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Montaigne über die Freundschaft und warum sie die stärkste Liebe ist
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1. Einleitung
Michel Eyquem de Montaigne (1533 – 1592) war Politiker und Philosoph, vor allem wurde er für seine zahlreichen Essays bekannt. Eines davon trug den Titel ‘Über die Freundschaft’, deren wesentliche Erkenntnisse und Punkte hier zusammengefasst werden sollen. Ab 1557 war er mit Étienne de la Boétie (1530 – 1563, bekannt für sein einziges größeres Werk, das anarchistische Buch ‘Die freiwillige Knechtschaft’,) befreundet, dessen Tod und tiefe Freundschaft ihn überhaupt zu diesem Essay veranlasste.
Montaigne unterscheidet in seinem Essay verschiedene Arten bzw. Grade von Freundschaft. Hauptsächlich zeigt er nacheinander auf, was Freundschaft nicht ist und weist gleichzeitig immer darauf hin, was wahre Freundschaft ist. Ich möchte versuchen es hier etwas stärker getrennt aufzuzeigen.
2. Grundsätzliches.
Wie gesagt hegte er eine wegen dessen Tod kurze aber intensive Freundschaft zu de la Boétie. Diese nennt Montaigne eine vollkommene und fragt sich, ob dafür der Zufall nötig sei. Andere würden wohl eher sagen, das Schicksal. Auf jeden Fall sei so etwas extrem selten. Und doch ist Geselligkeit wohl der Zweck der Menschen und schon Aristoteles sagte, dass ein guter Gesetzgeber mehr auf Freundschaft denn auf Gerechtigkeit baut. Montaigne aber meint, Gerechtigkeit ist wichtig für die Freundschaft. Warum, sehen wir gleich. Keine richtige Freundschaft seien alle Verbindungen, die aus Wollust, Eigennutz, Not, dem Gastrecht, dem Naturrecht oder aus physischer Liebe entstehen.
3. Verschiedene Arten von Freundschaft, die aber keine wahre Freundschaft seien.
Die Familie basiert auf dem Naturrecht. Freundschaft kann nicht zwischen Eltern und Kind bestehen, denn das würde das natürliche Verhältnis zerstören. Ebenso kann das Kind dem Vater nichts sagen, das wäre unschicklich.1 Bruderliebe ist zwar möglich, doch lässt diese sehr leicht durch gesellschaftliche Umstände nach. Auch ist es Zufall, wer bei der Geburt miteinander verschwistert ist. Man kann völlig unterschiedlichen Charakters sein. Die Geburt ist schließlich keine freiwillige Wahl, sondern ein Naturzwang. Deshalb ist dies auch keine wahre Freundschaft.
Die Liebe zu einer Frau ist auch keine Freundschaft, wenngleich sie freiwillig und durch Wahl geschieht. Montaigne beschreibt sie vielmehr als ein ‘wildes Feuer’, das unstet ist, als das Begehren von etwas, das uns flieht und dessen wir überdrüssig werden, sobald wir es haben. Liebe die zur Freundschaft wird löst sich auf und weiterer körperlicher Genuss vernichtet diese Freundschaft denn sogleich.
Die Ehe war einmal freiwillig, ist aber ein geschlossener Vertrag mit unfreiwilliger Dauer,2 bei der die Zuneigung leicht verfliegt. Nicht zuletzt hatte Montaigne auch eine recht konservative Meinung von Frauen: gewöhnlicherweise hätten sie nicht genug Gesprächsstoff und intelligente Ideen zu bieten und ihre Seelen seien nicht fest genug.3 Man versuchte Ehen künstlich der wahren Freundschaft anzugleichen, indem man dafür sorgte, dass der Besitzstand geteilt ist, doch reicht das noch nicht. In der Liebe wird man auch nie so Eins wie in der Freundschaft.
Bekanntschaften nennt Montaigne alle unwahren Freundschaften, die eigentlich nur zur Unterhaltung oder Geschäften wegen bestehen.
Alltagsfreundschaften letztlich sind all die Freundschaften, die ‘normal’ sind, das, was man gewöhnlich unter Freundschaften versteht. Bei ihnen muss man vorsichtig und misstrauisch sein oder um Chillon umformuliert wiederzugeben: Freund und Feind können jeden Moment die Plätze tauschen. Auch kann man sozusagen verschiedene ‘Alltagsfreunde’ für verschiedene Lebensbereiche haben. Solche Zweckfreundschaften sind nur wichtig, solange auch ein Zweck da ist, den sie erfüllen sollen.
