fahach ihm nach, als der Kerl die Tür schloss.

Sich entspannen war daraufhin eigentlich unmöglich, und doch versuchte er es noch einmal. Nach einer Weile vernahm er aber Gezwitscher und als er die Augen öffnete, saß da ein kleiner Vogel an seinem Fenster. So etwas war noch nie geschehen, weshalb er auf Anhieb nicht wusste, wie er damit umzugehen hatte. Zunächst versuchte er es mit fortgesetzter Entspannung, doch das ebenso fortgesetzte Gezwitscher hielt ihn davon ab. Letztlich entschied er sich dazu, aufzustehen und den Vogel aus der Nähe zu beobachten. Welch strenger Bruch mit den Gewohnheiten das darstellte, fiel ihm erst später ein.

Denn bevor er sich Sorgen machen konnte, ertönten dreizehn Glockenschläge.

 


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