Der schlimmste Tag – X

Buch 4: Der Abend

X

 

Von den Bädern aus hatte Fahach eigentlich noch einmal in sein Zimmer gehen wollen, doch blieb ihm dafür jetzt keine Zeit mehr. Stattdessen strollte er den Gang entlang und die Treppe hinab, betrat im Erdgeschoss den Osttunnel und wandte sich auf den Haupthof hinaus. Der Wächter am Tor war ein anderer. Schon hatte dieser kaum noch etwas zu tun, da außer Fahach selber nur noch eine Handvoll Nachzügler zum Festplatz eilte. Das Kloster selbst würde den Abend über größtenteils leer stehen; eine gute Gelegenheit für die angestellten Städter, einiges zu säubern. Fahach achtete kaum auf den Wächter oder die anderen Brüder, doch folgte er ihnen. Die Sonne war bereits dabei, sie für diesen Tag zu verlassen, was bedeutete, dass der Älteste in Kürze seine Ansprache beginnen würde.

Kaum, dass Fahach den Klosterhof verlassen hatte, sah er auch schon den Festplatz, der am Hügel auf einer kleinen Hangwiese lag. Am Ostende, dem Westen zugewandt, hatte man eine kleine Bühne errichtet. Diese stellte eine Nachbildung der Bühne des Gebetsraumes dar, sogar mit Stühlen und Pulten. Einige Gestalten saßen bereits da, welches die Oberen sein mussten. Vor der Bühne war eine große Freifläche, auf der bereits Brüder, Städter und Anwärter versammelt standen und sich teils unterhielten. Am Rande dieser Fläche aber hatte man Städtern erlaubt, einige Stände aufzustellen, an denen es später noch geistige Getränke und Nahrung geben würde; kostenfrei für die Brüder, zu überzogenen Preisen für die Städter. Diese schienen sich aber nicht darum zu scheren, denn schon jetzt pilgerten viele zu diesen kleinen Tempeln, wenngleich sie noch abgewiesen wurden mit dem Hinweis auf die Brüder, da es Essen erst nach der Ansprache des Ältesten geben würde.

Die meisten der Städter schienen sich mit den Regeln abzufinden, einige wenige gaben ihren Ärger von sich – doch die schlimmsten, so fand Fahach, waren die, welche die Regeln von Anfang an missachteten und ihr eigenes Essen mitgebracht hatten und jetzt beim Warten in der Menge herumknusperten und -knausten. Schlimm war neben den geradezu ekelhaften Geräuschen vor allem auch all die Duftnoten, die schon von weitem in seine Nase stiegen und seinen Magen zum Knurren anregten. Etliche der Leute quatschten und tratschten miteinander und unterhielten dabei ihre ganze Umwelt, ob diese all dies wissen wollten oder nicht. Aber auch manche der Brüder waren in dieser Hinsicht kaum besser; einige unterhielten sich sogar gut gelaunt mit den Städtern. Fahach selbst hatte dieses Verhalten nie verstehen können; Städter und das Leben im Kloster passten einfach nicht zueinander. Einst hatte er das Leben von Städten wie diese gesucht, später aber hat er sie geflohen und Schutz im Kloster gesucht. Zu Zeiten wie diesen aber kam die Stadt zu ihm, als dickes, fressendes und quatschendes Ungeheuer, das ihn über Jahre verfolgt hatte und alles beherrschen wollte. Wenn er so Brüder und Städter beisammen sah, wirkte es wie eine Niederlage auf ihn.

Man entdeckte er nirgends, weder im Getümmel der Städter, noch bei den wenigen Brüdern, die sich wie Fahach selbst von den anderen abgrenzen wollten. Vermutlich erkannte er ihn aber auch nur nicht, weil von Hinten alle gleich aussahen. Außerdem war es auch egal, da sie außer manchen Wegen und dem Essen eigentlich nur selten zusammen waren, vor allem aber noch nie zusammen eine Ansprache des Ältesten gehört hatten. So war es immerhin mal wieder ein Stück Gewohnheit, als sich Fahach weit außerhalb des Festplatzes hinstellen konnte, mit dem Rücken an einen Baum. Von dort aus war die Bühne nicht greif- und die Oberen kaum erkennbar, doch sprach der Älteste schon immer laut genug, dass er auch so etwas verstehen würde.

