GaaW18 Die Geschwister und der Wagen

„Wo sind wir?“ Win blickte sich ängstlich um. Nichts in seiner Umgebung kam ihm bekannt vor, und doch schien alles schon einmal dagewesen zu sein. Seine Frage stieß auf unwissende Ohren; Lin war ebenso ratlos. Seit Stunden schon, so schien es ihm, durchwanderten sie diesen dunklen Wald und fanden nicht wonach sie suchten. Viel-leicht eine Stunde – vielleicht auch mehr, vielleicht auch weniger – war es her, dass sie den Wagen das letzte Mal gesehen hatten. Immer wenn sie ihn erblickten, schien er so-fort um die nächste Ecke zu verschwinden und kaum dass sie dort ankämen, war er gänzlich weg.
„Ach! – Wir müssen ihn finden!“ Verärgert stampfte Lin mit einem Fuß auf den Boden.
„Warum eigentlich? Können wir nicht auch einfach so versuchen herauszukommen?“ Ihr Bruder blickte sich unbehaglich um. Der Wald gefiel ihm gar nicht; hatte ihm noch nie gefallen. Zum wiederholten Male fragte er sich, ob sie die richtige Entscheidung ge-troffen hatten.
Verärgert gab ihm seine größere Schwester einen Klapps auf den Kopf. „Dummkopf!“ Tausendmal schon habe ich dir erklärt, dass es anders nicht geht. Lerne endlich mal zu hören und deinen Verstand zu benutzen! – Du musst doch einen haben; bist schließlich kein Kleinkind mehr, oder?“
Damit sprach sie genau seinen wunden Punkt an. Alle hatten ihn stets als klein und unwissend bezeichnet. „Und was machen wir jetzt?“
„Na hinterher!“ Nicht weiter auf ihren kleinen Bruder wartend, machte Lin sich auf den Weg.
Win musste sich beeilen, um nicht abgehängt zu werden. Die Bäume schienen ihm un-freundlich, abweisend – und erstmals erkannte er, dass sie eng wie eine Mauer zu beiden Seiten des Pfades standen, der kaum mehr als etwas freier Waldboden war. Egal wohin sie auch gehen wollten, es gab nur vorwärts oder zurück, selbst wenn sie einmal um eine Ecke abzubiegen hatten. Nur selten gab es Abzweigungen mit mehr als einer Wahlmög-lichkeit – und nie stand ihnen ein Baum im Weg. Win kam sich vor wie in einem Irrgar-ten, was sein Gefühl kaum verbesserte. Nach oben blickend sah er kein Stück Himmel, lediglich ein dichtes Blätterdach. – Und dann stieß er plötzlich, verträumt nach oben starrend, gegen seine Schwester. Doch diese war bereits zu aufgeregt, zu verärgert, um ihn zu bemerken.
„Schon wieder weg! – Eben stand er hier noch! – Ich glaub es nicht!“
Win suchte nach einer Antwort, die er ihr geben könnte – schon war sie weitergestapft. Er eilte sich ihr zu folgen, als er die Bäume auf sich zukommen fühlte – auch wenn sie sich eigentlich kein Stück rührten.
Nach einer ganzen Weile sahen sie den Wagen ein weiteres Mal – und schon war er wieder verschwunden, auch wenn Win sich stets mühte, ihn nicht aus den Augen zu las-sen – scheinbar gelang dies nicht.
„Wir werden hier nie herauskommen!“
Selten hatte Win seine Schwester weinen sehen, doch nun schien sie kurz davor. Viel-leicht sollte er sie beruhigen, ihr tröstende Worte sagen? Doch was könnte er schon sei-ner Schwester, einem Mädchen, sagen? Während er noch überlegte und gerade zum Sprechen anhob, kam ihm Lin dazwischen.
„Ich hab’s – wir müssen uns trennen und in zwei Richtungen gehen; du zurück und ich voran!“
Win gefiel der Gedanke allein zu sein aber so gar nicht. „Aber…“
Da war Lin bereits die nächste Idee gekommen. „Nein – falsch! Jetzt weiß ich es! – Man will uns veralbern! Immer wenn wir dem Wagen nahekommen, verschwindet er – also gehen wir einfach in die andere Richtung, weg von ihm!“
Da Lin tatsächlich auf eine Antwort zu warten schien, hob Win erneut an. „Wozu brau-chen wir den Wagen denn überhaupt?“
Nicht oft hatte Win seine Schwester so stark die Beherrschung verlieren sehen wie jetzt. Doch nicht einmal einer Beschimpfung schien sie ihn noch für Wert zu halten. – Wütend ging sie an ihm vorbei, den Weg zurück. Win blieb nichts anderes übrig als ihr über Stock und Stein, durch Holz und Laub zu folgen. Und tatsächlich: Nach kurzer Zeit schon stolperten sie förmlich über den Wagen, wie er still und ruhig, hölzern und alt, in der Ecke stand und wartete.
„Hab ich’s nicht gesagt!“ Lin freute sich und ein gefährlich aussehendes Grinsen schlich in ihr Gesicht. Jeden Moment schien sie sich auf ihr Opfer stürzen zu wollen. Win hielt sie nicht davon ab, doch…
„Halt! – Wartet!“ Eine aufgeregte Stimme rief aus den Tiefen des Waldes. War dies ein Geist, ein Monster?
Erschrocken sah Win sich um. Wo kam es bloß her?
Seine Schwester war jedoch bereits weiter denn er. „Nein! – Wir gehen nicht mehr zu-rück!“ Drohend tat sie einen Schritt auf den Wagen zu, da trat eine weiß bekittelte Ge-stalt aus den Bäumen.
Wie hatte er das geschafft? Win wunderte sich – waren die Bäume doch wie eine un-durchdringliche Mauer erschienen. Und irgendwie kam ihm der Mann bekannt vor.
„Kinder, ihr müsst mit mir kommen. Ihr wisst selber, dass ihr dort nicht hinausdürft.“ Beschwichtigend hob er die Hände und kam langsam auf sie zu.
Und Lin ging einen weiteren Schritt Richtung Wagen. „Ich will nicht mehr bei euch bleiben. – Ich will hinaus in die Welt!“ Nun schrie sie schon fast.
„Ihr seid nicht für die Außenwelt geschaffen – komm zurück!“ Und auch der Mann kam langsam einem weiteren Schritt auf sie zu…
…da stürzten plötzlich andere Männer in Weiß aus dem Dickicht. Zwei von ihnen hiel-ten gar ein großes Netz zwischen sich.
„Nein – niemals!“ Während Lin dies noch schrie, rannte sie bereits und sprang mit ei-nem großen Satz in den Wagen – und verschwand.
Verwirrt blickte Win den leeren Wagen und die sich rasch nähernden Männer an. Schnell fällte er eine Entscheidung: Seiner Schwester hinterhereilend sprang auch er in Richtung Wagen – verfing sich im Netz – und es wurde schwarz.

