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Der Mensch determiniert durch unbewusste Motivierung. Erläutert in der Psychopathologie des Alltags von S. Freud.
Freud’s Vergessen und Versprechen in der Psychopathologie des Alltagslebens.
1. Einleitung
2. Das Vergessen.
3. Deckerinnerungen
4. Psycholinguistik: Versprechen, Verlesen, Verschreiben
5. Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen.
6. Vergreifen, Symptomhandlungen und Irrtümer
7. Aberglaube und der Freie Wille.
8. Fazit
1. Einleitung
Sigmund Freud publizierte 1901 sein Werk ‘Psychopathologie des Alltagslebens. Über Versprechen, Vergessen, Vergreifen, Aberglaube und Irrtum’. Hier wendet er seine Psychoanalyse an verschiedenen Beispielen – meist welchem aus seinem eigenen Leben, von Patienten oder Freunden – mit der Theorie, dass dies alles zurückzuführen sei auf unterbewusste Vorgänge. Auch führt er hier den später so genannten ‘Freudschen Versprecher’ ein, ebenso wie er in diesem Werk zu einer Konklusion der Frage kommt, ob es nun einen freien Willen gibt oder nicht.
Freud war kein moderne Naturwissenschaftler und so erinnert sein Buch mehr an das eines Philosophen. Seine Erkenntnissen gründen sich größtenteils auf eigene Beobachtungen und Überlegungen. An anderen Autoren zitiert er eigentlich nur Meringer und Mayer von 1900 sowie Wundt, Zeitgenossen von ihm. An einer Stelle erwähnt er zwar auch durchgeführte Experimente, doch sind diese in der Minderheit. Aber eines immerhin unterscheidet ihn stark von einem Philosophen: er behauptet immerhin nicht, die absolute Wahrheit gefunden zu haben und dass weitere Forschungen nötig seien.
Diese Arbeit möchte die wichtigsten Punkte des Werkes herausarbeiten und präsentieren.
2. Das Vergessen.
Freud unterscheidet in zwei Kapiteln zwei Arten von Vergessen: das von Eigennamen und das von Fremdwörtern. Kurz gesagt also von Wörtern.
Das Vergessen nennt er das Versagen einer psychischen Funktion, nämlich der Erinnerung.1
a) Eigennamen, so Freud, vergisst man leichter, doch man erinnert sich stattdessen an damit assoziierte Ersatznamen. Hierbei wird man durch das vorhergehende Thema beeinflusst. Als mögliche Ursachen für das Vergessen führt er an:
-
Man wollte etwas vergessen (bewusst oder unbewusst).
-
Das Thema wechselte bevor man das vorherige fertig behandelt hatte und man muss weitere Assoziationen unterdrücken, die nun wieder hervor kommen.
Die Ersatznamen haben auf jeden Fall Elemente (v.a. In Form von Silben) des Verdrängten und des vorhergehenden Themas.
Das Beispiel für die Eigennamen war sein Vergessen eines italienischen Malers.
b) Fremdwörter vergisst man je nach allgemeinem Befinden und Wachheitsgrad. Dies führt am Beispiel eines lateinischen Pronomens aus. Der Betroffene hatte hierbei Assoziationen zu Elementen seiner Vorstellung sowie eines unterbewussten Wunsches. Als Lösung führt er folgendes an:
-
Den Assoziationen folgen um unbewusste Vorstellungselemente hervorzuholen.
-
Assoziationen folgen die zeigen, was unangenehm ist und was verdrängt werden soll.
3. Deckerinnerungen
Als Deckerinnerungen fasst Freud vor allem frühe Kindheitserinnerungen auf, die fester im Gedächtnis sitzen als neuere Erinnerungen. Warum dem so ist, kann er nicht sagen, vermutet aber, dass in der Kindheit die Gewichtung, was zu erinnern sein soll, anders ist.2 Wie der Name schon sagt ‘decken’ diese Erinnerungen spätere, v.a. solche, an die man sich gar nicht erinnern will. Das ganze kann regressiv, progressiv oder gleichzeitig3 ablaufen. Dem Menschen ist völlig unbewusst, dass diese Erinnerungen überhaupt existieren.
4. Psycholinguistik: Versprechen, Verlesen, Verschreiben
Diese Kapitel sind die längsten im Text. Er greift hier vor allem auf Meringer und Mayer (1900) und ihre Erkenntnisse zurück, v.a. bei den Versprechern, welche für ihn eine Vorstufe von Paraphasien sind.
-
Arten: Vertauschungen, Antizipation, Postposition, Kontamination, Substitution.
