Der schlimmste Tag – IX

 

Diese Glocken läuteten zum Essen und riefen alle herbei in den Speisesaal, was Fahach sich nicht entgehen lassen wollte. Die Jungen wie Gefangene vor sich herlaufen lassend, machte er sich auf den Weg, vom Tor schräg über den Haupthof, durch den Osttunnel zum Gartenhof, daran vorbei und im Süden eintretend. Ab hier konnte jeder die Jungen sehen und sie daher keinen Unsinn mehr anstellen, weshalb er sie alleine in den Speisesaal gehen ließ, während er einen Waschraum aufsuchte. Wasser – neues Seifenstück nehmen – waschen – die Seife wegwerfen.
Zurück im Speisesaal saßen die Knaben tatsächlich an ihrem Tisch. Einige schon anwesende Anwärter bedrängten sie mit Fragen, während von den Brüdern andere lauschten. Auch als Fahach eintrat, drehten sich kurz einige Köpfe zu ihm um. Er, dem das peinlich war, trat schnell ein und ging zur Essensschlange. Erst dort sah er sich nach Man um, der an ihrem Tisch gewartet hatte und jetzt kam, sich vor ihn zu stellen.
„Ich sehe, du hattest Erfolg“, sprach er.
„Wie man’s nimmt. Unfug ist wieder da, bereitet aber Ärger und meinen Unterricht musste ich ausfallen lassen. Jetzt heißt es essen und dann in aller Eile versuchen, wieder zu meinem Ablauf zurückzufinden.“
Dann standen sie auch schon am Essen. Den ganzen Tag hatte er kaum etwas zu sich nehmen können und so wäre er nur zu froh gewesen, hätte sich ihm eine überfüllige Auswahl geboten. Doch trotzdem es warme Suppe, Brotscheiben und Obst gab, fand er nur wenig, dass ihn zufriedenstellen würde. Außerdem sollte ihn Man vermehrt vom Essen abhalten.
„Was wird jetzt mit dem Knaben geschehen?“
„Naja, er will seine Fehler nicht einsehen; nichts besser machen. Habe ich eine andere Wahl, als ihn zu einem Oberen zu bringen? So lauten immerhin die Regeln.“ Vor allem aber wollte Fahach die Aufgabe, sich um den Knaben kümmern zu müssen, möglichst bald wieder abgeben.
„Das gab es lange nicht, dass jemand aus dem Kloster verstoßen werden könnte.“
„Aus irgendeinem Grund scheint er es selber zu wollen.“ Fahach war nicht nach Reden zumute, so ebbte das Gespräch nach und nach ab.
Nach dem Essen nahm er sich die beiden Knaben, die überraschenderweise brav gewartet hatten, und ging mit ihnen zu den Oberen. Ihr Weg war gerade und ohne Umwege, da Fahach diesen noch nie gegangen war, vorbei am Wohnbereich und gleich in den Flügel der Obersten. Als erstes versuchte er sein Glück bei dem, der die Suche nach Unfug angeordnet hatte.
Unruhig klopfte er dort an die Tür und erhielt ein „Herein!“
„Tut mir leid, wenn ich störe – wir haben Unfug gefunden.“
„Sehr gut“, sprach der Mann von seinem Pult aus. „Und wer ist da bei ihm?“
„Das ist Butterlöffel, ein Freund von ihm; er hat ihn gefunden.“
„Ah, sehr gut. – Dann ist jetzt alles wieder in Ordnung, ja?“
„Nun – nicht ganz – Unfug will sich nicht den Regeln beugen, und -“
„Was? Warum das nicht?“
„Er sagt, seine Unberechenbarkeit sei seine Regelmäßigkeit, weshalb er sich dem Kloster nicht beugen müsste.“
Mit dieser Antwort schien der Mann nichts anfangen zu können. „Geh damit lieber mal zum Herrn der Anwärter; ich kann euch da nicht helfen.“
