Der schlimmste Tag – VII

Buch 3: Der Nachmittag

VII

 

Fahach war äußerst unruhig, da seine Gewohnheiten durch den törichten Unfug völlig gestört waren. Er hatte keinen Plan für eine solche Begebenheit; wusste sich nicht zu helfen. Ein Teil von ihm überlegte, was zu tun sei, derweil der andere sich fragte, ob dies das große Unglück sei, oder ob es noch kommen würde – und warum er eigentlich noch am Leben war, denn das Unglück stellte er sich immer auch als sein eigenes Ende vor. Zwar wusste er nicht aus Erfahrung, was im Ganzen zu tun war, doch konnten seine Gewohnheiten im Einzelnen helfen. So war es das erste Mal, dass er diesen einen Weg gehen musste, doch entschied er sich unbewusst für einen ohne Umwege: Einfach geradeaus an den Unterrichtsräumen vorbei, nach rechts, hinauf in den Westtunnel und auf den Haupthof, hinüber zu den Werkstätten. Er hatte sich vorgenommen, den Weg, den die Benachrichtigungen genommen hatten, zu verfolgen. Deshalb ging er als erstes zum Hausmeister, um von diesem zu erfahren, welchen Obersten er benachrichtigt hatte – auch wenn Fahach vermutete, dass es wohl der Herr der Anwärter sein dürfte. Die Wohnung des Hausmeisters war ein Zimmer im Dachstuhl über den Werkstätten.

Doch als Fahach den Westtunnel verließ und gerade einen Fuß auf den Hof gesetzt hatte, wurde er angesprochen. „Bruder Fahach! – Wartet!“

Es war der Anwärter, der heute Torwächter war. Fahachs Verwirrung wuchs, nun in seinem Tun auch noch unterbrochen zu werden, was gewiss nicht zur Gewohnheit gehörte. Auch der Wächter schien verwirrt, denn trotz seines Halterufs winkte er Fahach nur zu sich, statt seinen Posten zu verlassen und selbst zu ihm zu gehen.

„Was ist?“ fragte da Fahach auch noch mit verkniffenem Gesicht, doch der Kerl ließ nicht ab. Vorsichtig bewegte Fahach sich Schritt für Schritt auf ihn zu, mit jedem Fußtritt sich dabei in unbekanntes Land wagend. Erst als er nur noch fünf Fußlängen von dem Torhüter entfernt war, fuhr dieser fort – in mildem Tonfall, schien er doch nicht rufen zu wollen.

„Bruder Fahach – ich störe nur ungern – aber beabsichtigt ihr im Moment zufällig, den Hausmeister aufzusuchen?“

Kurz verdächtigte Fahach ihn in Gedanken der Verfolgung. Woher wusste er das?

„Woher wisst ihr das?“

„Ah – gut“, schien er erleichtert, „er hat mir gesagt, dass ihr ihn wohl suchen werdet. Aber er ist nicht mehr in seinem Zimmer; er musste ausgehen, zu einem Auftrag.“

Nicht das auch noch. „Und?“ fragte Fahach recht ruppig, „hat er auch gesagt, wohin er musste?“

Der Kerl wirkte nicht mal verletzt über den Tonfall, nahm Fahach erst rückblickend war, schien alles hinzunehmen.

„Ja, er muss wohl etwas im Nordostlager machen, ihr wisst, wo das – ?“

Doch mehr hörte Fahach nicht mehr, denn schon war er auf seinem Weg, gerade durch den Osttunnel und nicht hinauf zu den Werkstätten, sondern über den Osthof am Garten vorbei. Erst spät viel ihm ein, dass er dem Wächter nicht gedankt, nicht mal zu Ende hat reden lassen. Wieder beschlich ihn dieses Gefühl der Reue, als er in Gedanken mit sich selber durchspielte, was er hätte sagen, was er hätte richtig machen können. Dann fiel ihm auf, wie er sich selber hassen würde, sollte er so mit sicher selber umgehen. Hasste man ihn etwa? Wie könnte er das gut machen? Dem Wächter Blumen schenken?

Dann stand er vor der Tür zum Lager – und hatte vergessen, den Garten zu beobachten.

