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Das Schlaflied
Viele werden wohl den einen oder anderen Tag in ihrem Leben als einen Tag bezeichnen, an dem sie lieber keinen Fuß vor die Haustüre hätten setzen, geschweige denn überhaupt ihr sich nach ihnen verzehrendes, lockendes und wärmendes Bett hätten verlassen sollen. In den meisten Ländern und Berufen kostete einen bereits ein einziger verpasster Arbeitstag jedoch schnell das notwendige Geld, sich das Mittagessen noch leisten zu können. Auch wenn Aleca nun zwar in solchen Fragen des Lebensunterhaltes als eher gut entwickeltes Land galt, sollte man es wohl trotzdem lieber nicht darauf anlegen.
Caefe Vongoron kam es so vor, als hätte die gesamte letzte Woche für ihn nur aus Tagen der Art des Bloß-nicht-aufstehen-wollens bestanden. Anders als für die meisten Leute jedoch bestand für ihn immerhin aber die Möglichkeit, tatsächlich so lange er wollte im Bett zu bleiben. Denn Caefe Vongoron wurde nicht für unmittelbar sichtbare Arbeit bezahlt, auch wenn niemand etwas dagegen hatte, wenn er welche ausübte, noch für eine bestimmte Zeitspanne, in der etwas erledigt sein musste. Man entlohnte ihn schlicht für die Ergebnisse, die er lieferte und die konnten gut – dies lies sein Ansehen bei seinen Vorgesetzten steigen – oder schlecht sein. In diesem Fall übrigens würde sein Ansehen entweder gleich bleiben oder entsprechend zur Schwere fallen.
Caefe Vongoron war recht frei arbeitender Beamter von Aleca und Angestellter der Stadt Raygadun, welche ihres Zeichens bekannterweise die Hauptstadt von Aleca und zweitgrößte Stadt des Kontinentes war. Genau genommen lautete sein Titel Gad-Fehm, oder übersetzt: Gadmann. Denn dieser Beruf kam erstmalig in Raygadun zum Versuch. Der Gadmann übernahm Pflichten, die in anderen Ländern entweder gar nicht oder von mehreren Personen gleichzeitig übernommen werden mussten. So ermittelte er in vielen Verbrechensdingen, meist dabei auf eigene Faust und Verantwortung, sei es nun bei einer Mordserie oder der Suche nach etwas Gestohlenem.
Aber damit vorerst genug von der Gestalt des Caefe Vongoron und hin zu dem Grund, warum für ihn die vergangene Woche so schlecht gelaufen war. Dazu etwas weiter zurück in die Vergangenheit: Einen Monat zuvor kam es in der Kleinstadt Funar nahe der immer noch frischen Grenze mit Daris Marad zu einem geheimnisvollen Fall von Massenselbstmord, gefolgt von einer ebenso seltsamen Reihe von Morden in den Rängen der höheren Würdenträger der Stadt. Die örtlichen Stadtwächter und Büttel waren von den Vorfällen mehr als überfordert und schoben sie irgendwelchen örtlichen Legenden von Geistern und Monstern zu. Die zuständigen Behörden in Raygadun nannten dies Aberglauben und sandten jemanden aus, die Fälle zu überprüfen. Dieser jemand war natürlich niemand anderes als Caefe Vongoron.
In Funar angekommen, begann er wie üblich seine Untersuchungen und stieß dabei schnell auf Probleme, denn offenbar war die Furcht der Einwohner größer, als er erwartet hätte. Die Leute auf der Straße munkelten von einer Verschwörung unter den Oberhäuptern ihrer Stadt. Den allgemeinen Gerüchten zufolge sollte ein Teil des obersten Gildenrates samt dem Bürgermeister, dem Wachtmeister und zwei örtlichen Adligen geplant haben, mit Hilfe einer handvoll in Ciprylla angeheuerter Söldner und – was Caefe nun besonders interessant fand – angeblich sogar mit einer in den Straßen freigesetzten Satenechse, die Stadt gänzlich zu übernehmen. Diese Idee kam Caefe aber zu abwegig vor, um auch nur ansatzweise wahr sein zu können.
