Der schlimmste Tag – XI

Zusammen setzten Man und Fahach sich auf einen Holzstamm, der bei der Befriedung des Hügels zur besseren Sicht entstanden und immer noch nicht von den zuständigen Städtern weggeräumt worden war. Von dort hatten sie einen guten Überblick, ohne im Mittelpunkt zu sein. Das Essen war ihnen auf hölzernen Tellern gegeben worden, um die es nach der Feier nicht schade sein würde. Selber war das Essen wenig eindrucksvoll, doch genügte es Fahach nach diesem Tag völlig. Kurz saßen sie schweigend nebeneinander und aßen, beobachteten das Treiben und dachten nach, doch vermochte es Man wie so oft nicht, seinen Mund gänzlich zu halten.
„Könnte es sein, dass es mehr Besucher sind als letztes Jahr?“
„Oh. – Ich dachte schon, das liegt an mir.“
„Das wird den Ältesten sicher erfreuen.“
„Warum? Der liegt doch jetzt sicher schon im warmen Bett, hat seine Ruhe und freut sich, nicht bei uns sein zu müssen. Und die hier – die meisten sind doch bloß zum Vergnügen hier und werden uns morgen früh schon wieder vergessen haben.“
„Na, soviel wie die trinken wohl erst Übermorgen. – Genau. – Ich komm gleich wieder.“
Tatsächlich hatte Man schon aufgegessen und machte sich jetzt plötzlich auf, zurück zu den Ständen. Fahach blieb verwundert zurück, doch genoss auch die Ruhe. Als er selber fertig war mit seinem Mahl und den Teller neben sich auf den Boden sinken ließ, kam Man zurück. In den Händen zwei große hölzerne Becher haltend, grinste er kurz und reichte Fahach einen davon. Dieser wusste sofort, um was es sich handelte, grinste seinem Begleiter zurück und bedankte sich.
„Ja, so wird der Abend sicher leichter zu ertragen sein.“
Wieder saßen sie nebeneinander, jetzt aber den geistigen Getränken frönend. Vielleicht sollte er das öfter machen, dachte Fahach bei sich. – Einfach, um die Welt ertragen zu können. Doch irgendwie fand er nie die Verlockung dazu.
„Oh – guck dir das an“, sagte er auf einmal, als er eine Frau auf einer der Bänke entdeckte, und deutete auf sie. „Die Städter lassen sich auch immer mehr gehen. Kein Wunder, dass sie immer unzufriedener werden. Kein Wunder vor allem auch, dass ich so etwas hinter mir lassen wollte.“
„Oh ja, vielen täte ein Ausflug zu uns gut. Aber wenn wir schon bei Frauen sind; mir ist da eine aufgefallen, die immer wieder in deine Richtung sieht.“
Sofort wurde Fahach unruhig und bekam feuchte Hände. Das war ein böser Witz.
„Scherz nicht mit mir; du bildest dir das ein.“
„Das tue ich sicher nicht. Aber sie sieht immer wieder hierher.“
„Dann sieht sie bestimmt dich an.“
„Kann nicht sein. – Sie hatte auch her gesehen, als ich weg war.“
„Wen meinst du?“
„Lieber nicht, sonst drehst du noch völlig durch.“ Als er Fahachs besorgten Blick erkannte, lachte er kurz und schlug ihm so stark auf den Rücken, dass dieser sich fast verschluckte. „Trink mehr, dann wirst du es bald vergessen. Denk lieber daran, was du das nächste Mal mit Unfug anfangen wirst. Es wirkte nämlich nicht so, als müsste er das Kloster verlassen.“
Eine schlechte Nachricht kam wirklich selten allein. „Ja, das dachte ich auch…“
Aber tatsächlich war Fahach in Gedanken mehr bei dieser Frau, von der Man gesprochen hatte, nippte an seinem Getränk und starrte in die Menge, um etwas zu erkennen. Die Besucherreihen waren sehr gemischt. Von Eltern, die mitsamt ihren Kindern da waren, über noch ansehbare Gestalten hin zu solchen, bei denen Fahach aufgrund Alter oder Körperumfang lieber weggesehen hätte. Doch irgendwie musste er auch hinstarren, wie bei einer Krankheit, bei der man nicht wegsehen könne. Teilweise fühlte er sich beobachtet. Gab es diese Frau wirklich? Würde sie seine Bewegungen, seine Handgriffe sehen? – Bloß nicht den Becher fallen lassen.
