AWG52 GaaP03 Der Schatten des Gaervin

I

Sein Schatten folgte ihm überall hin. Was er auch tat; sein Schatten ahmte ihn nach. Wenn er sich auf einen Stuhl an den Tisch setzte, tat sein Schatten es ihm gleich. Hob er seinen Kelch, so sah er es seinen Schatten auch tun. Ob dem schwarzen Gesell der Wein wohl auch ebenso munden würde wie ihm selber? Hatte der Wein überhaupt einen Schatten, den sein Schatten wiederum kosten könnte? Und vor allem beschäftigte ihn die Frage, wie es seinem Begleiter wohl gefiel, sein Schatten zu sein; ihm schon seit Jahren überall hin zu folgen.

„Habt ihr noch einen Wunsch, Herr?“ Der Wirt selbst war gekommen, sich nach seinem Wohl zu erkundigen.

Ach, wie freundlich das Volk doch in diesem nördlichen Lande Habarien war. „Nein danke – ihr beehrt  mich.“

Das verleitete den Wirt dazu, sich nur noch tiefer zu verbeugen. „Aber Herr – den großen Gaervin hier zu haben beehrt mich und mein Haus wesentlich mehr. – Was immer euer Wunsch; ich werde ihn euch erfüllen.“

Doch Gaervin lächelte nur und schickte den Wirt fort.  Dass sein Name bis hierher vorgedrungen war, erstaunte ihn immer wieder. Daheim in Progissi war er nur ein Gelehrter unter vielen, der von seinesgleichen kaum mehr Aufmerksamkeit bekam als eine Stubenfliege am Hofe der Göttlichkeit. Doch hier – war er etwas besonderes. Aber ach! lange könnte er nicht mehr hier verweilen; schon neigte sich die Förderung seiner Forschungen dem Ende: Für den Folgetag war seine Abreise vorgesehen. Jetzt aber genoss er seinen Platz in der Sonne, beobachtete das Volk bei seinem Treiben und warf dann und wann seinem Schatten einen Blick zu, ob er dies alles auch so genießen konnte.

Als es später wurde suchte er sein Zimmer im Gasthaus auf, doch nutzte er noch die letzten Sonnenstrahlen, um die Aussicht vom Balkon zu genießen. Und oh! da war er wieder; wie auch Gaervin saß auf seinem Balkon, so tat es auch sein Schatten auf dem des Nachbarzimmers. Erfreut ihn zu erblicken winkte Gaervin ihm zu und freundlich wie sein Schatten immer war, winkte dieser zurück. Es dauerte nicht lange, da verspürte Gaervin eine tiefe Müdigkeit und entschloss sich bald schlafen zu gehen, doch nicht ohne noch seinen Schatten zu verabschieden. Und auch dieser machte sich auf, hinein in das Nachbarzimmer. Als Gaervin später im Bett lag und langsam einschlief fragte er sich noch, ob nebenan sein Schatten nun auch so schlafen würde.

Am nächsten Morgen fiel ihm selber noch nichts auf, doch sollte er sich sehr wundern, als er das Haus verließ und zur bereitgestellten Kutsche gehen wollte. Ein Stallbursche, der gerade vorbeigeeilt kam, blieb überrascht bei seinem Anblick stehen, deutete auf ihn als sei er etwas besonderes und eilte dann davon, dabei in seiner Sprache etwas rufend das stark nach ‚Kein Schatten!‘ klang. Und tatsächlich – als Gaervin sich wandte nach seinem Schatten zu sehen, da fehlte etwas. Wo war er hin? Obwohl es ein heller sonniger Morgen war, warf Gaervin keinen Schatten.

Geistesgegenwärtig eilte er sich in die Kutsche zu steigen und diese abfahren zu lassen. Unterwegs hatte er noch genug Zeit sich zu wundern, doch konnte er gerade nichts mit verwirrtem Volk anfangen.