Tatsache war nun aber, dass eine kleine Gruppe Bürger – allesamt brave Einwohner der Stadt, die nichts Besonderes gemeinsam hatten oder sich gar kannten – eines schönen Morgens einfach tot in einem Lagerhaus aufgefunden wurden waren. Genauere Untersuchungen ergaben, dass sie scheinbar einen Massenselbstmord begangen, in dem ein unbekanntes Ritual sowie eine ausgeweidet vorgefundene Ziege vermutlich auch ihre Rollen gespielt hatten. Diese Geschichte erfuhr Caefe von Mara’ar Chazanis, dem Schreiber der Stadtwache. Chazanis war ein dürrer, grauhaariger, alter Mann, der aber Vieles zu erzählen wusste und der Caefe an dessen ersten Abend in Funar erstmal die Stadt zu zeigen bereit war. Auch die Lagerhalle sah dieser sich an, ohne dort jedoch etwas zu finden.
Das wiederum, so meinte Chazanis, läge an den weiteren Vorfällen, welche zwei Tage nach dem Fund der Leichen einsetzten. Die Toten waren gerade erst beigesetzt worden, da bemerkte man ihr Verschwinden. Zwei Stunden später wurde auch der Bürgermeister vermisst. Am nächsten Morgen sollte man ihn tot im kleinen Hafen des Ortes vorfinden, im Wasser treibend, mit zerfetzter Kehle und abgetrennten Händen. Die so genannten Selbstmörder waren zuvor vom Wachtmeister und dreien seiner Wächter sauber unter Verschluss und von der Öffentlichkeit fern gehalten worden. Nach Entdeckung des Bürgermeisters sickerten jedoch langsam Gerüchte durch die Reihen der Herrschenden und hinunter in die der Arbeitenden. Ihnen zufolge waren die Toten ebenso zugerichtet gewesen wie der Bürgermeister. Dies hätte der Wachtmeister aber geheim halten wollen.
Doch kam noch mehr. Innerhalb der nächsten Woche verschwanden zwei der bereits erwähnten Wächter des Wachtmeisters, das Oberhaupt der Gilde der Schmiede-aller-Art, sowie den adligen und in der Stadt alt ansässigen Geschwistern ma’Ganoul. Sie alle sah man erst am jeweils darauf folgenden Tage wieder, alle in derselben Verfassung wie schon der Bürgermeister. Eine recht eindrucksvolle Runde, von der niemand sagen konnte, wer sie wohl warum getötet haben könnte. Ein Teil der Bevölkerung sprach von einem wahllos mordenden Ungeheuer, heraufbeschworen an dem Tag in dem Lagerhaus, welches sogar seine eigenen Beschwörer getötet hätte. Andere brachten die bereits erwähnten Gerüchte einer Verschwörung wieder ins Gedächtnis. Doch die Meisten hatten schlicht Angst und weigerten sich fortan, nach Einbruch der Dunkelheit noch ihre Heime zu verlassen.
Zu diesem Zeitpunkt dann beschloss man, nach Verstärkung aus Raygadun zu senden. Bevorzugt wollte man Kämpfer, doch man bekam – Caefe Vongoron. Seine ersten beiden Tage in Funar verbrachte er mit dem Stellen von Fragen und dem Sammeln von Hinweisen. Abgesehen von Chazanis war aber kaum jemand bereit Antwort zu geben. Oder man fütterte Caefe nur mit unnützem Geschwafel. Einzig der Wachtmeister und zwei der verbliebenen drei Gildenoberhäupter hatten ihm Neuigkeiten zu erzählen. Die beiden Oberhäupter bezichtigten hierbei den Wachtmeister, Drahtzieher hinter all den Geschehnissen zu sein. Das hatte Caefe nach Chazanis’ Erläuterungen allerdings auch schon vermutet. Ein Besuch bei dem Verdächtigen enttäuschte ihn jedoch maßlos, da sich herausstellte, dass dieser sogar noch älter und gebrechlicher war als selbst Chazanis. Trotz seiner unzweifelhaften geistigen Energie erschien er Caefe nicht wirklich in der Lage, die Morde begangen zu haben. Vielmehr wirkte er wie die Art alter netter Großvater, welcher am Lagerfeuer sitzend seinen Enkeln Geschichten aus seinem Leben erzählte.