Sollte das bedeuten – schon wieder weiter in der Gegend herumlaufen? Fahach hatte seine eigenen Gewohnheiten, denen er nachkommen wollte: Baden, ausruhen und sich für den Abend fertig machen. Immerhin war heute der schreckliche Tag der Feier, und bis zur Eröffnung war es weniger als eine Stunde. Selbst der Oberste, den er verließ, schien sich bereits vorzubereiten. Immerhin hatten die Oberen zusammen mit dem Ältesten auch die Aufgabe, die Feier zu eröffnen. Die Knaben dagegen schienen sich nur zu langweilen oder unwohl zu fühlen. Aber immer noch folgten sie ihm brav, als er sie zu dem Oberen brachte, der die undankbare Aufgabe hatte, über die Anwärter wachen zu müssen. Dieser hatte seine Tür geöffnet und kam ohne Umwege zur Sache, als er die Drei in seinem Türrahmen erscheinen sah.
„Unfug! – Bruder Fahach, ihr habt ihn gefunden? Ich habe mir schon Sorgen gemacht, als ich davon hörte -“
Der Obere war jemand, den man sofort mögen musste. Gleichzeitig konnte Fahach ihn nicht wirklich als Vorgesetzten ansehen. So wagte er es, gleich dazwischen zu sprechen, da er bei ihm auch kaum Angst verspürte.
„Werter Oberster – ich habe ein Problem mit diesen Knaben, bei dem ihr mir vielleicht helfen könnt.“
„Oh?“ Der Mann sah sie besorgt an. „Um was handelt es sich denn?“
„Dieser Junge hier versteht es nicht, sich den Regeln zu beugen, da er meint, dieses Verhalten sei für ihn selber oberste Gewohnheit und damit doch zu unseren Regeln passend. Gleichzeitig richtet er aber schreckliches Unheil an, wie ihr auch selbst so trefflich bemerkt haben solltet. Was also soll ich mit diesem Knaben anstellen?
Eine Weile lang hüllte sich der Mann in Schweigen, während er sich das Kinn rieb und abwechselnd Unfug an- und ins Leere starrte. „So ein Fall ist noch nie vorgekommen, glaube ich. Aufsässige Anwärter – ja. Anwärter, die bestraft werden mussten – ja. Selbst dass Anwärter verstoßen werden mussten – ja. Davon hatte ich selber aber erst einmal einen Fall, sieht man mal von denen ab, die es einfach nicht schaffen und freiwillig gehen. Ich befürchte, da muss der Älteste entscheiden.“
„Das bedeutet – wir müssen zu ihm?“
Kurz darauf ging Fahach mit den Knaben zum Ältesten. Vom Zimmer des Oberen aus hätten sie nur ein paar Schritte gen West machen müssen. Aber noch nie war er auf diesem Wege gegangen und trotz des Zeitmangels konnte er sich nicht dazu bringen, jetzt diese Gewohnheit aufzugeben. Die Jungen murrten zwar, doch verstanden sie und folgten, als er ein gutes Stück zurück ging, mit ihnen den immer noch schwach von der Sonne beleuchteten Hof durchquerte und die Halle der Gebete betrat. Hier waren gerade ein paar Brüder mehr als nach dem Frühstück, und gedachten der schwindenden Sonne. Für gewöhnlich fände in Kürze sogar eine Ansprache des Ältesten aus diesem Grunde statt, doch würde sie heute durch die Mondfeierlichkeiten ersetzt werden. Für Fahach selbst war das mehr als gut, stand doch so niemand auf der Bühne, als sie drei diese betraten und auch kaum ein Gesicht wendete sich ihnen zu. An normalen Tagen hätte ihn dagegen alle angestarrt und vor Scham wäre er fast zerflossen. Doch so konnten sie unbehelligt die Tür zum Gang des Ältesten durchqueren.
