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GAAW10 Das geheimnisvolle Verschwinden des Herrn Ghambaris
Vor etwa vier Wochen verschwand Herr Ghambaris, welcher stets bekannt war als ein Mann unglaublichen Wissens und großer Befähigung. Wenn es um Pflanzen ging, so war er die beste Anlaufstelle um Bekanntes und Unbekanntes über sie zu hören. Jeder Mann auf der Straße ist sich nun aber einig, dass seine Versuche mit den Pflanzen ihn in etwas Schlimmes hineingerissen hätten. Die wenigen, die ihn wirklich kannten, wissen aber, dass er stets oberste Vorsicht hatte walten lassen. Ich war sein Freund, doch hatte zugleich die Untersuchungen sein Verschwinden betreffend zu leiten. Seitdem weiß ich, dass entweder beide Lager im Recht waren oder mein Freund letztlich den Verstand verloren hatte. Darüber mag ich jedoch nicht urteilen. Ich kann die Beweise, die sich mir boten nicht annehmen, sondern nur hoffen, dass sie seiner Einbildung entsprangen. Hiermit nun möchte ich sie entscheiden lassen, indem ich die wichtigsten Abschnitte seines Tagebuchs veröffentliche, welches ich in einem geheimen Versteck fand.
Das Tagebuch des Herrn Ghambaris
4. 4.: Der Blumenhändler vom Marktplatz, bei welchem ich stets meine Versuchspflanzen beziehe – ein Freund der Schlange Pitra, aber trotzdem ein fähiger Mann – erzählte mir heute, er habe auf einer Hochebene in den nahen Bergen eine besonders schöne Pflanze entdeckt, konnte sie jedoch aufgrund ihrer Dornen nicht allein von dort entfernen. Ich bedankte mich bei ihm für diese Nachricht und entschloss mich, der Sache nachzugehen. Ihm versprach ich eine Belohnung, sollte er dort wirklich auf etwas gestoßen sein. Leider hatte er sonst nichts im Angebot, das mich begeistern konnte, dabei brauche ich endlich neues. Die Versuche, die Blütezeit der Hasenblumen zu verlängern, war aber trotzdem bisher ein voller Erfolg. Ich verbrachte den Rest des Tages mit ihnen.
5. 4.: Matiff kam heute zu mir. Pitra habe ihm gekündigt, sprach er und fragte im Atemzug, ob ich ihn nicht anstellen könnte. Er kam mir aber wirklich wie gerufen. Schon seit gestern überlege ich, mit wem ich den Aufstieg in die Berge angehen könne. Ich war schon kurz davor mir einen beliebigen Kerl aus einer Kneipe anzuheuern, doch wer weiß, ob ich da lebend aus den Bergen zurückgekehrt wäre. Matiff dagegen kenne ich immerhin schon gut ein Jahr; seit der Zeit, da er in Pitras Laden anfing zu arbeiten. Sie wird mich zwar umbringen wollen, sollte sie erfahren, dass er nun bei mir ist, doch wen kümmert das. Mit Pitra habe ich schon lange eine Rechnung offen, dies ist nun eine gute Gelegenheit zur Rache. Matiff habe ich sofort zugesagt und auch eingeweiht. Morgen gehen wir zusammen los um die benötigte Ausrüstung zu besorgen. Ich hoffe gleich am Tag danach abreisen zu können.
10. 4.: Bisher verlief alles wie nach Plan. Ach, von wegen, nicht nur wie, es verlief tatsächlich nach Plan. Wir haben uns alles besorgt, was wir für zwei Wochen Reise in den Bergen brauchen. In ein oder zwei Tagen schon dürften wir die beschriebene Hochebene erreichen. Mit uns nahmen wir einen ortskundigen Führer und ein Lastgespann, denn die Pflanze sollte bei Menschengröße anders schwer in die Stadt zu bekommen sein. Ich vermisse zwar meine kleinen Lieblinge, doch Ende nächster Woche sollte ich wieder bei ihnen sein. Die Haushälterin wird sich in der Zeit sicherlich gut um sie kümmern. Ach, die Berge hier sind wahrhaft schön. Oft erreichen wir Stellen, an denen wir bis in die Stadt zurücksehen können. Über uns scheint die Sonne, unter uns schlängelt sich der Fluss dahin. Und überall diese Blumen! Ich muss mich immer wieder zusammenreißen, nicht ständig stehenzubleiben um sie zu bewundern. Die Blumen dieser Berge haben eine wilde Schönheit, doch eines Tages werde ich die dichten Wälder des Nordens besuchen um wahrhaft seltene Blüten zu finden.
