G52 Das Schicksal staut sich

Etwas schmerzte. Was war es bloß? Sein Kopf? – Sein Kopf dröhnte. Seltsame Lichter tanzten vor seinen Augen. Wo befand er sich? Wenn er doch bloß die Augen würde öffnen können. Waren sie zugeklebt? Nein, und doch gehorchten sie ihm nicht..

Ein Strand. Wellen. Das Hotel. Es war ein sonniger Tag. Der Sand des Strandes fühlte sich warm zwischen seinen Zehen an. Die Sonne genießend lehnte er sich entspannt zurück. Vor sich sah er Isabella aus dem Meer kommen. Dies hier war ihr hart verdienter gemeinsamer Urlaub. Wie lange sie sich beide doch darauf gefreut hatten. All die Arbeit war nicht umsonst gewesen. Kaltes Wasser tröpfelte auf seine Haut und riss ihn aus dem Reich seiner schläfrigen Tagträume. Isabella wollte ihn ärgern, wollte ihn ins Wasser locken. Das schrie nach Rache. Mit gespielter Wut sprang er auf und jagte sie in die Brandung. Und sein Herz sang vor Freude und Liebe zu ihr, sang und drohte ihm zu entschwinden wie ein glücklicher Vogel. Doch dann traf ihn etwas hart am Kopf.

Wo war er? Dies war nicht der Strand. Verwirrt sah er sich um. Neben sich erkannte er Isabella auf dem Beifahrersitz. Locker saß sie da, den Gurt hatte sie gelöst. Als sie seinen Blick bemerkte, lächelte sie ihn an. Freude erfüllte sein Herz ob dieses Lächelns. Vor sich dagegen erblickte er nur einen endlosen Wald aus Metall. Der Stau hatte sich immer noch nicht aufgelöst. Enttäuscht sah er hinaus auf die trostlose verdorrte Wiese neben der Straße. Wie lange würde es wohl noch dauern, bis sie weiterfahren könnten? Er sehnte sich nach dem Meer und danach, endlich wieder mit Isabella Stunden für sich zu haben. Da erregte plötzlich etwas im rechten Seitenspiegel seine Aufmerksamkeit. Täuschte er sich, oder versuchte dort ein Wagen sich seinen Weg abseits der Straße zu bahnen? Oder was war das? Irgendwas stimmte mit seinem Eindruck nicht. Ein Blitz in seinem Blickfeld und seine Sicht verschwamm.

Wo befand er sich? Was war geschehen? Jemand schien tausend Nadeln in sein Hirn versenkt zu haben. Er kämpfte mit seinen Lidern, um sie endlich öffnen zu können. Sie waren schwer und verklebt. Es schien Stunden zu dauern. In seinem Körper suchte alles nach der Kraft, diese eine Aufgabe zu bewältigen. Letztlich hatte er Erfolg. Langsam öffneten sich seine Augen und er sah eine Kaskade verschwommener Lichtwirbel. Während der Nebel sich langsam aus seinem Blick, von seinen Augen zurückzog, erkannte er mehr. Vor ihm war das Armaturenbrett, doch die Kontrollen fehlten. Durch die Frontscheibe sah er nur den blauen unendlichen Himmel. Das Glas war gesplittert. Links von ihm kroch die grünbraune Natur durch geborstenes Glas in die Kabine. Sein Wagen lag in einem Winkel, für den er niemals geschaffen worden war. Er erkannte langsam, dass Blut seine Augen verklebt hatte. Doch dann jagten wie ein Blitz Terror und Erkenntnis durch sein Bewusstsein: Was war mit Isabella?

Ein Blick gen Rechts offenbarte ihm allen Schrecken seiner Welt. Die Frau, die er liebte, war tot. Da sie auf den Gurt verzichtet hatte, befand sie sich nun eingequetscht zwischen Trümmern des hinteren Teiles des Wagens. Ihr Sitz war ebenso unnatürlich verbogen wie sie selbst. Zunächst zutiefst geschockt, goss sich bald tiefste Pein über ihm aus und suchte einen Ausgang aus seinem Körper. Als Schrei des Schmerzes, Tränen der Trauer und Verleugnungen des Offensichtlichen fand sie ihre Form. Es konnte nicht sein, es durfte nicht wahr sein. Die Frau seiner Liebe, die Frau seiner Träume; eben noch standen sie doch dort oben im Stau. Er sah noch ihr Lächeln vor sich. Dies sollte nun nicht mehr sein? Nein, das konnte nicht wahr sein. Er musste sie erreichen, er musste sie herausholen aus dieser blechernen Waffe des Todes. Verzweifelt streckte er seinen Arm aus und befühlte diese nun leblose und doch noch immer warme Hülle, die einst seine Frau gewesen war. Doch sie war zu weit nach hinten gerutscht, er konnte sich nicht völlig erreichen.

