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I: An den Vater
Sommer 3978, Irgendwo in den Sümpfen von Emadé
Werter Vater,
Nuref, mein Onkel, euer Bruder, und Mhadal, sein Sohn, euer Neffe, sind tot. So wirklich begreife ich dies erst jetzt. Und trotzdem verstehe ich noch nicht genau, wie es dazu kam. Nun ist das erste Mal, dass ich mich ausruhen und über alles nachdenken kann. Jetzt erst bemerke ich so wirklich ihren Verlust und was geschehen ist. Ich möchte euch schildern, wie es dazu kam, da ich hier noch nicht sobald kann. Die Gründe erläutere ich euch sogleich noch.
Anfangs verlief unsere Geschäftsreise völlig gewöhnlich. Wir waren nach Machey gereist um die Geschäfte zu tätigen. Im Sommer, vor wenigen Wochen, verließen wir Rees wieder. Wir nahmen den selben Weg zurück gen Ayumäeh und kamen an den Rand dieser Sümpfe.
Kurz nach Peridé, knapp vor Beginn der Sümpfe, begegneten wir den Landwächtern. Wir hatten schon öfter Landwächter als Begleitschutz und als Führer angeheuert, doch immer nur in den Städten. Diesmal, auf dem Rückweg, hatte Nuref darauf verzichtet. Die Gründe waren die üblichen: sein Geldmangel. Auch meinte er, dass uns in Rardisonán schon nichts geschehen würde. Die Landwächter nun, eine Gruppe von vielleicht zwölf Leuten, trafen wir an der großen Kreuzung, an der man sich für den Weg durch die Sümpfe nach Belané oder an ihnen vorbei nach Osten, gen Rardisonan entscheiden musste. Nuref hatte letzteres vor. Doch diese Landwächter! Sie grüßten uns bei unserer Ankunft und Nuref erkundigte sich bei ihnen nach Neuigkeiten. Sie sagten, dass der Weg gen Ost versperrt sei, dass sich dort eine Bande Räuber herumtreibe. Die Landwächter würden gerade auf Verstärkung durch die Einheiten von Peridé warten, um dann gegen sie vorzugehen.
Natürlich erklärte Nuref ihnen etwas von einem wichtigen Auftrage, den er in eurem Namen ausführen müsse und dass wir es eilig hätten, einen Hafen zu erreichen, um von dort nach Ayumäehr heimkehren zu können. Die Landwächter schienen zu überlegen, sich zu beraten. Schließlich erklärten sie uns, dass wir unmöglich gen Osten könnten, aber vielleicht zurück nach Peridé und von dort nach Westen. Aber das lehnte Nuref ab – und genau das hatten sie vermutlich auch erwartet. Nuref sprach, wir müssten dann eben mitten durch die Sümpfe nach Belané; wir würden den Weg schon finden, wir waren ja schon einmal in den Sümpfen gewesen. Die Landwächter schien dies zu entsetzen. Schnell schlugen sie vor, dass die Hälfte von ihnen uns begleiten würde, zumindest durch die gefährlicheren Gebiete. Hier sprach Nuref schließlich, dass wir nicht das nötige Geld hätten, doch sie winkten nur ab und erklärten, unsere Sicherheit sei nun wichtiger.
Und so kam es, dass sechs dieser Landwächter uns durch die Sümpfe gen Belané leiteten. Oder so dachten wir zumindest, denn es kannte sich niemand von uns wirklich in den Sümpfen aus. Nach fünf Schritten hätten wir, die wir uns auf dem Meer stets zurecht finden, uns hier hoffnungslos verirrt. Deshalb fiel auch niemandem auf, dass wir allmählich von dem eigentlichen Pfad abkamen. Zu spät bemerkte Mhadal, dass wir immer weiter gen Osten statt nach Norden gingen. Da kamen sie auch schon von allen Seiten: die falschen Landwächter hatten gut drei Dutzend weiterer Banditen zur Verstärkung und fielen über uns her. Wir hatten kaum Zeit uns zu wehren. Ich schätze, ich war auch einer der Ersten, die es traf.
Es war irgendwann in der Nacht, als ich wieder erwachte. Zunächst wusste ich nicht, wo ich mich befand. Und das war nur gut so, denn es sollte mich noch Grauenvolles erwarten. Vater, könnt ihr euch vorstellen, wie schrecklich es war, als ich mich da blutbefleckt und mit schmerzendem Kopf in einem Loch voll Brackwasser wiederfand und als erstes neben mir die schwimmende Leiche meines Vetters Mhadal erblickte? Ekel, Abscheu, Furcht und gleichzeitig tiefe Trauer und Pein trafen mich. Doch zunächst floh ich einfach nur aus diesem Loch. Danach stieß ich auf die Trümmer unserer Wagen. Einige waren so stark zerstört, dass ich nicht mehr feststellen konnte, welches Teil zu welchem Wagen gehörte. Das galt nicht für unsere Leute, welche überall verstreut lagen, wo auch immer sie gerade erschlagen wurden waren.
