AWG50 GaaP01 Die Mordburg

„Teurer Freund,

wie sehr doch hoffe ich, dass dieser Brief dich noch rechtzeitig erreichen möge. Sobald du dies liest: Komme schnell! Seltsame Dinge geschehen in der Burg: Zwei Mägde sind verschwunden und gestern kam einer der Stallknechte zu mir, erzählend, er habe eine Höhle gefunden. Ich ließ die Büchermeister in unseren Hallen nach Hinweisen dies betreffend forschen, doch erscheint in keinem unserer Bücher ein Hinweis auf diese Höhle. Schlimmer noch: Heute morgen wurde dieser Stallknecht tot aufgefunden; dem Anschein nach Herzversagen, doch unter diesen Umständen und da er ein kräftiger junger Mann war, raunen sich die Bediensteten Gerüchte zu, ein Geist wäre aus der Höhle gekommen ihn zu morden. Ich hoffe du siehst, ich brauche deine Hilfe.

Komme schnell!“

Nachdenklich legte Dunnsez den Brief wieder beiseite, auf den Schreibtisch zurück. Er war nicht abergläubisch, doch stimmte ihn die Geschichte dieses Schriftstückes nachdenklich. Im Gegensatz zu dem Verfasser dieser Zeilen war er draußen auf dem Land gewesen, wo das Volk noch von verborgenen Schätzen vergraben unter der Burg erzählt. Bisher hatte er es als Märchen abgetan, doch jetzt wurde er neugierig. Vielleicht gab es in dieser Burg ja noch mehr zu holen als er bisher gehofft hatte. Ein paar Dinge bereiteten ihm jedoch Kopfzerbrechen; so zum Beispiel, warum dieser Brief nicht abgeschickt worden war. Es schien nicht möglich, dass dieser erst kürzlich verfasst wurde; das Datum wies auf ein dreitätiges Alter hin. Und doch lag er hier so offen herum; das ergab keinen Sinn, sollte man gar nicht vorgehabt haben ihn zu verschicken.

Verwundert trat er einen Schritt zurück – es gab noch viel zu tun – da fiel ihm die lockere Fackelhalterung an der Wand auf. Wenn man das nicht eine Gefahrenquelle nennen konnte – doch Halt!, in dieser Burg gab es Fackeln doch nur in den Gängen; die Räume besaßen Öfen und Kerzen – etwas stimmte nicht. Neugierig zog er an der Halterung – sie gab nach – und hinter ihm rumpelte es; schliff über den Boden. Erschrocken wirbelte er herum – und schauderte. Eins der Regale war zur Seite gerückt, einen Geheimraum offenbarend. Dieser war nicht groß und bereits all seiner möglichen Schätze beraubt – doch bereichert um den vermeintlichen Bewohner dieser Räume, den Gorygg dieser Burg. Dunnsez schauderte erneut – das würde erklären, warum er den Brief nicht abgeschickt hatte. Die Dinge wurden schlimmer: Jemand hatte ihn ermordet und hier versteckt; kaum die Tat eines Geistes. Auch wenn sie vereinbart hatten sich nicht zu treffen, da dies zu auffällig wäre – Dunnsez musste nun dringend Pribor finden und sich mit ihm beraten. Eine Planänderung war gefordert.

 

II.

Pribor konnte ihm kaum mehr erzählen, als in dem Brief gestanden hatte, und war zutiefst geschockt über den Verlust seines Gorygg. Immerhin aber konnte er Dunnsez mehr über die Märchen, welche man sich über die Burg erzählt, mitteilen. Scheinbar war sie einst Hort einer großen Banditenmeute gewesen. Eines Tages kam es aber zu Streitereien zwischen den Banditen und ihrem Anführer über angeblich nicht erfolgte Zahlungen, was mit seinem Tod endete. Nie aber fanden die anderen seine vermuteten Verstecke und dann waren sie alle plötzlich tot; ermordet.

