Der schlimmste Tag – V

Nachdem sein Erholungsversuch misslungen war, nahm Fahach den nächsten Punkt seines Planes in Angriff. Diese Zeit des Tages – wenngleich es auch nur eine Stunde war – verbrachte er immer mit dem Lesen. Dafür musste er aber erst mal zu den Büchern kommen. Es gab im Kloster mehrere Räume und gar Hallen mit von solchen gefüllten Regale. Wann immer er eines durchgelesen hatte, wechselte er in einen der anderen Räume um dort ein neues anzufangen. Einen Tag zuvor erst hatte er ein Werk über die Schifffahrt zu Ende gebracht, weshalb er nun in Richtung der größten Halle ging, in welcher sich laut Man dieses eine besonders interessante Stück befinden sollte. Das am Morgen besorgte Buch nahm er mit.

Weit war der Weg nicht, da die Halle sich genau zwischen dem südlichen Wohnbereich und den Räumen der Oberen sowie des Ältesten befand. Dabei musste er wieder an der Stelle vorbei, an welcher ihn am Morgen dieser unverschämte Kerl aufgehalten hatte. Die Arbeit schien nicht lange gedauert zu haben, denn das Loch war verschwunden und die neue Steinplatte gut an ihrer helleren Färbung erkennbar. Während er sich ihr näherte, musste er darüber nachdenken, wie er sich ihr gegenüber verhalten sollte. Im Grunde genommen hatte sich hier immerhin sein Weg verändert. Wäre es weiser, diesen neu anzugehen oder sollte er so tun, als wäre nichts geschehen? Die neue Platte war nicht wie die alten, weshalb er sie kaum benutzen könnte. Doch um über sie hinwegzuspringen besaß er nicht die nötige Tüchtigkeit. Was also sollte er tun? Da er aber auch nicht anhalten und überlegen konnte, entschied sein Körper für ihn. Die neue Platte zu benutzen tat nach allem Widerwillen doch nicht weh und zumindest unmittelbar traf ihn auch kein Blitz. Aber Unglücke kamen selten sofort.

Genau hinter dem Ausgang, der ihn morgens immer auf den Hof und zur Gebetshalle brachte, lag der Eingang zur großen Halle der Bücher. Die beiden Flügel des Tores waren geschlossen, aber nicht abgesperrt. Fahach ergriff die Klinke des rechten und zog ihn auf. Schon beim Eintritt musste man sich durch einen kleinen Irrgarten aus Regalen zurechtfinden, doch diesen kannte er bestens. Rechts, links, links und rechts und schon hatte er den Lesesaal erreicht. Dieser machte die Mitte der Halle aus, welche neben dem Erdgeschoss noch zwei weitere Stockwerke einnahm. Rund um den Lesesaal, sowie allen drei Ebenen, bildeten Regale kleine Irrgärten und umschlossen noch so manche ruhige Ecke, fern des offen einsehbaren und umschlossenen Lesesaals.

Es hatte zwar mal eine eine Ordnung in der Abteilung der Bücher gegeben, doch war diese schon lange zerstört, da viele Leser die Angewohnheit hatten, ihre gelesenen Bände nicht wieder einzusortieren, sondern irgendwo anders unterzubringen oder gar einfach rumliegen zu lassen. So waren die zum Lesen gedachten Tische und Pulte überseht von verlorenen Büchern. Fahach selbst gehörte nicht zu dieser Sorte; er liebte Ordnung und fand sich ohne sie nicht zurecht, so dass es schon Gewohnheit war, statt nur zu Lesen auch viel zu suchen. Nun musste er sogar erst einmal einen Platz für den Band finden, welchen er seit der Stadt mit sich rumschleppte, und der laut Einband „Allerlei Geschichten des Aufbaus und der Heiterkeit“ versprach. Er interessierte sich nicht sonderlich für Erzählungen ohne wahren Hintergrund, doch glaubte er zu wissen, wo sich die entsprechenden Regale befanden.