„Ah, morgen wird wieder ein ganz normaler Tag sein.“
„Das hoffe ich. – Heute ging schon genug schief, dass es für die nächsten Wochen reichen dürfte.“
„Stell dir mal vor, es würde deine Gewohnheit werden, dass jeden Tag etwas fehl läuft. – Wie wäre das?“
„Hör‘ auf damit – das ist grauenvoll. Da hätt‘ ich auch in der Stadt leben können.“
Eine Weile saßen sie noch so da und Fahach versuchte herauszufinden, ob er beobachtet wurde, da sprach Man plötzlich wieder. „Sieh mal, da hinten.“
„Was?“ Verwirrt versuchte Fahach zu verstehen, was gemeint war, doch konnte „Da Hinten“ für so vieles stehen und gerade in dem Moment fing sein Geist auch noch an sich zu drehen. – Ach, vielleicht sollte er wirklich häufiger etwas dieser geistigen Getränke zu sich nehmen.
„Na da hinten.“
Fahach konnte nicht anders, als das kurzzeitig sehr lustig zu finden und kicherte, als wäre er ein kleines Kind. „Ich weiß immer noch nicht, was du meinst.“
„Da hinten, rechts von der Bühne, in den Schatten zwischen den Bäumen. – Siehst du es?“
Hatte Man wirklich geglaubt, dass er das bei einem „Da Hinten“ erkennen würde? Dass er bei einer so ungenauen Aufgabe auch nur annähernd in die richtige Richtung gucken würde?
„Ich weiß nicht so recht – was meinst du denn?“
„Das sind doch Anwärter, oder? Unsere Anwärter!“
„Ja und? – Ich seh‘ ni- oh, doch.“ Da sah er auch die drei Anwärter, die zwischen zwei Bäumen standen und irgendwas in den Händen hielten. – Aber er verstand immer noch nicht. „Und?“
„Siehst du nicht, was die da machen?“
„Nein.“
„Ich wette, die rauchen da.“
„Oh.“ Sollte er entsetzt oder neidisch sein? – Oder sich über die Belanglosigkeit wundern?
„Du weißt genau, dass es verboten ist.“
„Abends müssen wir nicht auf sie aufpassen…“
„Trotzdem – ich gehe jetzt zu ihnen hin. Kommst du mit?“
„Oh – ich weiß nicht – ich glaube, ich müsste mal hier hinter den Baum -“
„Na gut. Dann mache ich das selber. Oder hole zur Not noch den Herrn der Anwärter. – Bis nachher.“ Damit ging er, den das Getränk wohl auch zu Kopf gestiegen war, und ließ Fahach zurück.
Dieser sah ihm kurz nach, bevor er sich entschloss, seinem eigenen Hinweis zu folgen. Viel zu selten hatte er selbst dazu die Gelegenheit. Als er zurückkam, wünschte er sich aber fast, er wäre nicht gegangen, wäre mit Man zu den Anwärtern. Denn nichts hätte schlimmer sein können, als das, was ihn jetzt erwartete.
Plötzlich stand sie da. Eine fremde Frau – gut, für Fahach waren alle Frauen fremd – in einem gemeinen Kleid der Städter, in der Hand einen Becher. Später sollte Fahach sich äußerst deutlich an sie erinnern können. Das Gesicht, so gewöhnlich wirkend, verstrahlte dennoch etwas; die Haare, rotbraun, schulterlang und offen; vor allem die Augen mit dem unruhigen und doch starrenden Blick. Fahach entdeckte sie nicht sofort, war zunächst gedanklich dabei, zu seinem Sitzplatz zurückzukehren. Doch kaum war er da, sah er sie dort, mehrere Schritte weit entfernt und ihn ansehend.