4. Was wahre Freundschaft ist.
Freundschaft ist kein unstetes Feuer wie die Liebe, sondern eine stete Wärme, die sich nur steigern kann, die nie stechend ist. Sie ist ein geistiger Genuss und wächst an diesem Genuss. Horaz sagte auch, der Freund sei wichtiger als der Genuss. Und Montaigne sagt, der Geist ist wichtiger als der Körper. Eine Verbindung von beidem wäre die höchste Freundschaft, doch wie gezeigt hatte Montaigne eine geringe Meinung über Frauen und war gleichzeitig Gegner Homosexueller (er nannte es ein Greuel). Cicero sprach auch, Freundschaft müsse man nach geistiger Reife beurteilen.
Eine wahre Freundschaft sei nach Montaigne die komplette Verschmelzung der Seelen. Ein Freund hat den Willen seines Freundes komplett in der Hand, denn er kennt ihn und jeder der beiden gebe sich dem anderen völlig frei und hin. Montaigne wagt gar zu behaupten, dass man seinem Freund mehr traut als sich selber, denn ihn kennt man besser. Wahren Freunden braucht man nicht zu misstrauen.
Auch ‘Heucheleien’ wie Bitten und Danken sind überflüssig, denn da alles zwischen beiden geteilt wird und damit beiden gehört, kann sich jeder jederzeit bei allem bedienen, ein Handeln ist nicht nötig. Ein wahrer Freund freut sich, sobald er etwas für den anderen tun kann, doch überhaupt des anderen zu benötigen und sich auch darauf verlassen zu können ist eine noch größere Freundschaft.
Da man sich seinem Freund völlig übergibt, kann man nur einen wahren Freund haben, niemals zwei. Denn dann hätte man stets einen Interessenskonflikt, wenn man z.B. vor einem von beiden ein Geheimnis haben muss und der, dem man nachgibt, wäre dann der wahre Freund. Doch die Freundschaft ist eine Verbindung ohne Zwecke.
Montaigene schließt seine Überlegungen damit, zu sagen, dass es besser wäre solch eine wahre Freundschaft selbst nur kurz zu haben, als ein ganzes Leben lang ohne sie.
5. Montaignes Freundschaft mit de la Boétie
Montaigne schreibt, dass sie beide charaktergleich seien, sich sofort verstanden und auch sofort kannten. Das Essay schrieb er nach de la Boéties Tod. Er litt sehr an dem Verlust und sprach durch Terenz: Solange der Freund nicht da ist, gibt es keine Freude (zu teilen). Zuerst will er noch die Freiwillige Knechtschaft zitieren, doch unterlässt es dann, da es zu oft von Menschen missbraucht wurde, die Étienne de la Boétie nicht einmal kannten und nicht wussten, was er wirklich ausdrücken wollte und kommt so zu einem recht abrupten Ende.
Wie man sah bewegte sich Montaigne mit seiner Ansicht noch recht stark im klassischen Umfeld, indem er (wahre) Liebe und Freundschaft gleichsetzt, auch wenn er die sexuelle Ebene dort verpönte. Interessant wäre es gewesen zu erfahren, wie es um ihre Freundschaft wohl gestanden hätte, wenn de la Boétie länger gelebt hätte.
———
Fußnoten:
1Man kann aber wohl davon ausgehen, dass eine Freundschaft möglich ist. Nur ist es dann kein Eltern-Kind-Verhältnis mehr, sondern halt eine Freundschaft.
2Dieser Umstand wurde erst zu Zeiten Montaignes zum Gesetz.
3Hier könnte man, um Montaignezu verteidigen, vielleicht anführen, dass er nur die Frauen seiner Zeit und Gesellschaft kannte. Jahre später baute er zwar auch eine tiefe Freundschaft zu einer Frau auf, doch wich er von seiner Meinung nicht ab.
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#1 von Sven am 25. September 2010 - 21:58
“Homosexueller (er nannte es ein Greuel)” .. was ein Idiot!! .. und später schreibt er dann über Ressentiments. Das ist doch Alles reine Gehirnwixe von urzeitlichen Steinzeitphilosophen.