„Bruder Fahach?“ fragte der im Lager arbeitende Bruder erstaunt, als dieser eintrat, denn erwartet wurde er nicht.

„Der bin ich“, sprach Fahach und blickte sich um, den Hausmeister suchend.

„Habt ihr etwas vergessen? Kann ich euch helfen? Die gewohnte Arbeitsweise brachte den Bruder durch die Überraschung.

„Hat er euch denn nichts gesagt?“ stutzte Fahach.

Warum sollte der Hausmeister dem Wächter, aber nicht im Lager selbst Bescheid geben?

„Von wem sprecht ihr?“

„Na der Hausmeister – man sagte mir, er wäre hier.“

„Oh, der! – Ja, der war hier.“

Langsam bekam Fahach Lust, dem Bruder Gewalt anzutun. „War? – Und wo ist er nun? Mann, sprich!“

Der Bruder wirkte kurz beleidigt. „Er wurde abgerufen. – Irgendwas in der Küche, soweit ich -“

Fahach war bereits unterwegs, bevor der Mann ausgesprochen hatte. Der Weg vom Lager zur Küche war zum Glück nicht weit. Das Lager befand sich im Nordosten, die Küche dagegen im Südosten. Auf seinem Weg kam er dabei wiederum an den verschiedensten Räumen vorbei, die er teils auch früher am Tag schon gesehen hatte, so den Wohnräumen von im Kloster arbeitenden Städtern, die auch dort schliefen. Zum Glück begegnete er diesen diesmal aber nicht. Stattdessen kam er ohne Probleme in die Küche. Dort wurde abwechselnd am Tag geputzt und gekocht, heute aber vor allem alles für den Festabend vorbereitet.

„He, du da“, sprach ihn da plötzlich jemand an.

Der Sprecher schien ein Bruder zu sein und hier wirklich etwas zu sagen zu haben. – Sehr gut.

„Ah – gut – ich suche den Hausmeister. Er soll sich hier aufhalten.“

„Davon weiß ich nichts“, sprach der Kerl barsch.

„Was? – Ja habt ihr ihn denn nicht wenigstens gesehen?“

„Warum sollte ich ihn gesehen haben?“

„Weil er hierher kommen wollte!“

„Hört mal, wenn ihr euren Ton nicht mäßigt -“

Da kam ein weiter Bruder dazu und unterbrach sie.

„Bruder Fahach! Da bist du ja!“

„Was?“ Der Angesprochene war mittlerweile sehr verwirrt und auch der Küchenbruder starrte sie abwechselnd an.

„Der Hausmeister schickt mich. – Er konnte noch nicht herkommen, meint aber, dass du ihn wohl suchen wirst. Ist dem so?“

„… ja.“

„Gut, dann komm einfach mit mir; ich führe dich zu ihm.“

Fahach antworte nicht, sondern folgte einfach, wie gefordert, derweil der Küchenbruder ihnen nach sah und letztlich schlicht wieder an die Arbeit ging.

Sie sprachen den ganzen Weg über nicht. Von der Küche aus ging es am Speisesaal vorbei und eine schmale Wendeltreppe hinauf. Hier oben gab es kaum Steinplatten als Fußbelag, vielmehr hatte man sich für Holzbretter entschieden. Wie es mit diesen nun einmal so ist, konnten sie nicht übermäßig breit sein, doch hatte man beim Bau des Klosters genug an seine Bewohner gedacht, um sie Fußbreit zu gestalten. Trotzdem verlangsamte sich durch sie die Geschwindigkeit für Fahach, der jeden Schritt auf ein einzelnes neues Brett machte, derweil sein Führer weit ausholen musste, um jedes Mal ein Brett auszulassen. Dann war er auch noch stets in der Verlegenheit, immer wieder auf Fahach warten zu müssen. Glücklicherweise wenigstens sollte ihr Weg nicht weit führen, denn sie gingen bloß bis in den oberen Bereich des Wohnabschnittes, der genau über den südlichen Zimmern lag. Das Zimmer, an dem sie hielten, müsste wohl auch genau über seinem eigenen liegen, wunderte sich Fahach. Das Zimmer sah auch kaum anders als sein eigenes aus – sah kaum anders, als die meisten Zimmer.

