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Ricœurs Definitionen des Vergessens.
Ricœurs Definitionen des Vergessens. 1
1. Einleitung 1
2. Das Vergessen. 2
A. Das tiefe Vergessen. 2
B. Das Vergessen und In-Erinnerung-rufen. 2
3. Das Verzeihen 3
a) Das leichte Verzeihen. 3
b) Das Vergeben 3
c) Das schwere Verzeihen. 4
6. Fazit 4
7. Literatur 4
1. Einleitung
Paul Ricœur (1913 – 2005) war ein französischer Philosoph, der, entgegen den üblichen Vorurteilen gegenüber modernen französischen Philosophen, kein Existenzialist war, sondern vielmehr Phänomenologe mit Einflüssen der Psychoanalyse und Neurokognitionswissenschaften. Seine Einflüsse waren so vor allem Husserl, Freud aber auch Heidegger. Mit diesem Hintergrund lässt sich sein Hang zu expliziten Definitionen aber auch philosophischem Ausufern erklären.
Dieser Artikel möchte nun seine Definitionen und Theorie des Vergessens vorstellen, die er vor allem im Zusammenhang mit dem Vergeben und Verzeihen entwickelte. Grundlage ist das Buch ‘Das Rätsel der Vergangenheit’ aus dem Wallstein-Verlag.
2. Das Vergessen. 1
Vergessen ist für Ricœur nicht bloß das Gegenteil des Erinnerns. Vergessen ist auch Grundlage für die Erinnerung, was Heidegger ‘Gewesenheit’ nannte. Ricœur unterscheidet grob zwei Arten die auf verschiedenen Tiefenleveln der Erinnerung ansetzen:
-
Die tiefe Ebene – setzt im tiefen Gedächtnis der ewigen Eingravierung an
-
Die sichtbare Ebene – setzt an der Wiedererinnerung an.
A. Das tiefe Vergessen.
Bei diesem unterscheidet er wiederum 2 Extrempole:
a) das unerbittliche Vergessen: Dieses löscht bereits einst Bewusstes für immer aus. Grund dafür ist teilweise einfach das Wirken der Zeit.
Aristoteles: ‘die Zeit lässt verfallen’
b) das Vergessen des Unvordenklichen: Unvordenkliches ist etwas entfernt Unbewusstes (Freud hätte es Deckerinnerungen genannt). Platons ‘Wiedererinnern’ lässt fest lernen, was zuvor nur Unbewusst war.
B. Das Vergessen und In-Erinnerung-Rufen.
Hier sind wir nun auf der Ebene der Erinnerungen. Es gibt verschiedene Gründe, warum man etwas vergisst.
a) Aus bewusster oder unbewusster Verdrängung.
b) Das Vergessen kann aktiv oder passiv geschehen.
c) Geht man auf der Ebene tiefer, geschieht es halbaktiv oder halbpassiv. Dies sind z.B. Vermeidungsstrategien, das Nicht-Wissen-Wollen, die ‘Flucht’. Auch ist dies die Ebene der Fahrlässigkeit, denn ‘man hätte es wissen sollen’.
d) Letztlich ist eine Unterart des passiven Vergessens das selektive Vergessen. Würde der Mensch sich an alles erinnern können, wäre dies viel zu viel für ihn. Unbewusst lässt der Körper Unwichtiges aus.
„Man kann sich nicht an alles erinnern. Ein lückenloses Gedächtnis wäre eine unerträgliche Last für das wache Bewusstsein.”2
Letztlich geht Ricœur auch noch ein auf das Vergessen und das geschichtliche Bewusstsein, wie es Nietzsche beschrieb. Dieser brachte ein Lob des Vergessens und unterschied zwischen tierischem und unhistorischem Vergessen, wobei letzteres für einen Menschen die Möglichkeit zu handeln bedeutet.
3. Das Verzeihen 3
Das Verzeihen war für Ricœur eine Form des aktiven Vergessens. Auch hier unterschied er verschiedene Formen. Verzeihen ist, die Bedeutung von etwas zu vergessen. Die Orte für das Verzeihen können Religion, Recht und Politik sein.
a) Das leichte Verzeihen.
Leichtes Verzeihen geschieht aus
-
Selbstgefälligkeit -> als Verlängerung des Vergessens, denn man will sich nicht erinnern.
-
Wohlwollen für jemanden -> eine unbewusste Ausübung von Gerechtigkeit.
-
Nachsicht für jemanden.
Leichtes Verzeihen aber sei für Ricœur kaum anstrebenswert, man müsse lernen, auch ‘schwer’ zu verzeihen. Zunächst aber zur folgenden Stufe.
b) Das Vergeben
Das Vergeben ist asymmetrisch, so Ricœur. Man ‘gibt’ es für einen Nutzen, ohne etwas zu bekommen. Es ist nicht kommerziell. Um das aber ohne irgendwelche weiteren Konflikte bewältigen zu können, muss man etwas lernen:
-
Man muss lernen nehmen zu können: die Bescheidenheit.
-
Man muss lernen geben zu können: der Großmut.
c) Das schwere Verzeihen.
Was ist nun das schwere Verzeihen? Es nimmt die ‘Tragik des Handelns’ ernst und löst Konfliktknoten auf, derer vor allem zwei:
-
Den der unaufgelösten Konflikte -> führt zu Versöhnung, gegenseitigem Anerkennen und Verzeihen.
-
Den der nicht wieder gutmachbaren Schäden -> ist ein aktives Vergessen der Bedeutung des Geschehenen.
6. Fazit
Ricœur führte einige neue Definitionen in die Vergessenstheorie ein. Das ganze Thema nahm er später noch einmal in seinem großen Werk ‘Gedächtnis, Geschichte, Vergessen’ von 2000 / 2004 auf, ohne dort jedoch zumindest für mich zu zufriedenstellenden weiteren Ergebnissen zu kommen. Es liegt nun an anderen, die Vergessenstheorie auszubauen.
7. Literatur
P. Ricœur: Das Rätsel der Vergangenheit. Erinnern – Vergessen – Verzeihen. Göttingen: Wallstein-Verlag 1998.
P. Ricœur: Gedächtnis, Geschichte, Vergessen. München: Fink-Verlag 2004.
8. Die PDF.
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Fußnoten:
1S. 131ff.
2S. 140.
3S. 144ff.
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