Caefe erzählte er vor allem aus der Geschichte von Funar und der ma’Ganoul. Es sollte durchaus interessant werden, denn die Gründer des Ortes, die Vorfahren der ma’Ganoul, waren wohl Piraten irgendwo aus dem Inselmeer gewesen, welche sich, nachdem sie genug Schätze angesammelt hatten, in Aleca verstecken wollten. Sie fanden dort eine kleine Bucht, in welcher lediglich ein Mann namens Funar lebte. Zwar brachten sie ihn recht bald um, doch benannten sie immerhin ihre Stadt nach ihm. Die Schätze hielten sie angeblich irgendwo versteckt. Der Legende nach schlugen sie Funar beide Hände ab, als er sie bestehlen wollte, und hetzten danach einen wilden Hund auf ihn, der ihm die Kehle zerfetzte. Genau an dieser Stelle wurde auch Caefe hellhörig. Als der Wachtmeister danach jedoch vermehrt darauf hinwies, dass nun Funars Geist in der Stadt umgehen würde, verlor Caefe das Interesse und verließ ihn unter dem Vorwand, sein Zimmer im Gasthaus ‘Am Tor’ aufsuchen zu müssen.
Zwei Tage später, es war sein fünfter Abend in Funar, ließ er sich von Chazanis zum Haus des Verbliebenen der drei Wächter führen. Der Wachtmeister selbst antwortete nicht auf die Bitten, dies zu tun, sondern starrte immer nur schweigend ins Feuer seines Kamins oder murmelte etwas von Funars Geist. So betrat Caefe allein das Haus, ließ Chazanis draußen warten, und fand drinnen den Wächter ängstlich in einer Ecke kauernd vor. Viel war so aus ihm nicht heraus zu bekommen, doch faselte er ständig etwas von demselben Geist, von dem schon der Wachtmeister gesprochen hatte, und dass sie gegen ihn und seine Herren gekämpft und verloren hätten. Während der ganzen Zeit huschte sein Blick ständig im Raum umher und besonders oft hoch zum Fenster. Plötzlich sprang er mitten im Verhör unerwartet auf, rannte panisch zur Tür, riss sie auf und verschwand in der Nacht. Zuvor hatte er aber Caefe noch gesagt, er solle den Wachtmeister nach seiner Vergangenheit befragen.
Caefe war anfangs zu überrascht um ihm zu folgen und als er sich gefasst hatte, war es zu spät. Er ging zwar dieselbe Straße entlang, fand ihn jedoch nicht mehr. Stattdessen gelangte er in den Hafen, der dieser Bezeichnung aber kaum angemessen war. Es gab neben einem halben Dutzend Lagerhallen sowie drei weiteren Häusern hier eigentlich nur noch die größte Taverne des Ortes. In der Ferne beleuchtete der Leuchtturm die kleine Bucht. Ihm wurde es an diesem legendenbeladenen Ort etwas zu unheimlich und so suchte er die Wärme der Taverne auf.
Dort drinnen fand er unerwarteterweise den Hafenmeister vor, welcher zu den drei verbliebenen Gildenoberhäuptern zählte und den Caefe trotz großer Suche die Tage zuvor nicht hatte finden können. Nun lud er ihn zu einem Bier ein und redete mit ihm über die Vorfälle. Neue Verdächtigungen konnte ihm der sonnengebräunte und wettergegerbte Hafenmeister zwar nicht liefern, doch erzählte er ihm, dass einige Wochen zuvor bei Wartungsarbeiten am alten Leuchtturm eine verborgene, in den Klippen liegende Höhle entdeckt wurde. Die Arbeiter verweigerten bald ihren Dienst und berichteten von aus der Tiefe kommenden Geräuschen, welche sie der Legende des Geistes zuschrieben. Als Caefe schließlich auf die Vergangenheit des Wachtmeisters zu sprechen kam, erzählte ihm der Hafenmeister erst einmal von seiner eigenen. Seine Geschichte spielte völlig im Hafen von Funar. Damals sah er oft die mittlerweile ermordeten ma’Ganoul, noch als Kinder, wie sie ständig von einem Angestellten ihrer Eltern begleitet wurden. Bei dem Tod der alten ma’Ganoul schied er aus dem Dienst der Familie aus und wurde Wächter. Er hielt aber auch dann noch Verbindungen zu seinen ehemaligen Schützlingen aufrecht, als er vor wenigen Jahren das Amt des Wachtmeisters übernahm, welches er nun immer noch inne hatte. Es war schon fast wieder Morgen als Caefe die Taverne wieder verließ. Zwar hatte er einige Fragen an den Wachtmeister, doch war er zu müde und suchte lieber das Gasthaus auf.
