GALR01 Der Bauer und der Macates


Einst, als das gewaltige Reich von Lurruken noch existierte, vor über zweitausend Jahren, lebte in den Wäldern außerhalb der Stadt Geistig ein alter Bauer. Tezann hieß er und schon so lang wie er denken konnte, wohnte er hier an der Grenze zu Stirmen, den silbernen Bäumen. Täglich ging er seiner Arbeit nach und war eigentlich nahezu wunschlos glücklich. Nur nach einem dürstete ihm, er wollte wissen, was wirklich stimmte von den Legenden, die sich um Stirmen rankten. Doch traute er sich nie in den tiefen Wald, sagte man doch, dass jeder welcher den Forst betrat nie wiederkehrte. (Fragt sich nur, wollten oder konnten sie nicht mehr zurück?)
Kurz vor seinem Lebensende – das spürte er -, an einem Flimmertag, nahm Tezann all seinen Mut (sowie etwas Proviant und frische Unterkleidung) zusammen und machte sich auf den Weg.
Irgendwann tauchte ohne Vorwarnung vor ihm der dichte Wald auf, kein Übergang, plötzlich war er da, zuerst grasiges Hügelland, dann war da der Wald… Soweit war Tezann schon früher  gekommen, und doch imponierten ihm die riesigen Bäume immer wieder.
Gut drei Flüge tief war er schon in den Wald eingedrungen, ohne dass etwas passierte. Nach drei Flügen und einem Fuß jedoch bewegten sich die Blätter. Nach drei Flügen und zwei Schritten musste er stehen bleiben, drohte doch ein mächtiger Wind ihn zu Boden zu drücken. Vor ihm auf einer Lichtung senkte sich ein gewaltiger Körper zu Boden.
Ein Macates! Solch eine Bestie riss vor Jahren einst seine gesamte Dreuyenherde. Dementsprechend schwer traf ihn der Anblick.
Vor Schrecken starr stand er da.
„Fürchte dich nicht, Kreatur“, sprach da der Macates. Er sprach! Noch nie hatte Tezann von einem sprechenden Macates (dies war ein grüner, nebenbei, noch etwas Ungewöhnliches) gehört. Dies schockte ihn nur noch mehr.
„Dein Wunsch war es, einmal vor deinem Ende Stirmen zu sehen“, fuhr der Grüne fort, „komm her, dann bringe ich dich hin!“
Er winkte Tezann mit einer Klaue zu sich. Doch diesen packte die Angst und er rannte um sein vermeintlich in Gefahr schwebendes Leben. Irgendwann fiel er vor Erschöpfung um.
Als er aufwachte, sah er direkt in die blaue Pupille eines gewaltigen Auges. Der Macates!
„Hab keine Angst“, sprach dieser Tezann zu, packte ihn und hob ab. Tezann werte sich nicht mehr. Zusammen flogen sie dann über die silbernen Bäume.
Tezann sah Dinge die er sich nie zu träumen gewagt hätte. Sie flogen über die Wipfel und andere Dinge hinweg und landeten schließlich wieder, in der Mitte Stirmens, dort, wo der Geist später, viel später (genau genommen mehrere hundert bis tausend Jahre später) mal ins Meer münden sollte.
Und so sah Tezann des geheimnisvollen Waldes Herzen, die sagenumwobene Zitadelle Stirmens. Im Abendlicht bewunderte er sie, während der Macates wieder verschwand.
Dies sollte sein letzter Abend sein.
Tags darauf fand ein Förster Tezann in seinem Hause liegend, für immer schlafend und träumend.
– Ursprung unbekannt

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Anmerkung des Herausgebers

Ob auch nur ein Teil dieser Geschichte Wahrheit ist, darf bezweifelt werden, wird sie doch schon seit Tausenden von Jahren erzählt und weitergesponnen. Dies ist die älteste bekannte Version. Weder in der Einwohnerliste von damals, lagernd in den Hallen der rukischen Wissenswahrer findet sich ein Eintrag über einen Bauer Tezann, noch wurden je sprechende (noch grüne) Macate gefangen, wären sie doch eine Bereicherung für den Tolji-Tiergarten in Toljúin.
Aber es ist auch wahr, dass über Stirmen nirgendwo Details bekannt sind.

Salero y Cyprilla, Toljidarin
Karison, Ojútolnan; 18.4.3994