AWG51 GaaP02 Auf der Suche nach der eigenen Wahrheit

I

Die Tür schwang langsam hin und her, mit ihrem Quietschen das Fauchen des Windes untermalend. Gut unterhalten sah Sranis ihr dabei zu und lauschte den Geräuschen. Seine Beine schwangen im Takt der Tür hin und her, derweil er an einem hölzernen Etwas kaute. Er wusste nicht, wie lange seine Eltern bereits fort waren, doch störte es ihn auch kaum. Noch hatte er sich und das Holz als Beschäftigung, die Laute des Abends als Lied.

Plötzlich wurde die Tür unfreundlich aufgestoßen und knallte gegen die Wand. Zwei Gestalten kamen hereingestürmt. Der Mann schlug die Tür hinter sich zu und stemmte sich dagegen, derweil die Frau sich einen Stuhl schnappte und ihn zwischen Türgriff und Boden verkeilte. Kaum war dies geschehen, da klopften – nein, schlugen – Wesen von Außen gegen das Holz der Tür. Der Stuhl hielt diesem nicht stand, weshalb der Mann den kleinen Schrank vor die Tür schob. – Dies schien zu reichen.

Endlich erkannte Sranis die beiden, warf freudig die Arme hoch und kreischte fröhlich; endlich waren Mutter und Vater zurück. Doch diese beachteten ihn nicht, verbauten lieber die Fenster. Von draußen rüttelte und krachte es gegen diese sowie die Tür – aber die Maßnahmen hielten.

Endlich schien auch seine Mutter ihn zu bemerken. Besorgt dreinblickend kam sie zu ihm und sah ihn ernst an. „Mein Sohn – du wirst es nicht verstehen; dort draußen sind Banditen – sie wollen unser Leben. Nie haben wir ihnen etwas getan – hier draußen sind wir leichte Beute – “

Hastig warf sie einen Blick zu seinem Vater, als man Holz krachen hörte.

„Wir sind sicher – seine Göttlichkeit wird uns retten.“ Mit seltsam fester Ernsthaftigkeit war sein Vater in der Mitte des Raumes stehengeblieben.

Seine Mutter sah ihn kurz nachdenklich an, dann warf sie ihrem Sohn ein Lächeln zu. „Ja, er hat Recht – wir sind hier sicher, denn seine Göttlichkeit sandte uns hierher und wird uns hier nicht alleine lassen.“

Sranis aber quietschte nur vergnügt; ihm gefiel die plötzliche Aufmerksamkeit.

 

Acht Tage später hatten sie nichts mehr zu essen. Dass draußen weiter die Banditen lauerten, konnten sie leicht überprüfen; kaum jemand hätte mehr Krach gemacht. Nach einer Weile gefiel Sranis das Spiel aber immer weniger und als es kaum noch etwas für seine Zähne zu tun gab, beschwerte er sich auch immer öfter.

„Mizresch, was sollen wir tun? Es geht ihm nicht gut – “ Sein Vater hatte mit ihm in den letzten Tagen kaum gespielt, doch seine Mutter kümmerte sich dafür umso mehr um Sranis.

Nun sah der Mann sie bloß an, als hätte sie ihren Verstand verloren. „Zweifel nicht Frau!“

Tatsächlich waren sie wenige Stunden später gerettet.

Zum ersten Mal seit Tagen quiekte Sranis wieder vergnügt, als einige bewaffnete Männer in Rüstungen das Haus betraten – selbst er kannte schon die Farben. Auch erkannte er durch die Öffnung der Tür hindurch einen lustigen Anblick im Garten – wieviele Männer dort doch Verstecken spielten – ob er wohl auch mitmachen dürfe? – doch sich im Liegen verstecken war nicht gut.

„Endlich seit ihr da!“ Seine Mutter war mehr als erleichtert, die Krieger des Reiches im Hause zu haben.

„Wir haben euch erwartet!“ Sein Vater war sicher und fest – klang er nicht sogar ein wenig stolz?

„Iek!“ Sranis selbst quiekte nur. Keiner der ankommenden Männer schien ihn zu beachten,. Und dabei wollte er doch mit ihnen spielen. Immer wieder griff er nach einer Rüstung, einem Wappenrock, wenn einer der Männer vorbeiging. Bald hielt man ihn für so störend, dass man ihn auf den Boden setzte – der Fehler wurde ihnen aber schnell gewahr. Fröhlich krabbelte Sranis hierhin und dorthin, stets den fremden Kriegern nach.