Stunden später stand er in einer Seitengasse des Marktplatzes und betrachtete den Wachtmeister, wie er tot in einer Lache aus Blut lag, ohne Hände und mit zerfetzter Kehle. Bei ihm standen alle drei Gildenoberhäupter und zwei Wächter, deren Beruf mittlerweile in der Stadt schlecht vertreten war. Denn auch der aus seinem Haus panisch Entflohene wurde in demselben Zustand wie sein Vorgesetzter gefunden, außerhalb der Stadt in einem Graben. Das Oberhaupt der Gilde der Händler erzählte Caefe, wie ihn der Wachtmeister Tags zuvor besucht hatte und nach Caefes Aufenthaltsort befragte, weil er ihm irgendetwas zu erzählen hätte. Was es wohl auch gewesen sein mag, würde nun verborgen bleiben. Caefe gingen sowohl die Verdächtigen als auch die Vermutungen aus, als er später in den Unterlagen von Chazanis blätternd etwas Interessantes fand.
Mittlerweile war es kurz vor Sonnenuntergang. Caefe beobachtete die dem Meer entgegen sinkende Sonne. Er saß auf der einen Stufe, die aus dem obersten Stockwerk des Leuchtturmes heraus auf den Balkon führte und dachte nach. Darüber, dass er fast eine ganze Woche vergeudet hatte in diesem Kaff abseits der Hauptstadt. Mit den Fingern befühlte er den rauen Stein in seinen Händen. Der Leuchtturmwächter, welcher unter ihm im zweiten Stockwerk des Gebäudes wohnte, hatte ihn bereitwillig eingelassen. Die Geschichte, dass er kurz vor einer Lösung um die Mordfälle in der Stadt stand und dafür in den Turm müsse, hatte gereicht. Ins Fundament eingelassen und mittlerweile losgelöst fand er dort den Stein, welchen er mit hinauf nahm um ihn besser und in Ruhe betrachten zu können. Ein letztes Mal warf er einen Blick auf diesen seltsamen Stein, den das selbe Wappen zierte welches er schon in Chazanis’ Unterlagen gesehen hatte: das Wappen der Stadt und gleichzeitig Familienwappen der ma’Ganoul. Es stellte ein seltsam schauriges Zeichen dar, das ihren Vorfahren nach Funars Tötung eingefallen sein musste.
Er steckte den Stein ein, als die Sonne für diesen Tag endgültig hinter dem Horizont verschwand und machte sich auf, den Turm zu verlassen. Wenig später stand er am Fuß der Klippen unterhalb des Turmes und leuchtete mit einer Laterne aus dem örtlichen Gemischtwarenladen die Höhle aus, die man damals bei den Wartungsarbeiten gefunden hatte. Er betrat sie und folgte einem langen Tunnel bis zur nächsten Höhle. Diese war zu seinem Erstaunen ausgeleuchtet durch Kerzen auf dem einen Tisch in der Ecke und Fackeln in den Wandhalterungen. Auch ein Stuhl, ein notdürftiges Lager sowie ein ausgetretenes Lagerfeuer, dessen Asche noch frisch war, deuteten darauf hin, dass hier jemand wohnte. Er war sich jetzt sicher, dass er hier den so genannten und offensichtlich sehr lebendigen Geist finden würde und wollte ihn stellen. Dazu setzte er sich auf den Stuhl an den Tisch und wartete.
Aus der Höhle führte noch ein zweiter Tunnel tiefer in den Fels und nach etwa einer halben Stunde näherte sich dort aus der Dunkelheit ein flackerndes Licht. Eine Gestalt betrat die Höhle: ein Mann. Da dieser Caefe nicht sofort bemerkte, machte jener auf sich aufmerksam.
„Ah, guten Tag. Ich nehme an, sie haben nach dem Schatz gesucht?” begrüßte er den Ankömmling höflich.