Sofort wurde er unruhig. Was wollte sie? Warum sah sie so zu ihm herüber? Sollte er sich setzen oder nicht? Wenn er stehen bliebe, wie schlecht würde das wirken? Würde er sich setzen, wie könnte er das schaffen, ohne sich lächerlich zu machen? – Er musste sich setzen, es ging nicht anders, alles sonst würde seltsam aussehen. Unbeholfen ging er dem nach, achtete auf jeden Handgriff, jede Bewegung – und doch war eine jede davon ruckhaft und falsch. Als er schließlich saß, war es aufrecht und nicht entspannt, wie er sonst tun würde. Mit den Händen ergriff er den Becher, welchen er auf dem Boden zurückgelassen hatte, drehte und wendete ihn zwischen den Fingern, kannte bald jede einzelne Furche im Holz und versuchte beschäftigt auszusehen. Wurde es wärmer? Nein, wieder einmal spürte er dieses Stechen des sich anbahnenden Angstschweißes und überlegte fieberhaft nach einem Ausweg. Wo war Man? Warum hatte er ihm dies angetan, warum hatte er ihn allein zurückgelassen? Wann würde er endlich zurückkommen? Konnte er etwa seine Gedanken nicht lesen, seine stillen Schreie um Hilfe, um Rettung? Vielleicht sollte er einfach losgehen, weg von hier, an einen anderen Ort. An den Rand der Menge, die mit ihrer Masse Sicherheit bot oder zu Man und den Anwärtern.
Er wollte schon aufstehen, wollte losgehen, sah hoch – und sie an, wie sie vor ihm stand.
„Du bist doch einer von denen aus dem Kloster, oder?“ Ja, einer der Bruderschaft. – Doch der Gedanke ging zu lange in seinem Geist um, als das er ihn hätte aussprechen können. „Darf ich mich setzen? Und wieder überlegte er, was er sagen, wie er antworten, auf welche Art er verschwinden könne – doch da saß sie auch schon. „Warum sitzt du hier so allein?“
„Äh – ein Freund -“
„Ja, den habe ich gesehen. Aber er ist gegangen. – Wie findest du das Fest?“
„Nun -“, seine wirkliche Meinung hätte ihn auszudrücken Stunden gefordert, doch stand er unter dem Druck, schnell antworten zu müssen, „ganz nett.“
„Ah“, sprach sie und nickte, „ich bin das erste Mal hier. Wusste gar nicht, dass es so etwas gibt. Und dass sich hier so nette Leute ‚rumtreiben.“
Sein Verstand raste, als er versuchte, eine Antwort zu finden, etwas zu sagen, einen Ausweg zu finden. Seine Finger spiegelten das wieder und drehten und wendeten den Becher immer schneller.
„Er findet aber jedes Jahr statt.“ Was für eine sinnlose Antwort – doch sie verschaffte Zeit.
„Was macht ihr da oben eigentlich? Da im Kloster?“
Was sollte man darauf erwidern? „Na – wir leben da – forschen, lernen, lehren. – Einige stellen auch Waren für die Stadt her. – Also – wir sind wichtig für die Stadt. -“
Kurz lachte sie, was ihn erschrak. „Keine Sorge, ich soll dich nicht aushorchen und dafür sorgen, dass ihr geschlossen werdet, falls du das fürchtest.“
„Oh – äh – nein – es stimmt halt nur -“
„Ich habe gehört, ihr macht immer nur dasselbe. Stimmt das auch?“
„Naja – wir leben nach festen Gewohnheiten und Regeln.“ Er verspürte nicht wirklich Lust, dies einer Außenstehenden, Unwissenden beizubringen, und seine Angst schwang plötzlich in Abneigung um.
„Verstehe. Wie bist du da gelandet?“
Wieder verspürte er diese Abneigung, die Abweisung, das Gefühl, sie geistig wegzustoßen. „Es war das richtige. – Ich musste es tun.“
„Frauen nehmt ihr wohl nicht auf, wie?“
Auf den Gedanken war Fahach noch nie gekommen. Es würde sicherlich alles durcheinander bringen. – Er sagte nichts.
„Manchmal will ich auch weg aus der Stadt. Da wäre etwas wie das Kloster sicher nett.“
„Kann sein.“
„Du sprichst nicht viel, wie?“ fragte sie mit leichter Freude.
Fahach aber kam das wie ein Angriff auf sein innerstes Selbst, einen Stich in seine Mitte vor. Sofort baute er seine geistige Verteidigung weiter aus, suchte nebenbei nach einer Antwort – und fand keine.
