Der schlimmste Tag – VI

Diesmal müsste er wenigstens nicht weit gehen. Da er zu Räumen musste, die nur von Innen zu besuchen waren, hatte er sich einst den Weg durch die inneren Gänge gewählt. Im Grunde genommen musste er nur um die Ecke gehen, in den Flügel mit dem Westtunnel. In diesem Teil hatte man sich für ein seltsames Schwarz-Weiß-Muster der Fliesen entschieden. Weiße Steine meidend und auf schwarze tretend gelangte er in den Schulbereich des Klosters. Natürlich gab es nur wenige Unterrichtsräume, da das Kloster auch nur eine begrenzte Zahl von Anwärtern hatte. Doch da die Zahl über die Jahre schwankte, und es derzeit eher wenige gab, standen viele Räume einfach leer. Außerdem gab es noch unterstützende Räume, wie kleine Abstellräume, Aufenthaltsräume für Lehrer und Schüler, Räume mit Unterrichtsbüchern, Räume für Versuche an Tier, Pflanze und Flüssigkeit und was man noch alles benötigt hatte. Das Angebot war wesentlich größer als in jeder Schule, die Fahach in seiner eigenen Kindheit gesehen hatte und allen Anwärtern offen, mit welchen Alter sie auch immer ins Kloster gekommen waren.

Im Gang begegnete er niemanden und seiner Gewohnheit folgend, begab er sich gleich in das Zimmer, in dem er später unterrichten würde. Zuvor ging er in das kleine Waschzimmer, welches sich am Ende des Raumes befand Neben dem Waschbecken stand ein kleines Schränkchen mit verpackten Seifenstücken. Er nahm sich eines, packte es aus, wusch sich damit und entsorgte es.  Auch wenn bis zum Unterricht noch gut eine Stunde Zeit war – er bereitete sich halt gerne gründlich vor.

Das Zimmer lag an der Westseite, so dass man aus den Fenstern einen Blick auf Hof und Gebetshalle hatte, doch zu dieser Zeit noch keine Sonne herein schien. Der Raum war dunkel, was ihn immer wieder ärgerte, wenn Unfug zu seinen Schülern gehörte und dieser versteckt in der Ecke schlief, statt ihm zuzuhören. Heute würde es wohl wieder so sein. Die Einrichtung war einfach: Ihm zur Verfügung stand sein eigenes Schreibpult. Jeder Schüler hatte natürlich auch eines, aufgestellt in Reihen zwischen der Südwand und seinem eigenen Pult. Ansonsten war der Raum leer, denn nichts sollte sie ablenken. Welche Bücher jeweils notwendig waren, verkündete der Lehrer am Ende des Unterrichts. Mitzubringen waren sie von den Anwärtern selber aus den benachbarten Räumen. Da öfter einer dies aber vergaß oder das falsche nahm, musste der Lehrer dem häufig nachhelfen. Der heutige Unterricht sah – und irgendwie wirkte es wie ein schmerzhafter Hohn auf ihn – die jüngere Geschichte der Stadt vor. Das meiste würde er die Schüler sich selbst erarbeiten lassen, derweil er lesen könnte.

Nachdem er dies beschlossen hatte, blieben ihm noch gut die Hälfte der Stunde, bevor seine zwei Stunden Unterricht beginnen würden. Zeit, um den Aufenthaltsraum der Lehrer aufzusuchen. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass alles im Unterrichtsraum in Ordnung war, verließ er ihn mit einem zufriedenen Gefühl und folgte den schwarzen Fliesen einmal schräg auf die andere Seite. Man erwartete ihn bereits.

„Pünktlich wie immer. Hast du das Buch gefunden, dass ich dir empfohlen hatte?“

Sofort sank Fahachs Stimmung. „Ach, erinnre mich bloß nicht an das blöde Ding. – Bist du dir überhaupt sicher, dass es so ein Buch gibt?“

Man schien überrascht. „Natürlich.“

„Dann musst du mir nochmal genau den Weg dorthin erklären. – haarklein – ich habe nämlich nichts gefunden.“

„Das ist merkwürdig.“

„Mag sein.“

„Aber es muss da sein.“

„Aber es war nicht da; egal, was du jetzt behauptest.“

„Glaubst du etwa, ich hätte dich in die Irre führen wollen?“

„Nein, vermutlich hab‘ ich mich nur verirrt.“ Da fiel ihm etwas auf, wie jedes Mal, und ihm wurde unwohl. „Lass uns hineingehen, ja? Ich mag nicht hier im Weg stehen.“