„Wer…?” kam bloß als Antwort und ein überraschtes Gesicht sah Caefe an, bevor sich Erkennen breit machte.
„Ach ihr seid das. Ich wusste, ich hätte euch bereits erledigen sollen!” sprach der Mann mit rauer Stimme, die Caefe einen Schauer über den Rücken jagte.
Der Mann stellte seine eigene Laterne neben sich und bewegte sich dann seitlich wie eine Krabbe, doch sehr vorsichtig wie eine Raubkatze. Schnell hatte er so den Gang zur Oberfläche blockiert.
„Ich vermute, ihr habt ihn noch nicht gefunden?” fragte Caefe mit gestellter Nachdenklichkeit, „Sonst wärt ihr vermutlich schon längst geflohen und hättet niemanden dafür umbringen müssen. Habe ich Recht?”
Da fiel ihm noch etwas anderes ein und abschätzend fügte er hinzu: „Aber euch macht das Töten vermutlich sogar Spaß.”
Der Mann in seinen dunklen Gewändern, wie geschaffen für das Verstecken in der Dunkelheit, zog seine Augenbrauen verärgert zusammen. Bedrohlich legte er eine Hand auf den Griff seines Schwertes.
„Bevor ich euch nun endlich zum Schweigen bringe, wärt ihr so gütig mir zu erklären, wie ihr mich gefunden habt?”
„Ach, das Finden war gar nicht so schwer”, begann Caefe, „schließlich muss man nur einen beliebigen Hafenarbeiter nach den Arbeiten am Leuchtturm fragen. Interessanter aber war es, herauszufinden, mit wem ich es zu tun habe.”
„Und? Hattet ihr Erfolg?” fragte der Mann und beobachte Caefe aufmerksam, welcher immer noch auf dem Stuhl saß mit einem mal abwesend nachdenklichen, mal den Mann musternden Blick.
„Nun, erst mal der Reihe nach”, lenkte Caefe ab, „dass die Familie ma’Ganoul unter Geldproblemen litt, war nicht schwer zu erfahren. Man muss ja nur einmal sehen, in was für eine Wohnung der Stadt die Geschwister gezwungen waren um zuziehen. Also begannen sie nach dem Schatz zu suchen, welchen ihre Vorfahren hier versteckt haben sollten. Als sie hörten, dass diese Höhle entdeckt worden war, wussten sie sofort, was hier zu finden sein würde. Aber wie verhindern, dass man ihnen den Schatz wegschnappt?”
Caefe pausierte.
„Erzählt ruhig weiter”, sprach da der Mann, während er es sich auf einem Felsvorsprung bequem machte.
„Sie beschlossen schlicht, die alte Legende vom wachenden Geiste Funars wieder aufleben zu lassen. Dazu sicherten sie sich der Unterstützung des Herrn Wachtmeisters, welcher früher sozusagen ihren Ziehvater darstellte und der immer noch familiäre Gefühle für sie hegte, sowie seiner engsten Vertrauten. Zusammen fanden sie ein paar Leute, die sie für ihren Plan nehmen konnten und – töteten sie, wie es einst ihre Vorfahren schon mit dem armen Funar getan hatten. Wobei ich allerdings bis heute nicht ganz verstehe, wofür die Ziege gut war.”
Fragend blickte er den Mann an, welcher aber nur mit den Schultern zuckte.
„Um die Gerüchte noch zu verstärken”, fuhr er fort, „ließen sie den Wachtmeister die Geschichte von einem Massenselbstmord erzählen, da sich dann der Aberglaube mitsamt des Tratsches erst recht durchsetzen würde. Irgendwie aber musste der Bürgermeister wohl von der Wahrheit erfahren haben und sollte dafür sterben. An dieser Stelle wollte der Wachtmeister dann aber doch nichts mehr mit den weiteren Morden zu tun haben und lieber an die Öffentlichkeit gehen. Auch wenn sie ihn liebten wie einen Vater, konnten die ma’Ganoul dies nicht zulassen. Zuerst versuchten sie es mit Zureden, dann kam es zum Streit und sie heuerten euch an. Liege ich da richtig?”
„Bisher stimmt es, mehr oder weniger”, bestätigte der Mann angespannt, „meine Auftraggeber waren aber so dumm darauf zu bestehen dabei zu sein als er sterben sollte.”