Dort ließ er die Jungen kurz warten, während er den Ältesten suchte und ihn sofort in seiner Arbeitskammer fand, wo er einzelne Schriftstücke zusammen suchte, wohl in Vorbereitung auf den Abend. Fahach war froh, dass er nicht in einem anderen Raum war, erhielt sich doch so für ihn noch ein Hauch von Gewohnheit. Ängstlich und in Eile zugleich blieb er in der Türschwelle der offenen Tür stehen. Da der Älteste ihm den Rücken zu wandte und er es sich nicht traute, ihn sich erschrecken zu sehen, klopfte er an den Rahmen.
Der Älteste drehte sich neugierig um und sah ihn überrascht an. „Fahach? Was machst du denn hier?“
Hatte er überhaupt schon mal selbst zum Ältesten gesprochen? Hatte dieser das nicht immer selbst gemacht? Jetzt musste er es; musste etwas zu dem Mann sagen.
„Ähm -“, glorreiche erste Worte, „der Oberste – der Herr der Anwärter – schickt mich – äh – vielleicht habt ihr es schon gehört, dass einer der Anwärter, mein Schüler, heute die Gewohnheiten verwirrt hat -“, kurz wartete er auf Antwort, doch erhielt keine, „- nun – ich musste meinen Unterricht ausfallen lassen – das habe ich noch nie gemacht! – und den halben Nachmittag nach ihm suchen. Er wartet jetzt draußen, falls sie ihn sehen wollen. Jedenfalls – er meint, sich unseren Regeln nicht beugen zu müssen. – Wenn er sich selber unberechenbar verhält, so meint er, sei das schon seine Gewohnheit, und – naja, der Herr der Anwärter wusste keinen Rat – was man mit dem Knaben machen soll – er meinte, ich solle euch fragen… – ja….“ Kurz überlegte er noch, ob er mehr sagen sollte, doch sein Kopf schwirrte, sein Herz raste und sein Geist suchte sich angenehmere Orte.
Da begann der Älteste zu sprechen. „Eigentlich habe ich für solche Angelegenheiten keine Zeit. Wie ihr wisst, muss ich gleich das Fest eröffnen. Aber es klingt als wäre es dringend. Am Ende läuft der Junge vielleicht sonst noch ganz weg. Es wäre wohl am besten, wenn ihr ihn mal zu mir bringt, damit ich mich mit ihm kurz unterhalten kann.“
Fahach nickte noch, dann eilte er sich, Unfug zu holen.
„Er will mit dir sprechen“, sagte er nur, bevor er den Knaben vor sich her in das Zimmer des Ältesten schob.
„Gut“, sprach dieser dann, „Fahach, du darfst gehen. Es ist nicht mehr lang bis zum Fest und du musst dich sicher noch fertig machen, wenn du schon den halben Nachmittag mit diesem Jungen verbracht hast.“
„Sehr wohl“, sprach Fahach erleichtert, bevor er sich frohgemuts aus dem Staub machte.
Zusammen mit Butterlöffel verließ er die Räume des Ältesten und ging durch die Gebetshalle hinaus auf den Hof. Dort trennten sich ihre Wege. Während Butterlöffel nach Süden in den Wohnbereich ging, um zu seinem Zimmer zu gehen, bewegte sich Fahach gen Ost, durch den Westtunnel, über den Haupthof und durch den Osttunnel. Dort ging er wieder ins Gebäude hinein und wechselte in das nächste Stockwerk. Erst unterwegs fiel ihm auf, wie wenig Zeit er doch noch hatte und fragte sich kurz, ob das überhaupt zum Baden reichen würde. Seine eigene Antwort lautete nein, denn bis zum Erhitzen und Einfüllen des Wassers, baden, abtrocknen und anziehen könnten mehr als eine halbe Stunde vergehen. Doch wirklich sehen würde er das erst, wenn es so weit war.