Hier in der Halle musste er ebenso auf seine Schritte und Handgriffe achten, wie anderswo, auch wenn er auf der Suche war. Er glaubte zwar zu wissen, wo er hin musste, doch sicher war er sich nicht. Sein Suchmuster ließ ihn die Regale der Reihe nach abschreiten. Geschichte, Gedichte, Legenden, Baukunst, Lehranweisungen, Gartenanbau – die Bücher waren kaum sinnvoll in ein Ganzes gepackt, nur jeweils untereinander halbwegs in loser Ordnung. – Doch Halt. Geschichte? Das war doch die Abteilung, in die Man ihn geschickt hatte – wegen dem Buch. Jetzt war er aber schon an dem Regal vorbei. Zurück gehen konnte er nicht, denn das entsprach nicht seiner Gewohnheit. Auch wenn es Gewohnheit gewesen wäre, das gesuchte Buch sofort mitzunehmen. Doch zu spät. Was konnte er also schon anderes tun, als weiter zu gehen, als später wegen dem Buch noch einmal zurück zu kommen?

Sich selber verfluchend machte er weiter, kam vorbei an Regalen mit Anleitungen zur Herstellung geistiger Getränke, der Waffentechnik, Nähkunst, Kochbüchern und vielerlei ähnlichem dergleichen. Und dann stieß er beim Umrunden eines Regales mit dem Zeh gegen die Kante des Holzes – und konnte einen Schmerzensschrei nur knapp unterdrücken. Schlimmer aber wurde es, stehen zu bleiben, nicht hinzufallen oder sich zu setzen, denn das widersprach der Gewohnheit – genauso, wie es sich verletzten tat. Trotzend den Schmerzen versuchte er weiter zu gehen, nahm ein Regal nach dem anderen – doch schlich mehr, als dass er wirklich ging, humpelte und schämte sich. Wie hatte er nur so dumm sein können, so etwas zuzulassen? Warum hatte er nicht besser aufpassen können? Es fiel schwer, noch zu bemerken, an was für Regalen er vorbei ging, so sehr ärgerte er sich.

Was suchte er eigentlich noch mal? Erschrocken blieb er stehen und las den Titel des Einbandes. – ach ja. Es geschah ihm oft, dass er vergaß, was er gerade hatte machen wollen, auch wenn er sich längst abgewöhnen wollte, so dass es trotzdem zu seinen Gewohnheiten gehörte, immer wieder zu überprüfen, was er vergessen hatte oder glaubte vergessen zu haben. Sobald er sich wieder erinnerte und auch der Schmerz seines Zehs nachließ, ging er weiter. An einem Tisch, an dem er vorbeikam, saß ein Bruder beim Lesen, doch sie beachteten sich nicht. Kunstgeschichte, Staatsgeschäfte, Predigten, gut hundert Bücher über Fischfang – doch immer noch nicht das richtige Regal. So langsam zweifelte Fahach, dass es richtig gewesen war, das Buch selber herzubringen, da stand er plötzlich vor einem Regal mit Märchen. Ob das passen würde?

Schnell schlug er das Buch auf, überflog Inhaltsverzeichnis und einzelne Geschichten – so richtig schien es nicht zu stimmen, doch einige der Erzählungen waren wohl auch Märchen. Während er sich immer sicherer wurde, dass die Aufgabe zu übernehmen eine schlechte Entscheidung gewesen war, haderte er gleichzeitig mit sich selbst, ob er das Buch hier lassen sollte. Es passte immerhin ein wenig – und wenn er es nicht täte, würde er wohl ewig suchen und sofern er nichts fand, seine Lesestunde und damit seine Gewohnheiten stören. – Schnell stellte er das Buch ins Regal und versuchte es sofort zu vergessen. – Auf zu dem Geschichtswerk.