„Ja. Ihr seid also nicht allein dem Wachtmeister begegnet. Es kam zum Kampf und er und einer seiner Wächter konnten fliehen. Ihr schafftet es erst letzte Nacht, euch ihrer zu entledigen. Das Oberhaupt der Schmiedegilde wiederum musste warum sterben? – Weil der Wachtmeister ihm alles anvertraut hatte?”
„Richtig, und ich hätte den verdammten Hafenmeister wohl auch lieber ruhig stellen sollen, schätze ich”, warf der Mann ein.
Caefe nickte nachdenklich.
„Ich hätte aber auch so hierher gefunden”, meinte er, „beim Durchsuchen der Unterlagen der Wache sowie in einen Grundstein des Leuchtturmes eingemeißelt fand ich das Waffen der ma’Ganoul: zwei gekreuzte, abgeschlagene Hände. Ihr habt den Opfern ebenfalls die Hände abgeschlagen, um das Gerücht vom Geist zu schüren. Erst da ging mir ein Licht auf.”
Der Mann stand auf. Er wirkte wie jemand, der vor hatte, seiner Arbeit nachzugehen. Langsam zog er sein Schwert.
„Und hiermit habe ich ihnen die Kehlen durchgeschnitten”, erklärte er gefühllos, „die Klinge ist gezackt und so geformt, dass sie einen Hundebiss nachahmt. Sie stammt aus dem Familienerbe der ma’Ganoul.”
Nach diesen Worten sprang er plötzlich auf Caefe zu.
Caefe litt unter dem Problem, viel zu sehr in der Vergangenheit zu leben, so dass er die Zukunft hierbei gerne mal vergaß. Ebenso vernachlässigte er das Planen. Sein Beruf war das Aufdecken von Plänen, nicht das Erstellen. Das führte nun dazu, dass er völlig unbewaffnet da saß und einer kleinen Schwierigkeit ins Auge sehen musste: wie konnte er sein Leben retten? Während der Mann seiner Wahrnehmung nach in Zeitlupe auf ihn zu stürmte, ließ er sich etwas einfallen. Schnell griff er nach seiner Laterne und schmiss sie dem Mann entgegen. Sie zerplatzte an ihm und bespritzte ihn mit brennendem Öl. – Zumindest sah so Caefes Idee aus, die Wirklichkeit war anders. Die Laterne blieb leider ganz, aber traf den Mann immerhin hart in den Magen. Während dieser sich vor Schmerz zusammen krümmte, sprang Caefe auf, schnappte sich seinen Stuhl und ließ ihn über dem Kopf seines Angreifers in hundert Teile zersplittern. In sich zusammensackend ließ der Mann sein Schwert fallen. Caefe hob es vorsichtig auf und schnitt damit das Seil durch, welches die Matratze des behelfsmäßigen Bettes zusammen hielt, dann fesselte er mit diesem Strick den Bewusstlosen.
Schließlich, als alles zu seiner Zufriedenheit erledigt war, ließ er ihn allein zurück. Er war versucht, selbst nach dem Schatz zu suchen, entschied sich aber dagegen und macht sich auf in Richtung Stadt. Um Licht zu haben eignete er sich die Laterne des Mannes an, auch nahm er das Schwert mit. Eine Stunde später kehrte er mit drei Männern aus dem Hafen zurück. Die halbe Stadt war schon in Aufruhr, weil Caefe den Fall gelöst hatte. Die Höhlen fanden sie aber verlassen vor, was Caefe nicht sonderlich überraschte.
Am nächsten Abend saß er, frustriert darüber, dass es dieses Kaff immer noch nicht verlassen konnte, wieder auf seinem Platz auf dem Leuchtturm. Die Bürger der Stadt hatten zwar, nun da sie wussten, dass es kein Geist gewesen war, die Angst vor etwas Unbekanntem verloren, dafür aber begegneten sie allen Fremden in der Stadt mit Argwohn. Auch Caefe hatte darunter zu leiden.
„Wie geht es euch?” fragte eine Stimme in seinem Rücken, „ihr habt mir einen harten Schlag verpasst.”
Caefe war diesmal sofort auf dem Beinen und wirbelte herum. Der Mann kam gerade die Treppe herauf.