Und dann sah er ihn. Der Älteste musste kurz nach Fahach aus dem Kloster gekommen und im großen Bogen um die Menge gegangen sein. Jetzt näherte er sich vom Klosterweg aus der Bühne. Im Anhang, und das wunderte Fahach doch sehr, kam Unfug. Dieser nahm kurz vor der Bühne seinen eigenen Weg und stellte sich zu den anderen Anwärtern, während der Älteste die Bühne betrat. Wie immer zu solchen Anlässen, war er in seine goldene Robe gekleidet, welche die letzten Sonnenstrahlen einfing und zurückwarf. Sein Pult war eine genaue Nachahmung des Tisches aus der Gebetshalle, und auch die Oberen saßen da, wie sie es immer taten, teils mit Getränken vor sich stehend. Am Pult stehend wartete das Oberhaupt des Klosters kurz. Wie auf Befehl verstummten jetzt auch die hartnäckigsten Klatschtreibenden und sahen zu ihm auf. Er machte, wie es seine Art war, noch einmal einen Blick durch die Runde, als würde er sich jeden einzelnen Besucher ansehen. Dann fing er an.

„Heute ist der einhundert und elfte Tag des Jahres und es ist das vierhundert und neunundachtzigste Mal, dass wir dieses Fest begehen wollen. Nachdem ihr nun alle hier seid, können wir beginnen. Die Sonne war uns heute besonders wohl gesonnen. Sie leuchtete uns den gesamten Tag lang, doch muss jetzt zur Ruhe kommen. Seht, wie sie dort im Westen verschwindet, um uns morgen wieder Licht und Leben zu bringen.“ – Damit blickten alle Brüder und viele der Städter gen West und neigten ihr Haupt, während die letzten Strahlen in Gelb und Rot für diesen Tag endgültig verschwanden. Kurz glühte es noch, dann ward es dunkel, doch hoch oben über ihnen leuchtete ein weißer Mond. – „Aber egal, ob unserer Herrin morgen so sehr erstrahlt wie heute oder uns hinter Wolken Schatten gibt, werden wir auch morgen leben und unser Tagwerk verrichten. Mag die restliche Welt auch dem Irrsinn verfallen; wir hier bleiben eisern. – Nun aber zu dem, weshalb wir alle hier an diesem Abend zusammen gekommen sind. Denn heute gedenken wir auch der Tochter der Sonne, dem weißen Mond, welche dort so schön über uns steht und uns Licht noch im Dunkel gibt. So lasst uns auch die Tochter der Sonne preisen.“ – Und wieder sahen die Brüder und mittlerweile fast alle Besucher in die selbe Richtung, hoch zum strahlend weiß und voll leuchtenden Mond. – „Dieser Abend gehört allein dem Mond, welchen wir feiern wollen. Darum sind wir, die Brüder des Klosters der Sonne, wie jedes Jahr seit so vielen vergangenen Jahren hier zusammen gekommen. Doch ihr anderen, die ihr aus der Stadt oder sogar von weiter her gekommen seid, allein um mit uns zu feiern – seid willkommen. Wir freuen uns, dass ihr hier seid. Da dies ein Fest der Freude und nicht nur der Andacht ist, werden, sobald wir endlich hier die Bühne frei machen,“ – ein paar der Zuschauer grinsten und glucksten verstohlen. – „Musiker zu eurer Unterhaltung auftreten.“ – Ein paar der Städter konnten die Regeln der Ruhe hier nicht mehr einhalten und machten ihrem Wohlwollen lautstark Luft. – „Und auch für euer leibliches Wohl soll gesorgt sein. Aber vorher lasst mich noch etwas zur Stadt und zum Kloster sagen. Seit undenkbar langer Zeit schon sind diese beiden zusammen, haben gutes und schlechtes erlebt. Einige von euch arbeiten vielleicht bei uns, andere haben Angehörige oder Freunde hinter den Mauern. Schon immer kauften wir bei euch ein und stellten anderes für euch her. Früher boten wir auch Lehrer und Berater, waren häufiger bei euch. Früher hatte man auch vollstes Verständnis für unsere Art zu leben, heute aber bemerken wir immer häufiger, wie entfremdet man in der Stadt gegenüber unseren Regeln ist. Wir wissen, dass ihr anders lebt als wird, doch ist es für uns wichtig, dass ihr uns versteht. Nach Beratung mit dem Stadtrat wurde daher beschlossen, die Beziehungen wieder zu verstärken. Wir werden sowohl in der Stadt als auch bei uns häufiger Veranstaltungen abhalten, bei denen wir euch von unserem Leben erzählen wollen. Alle, die mehr wissen wollen, sind herzlich eingeladen. Ebenso eingeladen sind alle, die noch eine Arbeit suchen, denn Helfer brauchen wir immer wieder. Deshalb haben wir einen Stand hier drüben errichtet, an dem ihr euch sowohl über unser Leben, als auch über Arbeitsmöglichkeiten bei uns beraten lassen könnt. Jetzt sei aber genug der zahlreichen Worte; lasst uns endlich dem Fest zuwenden.“ – Nachdem die Menge vorerst still gewesen war, als würden sie allesamt selbst öffentlich angeprangert, wagten wenige nun wieder zustimmende Rufe. – „Darum entzündet die Lichter, damit wir sehen können!“ – Sowohl rund um den Festplatz, als auch an Ständen und Bühne wurden daraufhin Fackeln entzündet und in Erde und Halterungen gesteckt. – „Und habt viel Spaß; solange ihr für diesen Abend wollt!“

