G57 Nach dem Unglück

I.

Bert war der Name des Insassen, so das Schild neben den Gitterstäben. Irgendwie passend. Benno stierte durch die Schlitze. Drinnen, in einem kleinen ungemütlichen Verschlag ohne Einrichtung, stand der Gefangene stumm und starr. Es schien fast, als wartete er auf etwas. Selten einmal benutzte Bert auch seine Gliedmaßen für einen kleinen Spaziergang, an dessen Ende er meist immer wieder an dieselbe Stelle der Wand lief – und dies solange wiederholte, bis man ihn davon abhielt. Danach war er still bis es Stunden später wieder anfing. Und er war nicht der einzige; fast jeder ihrer Gäste hier verhielt sich so.

Aber gut, dachte Benno bei sich, wenn man aussah wie ein wandelnder Unfall und auch nach dem roch, was man war – mehrere Wochen altes totes Fleisch – war es vielleicht nur vernünftig, sich frühzeitig den Schädel einzurennen. Einem war es sogar mal gelungen, so ihren Fängen zu entkommen. Seitdem galt es die kleinen Stinker stetig zu bewachen. Warum man sie nicht einfach festband, konnte Benno nicht verstehen. Auch wusste niemand, warum sie sich überhaupt so verhielten. Wirkliche Vernunft jedenfalls schienen sie nicht zu besitzen; keiner ihrer zahllosen Versuche hatte in der Hinsicht je Ergebnisse gebracht. Also galt es eigentlich nur herauszufinden, warum sie so waren und wie man sie bekämpfen oder verwerten könne.

Ihm, Benno, missfiel es gründlich, ständig auf das Pack aufpassen zu müssen. Wenn sie nicht gerade gegen die Wände liefen – stets gen Norden – waren die Insassen nämlich äußerst langweilig. In Gefangenschaft waren sie seltsam harmloser denn in freier Wildbahn. Bert beobachten machte ihm kaum noch Freude. Dann und wann nahm er in solchen Momenten einen Stab und stocherte nach den Gefangenen oder schmiss einen Stein auf sie – ohne dafür aber auch nur ein Zucken zu bekommen.

Nun stand er genau vor den Stäben; dem einzigen, das ihn von dem wandelnden Toten trennte; spürte nicht einmal Angst, nur – Abscheu und – Langeweile. Versuchsweise streckte er seinen Arm durch die Stäbe – und zuckte sofort erschrocken zurück; so stark, dass er sich den Arm prellte.

„Hör endlich auf sie ständig zu ärgern – sonst ärgern sie eines Tages zurück!“

Mit dem Gesichtsausdruck eines ertappten Jungen drehte er sich eilends um. Musste Anna immer so überraschend kommen? Irgendwann brächte sie ihn noch dazu, auch zu den Vermodernden zu gehören.

„Ich löse dich hier ab – du sollst mal ins Labor – da kannst du weniger anstellen.“

Benno gehorchte nur und murmelte eine Verfluchung, als er den Zellentrakt verließ.

 

II.

Die Einöde stank. Wo er auch hinsah, erblickte Benno nur endlos scheinende Felder. Eigentlich war er ja bloß eine Stunde Weg von der Stadt entfernt, doch erschien es ihm wie eine andere Welt. Wo sollte sich hier, im Nirgendwo, schon ein sich nicht setzen, nicht hinlegen, nur stets weiter stumpf vor sich hin wandeln könnender Toter schon verstecken? Benno war kurz vorm Verzweifeln – doch er suchte ja auch erst eine Stunde. Zum Glück war Bert bei Sonnenaufgang ausgebrochen, so hatte Benno nun den ganzen Tag Zeit nach ihm zu suchen.

Annas Worte geistig wiederholend brach er in Selbstmitleid aus. Warum er? Es war nicht seine Schuld! Auch er hatte menschliche Bedürfnisse, auch er musste mal austreten dürfen. Der Rest erschien ihm sowieso schleierhaft. Wie hatte der alte Bert sich befreien und unerkannt durch den Keller zum Hinterausgang gelangen können? Dies schien unmöglich ohne fremde Hilfe, doch der Anschuldigung es gewesen zu sein verwehrte sich Benno natürlich. Immerhin aber war niemand zu Schaden gekommen, niemand verletzt worden – sah man einmal davon ab, dass Bennos Würde durch diese Strafe mehr als geknickt war. Wenigstens hatte man ihm einen Schockstab mitgegeben, den er nun gut als Wanderstab nutzen konnte. So gewappnet spazierte er weiter gen Norden, immer wieder nach Bert Ausschau haltend.

Mit der Zeit fragte er sich, ob er wohl irgendwo, irgendwann irgendwas zu essen finden würde, das nicht auch schon bereits von Bert angeknabbert wäre. Doch er wusste genausogut wie alle anderen, dass hier draußen keine Menschen mehr lebten, seit die Unfälle und die damit verbundenen Heimsuchungen durch Tote geschehen waren. Ein riesiges Gebiet, dass leer und wüst dalag, obwohl schon lange alle Auferstandenen erlegt oder gefangen genommen wurden. Und dies soll einst ein Freizeitparadies gewesen sein?

Nach etwa einer weiteren Stunde veränderte sich die Landschaft endlich. Unermüdlich war Benno den schleifenden Spuren des Wandelnden gefolgt, die sich schnurgerade durch die Öde zogen und hatte als Abwechslung bloß seine Gedanken, die sich wunderten, wie solch ein langsames Geschöpf trotzdem solch einen Vorsprung haben konnte. Und dann tauchten allmählich am Wegesrand vereinzelte Baumgruppen auf und plötzlich stand er inmitten der Ruinen.