Erst nach einigen Stunden waren sie wieder verschwunden; hatten die sogenannten Banditen mit sich genommen, sogar noch vieles des elterlichen Glitzerzeugs. Dass diese sich trotzdem freuten und dem Bildnis seiner Göttlichkeit ein Opfer darbrachten, sollte Sranis nie verstehen.

 

II

Und wieder hopste das Wesen davon. Seine verhältnismäßig langen Hinterbeine nutzend, brachte es eine kurze Entfernung zwischen sich und Sranis. Dieser folgte ihm langsam, es nicht zu erschrecken. Trotzdem sprang es, kurz bevor er es erreichen konnte, wieder auf und davon. Seit fast einer Stunde schon spielten sie dieses Spiel und keiner von beiden schien es je müde zu werden. Von mal zu mal aber sah Sranis zurück zur Hütte. Dann und wann erblickte er darinnen seine Eltern hin und her wuseln, zeitweilen auch aus dem Haus herauskommend die Wiese zum Schuppen kreuzen. Längst schon hatte er erkannt, dass sie Waffen, Rüstungsteile und andere Ausrüstung zusammensuchten. So recht verstehen wozu sie diese brauchen könnten, tat er jedoch nicht.

Später – sein Spiel war kaum vorangekommen – erschien ein anderer Mann vor dem Haus. Sranis erkannte seine Farben sofort, mochte aber nicht mit ihm sprechen – seltsame Gefühle hielten ihn davon ab. Seine Eltern aber empfingen den Mann freudig und unterwürfig, als sei er etwas besonderes. Sofort führten sie ihn in das Haus und kehrten erst eine Stunde später mit ihm wieder zurück. – So lange hatte Sranis dann aber doch nicht mehr spielen wollen.

Einen Tag später ließen seine Eltern auch ihn sein kärgliches Spielzeug samt Kleidung einpacken – heute ginge es in das Dorf, erzählten sie ihm. Er hatte keinen Grund ihnen das nicht zu glauben; freute sich gar auf diesen willkommenen Ausflug und fand sich später auch tatsächlich im Dorf wieder. Dass sie aber seine Tanten, beides alte Witwen, besuchen gehen würden, sagte man ihm nicht. Er hatte sie noch nie wirklich leiden können, da sie auch nur selten freundlich zu ihm waren. Kinder erschienen ihnen als großes Übel dieser Welt und der kleine, vom Leben noch begeisterte Sranis schien das Schlimmste zu sein. Natürlich sagten sie das nicht, doch spürte er es deutlich.

Bitter enttäuscht war er, als seine Eltern nicht mit ihm das Dorf erkundeten, sondern vielmehr bloß mit ihm zu seinen Tanten gingen. Schlimmer noch ward es, als sie nach gut einer Stunde auch wieder abzogen – und Sranis bei den alten Vetteln zurückließen. Hassten sie ihn denn so sehr, dass sie ihm dies antun mussten?

„Pass gut auf dich auf mein Kleiner – wir lieben dich!“ Seine Mutter gab ihm einen Abschiedskuss.

„Wir werden für seine Göttlichkeit in den Krieg ziehen – wenn wir zu dir zurückkommen sind wir Helden!“ Sein Vater verlangte von ihm stark und stolz zu sein.

„Mama! – Nein!“ Sranis wollte nicht von ihnen getrennt sein.

Aber es stellte sich alles als sinnlos heraus, niemand hörte auf ihn. Er war halt nur ein kleines Kind und besaß als solches keine Mitspracherechte – dies hatte er bereits vor einer langen Weile gelernt. Doch nun erwartete ihn ein schlimmes Leben – nie erlaubten es seine Tanten, dass er spielen ging; nie ließen sie ihn draußen in der Natur tollen, wie es seine Art war; nie schenkten sie ihm liebe Worte oder gar ein Lächeln. Stets hatte er im Haushalt zu helfen, musste putzen und kochen; stets gaben sie ihm selber Unterricht, ließen ihn rechnen und schreiben; stets musste er bei Sonnenuntergang ins Bett und bei Dämmerung wieder heraus.