12. 4.: Wir haben es schon fast geschafft! Die Hochebene ist erreicht. Nur fünf Tage haben wir benötigt. Heute morgen kamen wir hier an, nach endlos scheinenden Wegen die Hänge hinauf. Dafür wurden wir auch mehr als belohnt: Die Ebene ist gut mehrere Wegstunden breit im Durchmesser, eine große Wiese mit Hügeln und Quellbächen, der Traum meiner Träume. Allüberall um uns herum nur Blumen in allen denkbaren Farben, sonst jedoch nichts: Grasfelder besprenkelt mit farbigen Schönheiten. Doch wir waren für die Größte aller Schönheiten gekommen, und am späten Nachmittag war es, da erspähten wir sie, wie sie sich in einer Ecke dieses Gartens versteckte. Ihr Körper scheint nicht auffällig ungewöhnlich zu sein: raue knorrige Ranken, mit zahlreichen kleinen spitzen Dornen bedeckt. Doch oh, all ihre Köpfe, all ihre Augen! Sie steht wunderbar in der Blüte; ihre Kelche sind groß, ihre Blätter vielfarbig, ihre Blüten verströmen den erquicklichsten Duft. Ich werde sie Gunaila nennen, nach meiner verstorbenen Frau. Nur eines an ihr wundert mich, auf das mich Matiff aufmerksam machen musste: Ihre Ranken bilden in wundersamer Weise die Form eine Menschen nach. Morgen früh werden wir versuchen behutsam ihre Wurzeln auszugraben, sie auf den Wagen zu laden und in die Stadt zu bringen. Ich muss sie schleunigst gründlich untersuchen.
20. 4.: Endlich sind wir wieder zurück in meiner Werkstatt. Oh, wie ich meine Lieblinge vermisst habe! Besonders um die Hasenblumen hatte ich mir Sorgen gemacht. Doch offensichtlich ohne Grund, denn es war sich gut um sie gekümmert worden. Und meine neue Schönheit hat die Fahrt gut überstanden. Jetzt erst, hier in meiner Werkstatt, werde ich sie gut behandeln, umsorgen und untersuchen können. Ach, ich freue mich darauf! Matiff allein half mir, sie hereinzubringen. Niemand anders darf sie sehen oder berühren, denn sie ist mein. Matiff wird weiter für mich arbeiten, auch wenn ich nicht so recht weiß, was mit ihm anzustellen ist. Vorerst kann er Botengänge übernehmen und sollte er sich als tauglich herausstellen, darf er vielleicht irgendwann auch hier drinnen helfen. Doch nun zu meinem süßen Schatz. Ich eile, ich komme!
24. 4.: Ich habe meinen Liebling, meine Gunaila, lange und gründlich untersucht. Sie gleicht keiner Pflanze, die ich je gesehen oder von der ich je gelesen hätte. Doch wie denn auch, ist sie nicht schöner als alle anderen zusammen und deshalb die schnöde Welt ihr nicht wert? Oh, ich könnte sie umarmen, sie liebkosen. Matiff sagt, sie versprühe einen starken Duft der willenlos mache, doch kann dies nicht sein. Warum ist er so eifersüchtig? Allein ihre Schönheit ist es, die mich bezaubert. Mir muss es unbedingt gelingen herauszufinden, was Gunaila ist, woher sie kommt und wie ich sie vervielfältigen kann – und sie aus der Reichweite dieses neidischen Narrs halten.
26. 4.: Oh ich Tor! Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen und habe Gunaila heute umarmt. Meine schöne zarte Gunaila, ich wollte dich bloß küssen. Leider hatte ich deine Dornen vergessen. Die Einstiche an meinen Händen und Armen schmerzen, teilweise jucken sie. Das Schreiben fällt manchmal schwer. Ach, hätte ich es doch bloß nicht getan. Welch Schmerz die Liebe doch bringen kann. Glücklicherweise war Matiff im Haus und kümmerte sich im Nebenraum um die Hasenblumen, die von einer seltsamen Krankheit befallen zu sein scheinen. Schließlich durfte er sich auch um meine Wunden kümmern.