Im oberen Stockwerk gab es einen ganzen Flügel allein für Bäder, Schwitzräume, Erholungszimmer und dergleichen, während die Sporträume nicht fern waren. Er selber nahm nie am Sport teil, doch suchte er öfter die Bäder auf. Da er nicht zusammen mit anderen baden wollte, musste er aber auch manchmal darauf warten, dass eine Kammer frei wurde. Dem war auch heute wieder so. Scheinbar hatten viele Brüder das Bedürfnis gehabt, sich vor dem Fest noch einmal sauber machen zu müssen. Alle Kammern waren verschlossen und aus den Gemeinschaftsräumen hörte er Stimmen. Um dem Bedürfnis nach Reinheit doch schon mal nachzukommen und sich gleichzeitig die Zeit zu vertreiben, bewegte er sich an eines der Waschbecken, die allesamt frei waren. Aus dem Beistellschränkchen nahm er sich ein frisches Stück Seife, entkleidete es, wusch sich Hände und Gesicht und warf danach die Seife in den bereitgestellten Eimer.
Kurze Zeit später öffnete sich auch bereits eine der Kabinen und einer der Brüder kam heraus. Fahach tat noch kurz so, als würde er sich weiter waschen, bis der Mann den Raum verlassen hatte. Danach ging er an die Wasserstelle. – Wie vermutet: kalt. Das Wasser aufzuwärmen würde aber zu lange dauern. Er war einfach zu spät erschienen. Was jetzt – kalt baden oder ganz verzichten? Er entschied sich für ersteres und nahm sich einen Eimer voll Wasser. Damit ging er in die Kammer. Der Bruder hatte sie erstaunlich sauber zurückgelassen, trotzdem wollte er sie nicht einfach so benutzen. Nachdem er sich noch ein Stück Seife geholt hatte, wusch Fahach die Wanne mehrfach damit und mit Wasser aus, bevor er es endlich wagte, sie mit Wasser aufzufüllen.
Das Wasser war kalt und kaum wagte er es, auch nur die Hand hineinzustecken, doch gehörte es dazu, sich zu waschen. Also wagte er es, nachdem er sich endlich entkleidet hatte, einen Fuß hineinzustecken. Es war nicht so, dass dieser ihm auf der Stelle abfror, doch musste er trotzdem erschauern. Wollte er sich das wirklich antun? Kurz versuchte er sich mit dem Wasser anzufreunden, sich an die Kühle zu gewöhnen, doch entschied er sich schnell anders und setzte sich einfach ganz rein. Kurzzeitig dachte er, er müsse sterben, wollte aufspringen und weglaufen. – Doch war er damit noch nicht fertig. Also griff er nach der Seife, welche er sich schon neben der Wanne zurecht gelegt hatte, und fing an sich zu waschen. Mit den Füßen anfangend, arbeitete er sich dabei immer weiter hinauf.
Draußen, außerhalb der Kammer, hörte er immer wieder Geräusche, wie andere sich öffnende Kammern sowie die Brüder, sowohl beim Verlassen, als auch beim sich miteinander unterhalten. Auch wenn er selbst an diesem Ort so niemals recht vergessen konnte, dass er keine Möglichkeit allein zu sein hatte, fühlte er sich dennoch irgendwie in Sicherheit. So kam es dann auch, dass er darüber völlig die Zeit vergaß und einmal sogar kurz vorm Einnicken war. Doch bevor es soweit kam, hörte es, weit am Rande seiner Wahrnehmung, die Glocken.
Was? Jetzt schon! – Er hatte viel zu viel Zeit im kalten Wasser vertrödelt. Eilig stand er auf, trocknete sich oberflächlich ab, ließ dabei das Wasser ablaufen und zog sich an. Da er der letzte sein dürfte, könnten sich um die restliche Reinigung der Wanne auch gut die angestellten Städter kümmern. Er selber aber verließ hastig die Bäder und eilte los, um zum Fest zu kommen.

 


Das ganze Buch gibt es auch zu kaufen:

Taschenbuch bei Lulu ($6.75)

eBook (PDF) bei Lulu ($1.14)

eBook (Kindle) (€0.00/0.99) & Taschenbuch (€7,48) bei amazon:

Leave a Response

*