Schnell lernte er das Leben bei den alten Vetteln zu hassen. Immer wieder spielte er mit dem Gedanken zu fliehen, wegzulaufen, heimzulaufen. Doch niemand wäre dort ihn zu erwarten: Seine Eltern waren in den Krieg gezogen; für einen Herrscher, der schon gefrühstückt, während in diesen Landen noch Nacht ist; der sich für seine zahllosen Untertanen nicht mehr interessierte als eine Kuh sich für die Fliegen.

Kaum dass Sranis dies gedacht hatte, fiel ihm auf, dass die Worte seiner Tanten dort sprachen, nicht seine eigenen Ideen. – Und wieder hasste er diese – und schämte sich in späteren Jahren schrecklich dafür.

 

III

Als sein Vater Mizresch allein aus dem Krieg heimkehrte, wusste Sranis zunächst nicht, was er fühlen sollte. Anfangs schien ihm alles nicht wirklich. Er war bisher noch nie mit dem Tod in Berührung gekommen, hatte nie jemanden verlieren müssen. Dann, als seine Mutter auch nach Tagen noch nicht wieder heimgekommen war, fing er an zu verstehen, zu vermissen, zu trauern.

„Sohn, sie ist gefallen, seine Göttlichkeit zu schützen.“ Glaubte sein Vater wirklich, dass diese schwachen Worte irgend etwas gut machen würden?

„Sei stolz Sohn, deine Mutter ist nun eine Heldin.“ Brachte dies sie zurück? Brachte dies ihm irgendeinen Trost?

„Ihr Tod war nicht vergeudet – sie starb für unser Land.“

Im Laufe der Jahre lernte Sranis nun auch noch seinen Vater zu hassen. In seinen Gedanken fing er an ihn nur noch Mizresch, nicht mehr Vater zu nennen. – Zusammen mit der Mutter war auch sein Vater für ihn in diesem Krieg, der nicht der ihre war, gefallen. Sranis lernte das Gefühl der Verzweiflung kennen, als er es daheim bei Mizresch immer weniger aushielt; nur noch flüchten wollte er wie damals bei den Tanten. Ebenso erkannte er, wieviel Wahrheit doch in den Worten und Lehren der Tanten gewesen war.

Eines Tages wagte er den Ausbruch und ging ins Dorf, die alten Frauen wiederzusehen; sich zu entschuldigen; ihnen zu danken. An ihrem Haus angelangt fand er dieses leer vor – was war geschehen? Einen Dörfler auftreibend erfuhr er, dass seine Tanten bereits vor Tagen gestorben und längst verbrannt worden seien. Sranis fühlte sich elend – im Verlauf weniger Jahre verlor er seine Mutter, um sie in seinen zwei Tanten ersetzt findend zu glauben, nur um diese nun gerade zur Entdeckung auch zu verlieren. Und am schlimmsten von allem – nie hätte sein Vater geplant ihn hierüber zu benachrichtigen.

Auf der Schwelle des Hauses seiner Tanten verweilend bemächtigten sich abwechselnd Trauer und Hass seiner. Es dauerte einige Stunden, bis er sich genug gefasst hatte, heimzugehen. Die Zeit dahin vertrieb er sich im Haus der Tanten sowie in dem Wald dahinter, den er nie hatte betreten dürfen. Nun entdeckte er seine Geheimnisse und Wunder, pflückte Beeren und trank aus einem Bergbach.

Daheim angekommen erwartete ihn ein Streit mit seinem Vater: Wo er gewesen sei, was er gemacht hätte, warum er so spät erst heimkehre. Sranis aber würdigte dem keine Antwort, ging geradewegs in sein Zimmer, das Mizresch ihm eigens gefertigt hatte. Natürlich zog dies noch Strafe nach sich; Essen bekam Sranis von Mizresch keines. Doch das war diesem egal; sobald sich die Gelegenheit bot ging er hinaus in den Wald und suchte sich selbst Nüsse und Beeren. Satt wurde er davon zwar nicht, doch hatte er so immerhin einen Sieg über Mizresch errungen, und das war nun am wichtigsten.