27. 4.: Pitra war heute da. Kann sie mich denn nicht endlich in Ruhe lassen? Was will sie nur stets von mir? Meine Pflanzen? Meine Ideen stehlen? Vermutlich ist sie neidisch, da ich Erfolg habe, wo sie stets versagte, und weil ich diese kostbaren Schönheiten nicht nur einfach wie sie es tut verkaufe. Sie sagte, sie wollte sich erkundigen ob ich neue Blumen für sie zum Verkauf hätte und wunderte sich über meine Verbände. Ich habe sie nicht in meine Werkstatt gelassen oder ihre Fragen beantwortet. Niemals wird sie dort hineinkommen, oh nein. Doch dann sah sie Matiff. Ich hätte erwartet, dass sie sauer ist, dass sie sich beschweren würde. Aber alles, was von ihr kam, war ein höhnisches Lachen begleitet von einem „Alter Narr!“. Ich muss mich doch sehr über sie wundern. Als sie ging sagte sie mir noch: „Du bist verloren!“. Eine Drohung?
1. 5.: Ach, meine Arme jucken immer mehr. Heute entfernte ich trotz heftigem Widerspruchs von Matiff meine Verbände. Ich war sehr erschrocken bei dem Anblick, der sich mir bot. Was ist es, das mich da gepackt hat? Warum haben sich die Wunden schon geschlossen, dort wo neue Haut sein müsste, erkenne ich nur knorriges Geflecht? Vermutlich sehe ich nicht mehr recht, habe zuviel Zeit damit verbracht meine Gunaila zu betrachten. Es scheint ihr nicht gut zu gehen, von Tag zu Tag wird sie schwächer. Ihre Blüten haben sich geschlossen, ihre Borke verliert ihren Glanz. Ich weiß nicht, was ich tun soll, sie spricht auf keines der üblichen Mittel an. Ich will sie nicht verlieren.
3. 5.: Ich mache mir immer mehr Sorgen, sowohl um mich als auch um Gunaila. Meine Begeisterung für sie scheint mit dem Nachlassen ihrer Schönheit abzuflauen. Immerhin etwas Gutes, denn so klärt sich mein Blick wieder. Doch nein, so einfach wie dies klingt ist es nicht. Ich sehe langsam klarer; sie muss irgendwie Macht über mich gehabt haben. Vermutlich hatte Matiff Recht gehabt, vermutlich hat sie mich wirklich in ihren Bann gezogen und ich bemerkte dies nicht einmal. Wie konnte ich nur so dumm sein? Ich befürchte, ich bekomme meine gerechte Strafe dafür bereits, ich sehe schwarz für meine Zukunft. Das Geflecht an meinen Armen hat sich ausgebreitet; langsam erinnert es mich an die Borke von Gunaila, die nun so verkümmert aussieht. Mein Ziel, sie zu retten, ist nun vergessen, zunächst sollte ich mich retten. Es muss doch einen Grund für all dies geben.
5. 5.: Es scheint wirklich hoffnungslos, mir will einfach kein Weg einfallen. Ich arbeite die ganze Zeit, schlafe nur noch, sobald mich die Erschöpfung niederzieht. Was mag es nur sein, was könnte mir helfen? Oh, lasst mich doch bloß einen bösen Traum haben. Doch in den Träumen meines Traumes werde ich noch schlimmer verfolgt. Warum erscheinen mir immer wieder endlose Wasser in düsteren Höhlen, überseht von tausenden verwelkten Blütenblättern? Ach, es ist so grausam. Gunaila scheint jegliches Leben zu verlassen, doch was kümmert mich dies jetzt noch? Gestern musste ich Matiff wegschicken, da ich es nicht mehr verbergen kann. Irgendwann müsste er das Geflecht sehen, welches nun schon meine Arme, meinen Oberkörper und Teile des Gesichts bedeckt. Vielleicht sollte ich mich an Pitra wenden. Wobei – könnte es sein, dass es nicht Gunaila war, dass Pitra mir dies angetan hat? Hat sie Matiff geschickt gehabt, mir ein Gift einzuflösen? Oder sollte Matiff mich zu Gunaila führen, welche sich meiner bemächtigen sollte, damit Pitra allein den Blumenhandel der Stadt beherrsche? Ich habe das Gefühl, mein Verstand verlässt mich. Ich stelle schon wilde Anschuldigungen in den Raum, ohne jeglichen Beweise. Doch erlöst mich dies trotzdem nicht. Nein, ich will nicht wie Gunaila werden!