Pribor schlug vor, sie müssten diese Verstecke suchen, genau genommen die gefundene Höhle aufsuchen. Er würde die Bücher durchgehen und für einen Fluchtweg sorgen, derweil Dunnsez sein aufspürerisches Talent nutzen sollte. Hätte dieser bereits zu Beginn des Auftrages von der kommenden Erweiterung gewusst, er hätte das Angebot ausgeschlagen. Nun aber war er auf Pribor angewiesen – und willigte mit ungutem Gefühl ein; Mörder oder Geist – jemand schien in dieser Burg gnadenloser vorzugehen um an Gold zu kommen denn er selber.

Die Höhle war für ihn überraschend leicht zu finden; sie breitete sich hinter den Ställen aus, wo sie wohl für Jahrhunderte unter Dung begraben gewesen war, bis ein Stallknecht sie fand – dem sie aber nichts Gutes brachte. Da Dunnsez sie unbewacht vorfand und mit seinem unauffälligen Schleichgang über den Hof auch niemanden alarmiert zu haben schien, betrat er sie vorsichtig. In einem düsteren Gang im Felsgestein der Berge sich wiederfindend sah er sich gezwungen, sich seiner Fackel zu bedienen. Ihn erwartete ein wahrer Irrgarten. Es dauerte eine Weile bis er sich eingestehen konnte, sich verirrt zu haben. Kein Zeichen bot sich ihm, weder für Voran noch Zurück. Schon längst wollte er mit dem Wissen um die Höhle bloß noch zurück zu Pribor gehen, doch fand er den Weg nicht. Verzweifelt eilte er hierhin, dorthin, und fürchtete jederzeit ein Erlöschen seiner Fackel. Als er dann jedoch um eine weitere unscheinbare Ecke ging, war er selbst es, der erlosch.

 

III.

Nur langsam kam er später wieder zu sich. Vielleicht war das aber auch gut so, sonst hätte ihn der Schreck umso mehr getroffen. Mit einem Mal sollte er wissen, wo sich die vermissten Mägde befanden, und mitten unter ihnen aufzuwachen war nicht angenehm. Ob man auch ihn für tot gehalten hatte? – Vor ihm befand sich eine Tür; sie war unverschlossen und Licht fiel durch einen Spalt in den Raum. Hindurchspähend erkannte er bloß einen leeren Kellerraum und betrat diesen leise. Doch kaum war er in dem neuen Raum um eine Ecke getreten, da kam eine Gestalt die Treppe zum Keller hinab – und er erkannte ihn: Pribor. War er es also gewesen; hatte er all diese Leute umgebracht und auch versucht – ihn umzubringen?

Erschrocken ob Erkenntnis und Annäherung wirbelte er herum und suchte sich ein Versteck; eine Fluchtmöglichkeit. Er fand beides in Form eines Lüftungsschachtes, der durch die Mauern der Burg hindurchführte. Nicht auf Pribors kommende Entdeckung wartend eilte Dunnsez hinab in die nächsten finstren Irrgänge. Kaum, dass er vor einer Entdeckung sicher war, wagte er einen Ausblick – Pribor steuerte geradewegs auf den Raum zu, aus dem Dunnsez gerade verschwunden war. Dieser verspürte langsam so etwas wie Angst. – Zeit, eine größere Entfernung zu Pribor einzulegen, bevor dieser sein Verschwinden bemerken würde.

So kroch er eine Weile durch diese engen dunklen Gänge, ständig in Staub und Schmutz fassend, den Schweiß auf seiner Stirn spürend und sich mehrmals den Kopf anstoßend. Wahllos nahm er mal diesen, mal jenen Abgang, sobald er einen ertastete. Als er endlich einen Ausgang fand, hielt er sogleich eilig darauf zu. Aus dem Loch spähend erkannte er einen Bereich, der zur Küche gehören musste – und dort an einem Wassertrog stand Pribor und sprach aufgeregt mit einer Frau, wohl die Köchin. Gehörten die beiden zusammen? War dies eine Verschwörung, deren Opfer er, Dunnsez, war? Oder fragte Pribor die Frau aus, ob sie den Flüchtigen gesehen hätte? Was es auch war, eiligst zog sich er sich wieder zurück in sein Versteck. Nein, hier konnte er eindeutig nicht aussteigen.