Diesmal jubelten viele, sowohl Städter als auch Brüder, derweil der Älteste die Bühne zusammen mit den Oberen verließ. Sowohl der Älteste selber als auch viele Obere kehrten wohl jetzt schon heim ins Kloster und überließen die Arbeit des Festes den Brüdern. Die Anwärter dagegen hatten die Aufgabe gehabt, die Pulte von der Bühne zu holen, was sie in fantastisch schneller Zeit erledigten. Da kamen auch schon bunt zusammengewürfelte Musiker, wurden erfreut begrüßt und luden zum Tanze. Während Fahach wieder nichts mit sich anzufangen wusste, entdeckte er endlich Man am Rande der Massen und hielt auf ihn zu. Wie vermutet war dieser in der Menge der Brüder versteckt gewesen. Jetzt aber sah auch er Fahach und kam ihm entgegen. Außerhalb der Festfläche, abseits der Fackeln, begegneten sie sich, während die Menge – hauptsächlich Städter – zwischen den Fackeln zu tanzen und zu feiern begann. Andere, darunter viele Brüder, gingen zu den Ständen, um sich etwas zu essen oder trinken zu besorgen.

„Na -“, begrüßte Man, „wie gefiel dir die Ansprache?“

„Ganz gut, doch gefiel mir der Schlussteil nicht. – Wir haben so schon genug Probleme mit diesen Städtern, da sollte er sie nicht auch noch anlocken.“

„Ah – aber das hatten wir doch schon. – Willst du etwa selber putzen und kochen?“

„Wenn jeder sich um das selber kümmert, was er braucht und verursacht – dann dürfte es nicht so schwer werden.“

„Und wann kommen wir dann noch zu den wirklich wichtigen Aufgaben? Der Sonne dienen, studieren, Werke schreiben, die Anwärter lehren, -“

„Mit solchen Anwärtern wie Unfug kann ich das doch schon jetzt nicht mehr. – Die Auswahl der Anwärter wird immer schlechter. – Aber wir könnten auch die Jungen die Arbeit der Städter übernehmen lassen; sie haben sowieso zu viel Freizeit. – Lass uns mal weiter weg gehen, hier versteh ich mich selber ja kaum noch.“

Und sie gingen, ein wenig ziellos, vom Tanzbereich weg.