Nach seiner Rückkehr sprach dieser für den Rest des Tages kein Wort mehr mit ihm; leider jedoch einen Tag später schon.

„Mein Sohn – es wird Zeit für dich nach Sringwy zu gehen – deinen Dienst seiner Göttlichkeit anzubieten.“

Doch Sranis schenkte seinen Reden keine Beachtung.

„Sohn – ich habe alles für dich veranlasst – du kommst nach Sringwy wie ich damals!“

Sranis aber tat was immer er selbst tun wollte und für den Rest das Tages gab es wieder Ruhe.

„Sranis – heute ist der Tag, dass du nach Sringwy abreisen wirst!“ Stolz sah Mizresch ihn an – und Sranis glaubte seinen Ohren nicht trauen zu können.

Sringwy? Heute? Was sollte das? – Nein, er würde niemals gehen!

„In einer Stunde wirst du abgeholt.“ Damit war das Gespräch für seinen Vater beendet.

Sranis hielt es nicht mehr aus. Er schrie seinem Vater endlich all seine unterdrückte Wut an den Kopf – über dessen blinden Eifer, seine Mutter, seine Tanten – und nun das. Nein, er wollte selbst entscheiden was er tun würde, und das war sicher nicht die Armee, nicht dieser Krieg.

Eine Stunde später kam ein Wagen, darauf ein einfacher Fuhrmann, der Sranis holen sollte. Niemand begleitete ihn auf dem Hinweg. – Zum Rückweg saß Sranis mit auf der Ladefläche.

 

IV

Der Unrat erwies sich als zäher denn gedacht. Viel Unsinn war darunter, doch sein Ziel war bald in greifbarer Nähe. – Sein Unwissen aber hatte ihm ein falsche Ziel vorgesetzt. All die Mühe erwies sich als umsonst – und dabei hatte er bereits seit dem Morgen nichts mehr gegessen. Enttäuscht kehrte er der Straße den Rücken und strollte zurück zu seiner Kammer, die er sich über einem Schusterladen halten durfte. Vielleicht sollte er sich doch eine Arbeit suchen oder betteln gehen? – Aber nein. Was war bloß aus ihm geworden? Er hatte doch immer anderes tun wollen.

Seit etwa vier Monaten befand er sich nun hier. Man hatte ihn in eine Art Schule im Osten der Stadt gebracht. Nie hätte er sich diese vorstellen können, weder Schule noch Stadt. Letztere war groß und brummte, wenngleich er vernommen hatte, dass sie bloß ein Dorf sei im Vergleich zur Hauptstadt des Reiches; erstere – war groß und brummte. Letztere war voll Volk der umliegenden Länder, die zum Handeln gekommen waren; erstere – war voll Volk der umliegenden Länder, die nur teilweise freiwillig hier waren, um zu Kriegern ausgebildet zu werden. Er selber zählte zu denen, die nicht aus freien Stücken da waren, doch konnte er auch nicht einfach wieder gehen; dies war verboten. Anfangs bewachte man ihn in der Kriegerschule wie einen Gefangen, der jederzeit flüchten könnte. Einmal wollte er zusammen mit anderen Schülern – Gefangenen? – die Stadt besuchen, doch schon am Tor verbat man ihnen den Austritt.

Auch in der Lehre nahm man sie hart ran, als gälte es sie zu foltern. Man ließ ihnen nur wenig Pausen, wenig Erholung. Mehr als einer der Schüler brach anfangs unter der körperlichen Belastung zusammen – und einige kehrten nicht in ihre Reihen zurück. Auch geistig peinigte man sie, wo man nur konnte – wer nicht allgegenwärtig seine Verehrung für seine Göttlichkeit zur Schau trug, wurde nur kurz über die Gründe befragt und dann bestraft. Sranis hielt dies nicht allzulange aus.

Zusammen mit anderen überlegte, plante er, wie sie diesen Umständen entkommen könnten. Und eines Abends dann wagten sie den Ausbruch. Zu Fünft schlichen sie durch ein Hintertor heraus, derweil die Wache gerade abwesend war – doch schnell entdeckte man ihre Flucht. Nie hatte er geglaubt, dass dieses Land seinen eigenen Untertanen gegenüber so grausam sein könnte, doch letztlich war er der einzige, der entkommen konnte. Nach diesen Ereignissen wusste er nicht, wohin. Zurück in sein Dorf könnte er nicht gehen, dort würde erstens man nach ihm suchen und zweitens sein Vater ihn verprügeln oder gar verraten. – Nein, das konnte er nicht wagen. In andere Orte aber würde er es niemals unbeschadet schaffen, besaß er doch weder Geld noch Nahrung – und im Norden der Stadt gab es nur den endlosen See.

