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XVII: An die Schwester
29. 06. 3979, Atáces
Geliebte Schwester,
nun sind wir endlich in Atáces. Die Reise war mühsam und lang, und das, obwohl wir eine der am besten ausgebauten Straßen des Landes nutzen konnten. Ständig überholten uns Karren, Wagen und Reiter. Einer davon muss deinen Brief mit sich getragen haben, denn er erwartete mich hier bereits. Sorgen musst du dir also nicht machen. Auch wenn mir von der langen Reise immer noch Beine und Füße schmerzen, sonst geht es mir gut. Es freut mich auch zu hören, dass es dir gut geht. Ich bin mir auch sicher, dass du nichts von mir verraten wirst, wenn du meinen Vater besuchst. Die Geschichte von eurem Gärtner dagegen klingt reichlich seltsam. Bist du dir dessen wirklich sicher? Das wäre ja was! Kaum auszudenken! Außerdem danke ich dir für deine Bemühungen, auch wenn du nichts über Puidor erfahren konntest. Vielleicht bringt dir da deine geplante Rückreise über Rardisonán ja wirklich Erkenntnisse; auch wenn ich diesbezüglich schon Garich um eine Überprüfung gebeten hatte, von deiner Reise will ich dir hiermit natürlich nicht abraten.
Lass mich dir noch kurz meine Reiseeindrücke von diesen fremden Landen schildern, bevor ich endgültig in einen langen, erschöpften Schlaf falle. Wir waren also für Tage auf dieser sich ewiglich hinziehenden Straße von Almez nach Atáces unterwegs und bekamen nur auf der Hälfte des Weges einmal eine halbwegs richtige Unterkunft; doch davon schildert dir dann die Abschrift meiner Tagebucheinträge. Sonst hatten wir nur unsere Rucksäcke und Umhänge, doch dies reichte aus, da es hier außergewöhnlich warm ist zu jeder Tages- und Nachtzeit. Nur einmal gerieten wir in einen Regenschauer, wir mussten ihn ertragen und wurden später von Duimé unerbittlich dazu angetrieben, während ihm auch zu schlafen. Zumindest zeigte uns ein einheimischer Führer aber, den wir dabei hatten, dass wir auf hohen Steinflächen trockener schlafen könnten als im Matsch und wie wir die großen Blätter einiger seltsamer Farne als Regenschutz nutzen könnten. Überhaupt die Pflanzen! Selbst der kleinste Strauch erscheint mir größer als unsere Pflanzen. Einige wenige Bäume mit interessanten Früchten sahen wir und Sträucher mit Beeren. Doch ist das Land der Ebene von Atáces noch recht spärlich besiedelt im Vergleich zu den Wäldern des Nordens, so unser Führer. Auf der Ebene zeigten sich meist unterschiedlich lange Gräser, die Bäume liegen in kleineren Ansammlungen beisammen. Richtige Wälder wie bei uns Daheim sah ich bislang kaum. Doch östlich der Strecke Almez-Atáces liegt eine niedrige Gebirgskette, an dessen Fuß die Strecke entlang führt und bemerkenswerterweise sammeln sich dort vor allem die größeren Pflanzen.
Die größten Tiere dagegen findet man in der Ebene. Ich kann gar nicht alle Tierarten beschreiben, da hier vollkommen andere leben als bei uns, sieht man von denen ab, die man hergeschifft hatte. Erinnerst du dich, wie wir als Kinder davon träumen, ein Possel (oder Pojél) zu haben, nachdem wir Geschichten darüber gehört hatten? Ich sah gleich eine ganze Herde! Ich beschreib sie dir noch einmal. Die Bullen sind fast so groß wie zwei Männer, ihre Vorder- sind länger als ihre Hinterbeine, weshalb sie einen Buckel haben. Dieser wird von einem Kranz halblangen Haaren umgeben, sonst ist das Tier nur kurzhaarig. Wir sahen einige Bullen im Wettstreit wohl um ihre Weibchen. Ihre dicken Schädelplatten, die kurzen Hörner und mannslangen Stoßzähne nutzten sie zum Kampf. Andere Tiere sahen sie, wie sie mit ihren Hörnern die Steppe nach Gras umgruben und dieses mit ihren kurzen Rüssel aus dem Boden rupften. Unser Führer bestätigte meine Vermutung der Begattungskämpfe indem er auf den großen Hautlappen am Bauch der Tiere deutete, der bei den Männchen zu dieser Zeit bunt gefärbt war. Auch wenn sie meist friedlich waren, machten wir lieber einen Bogen um zur Paarungszeit gereizte Bullen. Hier in Atáces sah ich gleich die nächsten, nun aber als Lasttiere.
Atáces selbst liegt mitten in der Ebene. Eine große Festung beherrscht ihre Erscheinung, derweil die Stadt selber um sie herum und für Augen wie unsere ungewohnt schutzlos ohne Mauer dasteht. Doch wozu auch eine Mauer in einem Land, wo sämtliche anzutreffende Einheimische friedlich sind? Zwar gibt es immer mal kleinere Aufstände und streunende Räuber, doch diese zu vertreiben reicht die Festung allemal. Besonders, da Atáces Hauptsitz sämtlicher Abteilungen der Armee von Nardújarnán ist. Alle Befehle kommen von hier, alle Berichte kommen hier an. (Derweil übrigens die Flotte ihren Sitz in der kleinen Stadt Elpenó in Galjúin hat und die Herrschaft Nardújarnáns in ihrer Hauptstadt Ejúduira im Osten sitzt.) Ich sah lediglich viele Zäune in den Vororten von Atáces, um Tiere fern zu halten. Doch diese meiden die Toljiken schon von selbst, nicht zuletzt auch deshalb, weil gerne Jagd auf sie gemacht wird. Atáces ist eine hübsche Stadt, doch wirkt sie auf mich zu jung, zu geplant, zu – sauber. Das bin ich nicht aus unseren alten Städten gewöhnt. Die Bürger der Stadt sind Abkömmlinge der Siedler und Abenteuerer, die einst in dieses Land kamen und wirken ebenso fremd wie die Stadt selber. Nicht nur die Kleidung ist hier anders.
Noch hat man uns nicht gesagt, ob wir jetzt endgültig hierbleiben werden. Interessant wäre es sicherlich schon, dürften sich hier doch viele nette Ausflüge ergeben. Aber nun fallen mir fast die Augen zu. Ich habe mit Miruil, Couccinne, Scaric und noch zwei anderen zusammen ein Zimmer in der Festung mit drei Stockbetten. Endlich wieder ein Bett! Sogar einen kleinen See gibt es im Bereich der Festung in welchem es uns erlaubt ist sich zu waschen, auch gibt es eine Waschküche für unsere Kleidung. Unermessliche Annehmlichkeiten nach diesen letzten anstrengenden Tagen!
Dein Falerte