„Tut mir Leid, aber ihr kennt mein Gesicht, weshalb ich euch wohl nicht mehr gehen lassen kann”, sprach er und hob das Schwert, mit dem er nun ankam.
So lange wartete Caefe aber nicht, sondern stürmte augenblicklich auf ihn los. Er war froh, dass man ihm das Schwert der ma’Ganoul nicht abgenommen hatte.
Der Kampf dauerte nicht sehr lange. Vielleicht sollte man aber erwähnen, dass Caefe ein eher mittelmäßiger Kämpfer war und am Ende unterlegend auf der Brüstung lag, während ihm sein Gegner die Klinge an die Kehle hielt. Das Geschehen schien denkbar schlecht für ihn zu sein, doch fiel ihm noch eine Möglichkeit zur Rettung ein. Mit viel Geschick riss er sein Knie hoch und rammte es seinem Angreifer in eine empfindliche Gegend. Ächzend rollte dieser zur Seite und Caefe unter ihm hinweg, bevor er sich mit einem Faustschlag auf ihn stürzte und sich nun wieder in der Rolle des Angreifers fand. Sie rangen eine Weile, da gab plötzlich ein Teil der rostigen Brüstung unter ihnen nach und brach weg. Beide stürzten sie.
Caefe sah sich dem näher kommenden Steinboden gegenüber, doch wurde sein Fall von dem Mann abgefedert, unter dessen Last das Geländer gebrochen war. Für diesen sah es schlechter aus. Mit einem unangenehmen Knacken landete er mit dem Arm zuerst auf den Steinen und hing halb über dem Rand des Turmes. Caefe versuchte aufzustehen. Langsam bröckelte ein Teil des Bodens weg, schließlich fiel ein ganzer Stein in die Tiefe. Der Mann, welchem der Sturz das Bewusstsein geraubt hatte, rutschte ein Stück dem Abgrund entgegen. Caefe rappelte sich endlich auf und sprang zurück, sogleich aber wieder vor, um den Mann an den Beinen zu packen und ihn vor einem tiefen Sturz zu bewahren. So wurde er fast mitgerissen, doch ließ er rechtzeitig los.
Den Mörder sah man in Funar nie wieder. Weder tot, noch lebendig. Caefe aber erwarteten einige vom Hafen herbei geeilte Leute, die den Kampf von dort beobachtet hatten. Man behandelte seine Wunden und ließ ihm nun endlich die Anerkennung zukommen, die er verdient hatte. Trotzdem hielt man sich weiter zurück, da man sich des Schicksals des unbekannten Mannes nicht sicher sein konnte, denn er war im Meer verschwunden. Der siegreiche Caefe wollte aber nun nur noch nach Hause, nach Raygadun. Er empfand die vergangene Woche als störend, verbunden mit unsinnigen Gesprächen und sinnlosem Herumlaufen. Die ganze Woche über hatte er sich sehnlichst gewünscht, möglichst im Bett zu verbleiben. Nun immerhin kehrte er heim nach Raygadun. Sollten die Bewohner von Funar nun doch mit ihren angeblichen Geistern und Schätzen machen, was sie wollten; sein Auftrag war beendet.
Sofort als er zurück im ‘Am Tor’ war, ließ er sich eine Kutsche bestellen. Am nächsten Morgen reiste er ab. Der Kutscher, der sich als ebenfalls aus der Hauptstadt stammende Aladir Arenas vorstellte, unterhielt ihn während der ganzen Fahrt mit netten Geschichten. Er selbst verspürte aber keinerlei Lust, über die letzten Tage zu sprechen. Neben sich auf dem Sitz der Kutsche lag eine schwere Kiste. Darin befand sich das Schwert der ma’Ganoul, welches ihm der Gildenrat als Belohnung überlassen hatte, sowie die Laterne, welche er dem Mann abgenommen hatte. Er hatte schließlich nicht vor, einen armen herrenlosen Gegenstand, der immerhin auch Geld wert war, sich selbst zu überlassen. Soweit käme es noch. Aber oft musste er an den Mann denken. Zu gerne hätte er gewusst, wer dieser gewesen war. Vielleicht würde er es ja noch irgendwann herausfinden.
Voraus sah er die Vororte Raygaduns. Endlich daheim! Endlich wieder sein Bett!