Also blieb nur Sringwy selbst übrig, wo er genau unter den Blicken seiner Peiniger leben sollte. Immer wenn er Krieger in den Straßen sah, musste er sich verstecken; immer wenn er Hunger hatte in den Abfällen suchen; immer wenn er müde wurde in den Gassen schlafen. Und damit war er nicht allein. Irgendwann aber erbarmte sich immerhin ein Schuster seiner und bot ihm Obdach, wenn er dafür im Haushalt helfe, doch Nahrung konnte auch dieser kaum bieten.

Während er auf dem Stroh seiner kleinen Kammer lag und versuchte Käfer zu verscheuchen überlegte er, was er wirklich hatte tun wollen: Frei leben, mit der Natur leben, einsam leben. Lange würde er es in Sringwy nicht mehr aushalten; würde sich nicht etwas ändern, müsste er von alleine gehen. Und Tags darauf geschah es dann bereits.

Bei seiner täglichen Nahrungssuche begegnete er in den Gassen einem Hund. Seltsam wild und struppig sah dieser aus, was Sranis sehr verwunderte, da er bisher in dieser Stadt nur gezähmte Hunde erblickt hatte, doch nichtsdestotrotz suchten sie beide zusammen in einem Haufen nach Essbarem. Als der Hund glücklos blieb, er selber jedoch nicht, bot Sranis diesem seinen Fund an. Da sprach plötzlich jemand hinter ihm.

„ Gib ihm nichts; er ist viel zu verfressen.“

Sich umdrehend sah Sranis eine seltsame Gestalt dort stehen: bärtig, langhaarig, ergraut und in Felle gekleidet.

„Du scheinst Tiere zu mögen . Warum hast du keins?“

Sranis starrte jedoch nur verblüfft, ohne zu antworten.

„Sohn – vielleicht solltest du mit mir kommen. – Ich bin Graridsvod.“

 

V

Das Tier mit den langen Hinterbeinen steckte seine Nase aus dem Busch – schnupperte – und hoppelte plötzlich schnell über die Lichtung, zur anderen Seite hin, wo an weiteren Büschen die Köder aufgestellt waren. Misstrauisch roch es an diesen – und begann zu fressen. Sranis, auf einem Baum versteckt, ließ das Seil los – der Käfig rauschte herab – das Wesen war gefangen. Schnell ließ er sich herab und eilte zur anderen Seite der Lichtung. Dort, zwischen den Wurzeln eines alten Baumes, war der Bau des Tieres. Seit Wochen hatte Sranis es beobachtet; gesehen, wie es Junge bekommen hatte, wie eines von ihnen erkrankt ist und drohte zu sterben. Nun endlich aber konnte er dem betreffenden Kleinen das Heilmittel aufstreichen, ohne dafür von der Mutter angegriffen zu werden. Kaum war dies geschafft, kehrte er zurück zu dem Seil, um die Mutter zu befreien. Nur kurz zögerte diese, um sogleich zurück zum Bau zu hoppeln. Sranis wusste, sie würde höchstwahrscheinlich das Nest wechseln, nun, da ein Fremder dagewesen war, doch schien dies ein lohnender Preis für die Gesundheit des Jungen zu sein.

Zufrieden mit sich selbst kehrte Sranis daraufhin zurück zu der Hütte, die er sich mit Graridsvod nun schon seit einigen Jahren teilte. Es waren schöne Jahre gewesen, soviel war sicher. Graridsvod hatte ihn damals aus dem Elend von Sringwy errettet und hierher gebracht, wo er sein Schüler wurde. Nichts hätte Sranis besser gefallen können. Endlich lebte er in und von der Natur, war niemandem mehr hörig. Die Hütte befand sich in den westlichen Bergen nah der Grenze und damit fast außerhalb der Greifweite seiner Göttlichkeit und des Reiches. Nie hatten sie einen Reisenden sich in diese Gegend verirren sehen; hier lebten sie allein. Selten ging einer von ihnen in ein Dorf oder die Stadt um Vorräte zu holen und ihre gefertigten Gegenstände zu verkaufen. Immer, wenn er das tat, hielt Sranis Ausschau nach anderen, die waren wie er und es wert, gerettet zu werden – doch nie fand er jemanden. So verblieb er einsam bei dem alten Graridsvod, einem großen Niurved und besten Lehrer, den Sranis je hätte finden können.