„Was wollen wir hier?“ fragte Fahach, als er in das leere fremde Zimmer sah.

„Aber -“ Der Bruder drängelte sich vorbei, um auch etwas sehen zu können. „Vorhin war er doch noch hier – sollte sich um Wasserschäden kümmern.“

„Wasserschäden?“ Lag das Zimmer über seinem eigenen oder nicht?

„Ach, nichts schlimmes, glaube ich. – Wenn er ihn behoben hat. – Aber so schnell dürfte das nicht gehen. – Würd‘ ich es machen, würde es Jahre dauern. – Ich glaube, ich überprüfe das mal. -“

Während der Bruder für Fahach Unverständliches immer wieder plappernd von sich gab, schlich er selber sich von dem Zimmer fort. Eigentlich konnte es doch nicht genau über dem seinem liegen, denn er hatte schließlich nicht genau gegenüber ein Fenster in die Welt – und sogar eine hinaus führende Tür. Eine Tür? Das verwarf den Gedanken, dass man durch die Fenster auf den Hof hinaus gucken könnte. Wann war er bloß das letzte Mal hier oben gewesen? Hatte er denn je auf seine Umgebung geachtet? Dann erkannte er, dass die Tür auf einen Balkon führte. Neugierig öffnete er sie und stieg hinaus. Die Plattform als Balkon zu bezeichnen war aber übertrieben, schien es sich hier doch um eine offene Fläche über die gesamte halbe Breite des Stockwerks zu handeln. Warum nur war ihm das nie aufgefallen, selbst vom Hof gesehen aus nicht? War er so unaufmerksam? Ein wenig fühlte er sich, als wäre er in die falsche Welt geraten. Und dann erreichte er das Geländer der Plattform und sah in den Hof hinab, wo gerade der Hausmeister von Süd gen Osttunnel eilte. – Vielleicht heim?

Sofort und eilig machte sich auch Fahach auf den Weg, wieder ins Gebäude und nach links. Kurz hörte er noch den Bruder, der weiter ohne Zuhörer erzählte. Dann war er auch schon erneut nach links abgebogen. Während er sich, so schnell es ging, vorwärts eilte, ohne dabei auf die falschen Bretter zu treten, überlegte er eifrig, was er machen würde, wenn der Hausmeister nicht in sein Zimmer zurückkehrte. Warum hatte er auch nicht noch kurz warten können, zu sehen, wo genau die Gestalt sich hinbewegte, ob er den Osttunnel auch wirklich betrat? Doch selbst wenn dem so war, könnte er genauso gut auch ins Erdgeschoss gehen, nach Norden oder Süden, oder gar in den Garten. Und warum hatte er auch nicht daran gedacht, dem Hausmeister von der Brüstung aus zuzurufen? Aber vermutlich hätte er sich das auch gar nicht getraut.

Schließlich stand er vor dem Zimmer des zu Erwartenden und war fest entschlossen, nur einige Augenblicke zu verharren. War der Mann bis dahin nicht erschienen, so konnte er nur woanders hin sein. Unruhig ging er auf und ab, klopfte sogar einmal an der Tür, sollte der Mann wie durch ein Wunder schneller als er gewesen sein. Doch sie öffnete nicht, ebenso wenig wie der Mann irgendwo erschien und auf ihn zu kam. War er also doch woanders? Seine Unruhe wuchs in Besorgnis, stand kurz vor dem Schlimmsten. Sollte er warten? Oder doch lieber gehen? Gedulden? Oder seinen Füßen folgen?