-
Betroffen Einheiten: Wort, Silbe, Satz.4
Sobald wir das erste Wort eines Satzes beginnen, so Freud, realisieren wir innerlich bereits alle folgenden. Meringer und Mayer sehen hierbei eine Wertigkeit der Phoneme5, in der Art, dass der Anlaut eines Wortes der wichtigste ist. Als Beweis führen sie an, dass man immer den korrekten Anlaut hat, wenn man ein Wort vergisst. Dem widerspricht Freud aber, dass es nicht immer so sein muss.6
-
Antizipation und Postposition: entstehen durch einen Bestandteil derselben Rede oder einer zweiten Fassung, die man sich innerlich zurecht gelegt hat, aber aus verschiedenen Gründen nicht äußert.
-
Äußere Einflüsse: sind solche, die man nicht aussprechen will, an die man aber denkt.
Er gratuliert Meringer und Mayer auch zu der Einsicht, dass manche Ursachen für Versprecher etwas komplexer sein können. Trotzdem führt Freud noch Wundt und seine Völkerpsychologie auf. Wundt sprach davon, dass es weitere psychische Einflüsse gibt wie den freien Fluss der Assoziationen und das Mischformen möglich seien. Diesem stimmt Freud völlig zu. Den Assoziationsfluss nennt er hierbei positiv, eine nachlassende Aufmerksamkeit negativ. Er selber fand in seinen Beispielen auch immer mit schuldig seiende äußere Einflüsse, nicht nur Innere. In diesen Beispielen fand er folgende Ursachen:
a) Ungeduld
b) Leichter auszusprechene Phoneme7
c) ‘Ansteckung’, wenn jemand anders schon Fehler machte
d) unbewusst vorhandene Gedanken
e) ein störender obszöner Anklang
f) eine Abneigung gegenüber den Erinnerungen oder Assoziationen
Beim Verlesen findet er ähnliche Ursachen:8
a) Beschäftigt sein mit Prioritätsgedanken
b) Assoziationen
c) unterschwellig vorhandenes
d) ein unterschwelliger Wunsch
e) unbewusste Abneigung
f) unbewusste Angst
Man sieht, das meiste basiert auf unbewusst vorhandenem Material, dass an die Oberfläche kommt.
Das Verschreiben soll laut Wundt häufiger geschehen als das Verlesen und laut Freud die selben Ursachen haben: unbewusst vorhandenes.
Letztlich führt der den Punkt des Vorlesens an, dass man dabei fast immer abschweift, seine Gedanken woanders hin lenkt, dem Text kaum Aufmerksamkeit schenkt und trotzdem alles fehlerfrei vorliest.9
5. Vergessen von Eindrücken und Vorsätzen.
Freud führt noch zwei weitere Arten des Vergessens an. Im Gegensatz zu den ersteren basieren diese aber nicht auf Erlerntem, das vergessen wird, sondern auf persönlichen Erfahrungen.
Vergessen definiert Freud als spontan, einen bestimmten zeitlichen Punkt oder Ablauf betreffend und dass es eine Auswahl trifft unter Eindrücken und zugehörigen Details.Er selber schildert sich hierbei als bei gutem Gedächtnis, der Kunstgriffe anwendet, um nicht zu vergessen. Doch auch ihm passierten einige Dinge, auf denen seine Beispiele und Erkenntnisse basieren, warum man vergisst:
a) aus Rücksicht (um dem anderen nicht zu schaden)
b) aus Urteilsstörung (‘Liebe macht blind’)
c) aus Abneigung (auch Hass macht blind)
d) aus schlechter Erfahrungen
e) aus Neid (wird etwas unbewusst vergessen, um den anderen zu schaden)
Laut Freud werden bevorzugt peinliche und unangenehme Situationen vergessen.10 Er nennt es motiviertes Vergessen, da das Unterbewusstsein ein Interesse daran hat, etwas zu vergessen. An Gründen sieht er in seinen Beispielen hierbei
-
bei Eindrücken: a) schlichte Erinnerungstäuschung, b) das eigene ICH stört die objektive Betrachtung des Geschehenen.
-
bei Vorsätzen: a) Motivänderung/Meinungsänderung (etwas ist nicht mehr wichtig)
Letztlich schildert er, dass der allgemeine Glaube herrscht, dass Vergessen erlaubt ist bei unwichtigen Dingen, wenn man aber wichtige Dinge vergisst, wird einem vorgeworfen, es wäre einem nicht mehr wichtig. In gewisser Weise aber stimmt dies auch, denn die psychische Wertschätzung hat sich geändert, es entsteht ein unbewusster Gegenwille.