6. 5.: Ich kann kaum noch klar denken. Die Träume von Wasser werden stärker, nun beschienen von der Sonne. Was bedeuten sie? Die Verwandlung scheint voranzugehen. Das Geflecht hat sich verhärtet und ist mittlerweile überall. Schrecklicher jedoch sind die Dornen, die an einigen Stellen zu wachsen begannen. Sie zerrissen mir teilweise die Kleidung. Immer wieder streiche ich über sie oder berühre mit meinen Händen mein Gesicht ohne an die Dornen gedacht zu haben. Das Schreiben fällt schwer, ich kann die Feder kaum mehr halten. Sollte es mir nicht gelingen, bald eine Lösung zu finden, bin ich verloren. Pitra kam heute zur Werkstatt, doch habe ich nicht geöffnet. Kam sie, das Gelingen ihres Planes zu überprüfen? Ich bin mir sicher, sie steckt mit diesem Blumenhändler vom Marktplatz unter einer Decke. Oh grausame Welt! Hätte ich Gunaila doch niemals gefunden! Ihr Schicksal scheint besser als das meine, sie ist bereits völlig eingetrocknet. Wer sie wohl früher war? Ich muss etwas unternehmen, nie wieder darf jemand eine solche Pflanze finden!
10. 5.: Alles ist vergebens. Kann kaum schreiben. Gliedmaßen versteiften sich. Hab die Überreste von Gunaila verbrannt. Keine Hoffnung mehr. Werd auch mich verbrennen. Bleiben wäre gefährlich. Niemand darf angesteckt werden. Niemand.
An dieser Stelle bricht das Tagebuch des Herrn Ghambaris ab. Ich fand es nahe des Verbrennungsofens, versteckt hinter halbverbrannten Zweigen. Daneben, gefährlich nahe am Ofen, stand eine wunderbare Pflanze, geformt wie ein Mensch. Ich ließ sie zu mir bringen, um sie zu bewachen. Solch eine edle Pflanze darf nicht in gewöhnliche Hände geraten.
Ich vernahm auch Pitra und Matiff, die erzählten, seltsame Änderungen den Geist des Ghambaris betreffend bemerkt zu haben. Die letzten Einträge in seinem Tagebuch wirken auch tatsächlich einfach nur wirr. Niemand wird sie glauben; auch ich glaube sie nicht. Pitra und Matiff sind ehrbare Bürger unserer Stadt und so eine schöne Pflanze, wie ich sie im Hause des Ghambaris fand, kann nicht dermaßen gefährlich sein. Trotzdem überlasse ich ihnen nun die Entscheidung, denn der Fall Ghambaris ist abgeschlossen; er wurde für tot erklärt. Und ich werde nun zurückgehen zu dieser wunderschönen Pflanze, sie bewundern und zeichnen, um sie mit allen teilen zu können.
ENDE
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Kommentar des Herausgebers
Dieser Bericht erschien vor etwa vierhundert Jahren in einer Zeitschrift in Patol, der Hauptstadt von Tandereis. Der Autor nannte sich einen Wachmann aus einer Kleinstadt nah der Sonnenzinnen. Warum der Bericht aber nicht den Tatsachen entsprechen kann, lässt sich leicht erschließen: Es scheint nie eine derartige Kleinstadt gegeben zu haben; jedenfalls findet sich keine Spur davon, auch wenn es Gerüchte gibt, dass es einst nah der Berge eine gab, die für ihre Blumen bekannt war.
Tonn Onasi, Jagâharis des Hauses des Buches von Raygadun
Raygadun, Aleca, 16.03.3995