Einmal jedoch kehrte er noch heim, versteckte sich im Wald, und beobachtete aus den Büschen heraus den Ort seiner Geburt und Kindheit. Mizresch lebte noch dort, hatte einen Schrein auf der Wiese neben dem Haus erbaut und schien sein Leben fortzuführen. Sranis fand keine Anzeichen, dass er vermisst werden würde; kehrte so dem Platz bald seinem Rücken zu.

Wenige Wochen nach seiner Rückkehr in den Wald sollte Graridsvod ihn zu sich rufen. „Mein Sohn, ich habe dir alles gelehrt, das ich weiß. Du hast gelernt die Tiere zu verstehen, mit ihnen zu reden, sie zu heilen, wenn nötig auch von ihren Leiden zu erlösen. Du kennst die Pflanzen, Pfade, Verstecke und Geheimnisse dieser Berge und Wälder. Du verstehst dich auf Fallen stellen, Kochen, Bogen schießen, Spuren lesen, Wetter deuten, Körbe flechten, Säfte mosten, Musizieren, Singen und vieles mehr. Du kannst rennen, klettern, schwimmen und reiten. Und du kennst sogar die Geheimnisse unserer Zunft der Niurved und etliches anderes, dass ich dir nicht nennen muss.“ Stolz blickte er seinen Ziehsohn an und lächelte. „Mein Sohn, du bist mein Schüler, meine Gehilfe, mein Nachfolger, mein – Sohn. Und nun bist du auch ein Niurved. – Dies ist das Zeichen deines Ranges.“ Feierlich überreichte er ihm einen handgeschnitzten Knochendolch. „Doch wisse, mein Sohn, dass all dies nicht ohne Folgen bleibt. Nur ein einziger Niurved kann in diesen Wäldern leben – und ich spüre bereits mein Ende nahen. Auf dich aber wartet die letzte Prüfung – du musst dein Leben und alles hier verteidigen. Ich spüre sie bereits in weiter Ferne…“

Sranis wollte nur einen Teil der Rede des Graridsvod glauben, doch sollte dieser leider Recht behalten – und war zwei Wochen später für immer der Welt entschwunden.

 

VI

Schnell hastete er durch den Wald, sprang über Wurzeln, Büsche und Bäche, umging Felsbrocken und Klippen. Die Tiere waren bereits alle fort, hatten die Gefahr gewittert. Bald erklomm er die Klippen, griff nach Vorsprüngen, Überhängen und Ritzen um sich daran hochzuziehen. Die Vögel waren noch da, kreisten hoch oben in den Lüften, wurden seine Augen und Ohren. Als er auf dem Sims anlangt, kamen sie zu ihm, zu berichten. Die Fremden kamen aus dem Nordosten und hoch über ihnen kreisten die Vögel. Ein Dutzend Männer waren es, so sagten sie ihm, die hier in den Wald kämen, zu jagen. Noch nie war so etwas geschehen; nie hatte sich jemand in diese Wälder gewagt.

Nach seiner Rückkehr in das Grün wurde der Kampf jedoch nicht so schwer. Überall hatte Sranis Fallen ausgelegt, die zu umgehen die Tiere belehrt worden waren, in welche die Eindringlinge aber blind hineinstapften. Zunächst wussten sie nicht, was mit ihnen geschah, doch hatten sie schnell einen Verdacht. Fallgruben, Fußfesseln, Stolperfallen, Käfige, Dornen, Äste und Rutschen konnten ihnen nicht die Tiere in den Weg gelegt haben. Während sie sich durch das Unterholz kämpften, durch die Fallen immer weiter erschöpft wurden, fürchteten sie bald jede Ecke, dass dort eine Falle lauern könnte. Es dauerte nur einen Tag, da beschlossen sie bereits ihr Heil lieber woanders zu suchen. Sranis und dem Wald blieben für eine Weile wieder Ruhe und Frieden.