Damit betraten sie den Aufenthaltsraum. Gut die Hälfte der Anwärter des Klosters würden gleichzeitig Unterricht haben, wofür auch eine entsprechende Anzahl Lehrer benötigt wurde. Zwei ihrer Brüder warteten also schon und saßen, vertieft in ein Gespräch, an einem kleinen Tisch in der Ecke. Der Raum war insgesamt recht klein. Die wenigen Fenster gingen nach Osten, auf den Haupthof hinaus. Eine Tür in der Ecke führte in eine Abstellkammer. Vier kleine Tische standen an freien Plätzen, umstellt von zwei bis drei Stühlen. Schließlich befand sich an einer Wand noch ein Regal, in dem Bücher standen. In diesen wurde jeweils festgehalten, wer von wann bis wann mit wem wo was gemacht hatte. Man und Fahach nahmen sich ihre, trugen sie zu einem Tisch und sahen sie durch, die Eintragungen des Tages beginnend.

„Was ist bei dir heute eigentlich dran?“ fragte Man.

„Jüngere Geschichte der Stadt.“

„Oh – da hätte dir das Buch ja geholfen.“

„Ja, das hätte es. – Und bei dir?“

„Ich muss ihnen mal wieder zeigen, welche Pflanzen welche Wirkung haben. So richtig verstehen sie das immer noch nicht. Du hast bestimmt gehört, wie einer von ihnen Schlafwurz für einen Glücklichmacher hielt.“

„Ja – meiner Meinung nach sind die Anwärter eh für nichts zu gebrauchen.“

„Sie sind immerhin unsere Zukunft – ohne sie wird es das Kloster nicht mehr lange geben. – Und wir waren auch mal welche, erinnerst du dich?“

„Oh, das würde ich lieber vergessen. Und Anwärter wie diesen Unfug ebenso. Mit dem werde ich mich heute wieder herumplagen müssen. Als wüsste ich nichts besseres mit meiner Zeit anzufangen.“

Während Man nur grinste, drehte sich einer der anderen Brüder zu ihnen um. „Habe ich richtig gehört? Du musst dich um Unfug kümmern?“

Fahach runzelte die Stirn. Jetzt brachte ihn dieser Unhold sogar schon in Abwesenheit unangenehme Augenblicke.

„Ja, heute bin ich damit dran. – Aber warum?“

„Oh, dann solltest du lieber mal nach deinem Schützling sehen. Ich habe gehört, er soll verschwunden sein.“

Sofort stürzte Fahach in ein tiefes Loch. Was hatte der Kerl denn jetzt wieder angestellt? Aber wichtiger: Wie sollte er damit umgehen? Sollte er nicht darauf achten und im Unterricht weitermachen. Oder seiner Pflicht nachkommen, die da hieß, auf die Schüler aufpassen; also nach dem Jungen sehen und damit den Ablauf des Unterrichts aufs Spiel setzen? War das das Unglück, welches schon den ganzen Tag drohend über ihm schwebte oder nur ein weiterer Schritt in die Richtung dorthin? Unfug hatte schon oft Schwierigkeiten gemacht, doch tatsächlich hatten weder er noch andere Anwärter je den Unterricht geschwänzt oder selbst wegen Krankheit gefehlt. Wenn er diesen heute verpassen würde – nicht auszudenken. Er müsste alles nachholen, doch das wäre nicht möglich, und –

„Fahach?“

„Was?“ Verwirrt sah er sich um: Man stand neben ihm, während die anderen Brüder ihn beobachteten.

„Geht es dir gut? Bist du noch da?“

Die Unsinnigkeit der Frage ließ Fahach zu Sinnen kommen und die Stirn runzeln. „Das siehst du doch. Wo sollte ich denn sonst sein?“ Dann fiel es ihm wieder ein und er blickte den Bruder der Unglücksnachricht an. „Was sagtest du? Was ist mit Unfug?“

„Ich habe nur gehört, dass er verschwunden ist und man schon nach ihm sucht. Du solltest jemanden fragen, der ihm näher kommt.“

Damit wandten sich die beiden wieder ihrem Gespräch zu.

„Und?“ fragte Man, nachdem Fahach wieder eine Zeitlang nichts gesagt hatte.

Dass dieser sich seine Verzweiflung versuchte nicht anmerken zu lassen, machte sie umso deutlicher. Schließlich antwortete er.