Als ich Nuref fand, kniete ich neben ihm nieder und versank in Tränen. Es verging eine ganze Weile, bis ich mich genug gefasst hatte, mir das Unglück genauer anzusehen. Bald fiel mir auf, dass einige Wagen ganz fehlten, bei anderen nur der Inhalt. Man musste sie gestohlen haben. Ebenso vermisste ich viele der Toten, vor allem die meisten unserer Frauen. Ich befürchte, man wird sie verschleppt haben. Doch hoffe ich auch, dass einige flüchten konnten und dann schon längst bei euch wären. Wenn dem so ist, dann haben sie euch vermutlich erzählt, ich sei auch tot, denn so muss es für sie ausgesehen haben. Aber so oder so wisst ihr durch diesen meinen Brief nun ja, dass ich lebe und auch bald zurück kommen werde.
Ich fühlte mich nach diesem unglücklichen Erwachen körperlich und geistig noch nicht sehr wohl, doch nahm ich mir genug Kraft und Zeit, die Toten zu begraben. – Ich weiß, diese Sitte gefällt dir nicht, doch wurde ich immerhin in Omérian erzogen und dort ist dies Brauch. Ich weiß nicht, woher ich all diese Kräfte nahm, doch ich ruhte mich auch nach dieser Tat noch nicht aus. Nuref hatte uns allen mehr als eindringlich geschildert, wie wichtig diese Waren in den Wagen für euch wären und dass sie unter allen Umständen Ayumäeh erreichen müssten. So durchsuchte ich die Trümmer der Wagen und ihre Umgebung – nach den Waren, aber auch nach Nahrung und Verbandszeug für mich. Enttäuscht musste ich aber feststellen, dass sich nichts von alledem finden ließ.
Zu allem Überfluss wurde es nun auch langsam dunkel und ich wusste nicht, wohin. Doch ich musste von diesem Ort fort, schon alleine für den Fall, dass diese falschen Landwächter noch einmal zurückkehren würden. Ich stolperte also eine Weile voran, darauf achtend, die Sonne links von mir zu haben, um nach Norden zu gelangen. So geriet ich allmählich tiefer in den Sumpf. Und als es völlig dunkel wurde, ließ ich mich an einem trockenen Flecken unter einem Baum nieder. Ich muss in dieser Nacht in ein Fieber gefallen sein, zumindest erinnere ich mich nicht mehr an die darauf folgenden Ereignisse.
Als ich endlich wieder erwachte, lag ich bedeckt doch entkleidet auf einer Strohmatratze. Es war eine kleine, selbstgezimmerte Hütte mit größtenteils notdürftiger Einrichtung, soviel konnte ich sehen. Es gab eine kleine Feuerstelle, einen Tisch samt Stuhl, sonst nur Strohlager wie diese Matratze auf der ich lag. Mir selber waren alle Wunden derer ich überraschend zahlreich hatte verbunden worden. Da mir wohl niemand etwas Böses wollen würde, der mich gerettet und verbunden hatte, legte ich mich bald wieder hin und schlief ein.
Ich erwachte das nächste Mal, als mir kaltes Wasser auf die Stirn getupft wurde. Es war hell im Raum; es musste Tag sein. Neben mir kniete eine Gestalt. Bald stellte sich heraus, dass es ein alter Einsiedler war. Der Mann sah aus, wie man sich einen von höheren Lebewesen entfremdetes vorstellt: Wildes Haar samt Bart, behelfsmäßige, doch dem Wildnisleben angepasste Kleidung – nun, die genaue Beschreibung wird für euch nicht so notwendig sein. Die ersten Stunden sprach er nicht viel mit mir. Nachdem ich mich gut genug erholt hatte, ihn endlich mit meinen Fragen zu bedrängen, konnte ich nicht viel erfahren. Er nannte sich schlicht Puidor, also Fischer. Einst war er wohl in die Sümpfe gekommen, sich hierher zurückzuziehen, fern der anderen, um allein mit und in der Natur zu leben.
Es war vor zwei Tagen, dass ich hier aufwachte. Seitdem habe ich mit dem ruhigen alten Puidor so manch gutes Gespräch geführt, doch fiel mir letztlich ein, dass ich euch einen Brief schicken sollte, solange ich noch nicht selber abreisen kann. So schrieb ich euch nun in den letzten Stunden diesen Brief und sollte auch bald zu einem Ende gelangen. Alle Einzelheiten, die für euch noch wichtig sind, könnt ihr mich dann selber fragen. Ich bin noch nicht weit genug genesen um reisen zu können, so Puidor, doch in ein paar Tagen wird es soweit sein. Er selber aber wird den Brief in die nächste Siedlung bringen, versprach er mir. Und sobald ich kräftig genug bin, gehen wir nach Belané, wo ich ein Schiff nehmen und heimkehren werde. Ich vertraue auf Puidor, auch wenn ich selten jemandem vertraue; in dieser kurzen Zeit ist er mir ein guter Freund geworden. Ich hoffe, ihn überzeugen zu können, mit heim zu kehren. Vielleicht werde ich ihn euch dann vorstellen können.
Bis dahin, euer Sohn Falerte

