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GaaW Das Misstrauen
I.
Seit gut vier Wochen beobachte ich diesen Mann nun schon. Morgen wird es zuende sein. Ich schreibe dies für den Fall, dass ich nicht wieder zurückkehre. Dann sollt ihr wenigstens wissen, was warum geschehen ist.
Vor fast vier Wochen war er in unser kleines gemütliches Städtchen gezogen. Niemand weiß, woher er kam, noch, wie er auf uns stieß. Niemandem stellte er sich vor. Niemand sah ihn überhaupt ankommen. Eines Tages war er plötzlich da; war das kleine Häuschen am Stadtrand unerwartet seins. Ich erfuhr von ihm durch die Gerüchte, die mir meine Kunden erzählten. Wir mögen Fremde hier nicht; noch weniger aber Fremde, die sich nicht vorstellen und deren Geschäfte zwielichtig erscheinen. Als Besitzerin eines Gemischtwarenladens erwartete ich ihn bald bei mir anzutreffen, doch nie kam er zu mir. Das erste Mal sah ich ihn nur zufällig eines Abends, als ich seine Gegend durchschritt: ein kleiner Mann, dunkelhäutig, wenige braune Locken als Kranz auf seinem runden Schädel, ein dichter Bart versteckt das pausbäckige Gesicht, die Kleidung alt und heruntergekommen. Im Ganzen also machte er einen mehr als verdächtigen Eindruck. Das war der Moment, in dem ich mich entschloss ihn zu beschatten.
Gleich noch am selben Abend sah ich ihm, versteckt hinter einem Busch seinem Haus gegenüber, bei seinem Treiben zu. Noch war er am herumräumen; Kisten stapelten sich auch außerhalb des Hauses, im eingezäunten Bereich. Später – es wurde dunkel – verzog er sich in sein Haus, dem man sein langes Leerstehen noch ansah, und entzündete in seinen Räumen Lichter. Gleißend gelbe Augen starrten in die Nacht. In ihnen bewegte der Mann sich mal hier-, mal dorthin; stellte um, packte aus. Einmal war es ein großer goldener Pokal, den er in ein Regal der Fensteröffnung gegenüber stellte. Dies wieder war der Moment, da ich wusste, dass etwas mit seinem ‘Geschäft’ nicht stimmte.
In den darauffolgenden Tagen und Wochen versuchte ich alles über ihn herauszubekommen. Leider war das nahezu gar nichts. Niemand wusste, wo er hergekommen war, niemand wusste, was er in der Stadt wollte. Und damit meine ich nun die örtlichen Ämter. Das Haus war über einen Zwischenhändler verkauft worden, ohne dass jemand diesen Mann je zuvor gesehen hätte. Seinen gemeldeten Namen wollte man mir nicht verraten – Geheimnis – doch sagten sie mir immerhin noch, dass er ein Geschäft für alte Kunstgegenstände angemeldet hatte. Für mich ist immer deutlicher geworden: Mit solch unklarer Herkunft kann dieses ‘Geschäft’ nur unlauteren Zwecken dienlich sein.
Da das Fragenstellen allein nicht ausreichte, beobachtete ich ihn zusätzlich die ganze Zeit über selber. Die Vorkommnisse bekräftigten mein Misstrauen weiter. Die ‘Kunden’ seines Geschäftes waren stets nur Gestalten seiner Art – seiner verdächtigen Art. Immer kamen sie zu den unmöglichsten Zeiten – gerne auch mal Nachts – und mit ihnen die Wagen. Wagen mit Lieferungen oder solche, die Lieferungen abzuholen. Um was es sich dabei genau handelte, sah man jedoch nie. Meist waren die Waren verpackt in Kisten, seltener in Tüchern. Heimlich – so dass niemand etwas sah – ent- und beluden sie die Karren. Nie aber sah ich gewöhnliche Kundschaft bei ihm einkehren. Nie.
Mit der Zeit wurden auch die Lieferungen verdächtiger. Einmal war ich mir sicher, die Umrisse eines Menschen unter dem Tuch auszumachen. Auch sah ich immer öfter Licht aus dem Keller des Gebäudes scheinen sowie Rauch aus dem Schornstein aufsteigen. Wollte ich wissen, was dort vor sich ging? Zumindest jedenfalls versuchte ich einen ersten Einstieg in das Haus. Zugegeben stümperhaft bemühte ich mich um Einlass durch ein Kellerfenster und die Hintertür. Nichts davon gelang mir. Durch das Kellerfenster jedoch sah ich in einen Lagerraum, gefüllt mit geschlossenen Kisten. Warum diese nicht geleert wurden? Und bei dem Gestank des Unrats im Hinterhof wurde mir nur noch schlecht. Um was es sich in den Behältern dort handelte, konnte ich aber nicht feststellen; genauer ansehen wollte ich es mir nicht.