„Man, ich hatte noch nie beim Unterricht einen Fehlenden; selbst Unfug war immer da. Was soll ich nur tun?“

Man blickte verstehend. „Hast du den Unterricht denn schon einmal für alle ausfallen lassen?“

„Äh – oh – ja – als ich krank war.“

„Hat es dir damals Unglück gebracht?“

„Oh ja; ziemlich viel Ärger mit dem Obersten; dem Herrn der Anwärter. Er sagte, selbst bei Krankheit -“

„Gut, dann hast du das schon durch. Du bist dem Jungen verpflichtet, also kannst du keinen Ärger bekommen.“

„Du meinst, ich soll den Unterricht ausfallen lassen?“

„Welche andere Wahl hast du?“

„Ich weiß nicht -“

„Komm schon, bevor noch mehr Zeit verloren geht und du wirkliche Probleme bekommst.“

Fahach überlegte noch kurz, dann nickte er. „Ich werde den Anwärtern Bescheid geben und nach Unfug suchen.“

Kurz verharrte er, als warte er auf ein weiteres Wort von Man oder gar dessen Angebot, zu helfen. Doch natürlich nickte dieser nur. So tat auch Fahach, gefolgt von seinem Verlassen des Raumes. Die Glocke hatte noch nicht zur vollen Stunde geschlagen und Fahach fühlte sich unwohl. Noch nie zuvor hatte er den Aufenthaltsraum zu früh verlassen. Entsprechend überrascht sahen auch die Schüler aus, als er plötzlich den Unterrichtsraum betrat. Doch ihn wiederum überraschte es auch, dass die meisten der Schüler schon anwesend waren – und vor allem brav auf ihren Sitzen saßen. Aus seiner eigenen Schulzeit kannte er nur das Herumgealbert und Herum schubsen von Schwächeren, doch war das auch nicht im Kloster gewesen.

Seiner Gewohnheit folgend trat er vor sie an das eigene Pult.

„Hallo“, begann er unsicher.

Doch schien das Eis bei den Schülern gebrochen. „Herr Lehrer – sie sind zu früh – ist etwas passiert?“ fragte einer.

Kurz warf Fahach einen Blick auf Unfugs Platz und vergewisserte sich, dort wirklich niemanden sitzen zu sehen. „Das – das wollte ich euch fragen. – Wann habt ihr Unfug das letzte Mal gesehen?“

Einige Schüler sahen sich kurz an, andere schienen überlegen zu müssen, wen er damit eigentlich meinte.

Endlich dann sprach einer. „Unfug? Der hatte sich vorhin in ein Zimmer eingeschlossen; sprach, er wolle nich‘ mehr, alle würden ihn hassen, und so Unsinn.“

„Wann lernst du nur endlich, ordentlich zu sprechen. – Das mit dem Einschließen wusste ich schon; es war im Zimmer von Butterlöffel und ich hatte ihn zum Hausmeister geschickt, um – ja, wo steckt der eigentlich?“

„Der sucht nach Unfug“, meinte einer.

Unwillkürlich musste sich Fahach ärgern. „Und was genau ist nun mit Unfug?“

Wieder sprach ein anderer. „Nachdem er sich eingeschlossen hatte, holte der Dicke den Hausmeister, Der hat dann die Tür aufgebrochen. – In dem Zimmer kann der Dicke heute nicht schlafen“, erklärte er grinsend, „doch Unfug war verschwunden. Der Hausmeister hat dem Oberen Bescheid gegeben und jetzt suchen ein paar nach ihm.“

Fahach war wirklich zornig. „Warum hat mir niemand Bescheid gesagt?“ Doch mehr als ein Achselzucken konnte er nicht erwarten. „Und welchem Oberen wurde Bescheid gegeben?“ Diesmal sahen sich die Anwärter an, bevor sie mit den Achseln zuckten. „Na gut. Dann hört mal her. Ich habe eine Pflicht, dafür zu sorgen, dass euch nichts geschieht, solange ihr Unterricht bei mir habt. Auch wenn Unfug nicht hier ist, müsste er es sein. Deshalb muss ich nach seinem Wohlbefinden sehen. Und wenn ich nicht hier sein kann, werde ich euch natürlich nicht unterrichten können.“

Wieder sahen sich einige kurz an, als könnten sie ohne Worte miteinander sprachen. Eine Erwartung schien sich anzuspannen.

„Müsstet ihr denn nicht auch auf uns aufpassen?“ fragte ein besonders Wagemutiger.

Doch Fahach hörte nur halb zu. „Ihr werdet alle in eure Zimmer gehen. Der Unterricht fällt für heute aus. Sollte ich Unfug früh genug finden, werde ich euch Bescheid geben, dass wir weitermachen können. Habt ihr verstanden?“

Ein mehrstimmiges „Ja!“ ertönte.

„Gut, dann geht.“

Und während sie das Zimmer verließen, schlug die Glocke.

 


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