Wenige Wochen später bereits kamen aber die Siedler. Diese waren friedlicher denn die Jäger, doch Sranis wollte sie trotzdem nicht in seinem Wald haben. Aus Siedlern könnten Jäger werden, die dann wieder seinen Wald bedrohen würden. Außerdem erinnerte er sich noch zu sehr an das Dorf, an dessen Rande er aufgewachsen war. Zwar waren nicht alle Siedler schlecht und einige könnten gar zu Freunden werden, doch war die Gefahr für Wald und Tiere einfach zu groß.

So kam es, dass die Neuankömmlinge Bäume fällen wollten, doch von Vögeln abgehalten wurden, die ihre Därme über ihnen entleerten. Andere versuchten Getreide anzupflanzen, nur um am nächsten Morgen festzustellen, dass alle Körner aufgepickt oder weggebracht worden waren. Weitere wurden beim Wasserholen von eifrigen Tieren in Bäche und Teiche gestoßen, viele machten Bekanntschaft mit Dung vor ihren Zelteingängen und manche wurden gar von fleißigen Bienen in den Hintern gestochen. Und jede Nacht ertönten Gebell, Gekreische, Geheul und vielerlei Laute mehr von überall her und brachten noch jeden Siedler um den Schlaf. Bereits eine Woche nach ihrer Ankunft waren auch sie wieder verschwunden.

Die Jäger und Siedler schienen aber in ihrer Heimat berichtet zu haben. Eines Tages brachten die Tiere Kunde, dass eine Kampftruppe aus dem Osten nahen würde. Zwei Dutzend Männer und Frauen in Rüstungen und mit Waffen. – Kurz fragte Sranis sich, wieviele Kinder heute wohl ihre Eltern missen würden. Aber es blieb keine Zeit für mitleidende Gefühle; sein Wald war in Gefahr.

Der Kampf gegen die Krieger war härter als jeder andere bisher. Auf sämtliche Fallen schienen sie vorbereitet; auf Tiere schossen sie sogleich. Als sie dann auch noch Teile des Waldes in Brand setzten, wusste Sranis, dass er mit ihnen nicht milde verfahren durfte. Während er seine Fähigkeiten nutzte, die Brände so gut es ging einzudämmen, ließ er die meisten Tiere Schutz suchen, derweil die schnellsten und gerissensten unter ihnen zum Köder werden sollten. Stets vor den Kämpfern auftauchend und wieder verschwindend, lockten sie diese in ein Tal der nahen Berge. Von seiner Klipper hoch oben alles beobachtend sah Sranis zu, wie sich der schlimmste Sturm aller Zeiten dieser Gegend bildete. Derweil die Köder unauffällig wieder verschwanden, stürzten Bäume und versperrten den Kriegern den Rückweg. Hämmernder Regen löste Schlamm aus den Bergen und trug ihn hinab in das Tal, während Hagel die Gefangenen peinigte. Als alles vorbei war, kletterten zwei Dutzend schlammverkrustete Gestalten aus dem Tal, um sich nie wieder in dem Wald blicken zu lassen.

 

VI

Viele Jahre noch lebte Sranis in seinem Wald. Hin und wieder galt es Eindringlinge zu vertreiben, viel häufiger aber Streitigkeiten der Tiere zu schlichten und verletzten Wesen zu Hilfe zu kommen. Rückblickend erkannte er, wie seine Eltern für einen falschen Glauben, falsche Werte ein falsches Leben geführt hatten und in den Tod gingen, ihn versuchend mitzureißen. Doch er entkam dem bösen Einfluss, fand seine Freiheit, seinen Willen, seine eigene Wahrheit. Niemand würde mehr über ihn bestimmten, das schwor er sich. Für sein Leben, seine Werte, seine Freiheit war er bereit zu kämpfen. Niemand außer ihm könnte den Wald und die Tiere schützen, bis er einen Nachfolger gefunden hätte.

Doch zuvor kamen die Fremden – und mit ihnen ein letztes Abenteuer. Davon ein andern mal.

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