Dann aber entdeckte ich es. Nicht weit von mir entfernt, oben im ersten Stock des Hauses, war gerade in einem Zimmer ein Licht angegangen. Ich stand unten in der Dunkelheit und konnte so alles gut betrachten. Oben zeigte sich der Mann, wie er seitlich zum Fenster stand, vermutlich über einen Tisch oder ähnliches gebeugt. Ich sah nicht genau, was er tat, doch war er eifrig mit etwas beschäftigt; starr ruhte der Blick auf das vor ihm Liegende, die Arme bewegten sich unruhig hin und her. Nach einer Weile jedoch holte er mit einem bösen Grinsen plötzlich weit aus; in der Hand hielt er ein Messer. Immer und immer wieder stach er auf das vor ihm ein. Mir reichte es; schnell eilte ich heim.
Es begann die letzte Woche meiner Beobachtungen. Weiterhin gingen verdächtige Gestalten ein und aus; brachten dies, nahmen jenes mit. Abfälle wurden auf einmal weggebracht – wohin, weiß ich nicht, doch stank das auf dem Wagen bis zu meinem Versteck. An einem Abend versammelte sich eine ganze Festgesellschaft in dem Haus: Viele der Anwesenden erkannte ich von den letzten Wochen her, sie waren schon oft in diesem Haus zugegen gewesen. Die Gesellschaft sah gefährlich aus: Die Meisten waren bewaffnet gekommen. Höhepunkt des abends schien das zu sein, was der Gastgeber der Masse später zeigte. Natürlich sah ich nicht, was es war, doch alles jubelte ihm zu. Danach verfiel die Gesellschaft zu einer wüsten Völlerei.
Gut vier Wochen habe ich nun diesen Mann und sein Haus beschattet. Vieles habe ich gesehen, dass mich in meiner Meinung bestätigt, hier Fremde nicht gut zu heißen. Fast vier Wochen lang habe ich meinen Laden vernachlässigt, nur dank meiner Aushilfe noch ein wenig eingenommen. Nun rennt mir die Zeit davon. Fremde haben hier in dieser Stadt nichts verloren; schon gar nicht, wenn sie unlauteren Geschäften nachgehen. Viele meiner Freunde teilen meine Meinung. Einige von ihnen konnte ich überzeugen, mit mir morgen zu diesem Haus zu gehen. Wir werden diese Stadt wieder von diesem Abschaum reinigen. Sollte ich nicht zurückkehren, wisst ihr, warum.
II.
Gestern entdeckte ich diesen Bericht wieder, den ich vor sechs Wochen verfasst hatte. Es ist sonderbar, wieviel Unsinn darinnen doch geschrieben steht. Bei all dem Hass damals ist es ein Wunder, dass niemand zu Schaden kam. Fast wäre es zu Kämpfen gekommen, doch die ruhigen Friedensstifter in diesem Haus am Rande der Stadt konnten uns beschwichtigen. Ich schreibe dies nur, dass niemand falsche Eindrücke davonträgt, sollte dieser Bericht je gefunden werden. Wir alle sprachen uns aus, lernten uns kennen, erklärten uns unsere Geschäfte, lernten miteinander leben – wurden Freunde. Heute mag ich kaum noch verzichten auf die ehemals Fremden hier in unserer Stadt; sie alle bereicherten unser Leben, führen uns nun zu besseren Zeiten – und ich fand meine Liebe.
ENDE
Anmerkung des Herausgebers
Diese Schriften fand man in der Stadt Cobogi in Rardisonán, welche kurz vor sowie nach ihrer Eroberung durch Tolumen entstanden sein müssen. Tatsächlich ist es sonderbar, wie das Leben manchmal spielt. Dies war keine erzählende Geschichte, sondern ein wahrhaftiges Stück Geschichte.
Tonn Onasi, Jagâharis des Hauses des Buches von Raygadun
Raygadun, Aleca, 18.05.3995
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