Am Ende des Buches greift er dieses Thema noch einmal auf und sagt, dass die vorgefundenen Phänomene zurückführbar sind auf unvollkommen unterdrücktes psychisches Material, das vom Bewusstsein verdrängt aber nicht verstummt ist.
6. Vergreifen, Symptomhandlungen und Irrtümer
Ein Vergreifen ist für Freud eine Abirrung von der ursprünglichen Intention und hat Ähnlichkeit mit der später erläuterten Symptomhandlung. In seinen Beispielen findet er folgendes:
a) Wohlwollen/-fühlen bringt Gewohntes hervor, z.B. bestimmte Handlungen die man nur Zuhause tätigen würde.
b) Überhöhung des eigenen Egos
c) Eile – ganz schlicht
d) unbewusster Zerstörungsdrang (bei Missgeschicken)
e) Fehltreten, hinfallen sind vielleicht Ausdruck unterdrückter sexueller Fantasien
f) den ‘Weg vertreten’ auf der Straße mit andern Menschen – vielleicht sexuelle Absicht.11
g) Selbstbestrafung
Symptomhandlungen definiert er als zufällig, ohne Hintergedanken, unauffällig, auf kleine Effekte beschränkt und vor allem bei Neurotikern12 vorfindbar. An Beispielen hat er hierbei nur den unbewussten Wunsch und unbewusste Analogien.
Als Fazit zieht Freud an dieser Stelle, dass alles bisher geschilderte stets unbewusst und unbemerkt ist. So kommt er zu seiner Erkenntnis, dass jede kleine unbewusste Handlung etwas bedeutet. Zumindest aber rechnen ihnen andere Menschen Bedeutung zu, weshalb es leicht zu Missverständnissen im menschlichen Verkehr kommt. Ebenso sind sie Strafe für innere Unaufrichtigkeit des Menschen sich selbst und anderen gegenüber und dass sie sich dies eingestehen sollten.13
Als Drittes sind Irrtümer solcherart, dass man sie nicht selbst erkennen kann. Gründe hierfür:
a) Verdrängung von Bekanntem
b) ein unbewusster Wunsch (es anders zu glauben)
c) eine Abneigung (gegen jemanden oder etwas)
d) letztlich die pure Unwissenheit
7. Aberglaube und der Freie Wille.
Wie schon erwähnt hielt Freud alles für un(ter)bewusst motiviert. So kommt er zu dem Schluss, dass es nichts Willkürliches im menschlichen Seelenleben gibt. Man ist grundsätzlich seelisch determiniert, so kann man sich z.B. nicht ‘zufällig’ eine ‘beliebige’ Zahl oder einen ‘beliebigen’ Namen denken, sondern kommt immer auf etwas, mit dem man vorher bereits geistig intensiver zu tun hatte. Bei dem Namensbeispiel führt er Assoziationen und alte Gedanken an.14
Das führt zwangsweise zu der Frage, ob es einen Freien Willen gibt. Das Gefühl sagt dem Menschen, dass er bei großen Entscheidungen determiniert ist15, bei kleineren dagegen einen freien Willen hat. Er sieht dies anders. Denn die kleinen sind, wie geschildert, durch unbewusstes motiviert. Das erklärt er auch mit dem Beispiel, dass man nicht Herr über alle seine motorischen Bewegungen ist.
Freud selber äußert sich aber nicht wirklich, ob es einen Freien Willen gibt oder nicht, argumentiert aber sehr dagegen. Nun reicht ihm die bloße Überlegung aber nicht, er will auch Beweise. Hier führt er an, wie Paranoiker ihr Seelenleben auf andere projizieren, bei diesen also alle Beweggründe für Handlungen erkennen, bei sich selber die Fehler jedoch nicht sehen. Weiterhin bringt Freud die Beispiele Aberglaube und Vorzeichen. Aberglaube, so sagt er, ist absolut korrekt, solange man ihn konsequent durchführt. Denn Aberglaube äußert nur unbewusste Wünsche, Ängste etc.. Und wer glaubt, dass ihm etwas schlechtes passiert, wenn er unter einer Leiter durchgeht, dem wird auch etwas schlechtes passieren. Vorzeichen dagegen sind Unsinn, wenn andere sie begehen. Wenn sie aber einem selber passieren, liegt dies ebenso wie beim Aberglauben nur am seelischen Determinismus. Ein äußerer Zufall, so Freud, ist immer möglich, ein innerer dagegen nicht. Es werden aber innere Unbewusstheiten ins Äußere verlagert. So entstand z.B. die Mythologie, welche nur die in die Außenwelt projizierte Psyche ist.