Er konnte nicht sofort zu dem Regal zurückgehen, das verbot ihm die Gewohnheit. Zuerst musste er seinen Gang die Reihen entlang fortsetzen, bis er an einer richtigen Wand ankam. Dort hatte man für Brüder wie ihn ein Waschbecken angebracht; daneben stand ein Schrank mit Seifestücken. Vorsichtig nahm er sich ein frisches Stück, entledigte es seiner Schutzkleidung und missbrauchte es mit Wasser über dem Becken. Sobald er sich reinlicher fühlte, entsorgte er die Seife im nahestehenden Behälter.

Für den weiteren Weg gab es einen kleinen Trick, dessen er sich behelfen konnte: weiter an der Wand entlang ging er zurück zum Ausgang und von dort erneut die Regale entlang. Leider hatte er sich nicht genau gemerkt, wo die richtige Abteilung gewesen war, weshalb er erneut alle durchgehen musste. Waffenkunst, Nähkunst – irgendwie kam ihm das bekannt vor. Kunstgeschichte, Staatsgeschäfte, Predigten – so langsam wurde ihm voll Schreck gewahr, dass er alles schon mal gelesen hatte. Er musste die Geschichte übersprungen haben. – Doch wie? War er so in Gedanken versunken gewesen? Sich verfluchend eilte er weiter, ging die Reihen entlang, bis er wieder an der Wand angelangt war. Von dort zurück zum Ausgang und erneut von Vorne anfangen, diesmal aufmerksamer.

Und endlich gelangte er an das als Geschichte bezeichnete Regal. – Doch es war nicht das richtige. Es dauerte natürlich, bis er dies bemerkte. Nachdem er die Titel der Bücher gelesen hatte, glaubte er zuerst, das richtige nur überlesen zu haben. Nachdem er sie zweimal durchgegangen war, zweifelte er an seiner Fähigkeit, das Buch zu bemerken, und befürchtete gleichzeitig bereits das Schlimmste. Beim dritten Mal las er jeden einzelnen Titel gründlich, bis auf das letzte Zeichen. – Und konnte sich sicher sein, dass das Gesuchte nicht darunter war.

Hatte er etwas falsch gemacht? Leider erinnerte er sich nicht mehr allzu gut an Mans Beschreibung. Zwischen einem Buch für allgemeine Geschichte und einem für Frühgeschichte. – Das wusste er noch. Beider Arten von Buch fand er auch. – Aber dazwischen war nichts, nicht einmal eine Lücke. Hatte jemand anders das Buch genommen und die Spuren verwischt? Irgendwie klang das nicht wahrscheinlich. War er hier am völlig falschen Regal und würde umsonst suchen? Immerhin möglich, erinnerte er sich doch nicht mehr an die genaue Wegbeschreibung. Wollte sein Freund Man ihn reinlegen und hatte ihn an eine falsche Stelle gelotst, wo er ewig suchen könnte? Nein, so etwas hatte er noch nie getan. Aber andererseits – konnte er Man überhaupt einen Freund nennen? Er hatte es schon oft erleben müssen, wie wenig man sich auf andere verlassen konnte, wie leicht man sich täuschen konnte und sie einen in gewissen Augenblicken im Stich ließen.

Aber wie dem auch sei, er entschloss sich, der Suche einen zweiten Versuch zu gestatten. Diese weitere Suche führte ihn erneut die Reihen entlang, die er kannte, zurück zum Ausgang. Von dort wollte er die andere Seite der Halle durchgehen, danach in die oberen Stockwerke. Doch sobald er sich dem Ausgang näherte, begegnete ihm ein Bruder.

„Hallo, Fahach!“ sprach dieser nur kurz und verschwand sofort.

Das Erschreckende war nicht er selber, sondern seine Bedeutung. Wenn er jetzt hier war, hieß das – da begannen die vierzehn Glockenschläge. Konnte es – wie lange hatte er mit der Suche verbracht? Wieder einmal musste er sich eilen.

 


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