Einst muss dies eine kleine Stadt gewesen sein; nun war sie nur noch Schutt und Staub. Vereinzelt ragten Überreste auf – Mauerteile; selten bildeten sie noch vier Wände, wenige hatten mehr als ein Stockwerk und keines ein Dach. Es gab jedoch genug Möglichkeiten, sich hier zu verstecken, selbst wenn man es nicht wirklich versuchte – oder es versuchen konnte. Der Ort  schien nach einem großen Feuer aufgegeben worden zu sein, vermutlich zu der Zeit als sich die Toten erhoben. Trotzdem erkannte Benno hier und da Knochenteile in den Trümmern aufragen, die nicht so alt wirkten. Ob sich in der Zeit zwischen damals und seinem Auftauchen wohl nochmal jemand hierher verirrt hatte? Möglich wäre es, da zwar das gesamte Gebiet umzäunt, doch nur stellenweise bewacht war. Niemand würde sich die Mühe machen Menschen, die sich freiwillig in Gefahr begaben, von ihrem Schicksal abzuhalten und die Wandelnden könnten die Zäune niemals erklimmen.

In diese Gedanken versunken bemerkte er die Bewegung am Ende der Straße erst spät – etwas torkelte und schlurfte dort langsam vor sich hin. Konnte es sein? – Ja, endlich hatte er Bert entdeckt; er trug sogar immer noch seine Gefängnis-Kleidung. Hastig verschwand Benno zwischen den Überresten eines Hauses und lugte zum offenen Fenster hinaus, doch der Tote schien ihn nicht bemerkt zu haben. Nun, da er ihn gefunden hatte, sollte es seine Aufgabe sein, den Flüchtigen mit dem Schockstab zu betäuben, festzusetzen und die anderen zu benachrichtigen, dass sie ihn abholen mögen. Doch fangen sollte er ihn allein; das war Teil der Strafe.

Vorsichtig folgte er Bert durch die Ruinen soweit es ging, derweil dieser über die Hauptstraße wankte. Als es keine andere Wahl mehr gab, wollte er es wagen: den Schutz verlassen, sich nähern, zuschlagen. Doch gerade als er einen Fuß ins Freie setzen wollte, erschien aus einer Seitenstraße ein weiterer Wandelnder. – Und da, auf der Hauptstraße, aus der Richtung aus der Benno gerade gekommen war: noch einer. Auch aus anderen Richtungen erschienen welche, so dass letztlich fünf Gestalten Bert gen Norden folgten, alle stumm, doch alle gleich widerlich anzusehen. Benno überlegte was zu tun sei und entschloss sich zu folgen.

 

III.

Der Weg der Toten führte sie einmal durch die Stadt gen Norden. Benno versuchte so gut es ging Schritt zu halten und zu folgen ohne dabei selbst erblickt zu werden, was sich als überraschend schwierig erwies. Zwar achteten die Verfolgten nicht auf ihre Umgebung, wanderten nur stets still weiter, entweder Bert folgend oder zumindest dieselbe Richtung einschlagend, doch kamen immer weitere hinzu. Mehr als einmal erschrak Benno selbst halb zu Tode, als aus irgendeiner Seitenstraße ein neuer stiller Tod erschien und sich der Herde anschloss. Wann immer er nicht um seine Gesundheit fürchtete, fragte Benno sich, wo diese wohl hinstreben mochten. Was gab es da im Norden, dass sie alle so anzog?

Mittlerweile war ihm auch aufgefallen, dass er die Größe des Ortes unterschätzt hatte, denn immer noch durchschritten sie Ruinen und die Häuser schienen zu wachsen. Dann plötzlich erreichten sie ein gewaltiges Gebäude mit angeschlossener riesiger Halle: ein Bahnhof. Auch dieser wies überall Spuren des Verfalls auf, doch lange nicht so stark wie der Rest der Stadt. Aus allen Himmelsrichtungen sah er die Verwesenden kommen und über einen großen Platz durch die Haupttore des Gebäudes strömen; doch die meisten kamen aus Süden.

Fast zwei Stunden musste er in Deckung warten, bis endlich auch der letzte Strom abbrach; dann wagte er es. Sich die Treppe zum Bahnhofstor hochschleichend verfluchte er sich selbst für seine Tollkühnheit, doch da war es schon zu spät und er im Gebäude. Dort hatte er gerade noch Zeit sich ein Versteck zwischen zwei Pfeilern zu suchen, als es begann.

Die Toten hatten sich im Halbkreis in der Haupthalle versammelt und verharrten still, da kamen weitere aus Richtung der Gleishallen. Diese sahen anders aus; älter und verfallener. Vielen fehlten Gliedmaßen, einige konnten kaum noch richtig gehen. Diese alle, still wie der Rest, kamen vor den Halbkreis und verharrten da. Und dann plötzlich stürzten sich die Versammelten langsam, doch gewiss auf die Alten; zehrten von ihnen; erlösten sie.

Bennos aber wurde schlecht. Er blieb in seinem Versteck, bis das Festmahl beendet war, die jungen Toten Überreste mit hinaus in die Stadt zerrten und verschwanden. Erst nach einer langen Zeit wagte er die Heimkehr; er hätte viel zu berichten.

 

ENDE

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