„Damit wären wir dann aber auch wieder am Anfang. – Wenn der Älteste nicht für uns wirbt, werden kaum neue Anwärter kommen. Am Ende wird die Bruderschaft immer kleiner und irgendwann wäre sie Geschichte.“

„Gibt es denn keine andere Lösung?“

„Ich fürchte nicht.“

Mittlerweile waren sie unfern des Endes einer Schlange zu einem der Stände angelangt.

„Wie wär’s,“ fragte Man, „wollen wir uns etwas zu essen holen?“

Jetzt fiel auch Fahach auf, wie wenig er an diesem Tag bisher doch gegessen hatte.

Oh – ja – das dürfte nicht schlecht sein.“

Sie stellten sich in der Schlange an. Wie es Fahach gewöhnt war, stellte er den Schlusspunkt der Reihe dar, die nur langsam vorrückte. Doch war er so eine öffentliche nicht gewohnt und sollte es auch sehr schnell bereuen, sich überhaupt erst angestellt zu haben. Nach und Nach kamen weitere Leute, und alle stellten sie sich hinter ihn. Wären es Brüder gewesen, die er zumindest flüchtig kannte, die um Besonderheiten wie der seinen wussten, hätte er damit leben können. Doch es waren fast ausnahmslos Städter. Er wagte es nicht, zurückzublicken und in ihre Gesichter zu sehen, doch wandte er den Kopf so weit, dass es aussah, als würde er etwas in der Gegend beobachten, wobei er aber die Städter aus den Augenwinkeln sah. Gerade hinter ihm waren zwei ältere, untersetzte; ein Pärchen, wie es aussah. Die Frau stand links hinter ihm, der Mann dagegen rechts. Während die Reihe sich fortbewegte, auf den Stand zu, achtete Fahach bereits darauf, Abstand zwischen sich und den Vorderen zu bekommen, um nicht aufzustoßen. Doch schien diese Art der Vorsicht und Rücksichtnahme den Hinteren unbekannt. Das Pärchen ging stets so weit, dass sie immer wieder mit ihm zusammenstießen, dass es fast den Verdacht erweckte, sie wollten ihm so nahe sein. Doch ihm gefiel dies nicht, er wollte Freiraum. Stattdessen hörte er sie hinter sich schniefen, husten und quatschen und roch ihren fauligen Atem. Immer, wenn sie husteten, hielt er den Atem an, in der Hoffnung, nicht zu erkranken. Gleichzeitig spürte er wieder dieses Stechen wie von tausend Nadeln, während sich der Schweiß der Angst seine Bahn suchte. Unruhig sah er sich um, wollte weg aus dieser Schlange, hielt es zwischen all diesen Leibern nicht mehr aus.

„Weißt du schon, was du willst?“ fragte Man plötzlich in seine Angst hinein. „Heute könnten wir uns wirklich mal vollstopfen!“ Er hatte gut reden; hinter und vor ihm standen nur Brüder.

„Oh – äh – könntest du das auch alleine machen? Und ich warte dort hinten auf dich?“

Man, der den Bruder Fahach bereits seit vielen Jahren gut kannte, nickte. „Natürlich – geh nur. Aber dann muss ich halt für dich was aussuchen.“

Fahach verabschiedete sich dankbar und hielt auf den Baum zu, von dem aus er die Ansprache gesehen hatte. Man hatte neben den Ständen auch Tische und Bänke aufgestellt, doch da an diesen kein Platz mehr war, wollte man nicht mit Fremden kuscheln und ihnen beim Schmatzen zuhören, gab es keine andere Wahl. Kurz fühlte er sich albern, schämte sich für seine Angst, doch konnte er nichts dagegen tun. So war er schon immer gewesen und deshalb war auch ins Kloster gegangen. In der einsamen Ruhe am Baum ließ die Angst auch sofort nach, und statt ängstlicher Hitzeanfälle wurde ihm langsam kühl.

Und dann kam auch Man, gerade rechtzeitig zum Schlagen der Einundzwanzig.

 

 

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