Stimmen weckten Win. Vorsichtig öffnete er die Augen. Er lag in einem großen weißen Bett in einem großen weißen Raum, an dessen Eingang zwei Männer in Weiß standen. Der eine verabschiedete sich gerade und als der andere Wins Erwachen bemerkte, ging er zu ihm ans Bett.
„Ah, da bist du ja wieder. Du hast uns einen großen Schrecken eingejagt! Ihr Kinder sollt doch nicht immer in den Bäumen spielen.“
Win kannte den Mann nicht, doch musste er wohl zu den Ärzten der Schule gehören. Aber etwas ganz anderes geriet ihm in den Sinn. „Was ist mit Lin?“
Der Mann sah ihn verwirrt an. „Wer?“
„Lin! – Meine Schwester – wie geht es ihr?“
Er bekam ein schiefes Lächeln zur Antwort. „Du hast doch gar keine Schwester – ruh dich lieber aus.“ Mit diesen Worten verschwand er.
Kaum dass er allein war, wagte es Win aufzustehen. Er wollte jetzt nicht schlafen. Humpelnd bewegte er sich ans Fenster. Draußen sah er die Hecken des Irrgartens – und mitten darinnen stand ein hölzerner Wagen. Kurz glaubte er das Lachen seiner Schwes-ter zu hören, die sich nun von ihm getrennt hatte.
Und fortan galt Win, der sich zuvor stets mit seinen Mitschülern angelegt hatte, als we-sentlich umgänglicher. Jeder schrieb es seinem Sturz aus dem Baum zu.
Und manchmal bekam Win Nachrichten von seiner Schwester aus der Außenwelt zu hören…

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