„Naja, ich finde das ganz gut“, sagte sie. „Da, wo ich herkomm‘, müssen alle andauernd sprechen, als würde es sie sonst nicht geben.“ So wie du? Fragte sich Fahach. „Du sitzt hier so schön ruhig, abseits all der Spinner da – manchmal braucht man das. – Was dagegen, wenn ich noch bleibe? Du bist nett.“
Was sollte er da bloß sagen? Geh bitte, du kommst mir zu nah? – Und doch – irgendwie gefiel ihm das. – Der größere Teil von ihm aber wollte fliehen. – Immer noch. „Nein.“
„Schön. – Vielleicht können wir uns ja öfter hier mal sehen, auch nach dem Fest?“
„Vielleicht…“
Sah man ihm seine Angst nicht an? War er nicht bleich oder .- im Gegenteil – rot?
„Gut! – Sag mal – du hast da doch was getrunken. War es das Zeug von dem Stand da hinten?“
Er folgte ihrem Fingerzeig, doch wusste er es nicht. „Keine Ahnung. – Der Bruder, der mit mir hier war, hat es von irgendwo geholt -“ Sein bisher längster Satz in diesem Gespräch.
„He – naja – Lust auf mehr? Ich könnte uns was holen. – Dann könnten wir zusammen was trinken.“
„Ja, warum nicht.“ Vielleicht würden ihm mehr geistige Getränke helfen, seine Angst zu vergessen.
„Und du wirst nicht weglaufen?“
„Was?“
„Du wirst immer noch hier sein, wenn ich zurückkomme?“
„Oh – ja – sicher.“ Klang er zuversichtlich oder nicht?
Ihr schien es zu reichen, denn sie stand auf, nahm ihm den Becher ab – das Berühren ihrer Finger ließ ihn noch einmal aufschrecken – lächelte ihn an und verschwand.
Er aber blieb zurück. – Zurückbleiben? Sollte er wirklich bleiben? Irgendwie war sie nett. – Und doch – sie machte ihm Angst. In der Ferne sah er Man bei den Anwärtern – immer noch – und sie schienen viel zu besprechen zu haben. Gehen oder bleiben? Er überlegte hin und her, fühlte sich innerlich zerrissen. Sie sah er nicht mehr, war verschwunden in der Menge. Sollte er auf sie warten? Schließlich entschied er sich – und stand auf.
Er wagte es aber nicht, ohne Umweg zu Man und den anderen zu gehen. Was, wenn sie ihn auf seinem Wege sehen würde? Er wusste nicht, was er schlimmer finden würde: Wenn sie ihn bei seiner offensichtlichen Flucht sehen würde und enttäuscht wäre, würde ihn dies ebenso treffen, als wenn sie ihm erzürnt nachkäme.Also machte er einen riesigen Bogen, ging zunächst die Anhöhe hinauf gen Kloster. Kurz überlegte er sogar, wirklich schon heim zu gehen, sich in sein Bett zu legen. – Doch noch nie hatte er so etwas vor dem dreiundzwanzigsten Schlag getan.
Der Weg zum Kloster war vom Festplatz aus nicht einsehbar, wenn es auch das Kloster selbst sehr wohl war. So kreuzte er an dieser Stelle den Weg und begab sich auf der anderen Seite in die Senke, welche an der Seite des Weges war. Dort gehend dürfte man ihn ebenso nicht vom Platz aus sehen. Er folgte dem Weg also, bis er über die Anhöhe des Dammes die Bäume ragen sah, hinter denen Man und die Anwärter sein müssten. Vorsichtig erklomm er den Weg, bis er einen Blick auf Platz und Bäume erheischen konnte, zwischen denen er selber gesessen hatte. Der Baumstamm war verlassen, es gab dort kein Zeichen von ihr. Den Platz beobachtete er länger und forschend, doch sah er sie auch da nicht. – Doch, an einem der Stände war sie fast so weit, eine Bestellung aufzugeben.
Sein Herz fing an zu rasen, als sei er bei einem Wettrennen und kurz davor, zu verlieren. Er beschleunigte seinen Schritt und sah vor sich jetzt auch die Knaben: Unfug und zwei andere. – Und daneben Man. Doch nein, er schimpfte nicht, redete auch kaum – sondern lachte.
Da hörte Fahach vom Kloster her die zweiundzwanzig Glockenschläge.

 


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