Letztlich waren es diese, die gewannen, während er innerlich noch haderte und zank und sich nicht entscheiden konnte. Bevor er’s so recht bemerken konnte, trugen sie ihn bereits weiter voran und eilig die Treppe ins Erdgeschoss hinab. Unten stürmte er in den Osttunnel und sah sich dort verzweifelt um. Links war der Hof, doch erkannte er dort nichts. Gegenüber befand sich nur die Tür in der Wand. Rechts war der Garten, der den Großteil des Blickes versperrte. Doch da – dort hinten – ging doch gerade jemand ins Kloster hinein? Da er selber sich keinen guten Rat mehr wusste, folgte er seinem Gefühl und dieser Spur. Wenn jemand aus dem Osttunnel in den Garten ging, gab es nur drei Möglichkeiten, zu denen er gehen könnte: Die Küche im Süden, der Ostflügel oder in den Nordflügel. – Und genau dort hatte er die Gestalt hingehen sehen. Ob es der Hausmeister war oder nicht – er folgte dieser Spur.

Schreitend in den Osthof, am Garten vorbei – in dem gerade ein anderer Bruder seine Anwärter unterrichtete – und durch die Tür. Dort stand er zwischen dem nördlichen Wohnbereich und dem nordöstlichen Lager und gerade schwang die Tür zu letzterem zu. Sollte es so einfach sein? War der Mann einfach nur zurückgekehrt? Geschwind betrat auch er das Lager – und sah vor sich einen Kerl, wohl Städter, der im Hintergrund des Lagers verschwand. Kein Hausmeister.

„Bruder Fahach?“ Wieder der Lagerbruder – und diesmal hatte er Fahach äußerst erschrocken. „Kann ich euch helfen?“

„Ihr schon wieder – erschreckt ihr immer so eure Besucher?“

„Oh – das tut mir leid. Aber kann ich euch helfen?“

Hatte er wirklich vergessen, weshalb Fahach hier gewesen war? Das war doch noch lange keine Stunde her. Oder waren seine Gedankengänge derart, immer dasselbe zu fragen? – Da hatte Fahach seine Antwort. Manchmal war das Leben im Kloster auch ein Fluch.

„Ich war wegen dem Hausmeister hier. Ich habe ihn jetzt durch das halbe Kloster verfolgt und war immer zu spät und das, obwohl ich jetzt eigentlich Unterricht und damit ganz anderes zu tun hätte und jetzt, wo mich die Spur wieder hierher führte, nachdem ich zuvor nie gesehene Bereiche des Klostergebäudes entdeckte – war da nur dieser Städter und ihr, mit euren stets eintönigen und gleich bleibenden Fragen und – ach!“

„Ihr sucht den Hausmeister?“

Fahach glaubte nicht recht zu hören. Er stand kurz vor einem Aus- oder Zusammenbruch.

Doch dann sagte der Bruder: „Der ist doch gerade angekommen, knapp vor euch. Er wird sich wohl hinten endlich um die kaputte Tür kümmern.“

Zu fassungslos, um sofort loszugehen, starrte Fahach den Bruder an und konnte dessen Äußerung kaum glauben, derweil dieser unverständlich zurück blickte. Endlich, als er sich zusammenreißen konnte, ging Fahach in die ausgewiesene Richtung. Im Hinterteil des Lagers befanden sich kleinere Räume, einer davon schien eine verklemmte Tür zu haben. Der Städter, den er bei seiner Ankunft bemerkt hatte, machte sich gerade mit den Händen daran zu schaffen. Doch das war kein Städter, das war – der Hausmeister. Von oben hatte er nicht wie ein Städter ausgesehen. Kurz wusste Fahach nichts zu sagen, da er den Namen des Mannes nicht kannte, doch dieser bemerkte ihn glücklicherweise.

„Ah, Bruder Fahach! Ich dachte, ihr wärt schon bei dem Obersten. Tut mir leid, dass ich hier von Auftrag zu Auftrag hasten muss, aber ihr kennt das sicher.“ Nein, bisher kannte er das nicht. „Ach, dieser schreckliche Unfug -“

„Ja – äh – wisst ihr, ich hätte jetzt Unterricht und müsste mich daher sehr beeilen. Ich habe einfach keine Zeit für lange Gespräche oder Versteckspiele. Könnt ihr mir bitte einfach den Namen nennen?“ Fahach konnte sich kaum zwischen Ehrerbietung und Zorn entscheiden.

„Oh, ja, natürlich – Also -“

Und während Fahach zuhörte, schlug siebzehn mal die Glocke. – Er war zu spät.

 


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