8. Fazit
Freud schließt damit, nochmal auf einige Punkte einzugehen und zu konkretisieren. So entstehen z.B. Symptomhandlungen durch innere Widerstände, die dies ans Tageslicht bringen. Durch all die Geschilderten Phänome ist es letztlich möglich, all das auszuleben, was das Bewusstsein versucht zu verdrängen.
Um noch einmal zusammenzufassen: Das Bewusstsein versucht stets Objekte des Seelenlebens zu verdrängen. Das Unterbewusstsein aber will oder kann diese nicht aufnehmen, sondern ausleben. So kommt es zu den geschilderten Phänomenen. Auf diese Art bekommt jede noch so kleine Handlung oder Äußerung absolute Bedeutung. Bei Versprechern nennt man dies heutzutage Freudsche Versprecher: sie verraten etwas über das Seelenleben derer, denen sie zustoßen. Und dadurch, dass das Unterbewusstsein durch diese Phänome quasi Kontrolle über uns hat, sind wir alle seelisch determiniert und können gar nicht anders.
Aber letztlich nimmt sich Freud nicht heraus, damit absolut Recht zu haben. Er schließt damit, dass weitere Forschung stets notwendig ist; entweder zur Bestätigung, oder zur Widerlegung.
—————————————–
Anmerkungen:
1Derweil z.B. Nietzsche sagte, dass das Vergessen ebenso notwendig sei wie das Erinnern.
2Man könnte es aber auch mit einem Computer-Laufwerk vergleichen: in dem jungen frischen Gedächtnis werden in der Kindheit Erinnerungen gespeichert. Der Platz ist begrenzt und es wird etwas gelöscht. Ganz gelöscht werden können sie aber niemals, es bleiben Spuren.
3Umformulierung seiner Termini im Text sind von mir. Beispiel ‘regressiv’ statt rückläufig und ‘progressiv’ statt vorläufig.
4Wie wir heute wissen, können auch Phrasen oder Morpheme, also Einzelteil von Satz und Wort, betroffen sein. Ebenso auch schon einzelne Phoneme in einem Wort.
5Bei Freud immer ‘Laut’.
6Und womit er auch Recht hat.
7Quasi persönliche spontane phonologische Regeln.
8Hierbei fehlt aber der wichtige Punkt, dass es nicht nur psychisch bedingt sein kann, auch den Sinnen können Täuschungen und Verwechslungen passieren!
9Allerdings werden die meisten ihre Gedanken wohl völlig darauf verwenden, das Vorgelesene korrekt vorzulesen. Dass der Inhalt hierbei nicht ins Bewusstsein durchkommt, ist klar.
Ich selber kann jedoch bestätigen, dass das von Freud geschilderte ebenso vorkommt.
10Dem muss ich wehement widersprechen. Zumindest meine Person erinnert sich gerade an peinliche Situationen am besten. Dagegen gab es viele schöne Momente, die sich meinem Gedächtnis entziehen. Und schließlich viele unwichtige, die zumindest noch vage vorhanden sind. Und wie lautet doch das treffende Sprichwort? ‘Aus Fehlern lernt man’. Weiterhin scheint man auch meist das zu vergessen, auf das man am wenigsten Aufmerksamkeit gegeben hat. Im extremsten Fall wird es dann überhaupt nicht gespeichert. So kann man Handlungen ausführen, geistig anderweitig beschäftigt sein und später nichts von diesen Handlungen mitbekommen haben.
11Auch wenn mit Freud immer solche unterbewussten sexuellen Dinge assoziiert werden, hier im Text ist diese Stelle fast die einzige Ausnahme.
12Hierzu gehören für Freud alle Formen psychischer Erkankungen wie auch Paranoia, Schizophrenie etc.
13Anklänge an die ihm zugeschriebene Äußerung, dass alle Menschen grundsätzlich zueinander ehrlich sein sollten.
14Das Zahlenbeispiel dagegen erklärt er mit einem recht obskuren Rechenkniff. Zwar kommt er so auf Zahlen mit denen er vorher zu tun hatte, doch ehrlich gesagt wirkt das genauso wie die Suche nach der 23 in allen möglichen Wörtern und Zahlen – oder neuerer auch der 11/9.
15Gerade dem kann ich aber nicht folgen. Mir leuchtet seine Erklärung zu der Determinierung in kleinen Dingen durchaus ein, doch was große belangt, gäbe es dort doch nur die Möglichkeit des Schicksals, göttlichem Plan oder Zwang durch die Gesellschaft. Aber auch letzterem kann man doch entfliehen.