 

II

Daheim in Progissi angekommen sowie auch unterwegs schon suchte Gaervin fortan stets schnell seine Gemächer auf und versuchte dafür zu sorgen, dass niemand ihn zulange zu genau betrachten könnte. Teils erwies sich das als schwierig, da er vor allem an Gasthäusern auch mit den Betreibern sprechen musste. Doch irgendwie wuselte er sich immer durch.

„Herr, habt ihr noch Wünsche?“

Auf diese Frage hatte Gaervin schnell immer dieselbe Antwort zu geben. „Nein – ich wünsche nur schnell ein Zimmer zu bekommen; ich fühle mich nicht wohl.“

„Herr – soll ich euch einen Heiler rufen?“

„Nein – aber ihr ehrt mich mit eurer Umsicht.“

Daraufhin verbeugte sich der Wirt stets tiefer denn zuvor. „Herr – ihr beehrt uns.“

Das stimmte nicht immer, da Gaervin, je näher er seiner Heimat kam, immer unbekannter wurde und für die Wirte kaum noch eine Bereicherung war. Doch dieser wusste nicht davon, dankte seinen Gastgebern und hielt sie tatsächlich in Ehren.

Zurück in seiner Heimat bemerkte er zu seiner Erleichterung, dass langsam wieder ein Schatten zu sehen war. Noch war er nur klein und schwach, doch änderte sich das mit der Zeit und nach wenig mehr als zwei Monden schien alles wie beim Alten. Anfangs wunderte er sich sehr, was da mit ihm geschehen war, doch als die Dinge ihren gewohnten Gang nahmen, vergaß er die Angelegenheit bald wieder.

Nach zwei Jahren dann aber klopfte es plötzlich an seiner Tür. Sehr verwundert dachte er nach der Öffnung zunächst einen Spiegel vor sich zu haben, doch sprach dieses Spiegelbild mit ihm.

„Gaervin – Freund! – erkennst du mich nicht? Ich bin es! Dein alter Gefährte; dein treuester Schatten!“

Der Angesprochene wusste nicht, was er denken solle. Da stand doch tatsächlich ein wildfremder Mann vor ihm, der aber aussah wie er selber, und behauptete sein Schatten zu sein, der ihm vor Jahren einst verloren ging.

„Aber ich habe doch einen Schatten?“ Natürlich glaubte er dem Fremden nicht, doch wirkte dieser immerhin trotz seiner wilden Vorstellungen harmlos und ihn wenigstens anhören könnte er ja. Es war Abend und die Nacht näherte sich mit schnellen Schritten, so bat er den Mann hinein auf ein Glas Wein um sich mit ihm zu unterhalten.

Der Fremde war in der Welt weit herumgekommen und wusste allerlei Geschichten zu berichten von tollkühnen Taten, bösen Männern und schönen Frauen. Stets blieb er aber dabei der Schatten zu sein. Gaervin selbst dagegen war die letzten Jahre stets daheim geblieben, der Forschung dienend doch ohne große Anerkennung. Dies störte ihn kaum, war er doch froh bloß zu leben und mit dem stets gut gesinnten Volk zu sprechen. Aber trotz seines Wohlwollens fiel es ihm schwer die Geschichte des Mannes zu glauben. Zwar erinnerte er sich noch an den plötzlichen Verlust und die Genauigkeit der Beschreibung des betreffenden Abends aus dem Munde des Mannes schien ihm bemerkenswert, doch blieb er ungläubig.

„Aber wenn ich es dir sage! Ich war stets an deiner Seite; weiß deine dunklen Geheimnisse und die des Volkes.“

Und als der Mann so von Dingen sprach, die nur Gaervin wissen konnte, ließ dieser sich langsam überzeugen. Er bot dem Mann, seinem vermeintlichen Schatten, an zu bleiben, solange er wolle.