Zahlreiche Krabbelschritte weiter fand sich eine zweite Öffnung. Auch dort sah er sich zunächst vorsichtig um. Es schien der Latrinenbereich zu sein, den er da erreicht hatte. Zwar verlockte ihn der Geruch kaum, doch irgendwo müsse er ja einmal herauskommen – und gerade als er dies tun wollte, kam Pribor herein. Zum Glück sah er den Knieenden, der schnell wie ein Kaninchen wieder in seinem Bau verschwand, hierbei nicht. Auf seinem weiteren Weg überlegte dieser, dass er mittlerweile genug von diesen verwinkelten Gängen und Pribor hätte. Es müsste sich doch ein Ausstieg finden lassen, an dem sein ehemaliger Freund nicht warten würde. Und tatsächlich fand sich ein solcher bald.

Kaum, dass er die Finsternis verlassen hatte, wurde ihm klar wo er sich befand: mitten in Pribors Zimmer. Der Ausgang war unter einem Teppich versteckt gewesen, doch nach viel Rütteln kam er frei. Es erfreute Dunnsez nicht, in Pribors Zimmer zu stehen, doch wollte er zumindest den Augenblick nutzen, sich umzusehen. Vom letzten Mal sich noch an das Zimmer erinnernd fielen ihm nur zwei Bücher auf, die auf dem Schreibtisch lagen und vorher noch nicht dagewesen waren. Sie schnell durchblätternd bemerkte er nichts besonderes, doch ein beiseite gelegtes Blatt mit Bemerkungen war äußerst interessant. Darauf fand sich eine abgepauste Karte des Höhlen-Irrgartens, ergänzt um einige Beschriftungen zu einzelnen Räumen. Wie sich herausstellte, hatte Dunnsez scheinbar einige verborgene Schalter und Hebel übersehen und so den verborgenen Schatzraum nur immer wieder umkreist. Endlich wusste er also, wo er hinmüsste; endlich bot sich ihm ein reiches lohnendes Ziel. Nun gab es kein Halten mehr.

Flugs eilte er zu den Höhlen, dabei eine weitere Durchsuchung von Pribors Räumlichkeiten vergessend. In den Irrgarten kam er nur mit knapper Not unerkannt; in seiner Aufregung stieß er einmal fast mit einem Wächter zusammen. Doch letztlich sein Ziel erreichend rannte er durch die Gänge und folgte den Anweisungen des Blattes die Reihenfolge der zu betätigen Schalter betreffend. Nicht einmal kam ihm dabei die Möglichkeit einer Falle oder die Frage woher Pribor dies alles wusste in den Sinn. Und bald war es tatsächlich geschafft: Eine geheime Tür öffnete sich zu einem Raum in der Mitte des zuvor gelaufenen Kreises. Eifrig wollte er sie betreten, sah bereits in den halben Tagträumen Gold und Edelsteine glitzern – da spürte er etwas am Rücken.

Er tastete danach – fühlte Feuchtigkeit – tastete weiter – fühlte Metall – und fiel um. Über sich sah er siegreich den tot geglaubten Gorygg stehen; ihn angrinsend. Hätte Dunnsez nun nicht im Sterben gelegen, er hätte seinen Augen nicht getraut. Er bekam aber noch mit, wie er in die Mitte des vermeintlichen Schatzraumes gezogen und auf eine Art Altar gehievt wurde.

„Ich hatte zwar deinen Freund Pribor erhofft, aber du wirst es jetzt zur Not auch tun.“ Da wandte sich der Mann gen Decke. „Hier kommt dein letztes Opfer, oh Herr!“

Der Gorygg hob einen Dolch – doch plötzlich kam Pribor schreiend mit erhobenen Schwert in den Raum gelaufen. – Der Gorygg wandte sich um – doch da wurde Dunnsez das letzte Mal schwarz vor Augen.

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