Nun, da sich sein Kopf langsam von dem Nebel klärte und der Schrecken völlig Einzug in sein Inneres hielt, wurde er panisch. Hastig zerrte und rüttelte er an seinem Gurt, bis dieser sich endlich lösen ließ. Getrieben von Eile wollte er zu Isabella hinüberkriechen. Erst da merkte er, dass sein Wagen sich an ihn klammerte, wie ein düsteres Monster, dass sich an seiner Pein labte. Verzweifelt zerrte er, doch sein Bein ließ sich nicht bewegen. Sein Fuß war eingeklemmt zwischen verzerrtem Metall und erst langsam verspürte er die Schmerzen, die sich ihren Weg hoch in sein Bewusstsein vorkämpften. Auch als er die Hände zu Hilfe nahm und versuchte sein Bein zu bewegen, brachte dies nichts außer weiterer Schmerzen. Es wären stärkere Mittel nötig gewesen als diese, seinen Fuß zu befreien ohne ihn zu beschädigen. Als die Hoffnung ihn verließ, entwich ein Schrei seinem Körper.

Warum kam denn niemand? Warum war niemand hier, ihm und Isabella zu helfen, sie aus diesem Metallgrab herauszuholen? Jeder oben auf der Straße musste den Unfall doch mitbekommen haben. Und was war mit dem anderen Wagen? Er konnte kaum aus seinem eigenen heraus sehen, doch draußen war nur die schmutzige Wiese. Dann kam ihm wie ein göttlicher Einfall die Notrufanlage in den Sinn. Sie befand sich im Handschuhfach neben Isabella. Das Fach war größtenteils unbeschädigt, doch Blut zierte es in einem grausamen Muster. Angestrengt streckte er seinen Arm aus und öffnete die Klappe. Der rote Knopf, der das Signal um Hilfe aussenden würde, strahlte ihm hinter seinem Schutzglas wie ein Engel der Hoffnung entgegen. Er streckte seine Hand aus – und erreichte ihn nicht. Schweiß trat auf seine Stirn, doch er kam nicht heran, so sehr er sich auch bemühte. Verzweiflung und Wahn schlichen sich in sein Bewusstsein. Was, wenn man sie hier vergessen würde? Was, wenn Isabella doch noch nicht tot und zu retten war, doch niemand kommen würde? Kurz kam ihm der Gedanke, dass sein Fuß ihre Rettung verhinderte. Wenn dieser doch nicht wäre…

Erschöpft fiel sein Kopf auf Isabellas Beine. Die Schwärze kroch heran.

 

Etwas riss Peter Fröhlich aus seinen Tagträumen.

„Es geht weiter!“, gab der Fahrer durch die interne Sprechanlange bekannt.

„Na endlich“, seufzte er langsam.

Seit Stunden schon waren sie in diesem Stau gefangen wie in einem Rattenkäfig. Langeweile und die Hitze der Sonne ließen ihn fast verrückt werden. Nun endlich würde der Bus aber seine Reise fortsetzen. Peter würde um Stunden zu spät zu seinem Treffen mit Anna Schulz kommen. Vielleicht sollte er jemanden für diesen Umstand verklagen. Was wohl an dieser Verzögerung Schuld war? Nachdenklich starrte er aus dem Fenster. Während der Bus Fahrt aufnahm, kamen sie bald an einigen Wagen vorbei, die auf und neben der Straße verkeilt oder einzeln da lagen und ein Bild des Todes und der Zerstörung lieferten. Es hatte wohl ein großes Unglück gegeben. Der Sicherungsdienst hatte angefangen sich um sie zu kümmern. Peter erfreute sich daran, etwas Aufregendes zu sehen und beobachtete die Männer, wie sie die Toten aus den Wagen bargen.

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