„Hab Dank – und wieder sind wir vereint.“

Der Fremde – der Schatten – bestand darauf, der Öffentlichkeit fern zu bleiben, um nicht zu großes Aufsehen zu erregen, da er selber sich äußerst schwach fühle und sich nach Jahren der Wanderschaft endlich einmal nach Ruhe sehnte. Sein Gastgeber willigte ein und während dieser, von seinem Besuch sonderlich gestärkt, wieder öfter Ausflüge hinaus in die Stadt unternahm, blieb der Schatten daheim und unternahm für ihn Arbeiten.

Nach einigen Wochen hatte Gaervin zu diesem Mann, der sich mittlerweile auf das Spiegelbild anspielend Nivreag nannte, bereits großes Vertrauen gefasst; unabhängig davon, ob seine Geschichte wahr sei oder nicht. Zwar verwunderten ihn manchmal die Ansichten Nivreags über die Tugenden des Volkes, die so völlig gegensätzlich zu den seinen waren, doch verstanden sie sich davon abgesehen einfach zu gut; hatten über zuviele gemeinsame Geschichten der Vergangenheit zu lachen. Als Gaervin dann einen neuen Forschungsauftrag im Süden, in der Stadt Serjen, erhielt, nahm er Nivreag dorthin mit.

 

III

Schon vor ihrer Abreise hatte sich Gaervin angefangen seltsam kraftlos zu fühlen, was auf ihrer Reise kaum noch besser wurde. Sein Begleiter dagegen schien immer weiter zu genesen. Bei ihrer Ankunft in Serjen fühlte der Forscher sich schließlich kaum noch in der Lage, Geschäften im Freien nachzukommen, sondern suchte seine Zeit hinter dem Schreibtisch zu verbringen. Mit Nivreag als seinem Doppelgänger hatte er aber eine Möglichkeit, trotzdem außerhalb seines Zimmers zu handeln, da niemand in dieser Stadt von ihrer seltsamen Ähnlichkeit wusste. Nivreag willigte gerne ein und tat anfangs in der Stadt für seinen Gönner, was dieser von ihm verlangte.

„Herr – habt ihr noch einen Wunsch?“

Nivreag wusste um die dunklen Seiten des Volkes und wie er diese für sich nutzen könnte, was ihm schnell viele Erfolge, Gaervins Bewunderung und den Hass der städtischen Forschungsgemeinde einbrachte.

„Ja, den habe ich – seht ihr diese Frau?“

Gaervin aber wusste von alldem nichts, er war bloß froh um die Erfolge seines Freundes, derweil die Stadt den Namen Gaervin bald mit List und Tücke verband. Doch ein Geschöpf gab es in dieser Stadt, das nur die besten Seiten des vermeintlichen Forschers kennenlernte.

„Herr – was immer ihr wünscht – ich stelle sie euch vor.“

„Ihr ehrt mich.“

„Nein Herr – ihr beehrt uns viel mehr.“ Sich tief verbeugend verschwand der Wirt.

Trotz all seines Hasses für das gemeine Volk lernte Nivreag eine Frau kennen, die er schonen und für sich haben wollte. Gemeinsam wollten sie fort. Doch das ging nicht, solange Nivreag nicht vollständig war.

Eines Abend erklärte er Gaervin, dass er einst nur zurückgekommen war, da er alleine nicht länger hätte leben können. Nun war er völlig abhängig von ihm, seinem Schöpfer, doch wollte er niemals wieder bloß der Schatten sein. Gaervin konnte ihm immer noch nicht ganz glauben, doch kannte sein Herz bereits die Wahrheit. Sein Schatten hatte ihn einst verlassen, die wahre Welt kennenzulernen und erkannte dabei die Natur der Völker besser als er selbst. Jetzt wollte er seinen eigenen Weg weitergehen, doch brauchte er dafür Gaervin immer noch.

Und als am nächsten Morgen der Mann, den man in Serjen als Gaervin kannte, zu seiner Geliebten ging um ihr zu erzählen, dass er bereit wäre für sie, da gab es den wahren Gaervin bereits nicht mehr. Doch dieser Mann, der dort die Stadt verließ, hatte endlich einen kräftigen und wirklich wirkenden Schatten für sich gefunden.

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